Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 95 (24.4.1919)
- Date
- 1919-04-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-kr. SS Wien. Donnerstag Wiener Morgerrzeirurrst 24. April 1919 Seite S' Wilson zögert mit der Abreise. v Rotterdam, 23. April. (Tel. der „Sr. Morgenztg.*) Wie - die .Associated Preß" aus New-Aork meldet, hat Wilson angeordnck daß der Dampfer .George Washington" nicht in Brest verbleib«», vielmehr mit Truppen na^ch Amerika zurückkehren s»ll. Der Dampfer „Anzona* ver« bleibt in Brest, um nötigenfalls sofort zur Reise nach den Bereinigten Staaten zur Brrfümmg zu stehen. Augenblicklich scheint der 2V. Mai für die Rückkehr Wilsons nach Amerika z u früh, man glaubt vielmehr, daß der Präsident den amerikanischen Kongreß im Laufe der nächsten Tage telegraphisch embrrufen md stch am 2». Mai »der 1. Jlwi einschissen werde. Die Zapanisch-chlnsflschen DlffevenZerr. * Rotterdam, 23. April. (Tel. der .Wr. Morgenztg.") .HavaK" meldet aus Paris, daß W i l s o n. Clemenceau und Lloyd G r o r g e am DrenSiag eine Sitzungabh'tt»en. in welcher Ke über die S ch ü n t u n gf r a g e berieten. Dann wurde die japamsche Frage, insbesondere die Streitigkeiten zwischen Japan u « d China besprochen. Die Vertreter Japans verlangen, daß diese Streitigkeiten noch vor Ankunft der deutschen Delegierten gcschl'chtet sein müssen. Ueder das Adriaprobiem rst man «och zu kernen» endgültigen Ergebnis gekommen. Die Grenze zwischen Dentschösterrerch mrd Italien. Park», 23. April. (Tel.-Komp.) Der .Temps" meldet: Die neue Grenze zwischen Deutschch1erre>ch imli Italien wurde endgültig geregelt. Sie wild nördlich deSBrenner- Passes verlaufen. Schleifung der Pariser Festungswerke. . Genf, 33. April. (Tel. der .Wr. Morgenztg".) Die Panier BMigungsanlagen sollen nach einer Meldung deS ,Er«lstsr* verschwinden. Es ist geplant, an ihrer Stelle ausgedehnte Promenadeanlagen zu schassen sowre eine riesige Parkanlage, die ganz Paris unigeben würde. Die Haltung Bulgariens. Haag, 23. Aml. (Tck dtt ,Wr. Morgrnztg.*) Wie dem „Matin^ auS S a l o n i l r berichtet wird, teuft die b u iö ö i i f di i Regierung Vorbereitungen, um die bolschewikischen Unruhen der Nachbarländer zu ihrem eigenen Bsrtttl auszunützen und Gebiets zu besetzen, welche die Entente keinesfalls Bulgarien zu geben beabsichtigt. Kardinal Amette über Palästina. Berlin, 23. 2lpril. (Korr.-Vur.) Die „Deutsche Mg. Ztg.* erfähtt aus Paris, daß unmittelbar nach der Rückkehr aus Rom der Kardinal-Erzbischof Amette dem Ministerpräsidenten Clemenceau einen Besuch abstattete, um über das Ergebnis seiner Romreise zu berichten. Er unterrichtete Clemenceau darüber, daß der Heilige Stuhl auf seinem Anspruch verharre, wenn durch die Friedenskonferenz heilige Orte dem zionistischen Palästina ausgeliefert-würden, und gab ferner von dem Wunsche Roms Kenntnis, daß das Heiligtum von Byzanz, die Hagia Sofia, der griechischunierten Kirche zrrrückgegeben werde. . (Die Richtigkeit der obigen Meldung läßt sich kaum nachprüft«. Derlei Meldungen werden von gewissen Stellen immer wieder z« durchsichtigen Zwecken lanciert. Die Zionisten haben niemals verlangt, daß die den Christen, und Mohammedanem heilten Statten ihnen ,ausgel»efert" werden uttb hat rhr Standpunkt die Billrgung deS Vatikans gefunden, wie auS der seinerzritkgeü Aeußerung des Papstes hervorgeht. Die Heimstätte des jüdischen Volkes tangiert in keiner Weise irgendwelche religiöse Interessen, was der politischen Welt geniigsam bekannt ist. —Anm. der Red.) , Bereinigte Staate» von Mitteleuropa. Prag, 23. April. LimdesverteidigungSminister K l o f a e üal am Montag in einer Versammlung w Karolinental eine Rede gehalten, «t der er von der Möglichkeit einer Gründung von Bereinigten Staaten von Mitteleuropa sprach. Zuerst müßten sich d i e Tschechen mit de« Polen vereinen, denen sich dann dieJugoslawen und Rumäne»» anschließen werden. Dieser Bund »vürde mit einer selbständigen RepublikDeutschLsterv e t ch sreundnachbarliche Beziehungen «rtterhalken. Deurscllland könnte einem solchen Bund gegenüber nie wieder einen Krieg cntkachen. Verbesserung im Postverkehr Wie»—Prag. Prag, April. (Tel.-Komp.) Wie das »Prager Tagblatt* von gut .. ^errichteter Seite erfährt, wird d»e stark erschwerte P o st v e r b» n d « n g z »vischen dem tschecho-slowakrschen Reich und Deutschv st -t1 x e i ch bald gebessert werden. Dre durch gegenseitige Retorsionsmaßnahmen hervorgerusenen nnhaltbpren Zustände im Post-, Brief- und Geldverkchr sollen demnächst einer gründliche» Wandlung zum Besseren unterzogen werden. Werrn alles glatt geht, dürfte in der nächsten Woche schon «me wesentliche Erleichterung im PostverkehrWien — Prag zu erzielen fern. Die Vorgänge in Budapest. Keirr tschechischer Vsrmarsch. — Aufmarsch der bewaffneten Arbeiter. Budapest, 23. April. (Tel. d. „Wiener Morgenztg.) $''* Korrespondent ist in der Lage, die von Mitgliedern der rmqarischen Kolonie in Wien auS gestreuten Gerächte über die V e v hä litt i f se in A n a a t tt iw allgemeinen und ln Budapest im besonderen zir d e m e n t i e r e n. Schon auf der Neise nach Angarn kann, man feftstellen, daß von dem oft besprochenen Vormarsch der Tschechen vorläufig keins 9?ede ist, da auch in Komorn nach wie vor die ungarische Näteregierung amtiert. Das Skraffenbttd in Budapest macht einen durchaus beruhigenden Eindruck, wenngleich die fast vbllige Geschästssverre die Stimmung eines beinahe arbeitsfreien Tages erweckt. Die heute mittags ftattgefundene D efilLerungderArbeiterbatailloue vv" Präsidenten und dem Oberbefehlsh: der Sowietarmee bot ein impo» santss Bild, ttngefähr 50.000 Arbeiter marschierten in Viererreihen in Begleitung mehrerer Musikkapellen, mit Karabinern bewaffnet, durch die Hauptstraßen. Cs machte einen überaus originellen Eindruck, daß die Leute größtenteils in ihrer Arbeitskleidung Inland. Keine Ehrenbeleidigungskkagen in Angarn. n Budapest, 23. Avril. (Tel. der «Wr. Motgenzta.") Das VvlkSkommrssariat für Justiz hat sämtliche Bagatellprozess e eingestellt, insbesondere EhrenbeleidigungSttitb VerlcumdungSklagen wcrdm inhibiert. D>e Kläger wurden von einem Mttgjrede der L»qu»dierungLkomrn»ssion vorgeladen und eS wurde ihnen nnigereilt, daß itt einer Zeit wie der heutigen die Gerichte nicht mtt solchen Kleinigkeiten in Anspruch genommen werden diksen. Oeffnung der Depots ln Budapest. Budapest, 23. April. (Tel. der .Wr. Morgenztg?) DaS Bv lks k o m m i s f a x i a t fvrFinanzen hat heute M Durckiführungsverordnung über dir O e f f n u n g der 8 «sperrten Depots erlassen. Darnach sind die Depots von ausländischen Staatsbürgern vorläufig nicht zu öffnen. MS Ausland gelten außer dem brshmaen «dch Kroatien- S vtUme, die ehemals ittt ReichSrate vertretenen Mnrgreichr und Lander sowie Bosnien und d»e Herzegowina, j und vom Ruß der Werkstätts geschwärzte» Gesichtern zu der Kundgebung geeilt waren. D're Defilierung vollzog sich in aller Ruhe und erregte allenthalben großes Aufsehen. Vor dem Parlament wurden Ansprachen gehalten und nach mehr als zwei Stunden war die Defilieruna der Arbeiter, die auch von einem Aufmarsch der organisierten Beamtengrüdpe« beiderlei Geschlechtes begleitet war, zu Ende. ' _ : S> Wekerle gestorben? Rach einer uns spät nachts ans Buda-» yest zugehmden Meldung soll der gewesene Ministerprästdenr Tllexander v. W e k e r l e, der feit zwei Wochen im Sammelgefängnis interniert war, gestorben sein. Die Nachricht von seinem Tode war schon einmal ausgetreten, hatte sich jedoch damals nicht bewahrheitet. Wr Kerle war feit seiner Verhaftung schwer leidend. Gleichzeitig mit iStnt find bekanntlich auch Szurmay und Szterenyi interniert worden. Eine BestätigAng der Todesnachricht konnte nicht erlangt werden. Aus dem Parlament. Antevftaatsfelrretär Mlklas bleibt. — Die Enteignung der Schlösser cknd ParLste. — Gegen die Sommerzeit. Die Schulreform. Unbekümmert um die Besetzung des Parlarnents durch die Vol'kswehr — gestern mittags betrug die Bi'satzuug zrvei Kompagnien Infanterie und zehn Maschinengervehre — versammelte sich gestern vormittags der Hauptausschust zu einer Sitzung, um die Vorbereitungen für die heutige Pirnarsitzung der Nationalversammlung zu treffen. Zunächst beschloß der Ausschuß, den Rücktritt des Unterftaatssekretärs für Kultus, Mikla^, der bekanntlich »vegen des Erlasses gegen den Zwang zu religiöseu Uebungen in den Schulen .erfolgte, nicht zur Kenntnis zu nehmen. UnterstaatssekreLär MillaS bleibt weiter im Amts. Fermer legte Stautstanzler Dr. Nenner die Vorlagen vor, die heute der Nationalversammlung unt-rrbreitet werden sollen. Wie verlautet, befinden sich, unter den Vorlagen die fünf Sozialisierungsgesetze, rveiters das Gesetz über die Enteignung der Schlösser und Luxuswohnungen zmn Zwecke der Errichtung von Bo l ks pflege st ätten. Gegen diese letzteren Gesetze macht sich besonders in Kreisen der Christlichsozialen eine sehr lebhafte Bewegung gellend, die wahrscheinlich zu eiaec Aöndörung des Gesetzes in der Frage der Entschädigung führen dürfte. Der Hauptausschuß hat sich einstimmig gegen die Einführung der Sommerzeit ausgesprochen. Gegen die Regierung wurde der Borwurf erhoben, daß sie die Verordnung herausgegeben habe, ohne sich mit der Nationalversannnlung ins Einvernehmen zu setzen. Es dürste daher zu einer Zurückziehung der bereits erlassenen Verordnung kommen. Der Aitsschuß für Erziehung und Unterricht hat sich gestern mit der Frage der Errichtung von landwirtschaftlichen und Haushaltungsschulen besaßt u»cd einen Antrag des Dr. Schmidt ans Gründung und Ausgestaltung solcher Schulen angenommen. Sodann wurde die Verstaatlichung des Schulwesens beraten. Unterstaatssekretär Glöckel gab eine Uebersicht über die Absichten der Regierung. Er sprach sich für ein klares Rahmengesetz aus. das die Bildung der Jugend efnheitlich regelt. Glö "el tritt' für eine großzügig« lückenlose Schulreform ein, die durch die Mitarbeit der Eltern, durch Clter»»räle, Erzieh»t»lgsbeiräte und provisorische Lehrerkamtnern dui'chgcsührt werden möge. Als Grundlage für diese Reform müsse die EinheitS- und Arbeitsschule gatten. Was die Hoch schulstra ge anlangt, werde bereits in den nächsten Tagen ein Hochschulausschuß auf .Grund deS allgemeinen Wahlrechtes gervählt'w.rden, der brrusen sein soll, die Hochschulfragen zu erledigen. Was das Frauen st udium anlangt, so sei den Frauen das Studium der Technik und der Bodenkultur bereits zugänglich gemacht worden, umnittelbar bevorstehe die Zulassung der Frauen zum Studium der Rechte. Das P^o ^rarnm Glvckels fand im Ausschuss« dollkvmn.ene > «ßi.mmug, der die D.uck egung Tantra..«. Ueber Aut.ag des Abg. Leu,th»ter wurde die Regierung ausges-rdert, ehebaldigst die Dormagen über dis Schuü'eforrn auSzu-arbelten. NieLerösterreichische Landesversammlung. Sitzung am 23. April. Die FMschaufbringnng in Rirdcrösterrelch. In der gestrigen Sitzung gelangte ein sehr aktuelles Antrag über die Fletschaufbringung in Niederösterreich nach einem rnehr als einstündigen Referate des Abgeordneten Reumann zur Annahme. Der Antrag verlangt: Die gleichmäßige Heranziehung der beutschösterreichischen Viehproduktionsorte zur Deckung des! Fleischbedarfes im Staate. Aufhebung aller Absperrm aßnah »neu, uvgehmderter Viel)- und Fleischvetk e h r' i n D e u t s ch ö st e r re i ch. Bis zur vollen Handelst freiheit hat sich der Vieh- und Fleischlmndel in den bestehend^ Organisationen der Produzenten uno Konsumenten zu voll«- ziehen. » Zur Hebung teS BiehstandeS in Niederösterreich ist diL Anforderung von Schlachtvieh in dem bisheriger^ Ausmaß so zu r e st r i n g ie r e n, daß mit Sicherheit er» wartet werden kanri, daß der Viehstand auf die Höhe, die; er vor dem Kriege erreicht hatte, gebracht wird. Damit die Quote für die Anlieferung von Vieh rs-> stringiert werden kann, ist zur Deckung des Fleischbedarfes! durch viele Jahre hindurch die Einfuhr von Fleisch aus den ausländischen Staatsgebieten, ganz besonders. auS Uebersee. ein unabweisbare Notwendigkeit, weshalb darauf bezügliche Verhandlungen mit den in Betracht kommenden Staaten von dem beutschösterreichischen Staatsrat ohne Verzug einzuleiten .sind. Alle die Einfuhr von Fleisch hindern de n Be st immungen zollpolitischer oder veterinärer Art sind für die Zetten der Not außei? Kraft zu setzen. Den Landwirten Niederösterreichs ist die Einstellung und Aufzucht von Schlachtvieh dadurch möglich zu machen, daß die Preislage von Ettistell-, Nutz- und Zuchtvieh in ein entsprechendes Verhältnis zu dem Preis für ausgenrästeteS Vieh oder abgemolken« Mhe gebracht wird. Die Preise für Schlachtpfeirde, Pferdefleisch, Pferdewürste sind einer Revision zu unterizehen unÄ in ein entsprechendes Verhältnis zu dem Kreis von Schlachtrindern und Rindfleisch zu bringen. j Die von den einzelnen Ländern und BezirkShauptmamvschäften verfügten Absperrmaßnahmen sind aufz»theben, damit dem Einkauf von Zucht- und Nutzvieh durch die bestehenden Einkaufsorganisatione» keine Schwierigkeiten berettet werden. Enteignung der Jagdgründe. Zur Hebung der MilchproduMon in Niederösterreich find energische Maßnahmen zu treffen, damit ehemalige Viehweiden, die zu Jagdzwecken in den Besitz kapitalistischer Jagd Herren gelangten, enteignet und deb Gemeinden oder landwirtschaftlichen Genossenschaften übevgeben und solcherart dem' ursprüngliche» Zweck zugefühch werden. Die von der Landesregierung eingesetzte Landwirtschaftskommission hat ein« eigene Sektion zu bilden, welche an dev Aufbringung von Vieh mitzuwirken hat, die Diehproduktion durch Erstattung geeigneter Vorschläge zu fördern trachtet und berufen ist, zur Hebung der Milchproduktion die Unterstützung der Bestrebungen der Landwirte zur Erreichung dieses Zieles an geeigneter Stelle anznregen. Der Referent Abgeordneter Reumann wies an der Hand eines reichen statistischen Materials auf die stetig tvachsende Berringenlng unseres Biebstandes hin, welche die flefcä! wachsende Knappheit unserer Fleischversorgung zur Folge hatte. Er beleuchtete auf Grund weiteren statistischen Materials die Ursachen dieser Erscheinungen und empfahl schließlich die Annahme des gestellten Antrages, waS auch nach einer kurzen Debatte geschah. Die christlichsozialen Abgeordneten W o l n y und Genossen brachten eine Hetzausrage gegen die galizischen Einwanderer ein, die angeblich in verschiedenen niederösterreichischen Gemeinden die Zuständigkeit erkaufen wollen. Es solle allen Gemeinden die Aufnahme von Fremden untersagt werden. Eine zweite Hetzanfrage wendet sich gegen die Tschechisterung von Unter-Theme nau und wirft dem früheren Landmarschall Prinzen LiiWepst^». vor, die Tschecyiflerung begünstigt zu haben. , '! Die Einführung der. Sommerzeit tn Krage gestellt. ' Der Hauptausschuß der Nationalversammlung hat sich gestem einstimmig gegen d; t Einführung der Sommerzeit aus sprachen. Die diesbezügliche Verordnung dürfte demnächst zurückgezogen werden. *