Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 94 (23.4.1919)
- Date
- 1919-04-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien. Mittwoch Wiener Morgenzeitung 23. April 1819 Die Juden und der Kommunismus. Bon Heinrich Färber. Wüßten wir noch nicht, daß wir Juden sind, es 2iu und bleiben müssen, ob wir es wollen oder nicht; »aß wir Nationaljuden sind, bewußt oder unbewußt; »aß „Nationaljudö" der allgemeinste, weiteste Begriff »vm Juden ist, daher es keinen Juden gibt, der nicht!?ationaljude ist; wußten wir, sage ich. das nicht, die ßreßkampagne der Wiener Zeitungen würde nns dieses Vewußtsein beigebracht haben. Die Juden sollen Landauer, Levin, Lewit und ööwy, Cohn und Kohn, Haafe und Hirsch, Kuhn und;-riedlättder, EiSnor und Trotzki von sich abschütteln. bieS der wohlgemeinte Ratschlag der Wiener „Presse «erschiedener Gesinnung. Würden die dlbgeschüttelten um« den Bolschewismus abschütteln? — Was denn behveckt dieser Ratschlag? Doch nichtanderes, als zu »eweifen, daß die ganze jüdische Nation aus einem vvhlgezählten Dutzend Juden oder gewesener Juden »estehe. die samt und sonders Bolschewiken sind. Daraus -rgibt sich die logische Konsequenz wie eine Zeitung chveibt daß der naturwidrige Kommunismus in stogrorns endigen wird .wenn die getäuschten Massen chre Betrüger erkennen. Es kommt — wie man sieht -~ ncht auf die Erkennung des Betruges, sondern auf vte der Betrüger an. Sind sie Juden, dann ist dir irdische Nation für fie verantwortlich; sind sie Nichttztden. dann sirrd sie für sich selbst verantwortlich. Dieselbe Zeitung wird nicht müde, Tag für Tag in behaupten, daß die Juden die Träger des Kapitalismus feien; folglich find die Juden auch daran schuld« »aß die Freunde jener Zeitung den kapitalistischen Krieg furch gehalten haben. Es nutzte den Juden gar nichts, wenn sie das Dutzend Bolschewiken von sich abschüttetten; denn Juden »ind Juden und als solche sind sie Kapitalisten und Bolschewiken. Kapitalisten und Antikapitalisten, Komponisten und Antikommuniste» zugleich, sie sind und stnd nicht; aber Pogromvbjekte sind sie jedenfalls. Sie Hollen umgebracht werden ^und auch nicht umgebracht verden; denn gäbe es tew Inden, so würden dis geduschten Massen Hre Betrüger erkennen. Warum müssen wir die Kommunisten von uns abschütteln? Sie sind ebenso Juden, wie die Pogromisten tlrfer sind. Erster« hetzen gegen das Eigentum, letztere gegen das Leben. Warum müssen die Arier nicht die ssogromisten ab schütteln? Sie wersen auch die Frage auf, wie es kommt, baß überall Inden an der Spitze der Bewegung stehen. Der eine meint, es seien keine Idealisten, die ihre Theorien in Praxis mnzusetzsn suchen, sondern Materialisten, die infolge der gegenwärtig geringen Zrwerbsmöglichkeiten sich der kommunistischen Bewegung 'bemächtigen, um da mühelos zu ernten, waS Tüchtigere bisher geschaffen haben. Nach dieser Meinung sind diejenigen Juden, dis keine geringen Errverbsmöglichkeiten hatten, von dem Verdachte, kommunistische Ideen zu hegen, befreit, daher sich die angekündigten Pogrome nur gegen die armen Juden richten sollen. “**' Dem anderen paßt diese Unterscheidung zwischen Juden, die geringe and solchen, die reiche Erwerbsinöglichkeitsn hatten, nicht, deshalb hat er eine andere Meinung, die nämlich, daß der Kommunismus in der Kasse stecke, Beweis dessen der Pater des Kommunismus, Karl Marx, Jude war. Das Nichtige werden diejenigen treffen, dis keine zweckmäßigen Meinungen habe«. Diese werden begreifen, daß erst der Mangel den Wert ves Besitzes zum Brwußtfein bringt, der Arme den Wert des Reichtums, der Geknechtete den der Freiheit zu schätzen weiß. Die Geschichte der Zstrden ist eine Kette von Beraubung. Entrechtung und Knechtung: Das ist der Grund, warum sie überall für Freiheit und Menschenrechte kämpfen. Daß nun die Begeisterung und der Wagemut für einen solchen Kampf etwas spezifisch Jüdisches ist, daß Juden diesen Kampf wagen zu einer Zeit, wo er einträglich ist, und zu einer, wo er den eigenen Kopf kosten kann, soll nicht geleugnet, kann nicht geleugnet rverhen; denn nicht nur Marx war Jude, sondern auch Jesus und Moses waren es. Daß dieser Kampf, wenn er in das Gegenteil umschlägt, in einen Kampf für Unrecht und Knechtung, nicht spezifisch Jüdisches tfy insißt« aus denselben logischen Gründen etwas Selbstverständliches sein. Wer das Gegenteil behauptet, will dadurch nur die eigen« Schuld, diesen Kampf herausgefordert zu haben, verhüllen. Der Krieg war ein kapitalistischer Krieg; her Frieden, den man machen will, ist ein kapitalistischer Frieden, ein Angriff auf Recht Und Freiheit;' her Bolschewismus ist die Reaktton. Sie. die den Bolschewismus den Juden ankreide« wollen, hegen und pflegen ihn, spielen mit ihm, NM ihre Vergewaltiger ab z u sch recken; sie wollen ihn dann benützen, um ihre eigene kapitalistische Gewaltherrschaft oufzmichtenr sie hängen ihn der jüdischen Nativ« an,' inu sich der Kvttlnrrenz zu entledigen. Das ist spezifisch kapitalistisch. Aber alle Vergewaltiger. Entrechtet; und Bedrücker irren sich. Druck erzeugt Gegendruck, Kapitalismus erzeugt Bolschewismus und dieser wieder Kapitalismus; .'irres lebt von der Schlechtigkeit de? anderen. Der wahre Frieden aber setzt Menschenliebe statt Haß, Menschen' rechte statt Unrecht, Freiheit statt Knechtung voraus. Er- Hüib, ei muß lommcu; frülM aber mutz jede Art von Ausbeutung ausgerottet werden. Darum heißt Nr. 94 Ein deutsch-russisches Bündnis? Zürich, 22. April. (Tel.-Komp.) Die Schweizer Blätter veröffentlichen Telegramme a«S Paris, denen zufolge tatsächlich bei den Alliierten Besorgnisse bestehen, daß Deutschland de» Vm Frledensvertrag nicht unterzeichnen kSnute. Bezeichnend sei diesbezüglich eine Meldung des „Dailh Telegraph", der wissen will, daß Deutschland in der letzten Woche mitNnßland einenNückverfr'cherungsvertragfür diesen Fall abgefchloffen habe. Diesem Vertrag zufvkge wäre Deutschland bereit, nach dem Sowietrußland Waffen und Instruktiv nsoffiziere zu senden, während Rußland militSrische Hilfe gewahren will und bereit wäre, Lebensmittel an Deutschland abzugebe».! eS: Kampf gegen jede Art von Ausbeutung! Und in diesem Kampf wird man jederzeit Juden finden. Einen gangbaren Weg habe ich in meiner Broschüre „Der neue Kapitalismus und die wirtschaftlich« Zukunft" gezeigt. __ Jüdische Politik. Von Dr. Jakob Ehrlich. Eine jüdische Polttix war erst möglich, nachdem der national« Gedanke von immer breiteren Schichten des Judentums Besitz ergriffzn hatte. Es hat wohl auch im ehemaligen Oesterreich ln allen Bertretungskörpern Juden gegeben, sie waren aber nicht jüdische Vertreter. Sie waren Mitglieder der verschiedensten nationalen Klubs, und da die Abgeordneten der zahlreichen österreichischen Nationen miteinander in ewigem Kampfe lagen, ranften die jüdischen Abgeordneten wacker untereinander mit. zum Schaden der jüdischen Gesamtheit' Diese jüdischen Abgeordneten waren picht dem Judentum für ihre Politik verantwortlich, sondern dem Forum der deutschen, tschechischen, polnischen oder anders nationalen Oeffentlichkeit. woran der Umstand nichts änderte, daß ihre Wähler größtenteils Juden waren. Und nicht derjenige erhielt somit ein Mandat, der der best« Jude war, sondern derjenige, der einem fremden nationalen, also einem nichtjüdischen Interesse zu dienen am besten geeignet war. Und daß sich betspielrrveile das deutsche, oder polnische Interesse mit dem jüdischen gewöhnlich nicht deckte, bedarf wohl keines weiteren Beweises. Kein Wunder also, daß das politische Getriebe der Mischen Oeffentlichkeit, soweit sie sich Überhaupt mit politischen Fragen befaßt«, von einem trostlosen Tiefstand war. Ein eigenes Programm benötigte man ja nicht, denn man dien:« doch fremden Forderungen, und so ergab sich eigentlich blotz ein« Möglichkeit zu politischer Betätigung: man wartet«, bis irgendein antisemitischer Rüppel in einem Vertretungskörper das Judentum beschimpfte. Dann kam man in einem guten jüdischen Gasthaus zusammen, atz gut und beschloß eine Protestkundgebung. Je blutrünstiger die Rede deS Antisemiten gewesen war. um so besser. Um so lebhafter war der Protest, um so animierter und gelungener dir Veranstaltung. Und wenn man mit Recht unseren Christlichsozialen vorhält, baß sie ihre politische Existenz ausschließlich dem Vorhandensein der Juden verdanken, muß man auch zugeben, daß alle Judenretter des geschilderten Schlages politisch brotlos werde«, wenn kein geeigneter Anlaß zu wirkungslosen Protesten vorhanden ist. Man beschränkte sich also auf bloße Abwehr, der Gedanke der Vereinigung des Judentums zu positiver. fruchtbringender Arbeit konnte naturgemäß nicht aufkommep, die Organisation des Judentums zur Verfolgung einheitlicher politischer Zwecke war natürlich ganz unmöglich. « Erst der nationaljüdische Gedanke schuf die Grunk>- kage und die Postulat« einer jüdischen Politik. Indem er das Judenvolk der ganzen Welt durch seine werbende, unwiderstehliche Kraft zu einer geschlossenen Einheit zusammenschweißte, schuf er das Hochziel der jüdische» Politik: die Schaffung einer nationale» Heimstätte in Palästina. DaS Streben nach diesem hohen Ziel hat die junge nationale Bewegung mit glühender Begeisterung erfüllt und hat auch der nicht-ü i'chen Oefftn lichkeit Rcsepekt und Sympathien abgerungen. Wir können ohne jede Ueberhebung feststellen, daß her nationale Gedanke dem Judentum das Wohlwollen und die Freundschaft der Führer der Menschheit gesichert hat. Me ängstlichen Bedenken hat die Macht der Tatsachen in dem Weltkrieg zum Schweigen gebracht. Der nationale Gedanke hat seinen Giegeözug durch alle Länder angetveten, in denen Juden wohnen, und nichts wird ihn mehr aufhalten. Die großen Masse« deS Ostens haben sich sofort nach Beseitigung des zaristischen Druckes national organisiert. Die jüdischeRation hat sich im Osten überall konstituiert. Selbst in Polen, wo die gegenwärtigen Machthaber d«n jüdischnatiockalen Gedanken mit blutiger Unterdrückung niederzulmlten versuchen, ist die jüdische Assimilation schmählich zusammengebrochen, und in den polnische» Landtag wurden ausschließlich nationale Juden gewählt. In Böhmen, Mähren und Schlesien ist sofort nach dem Umsturz die jüdische Nationalversammlung zusammena^treten, beschickt von den Juden aller Länder der Tschecho-Slowaket. In fremdnationale» Diensten ergraut« Männer fanden den Rückweg zu ihrem Volk, und das Judentum'dieser Lä-.-rr ist geeinigt unter der Leitung des Jüdischen Nationalrates in Prag. Auch in D^'Utschöstevveich hat der Jüdische Nattonalrat im Oktober vorigen Jahres di« Leitung der jüdischen Politik übernommen, und die Wahlen in die Nationalversammlung haben den Geist der Assimilation aus seinem letzten Schlupfwinkel in der Leopoldstadt verjagt. j Dem jüdisch nationalen Gedanken ist jeder Chauvinismus fremd. Dies mußte auch die Sozialdemokratie! der ganzen Welt zugestehen, indem sie auf der letzten Kopenhagener Konferenz die Anerkennung der nationalen Minderheitsrechte der Juden (mit allen gegen die einzige Stimme des österreichischen, von Judentum ahstammendev Vertreters) beschlossen hat. Aber auch die Juden innerhalb der deutschösterreichischen Sozialdemokratie werden auf die Dauer in ihrer Partei die richtige Beurteilung des jüdischnationalen Gedankens nicht aufzuhalten vermögen. Definiert hoch schon das Erfurter Programm als Endziel der Partei di«! Beseitigung jeder Unterdrückung, gleichgültig, ob' sie sich gegen eine Klasse, eine Partei, «ine Rasse; oder ein Geschlecht richtet. ES wird sich also nicht! leugnen lassen, daß der jüdischnationale Gedanke durchaus in der Linie der Dttrvicklung der Menschheit zud Freiheit gelegen ist. Die Lage de- Judentumerfordert mehr denn je den Zusammenschluß aller Juden, welche di« Erhaltung des Judentumwünschen. Die bevorstehenden Wahlen bieten die Gelegenheit zu diesem Zusammenschluß; sie müssen dem nationalen Gedanken neue Erfolge bringen. Denn die Juden haben bereitein gesehen. daß sie ihre Interessen nur solchen Juden anvertrauen können.Kd1e ausschließlich dem jüdischen Volk zu dienen entschlossen sind. Der politische Gesundungsprozeß wird fortschreiten. Die Frage, vor welche die jüdische Wählerschaft gestellt ist, lautet: Anschluß im jüdisch nationalen Gedanken an diejüdische Gesamtheit und im Verein mit der Gesamtheit kraftvoll«, Wahrung der jüdische» Rechte oder träges Fortbrharren im Suntpfe einer zum Tode verurteilten, programmlosen, streberischen Bezirks- und VereiuSpolittk 1 Wiederaufbau oder Zerstörung? Von Dr. Vtmt» PoLak-Panna», Wehe dem Besiegten! Die Franzosen haben ihren Triumph durchgesetzt; Verzweiflung befällt die Unterlegenen. Für Jahrzehnte sollen wir die SchuLknechte der Entente werden, ein Arbeiten und Schuften soll beginnen, wie es die Welt noch nicht sah, um unser Leben kärglich fristen zu können und dem übermütigen Sieger die Pfänder auszulösen, die er uns genommen hat. Die gepeinigten Nationen richten ihr Augenmerk nach dem Osten, nach Rußland, wo die neue Lehre entstanden, wo der Unterschied von Arntzrmd Reich verschwunden ist. Die Idealisten wollen nicht sehen, daß dieser Traum bald vorüber sein muß, daß die industrielle und landwirtschaftliche Produktion auf sechs'bis acht Prozent der FriedenSinengen gesunken ist und daß Lenin selbst am guten Ende zweifelt. Trotzdem glauben sie, den gleichen Weg wie die Russen heschveiten zu, sollen, bevor wir Sklaven der Entente werden. Ein Land, das einen derartigen Versuch wagt, muß vor allem von den Westmächten unabhängig sein. Ungarn konnte e» sich erlaube», diesen Schritt zu unternehmen, weil es sich aufester eigenen Produktion ernähren kann, weil, ähnlich wie in Rußland, der Kleinbauer die Kommunisierung des übergroßen Großgrundbesitzes anstrebt und weil sei»« Interessen parallel mit denen des städtischen Proletariats gehen. Ungarn kann seine verhältnismäßig geringen Auslandsschulden und die Rohstoffhezüge für die kleine Industrie aus Vermögensabgaben und Konfiskationen auf eine gewisse Zeitdauer vielleicht bestreiten und hat vor allem als Selbsternährer für Lebensmtttelimporte leine Zahlungen zu leistey, wobei es sich jedoch über den krassen Rechtsbruch, seine inländischen Staatsschulden zu bezahlen und zu verzinsen, hinwegsetzt. Selbst wenn man den gleichen^ Rechtsbruch in Deutschösterreich versuchen wollte, können' wir es in den anderen Punkten den Ungarn nicht gleichtun. Wir find eben nicht in der Lage, uns aus eigener Produktion zu erhalte», unser großer Bauernstand, der seit langem selbständig politisch denkt, steht in großem Gegensatz zum städtischen Proletariat, und der Wunsch nach Aufteilung des ohnehin verhältnismäßig geringen Großgrundbesitzes an Aeckern und Wiese» genügt nicht, um die Bauern den kommunistischen Ideen zugänglich zu machen. Wir sind durch den Krieg ein armes Land geworden, das nur durch Export seine Bevölkerung ernähren kann. Keine noch so große Vermögensabgabe oder Konfiskation wird genügen, um die Importe an Lebensmitteln und Rohstoffen für die groß« Industrie zu begleichen. Während für das kommunistische Ungarn theoretisch per Devtsenstand gleichgültig ist, hängt unsrre Lebensmöglichkeit von der Besserung dev Valuta ab und wir sind aus das Vertrauen des Auslandes angewiesen. dessen Kapitalisten uns nur dann borgen werden, wen« unsere tunere» wi.rMajtliMli Zustände ihnen