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Wiener Morgenzeitung · 1919-04-23 · Heft 94 (23.4.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 94 (23.4.1919)
Date
1919-04-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 94 Wien, Mittwoch . „ —- - ..... Wsagen. — Auch der größte Idealist muß erkennen, daß wir iu dieser Stunde ttn Kommunismus verhungern müßten, dar nur dann auch bei uns durchführbar sein wird, wenn derselbe Prozeß 'sich: bei den Westmächlen; durchgerungen hat. In letzter Zeit haben „liberale" Zeitungen wiederholt die Ansicht geäußert, daß wurzellose jüdische Elemente di« Führer des Bolschewismus seien, und. das jüdische Bürgertum, welches so viel für die europäische Kultur geleistet hat, solle diese Elemente abschütteln. Man wirft diesen Juden vor, daß si« keinen Zusammenhang mit dem Volke haben, kein Verständnis für seine Seele, keine Liebe ■ für den Boden, aus dem sie wirken wollen. Das eben ist der Fluch der liberalen Aera und ihrer Zeitungen, die bis heute die Juden in den Rahmen ihrer Wirtevölker hineinzwingen wollten?- Die Assimilation wollte uns deutschsprechenden Juden einreden, daß wir Deutsche seien und uns von den ,Ionationaten" bloß durch die Konfession unterscheiden. Aber nur einige wenige der Wohlhabendsten der jüdischen. Gesellschaftsschichte konnten in dem Wahn Leben, als Gleichberechtigte aufgefaßt zu werden/ während die ungeheure Mehrheit vom Deutschtum.nicht rezipiert wurde. Das jüdische Ehrgefühl hat sich gegen diese Behandlung aufgebäumt, viele haben sich den radikalen und radikalsten Parteien angefchlossen, nur von dem Wunsche. beseelt, ein« menschenwürdige Behandlung zu genießen. Und wenn heute manche vom Idealismus beseelte junge Menschen im kommunistischen Lager stehen, so hat sie in erster Linie ihr vergeblich erstrebtes Deutschtum dahin ge fü h r t, die Erkenntnis, daß sie das deutsche Bott zurückgewiosen hat, und das Suchen nach einer neuen Gesellschaftsordnung, die ihrem Traum nach wirklicher Gleichheit gerecht wird. Mit welchem Rechte darf schütteln solcher Elemente spre chen, die sie also eine „liberale" Presse vom Abdur ch' ihre verfehlte Politik selbst geschaffen hat? Wenn jemand tadeln dürfte, so wären nur wir Nationaljuden dazu berechtigt, dis immer den Standpunkt vertraten, daß die Juden sich in erster Linie um ihr eigenes Volk zu kümmern haben. Wie viele schöne Begeisterung, wie viel wahrer Idealismus ist für die jüdische Sache verloren gegangen, wie viel junge tatkräftige Menschen haben ihre Begabung in den Dienst fernstehender, aussichtsloser Dinge gestellt, während ihr eigenes Volk jeden einzelnen von ihnen so dringend benötigte. Diese Erkenntnis hat sich bereits in weiten Schichten durch gerungen, gewinnt fortwährend an Umfang üud die kommenden Wahlen werden hoffentlich erweisen, daß baS jüdische Volk sich'endlich aus sich selbst besonnen hat. > 4^ < Unser Gemeindeprogramm. Von Dr. Leopold Plaschkes. Daß die Wiener Gemeindeverwaltung einen politischen Machtposten ersten Ranges darstellt, merken wir Juden immer erst dann, wenn wir es am : eigenen Leibe verspüren. Der Erlaß des Stadtrates gegen die Flüchtlinge hat uns wieder daran erinnert, daß wir Wiener Juden gerade nach diesem Kriege zur Abwehr der von christlichsozialer, deutschnationaler und sozialdemokratischer Seite geübten Iudenhaßpolitik als Juden in der Gemeindestube vertreten sein müssen. Wenn wir während der letzten 12 Jahre Keinen Versuch gemacht haben, in der Gemeinde Einfluß zu gewinnen, kann daraus nicht gefolgert werden, daß wir an der Gemeindeverwalttmg kein erhebliches Interesse haben. In Wirklichkeit ist sie für uns nicht weniger bedeutungsvoll als die Staatsverwaltung und sicher in manchen Belangen noch bedeutender. Der Gemeinderat hat zwar nicht die Befugnis, Gesetze zu geben» ihm obliegt jedoch gemeinsam mit dem Magistrat was wie ick alten Oesterreich auch in der neuen Republik viel wichtiger ist, die Ausführung zahlreicher Gesetze im eigenen und im übertragenen Wirkungskreis. Von der Auffassung der Gemeindegewaltigen hängt es meistens ab. in welcher Form sie Gesetze uns Juden fühlbar werden und von welchem Geiste die Behandlung der Juden beseelt ist. Die Reden im Gemeinderat werden zwar nicht aus einer so weithin sichtbaren Tribüne gehalten wie die in der Nationalversammlung, aber die Entscheidungen dieser Körperschaft greifen vielfach tiefer in unser Leben ein als die einer anderen Verwaltungsstelle. Der Gemeinde ist der Haupteinfluß aus die Gestaltung der Gewerbepolitik gegeben, ihr ist das niedere Schulwesen anvertraut, sie ist zunächst die für Wvhnungssürsorge zuständige Stelle und hat auch die Versorgung der Bevölkerung mtt Lebensmitteln zu erfüllen. Wenn wir nur diese vier 'Verwaltungsgebiete bettachten und erwägen, welche Bedeutung Handel und Gewerbe, Schule, Wohnung und Lebensmittelversorgung in unserem Leben einnlmmt, dann wird uns klar, welche Wichtigkett der Autell an der Gemeindeverwaltung hat. An der wahrhaft fortschrittlichen, gedeihlichen Entwicklung dieser Stadt also haben wir Juden'das stärkste Interesse. Gerade nach diesem Kriege, nach dem Umstürze, der über Nacht das Hinterland der ZweirnilUonenstadt von 52 Millionen Menschen auf» sechs Millionen verringert, der aus einem Zentrum einen Grenzort gemacht hat. wollen wir Juden gls treue Bürger milh elfen, die Lvtenev Morgenzettung _ LsbLKSMiLLLldMaLor Hoover irr Berlin. Var l r u, 22, April, (Wolff-Bur.) Der awsrikarrische LeLsusmiLLelttontrollsur Hoover ist mit eiNEM größeren Stab hier eingetroffon. Der Berliner BankbeKmtenftreilr beendigt. B er t/i n, 22. April. (Tel.-Komp.) Sämtliche Berliner G r o ß b a n k e n haben schriftlich erklärt, daß sie sich dem Schiedsspruch des SchlichLungsausschussetz über daS Mit. bestimmnngSrecht unterwerfen. Cs ist gewiß, daß auch die B an kb eamten den Schiedsspruch ««nehmen werden. Die Arbeit in den Danken ist 0 f f 13 i e l l sch 0 n y e n t e m i t t a g s a u f g e n 0 m m e n worden. fürchterlichen Wupden dieser Stadt zu heilen, ihre entsetzliche Gegenwart zu einer hoffnungsreichen Zukunft zu gestalten,/ sie zu einem Kultumrittelpunkt zu erheben, wenn die Gemeindeverwaltung die berechtigten Forderungen der zweihundertfünfzigtausend jüdischen Einwohner erfüllt und sich künftighin von jeder judenfeindlichen Politik, 'von jeder Verhetzung der Nationen, Konfessionen und Klassen endgültig lösmacht. »Nach dem Kriege muß Schluß gemacht werden mtt allen gegenseitigen Verhetzungen, denn im Hintergrund liegt der gemeinsame Schützengraben und die gemeinsame Not!", sagt Friedrich Naumann in seinem bekannten Werk über das neue Mitteleuropa bezüglich der Judenftage. Die Verwirklichung dieses Gedankens wäre Sache einer vernünftigen Polittk, sie wäre eine Forderung der Gerechtigkeit, wenn die Erfahrungen dieses entsetzlichsten aller Kriege nicht spurlos an der Menschheit vorbeigegangen sein sollen. Wir Juden wären damit zufrieden. Was sehen wir aber in unserem Staate, was hören wir in dieser Stadt der Lieder, des goldenen Wiener Herzens und der Gemütlichkeit? Die große Schuldfrage wird aufgerollt und die Antwort derer, die zum Kriege gehetzt und ihn verloren haben, lautet:. „Die Juden sind an dem ganzen Anglück, schuld, die Preistreiher und Kriegswucherer, die Drückeberger und Verräter, besonders aber die jüdischen Flüchtlinge!" Das vernehmen wir in allen Tonarten zugleich mit der Drohung, man werde abrechnen mit den Juden und an ihnen Rache üben. Vergessen sind die schweren materiellen Opfer des blutüberströmten Judenvolkes, vergessen unsere zahllosen gefallenen Brüder und Söhne, vergessen unsere tausenden Kriegswitwen und Kriegswaisen, die Judenschast wird den durch Hunger gepeinigten Volasmassen von verbrecherischen Nutznießern des Krieges als Opfer hingeworfen, die allösterreichische Politik, die Politik der Vadeni und Lueger, wird im sozialistischen Volksstaat lustig fortgesetzt. Denn die Hoffnung der Assimilcmten, die wir. stets als eitel und ttügerisch zuruckgewiesen haben, der Umsturz werde den Antisemitismus begraben, ist an den Tatsachen zuschanden geworden. Der Antisemitismus ist nicht tot, er lebt flott weiter und wird uns vollends zermalmen, wenn wir uns nicht zur gerechten Abwehr zusammenschlleßen, da die bürgerlichen Parteien völlig versagen und die Sozialdemokraten ' für um weder eintreten können noch wollen. Die ganze Judenschast Wiens muß sich organisieren, jeder Jude sich zu seinem Volke bekennen, nur an unserer wahren Solidarität wird der Antisemitismus scheitern, der einzelne^wird nicht schutzlos, die Gesamtheit nicht verächtlich sein. Der Kampf von Nation zu Nation wird zur Versöhnung führen, unsere' nichtjüdischen Mitbürger werden uns achten lernen, wenn wir uns ehrlich und aufrecht zu unserem Volke bekennen und damit ist viel gewonnen. * Wir national gesinnten Juden müssen uns mit den Fragen der allgemeinen Politik beschäftigen, für die Nationalversammlung, den Landtag, den Gemeinderat und die Bezirksräte um die jüdischen Stimmen werben, weil wir ganz einfach nicht mehr zugeben dürfen, daß Juden einzeln oder in Gruppen unter falscher Flagge und politischen Decknamen ftemdnationale Arbeit leisten, bei anderen um Schutz und Duldung betteln, daß sie von ihnen als Stimmvieh mißbraucht und dann hinausgeworfen werden, sondern weil wir bewirken müssen, daß die Juden als Angehörige ihres Volkes politisch austreten und zielbewußt Rechte für das gesamte jüdische Volk sordem. Wo immer volksbewußte Juden sich um Mandate bewerben, haben sie zu verlangen: WirKliche Durchführung der uneingeschränkten Gleichberechtigung allein Juden, Anerkennung des Rechtes auf dieeigene Nation, Gewährleistung von >M i n d e r h e it s r e ch t e n. national-kulturelle S e l b st 0 e r w a 1? tung in jüdischen Angelegenheiten, insbesondere auf dem Gebiete des Erziehu ngswesens und angemessene Vertretung in den Vertretungskörpern und Behörden; nachdrücklich ist noch zu betonen. daß wir bei aller staatsbürgerlichen Treue den Z usammenhang mit demJudentum der '23. AM 1919' ., /®cffcT3^ ganzen Welt nicht verlieren wollen und dürfen " Ein geeintes Judentum bedeutet eine Macht, die KW Staat und kein Gemeinwesen unterschätzen wird. s Mit diesen Forderungen, die cm den ganzey Staat gerichtet sind, treten wir Nationaljuden in de« Wahlkampf, auch wenn es bloß Sitze im; Wienei Gemeinderat zu erlangen gllt, well in der Wienei Gemeinde fünf Sechstel der deutschösterreichischen Jude» leben. Handelt es sich ja auch jetzt darum,/ unser ' Weltanschauung, die ü, unserem Parteiprogramm ent! haltmen Grundsätze folgerichtig zum Wohle bei Wiener Judenschast auf dem Gebiete der Gemeinde^ Verwaltung durchzusetzen in unserem JrHresse und in JMereffe dieser Stadt. Die Juden sind aus der Verwaltung gänzlich verdrängt, jüdische Beamte und Lehrer, jüdische An» gestellte und Diener gibt es in Gemeindebettiebert überhaupt nicht. Die Taufscheinwirtschaft ist unvey. ändert geblieben, obwohl die Sozialdemokraten zur' Macht gelangt sind und jüdische Vertreter werdeij daran erinnern müssen, daß die Staatsgrundgesetzi nicht bloß aus dem Papier stehen dürfen, daß zwölf Prozent der Wiener Bevölkerung auch, den Anspruch darauf erheben können, bei Besetzung der Posten io der Gemeindeverwaltung, bei Vergebung von Liefe! rungen und Arbeiten entsprechend berücksicht zu werdenj Stellt man jüdische Beamte und Lehrer an. und wirb die Verwaltung von der schändlichen »Judenremheitl befreit, kann dies nur der ganzen Gemeinde nützech weil ihr die Tüchttgkeit unserer Volksgenoffen in alletz Betrieben zweifellos zustatten kommen wird. .1 Nur parteimäßig angestellte Beamte ließen sich dazu mißbrauchen, an der Beschränkung von HandÄ und Gewerbe mitzuwirken und den ohnedies miserabelN zünftlerischen Gesetzen eine judenfeindliche Auslegung zu geben. Was Juden im Erwerbsleben vonder antisemitischen Gewerbepolitik, durch das Zunftwesens den Befähigungsnachweis, die Dokumentenschnüffelei; die Parteilichkeit bei Konzessionsverleihungen und durch alle möglichen Schikanen zu leiden hatten, darüber ließen sich Bände schreiben, ohne daß man sagen könnte, die sozialdemokratische Partei hätte sich bisher für die Besserung dieser. Mißstände.bemüht. i 1 Jüdische Väter und Mütter wissen davon zu erzählen, wie sehr der Geist der Jugend durch den antisemitischen Einfluß auf die Volks- und Bürgerschule gelitten hat, was unsere Kinder unter der; planmäßigen Aechtung seitens der Lehrer und der Mitschüler dulden und wie notwendig es ist, hier Wandel zu schaffen, wenigstens jtzr so lange Zeit! bis unsere eigene jüdische Schule uns die Jugend und damtt die Zukunft sichert. ,j Die Zukunft Wiens ist davon abhängig, daß diese Stadt sich über das winzige Inland hinweg Freunde schafft, sich .von jeder Ausschreitung gegen Nationen, Staaten und Konfessionen sernhält und nW darauf achtet, gute ^Beziehungen zum Ausland zu pflegen. Die Hetze gegen jüdische Flüchtlinge ist dieser atmen Stadt ebenso gefährlich, wie die unvernünftige Politik gegen die Tschechen, da wir dem deutschen Charakter der Stadt Wien das Defizit von 200 Millionen und unsere Bedürfnisse an Nahrungsmitteln ebensowenig decken werden, wie wir durch Versagung der armen Juden die Zuneigung des Auslandes ge»; winnen können. Gegen jede judenfeindliche und verhetzende Politik werden unsere Vertteter sich zu wenden haben — nicht bloß im Interesse der Juden, auch im wohlverstandenen Interesse dieser Stadt. . i Die Erhaltung Wiens als Welt- und Großstadt wird den jüdischen Verirrtem stets am Herzen liegen. Deshalb fordem wir die Reichsunmittelbarkeit Wiens. Die Defizitwirtschaft ist nur zu beheben, wenn wir nicht mehr die Ausgaben des ganzen Kronlandes Niederösterreich zu decken haben und frei, von-der Majorisierung durch die bäuerlichen Vertreter eine der städtischen Bevölkerung förderliche Wirtschafts-, Emahrungs- und Steueipolitik betteiben können. 1 Bei allen Maßnahmen aber wird sich die Gemeinde davon feiten lassen müssen, alles zu vermeiden, was das Ausland abstoßen und uns isolieren kann, alles hintanzuhalten, was die soziale Scheidung , der Klaffen vergrötzem könnte und alles zu tun, um den Gemeinsinn der Deoölkemng neu zu beleben. . j Eine vemünftige Regelung des Wohnungs- und Gesundheitswesens, eine großzügige Lösung der schwierigen Approvisionierungsfragm, eine moderne Aenderung unserer städtischen Steuern sowie eine durchgreifende Reorganisation der Arbeitersürsorge und des Armenwesens können revolutionäre Erschütterungen fernhalten und zugleich mtt der Vermehrung unserer gemeinwirtschaftlichen Anstalten die Sozialisierung vorbereitend die mit geschichtlicher Notwendigkeit kommen wird, aber wie wir hoffen, als Frucht zielbewußter sozialer Arbeit. . « \.i Mit Ernst und Hingebung werden die jüdischen Vertreter der Erhaltung und Vergrößerung dieser Stadt dienen, als tteue Bürger und als trstte Söhne ihres Volkes,; j |wtjeii ®k am er<o!gr»tchft«i Im W«qe 6*8' ..ßlelnea AiyeigerSder ,Mrk» Morgrnzeilung-. 54

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