Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 94 (23.4.1919)
- Date
- 1919-04-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wie damals, so versucht man auch heute, die Juden als Bringer des Unglückes zu brandmarken und den Wutausbruch der verelendeten Völker und Klassen gegen sie zu lenken. Hat man damals die Juden insgesamt von einer Seite als Kriegshetzer und Kriegsausbeuter und von anderer Seite als Flaumacher und Verbrecher an der Wehrmacht bezeichnet, so treiben heute Reaktionäre «Ü» Umstürzler das nämliche Spiel; nur die Schlagworte find neu. Die Vertreter der sogenannten Ordnungsvarteien kennzeichnen die Juden als Or g an i f a t o r en L e s Au fr u h r s und Hetza p o ftel der Lehre voM blutigenUmft u r z, vom Bolschewismus; die Umstürzler Hinwiedemm stellen die Juden' als Stützen und Träger des Kapita lismus hin. Und die einen und anderen bedienen sich? des alten Mittels der Generalisierung, des Herausgreisens jüdischer Einzelerscheinungen und ihrer skrupellosen Verallgemeinerung. Der reaktionäre Antisemitismus arbeitet hierbei mit dem Ramm jüdischer Bolschewikenführer, der umstürzlerische Antisemitismus mit den Namen jüdischer Finanz- Mtokraten. Sie lasten dem ganzen jüdischen Volke ^e Handlungen und Worte einzelner Personen und kleiner Kreise, welche längst jeden Zusammenhang mtt 0M Judentum verloren haben, als Verbrechen an. ' Als Vertretung der volksbewutztm Judenschaft, als diejenigen, welche beständig im jüdischen Volke «betten und die in der jüdischen Gesamtheit herrschende Verhällnisse und Anschauungen kennen, als Verttttung der Organisation, welche heute den alleinigen lÄendigen Ausdruck jüdischer Arbeit und jüdischen^ Wollenrepräsentieren, fühlen wir uns berufen und verpflichtet, den heimtückischen Angriffen gegen die jüdi- Be Gemeinschaft entgegenzutreten und den antisemitien Scheingründen und Halbwahrheiten die Wahrheit entgegenzuhalten,^unser Programm, welches den Willen Kes lebendigen Judentums darstellt. Wir Nationaljuden sind Demokraten. Wir begrüßen den Sturz der alten Gewalten, welche das Volk wirtschaftlich und politisch geknechtet und schließlich zur Schlachtbank getrieben haben. Wir sind aber entschiedene Gegner jedes Systems, welches den alten Absolutismus durch einen ne uen ersetzenwill, mag es nun Rätediktatur, Meinherrschaft des Proletariats, Bolschewismus oder sonstwie heißen. Wir beugen uns keinem Schlagwort, mag es von oben oder unten kommen, wir sind tfitb bleiben Demokraten. Wir wollen eine vom ganzen Volk eingesetzte und dem ganzen Volk.verantwortliche Regierung. Wir wollen keme Klassenherrschaft. Wir wollen die Entwicklung des Wirtschaftslebens zur sozialen Gerechtigkett. Wir wollen, daß durch wettmöglichste Sozialisierung dem Arbeiter der gebührende» bisher vorenthaltene Einfluß^ auf die Produktion und Anteil am Ertrage gewahrt wird. Wir sind gegen jede auf rohe Gewalt gegründete und die Zertrümmerung der derzeitigen Produktion gerichtete Besttebung. Wir lehnen es für uns, wir lehnen es für das ganze jüdische Volk entschieden und entrüstet ab, d a s Tun und Lassen jüdischer Einzelpersonen, welche sich gegen den Geist wahrer jüdischer Demokratie versündigen, verantworten zu sollen,.mögen diese Einzelpersonen rechts oder links stehen. Wir stellen fest, daß die 14 Millionen Juden ein armes, unter schwersten Bedingungen lebendes und arbeitendes Volk find und daß jene, welche seine Interessen redlich vertreten, nie und nimmer der kapitalistischen Ausbeutung, der Konzentration der Wirtschaftsgewalt in dm Händen einzelner dienen können. Die zionistische Weltorganisatton hat dieSozialisierung des Bodens Palästinas beschlossen und damtt bewiesen, daß sich der jüdische Volkswille gegen die Herrschaft des Privatkapitals Md der Geldmagnaten, auch der jüdischen, richtet. Wir stellen aber auch fest, daß das jüdische Volk als Ganzes nichts gemein hat mit den Menschen jüdischer Abstammung, welche sich heute zu Führern der terroristischen Bewegungm aufgeworfen haben. Mögen sie irrende Idealisten sein, wögen sie eitler Spekulation auf Macht und schnöder Gewinnsucht fröhnm, f i e sind nicht Gei st von unserem Geiste. Sie alle sino innerlich, die meisten auch äußerlich, vom jüdischen Volke abgefallen. Sie rühmen und brüsten sich ja dieses Abfalles, sie lehnen es ja ab, als Juden gewertet zu werden. Und wir Juden lehnen es ab, für ihre Handlungen, auf die uns nicht der geringste Einfluß zusieht, Rechenschaft ablegen zu müssen. Hat doch das gesamte, im nattonalen Lager organisierte Judentum Rußlands, das heißt, die weitaus überwiegende Mehrzahl der russischen Judefl, dem Bolsche^ wismus und seinen Führern jüdischer Abstammung die Gefolgschaft versagt. Unser Programm bedeutet: rückhaltloses Bekenntnis zum jüdischen Volkstum, restlose Hingabe an die Arbeit für das jüdische Volk, völliges Aufgehen im jüdischen Volksgedanken, dem Gedanken wahrer Demokratie und der Völker- und Menschenbefreiung. Die Verwirklichung unseres Programmes bedeutet nicht nur die Festigung der jüdischen Gemeinschaft sondern auch die Festigung des jüdischen Individuums. Daran hat es bisher gefehlt. Die A s s i m i l a t i o n ss u ch t hat viele Juden aus der seelischen Gemeinschaft mit ihrem Volke gerissen, ohne sie in eine andere zu führen. Sie hat diese Leute entwurzelt und in die extremsten Layer gejagt. Nicht Weltanschauung und Ueberzeugung, in den meisten Fallen ist es die Sucht, irgendwo unterzukommen, irgendwo Macht zu erraffen und eine Rolle zu spielen, welche diese entjudeten Menschen von Partei zu Partei treibt und zu Werkzeugen des skrupellosen Kapitalismus oder des blindwütenden Terrors macht. Die jüdischen Abenteurerdes Kapitals und des Terrors find Produkte der Entj ud u n g! Das jüdische Volk lehnt sie ab und mit der Erstarkung des jüdischen Volksgedankens wird ihre Zahl schwinden. Juden und Jüdinnen! Wenn Ihr dieses Programm der Festigung und Sicherung fördern wollet, dann tretet unserer Organisation bei und wühlet am 4. Mai jüdischnational. Die Wählleitung der Jüdischnationalen in Wien. Die ausländischen Handelsgesellschaften und Banken in Ungarn werden nicht sozialisiert. Kür Schäden wird Ersatz geleistet. — Eine Erklärung Bela Kims an Balfour. v Budapest, 22. April. Eunkspr. des Ung.Korr.-Bur.) Volkskommissar Bela Kun hat an den britischen Minister des Aeußern Artur Balfour folgenden Funkspruch gerichtetr Die ungarische Räteregierung übernimmt die volle Verantwortung für die Durchführung der Zusicherungen, nach denen es allen Ausländern gestattet ist, ihre in ungarischen Banken erliegenden Barschaften und Wertpapiere zu beheben. Die ungarische Negierung wird ferner von der Sozialifiernng ausländischer Handelsgesellschaften und Banken absehen. Für etwaige bisherige Verstöße wird Ersatz geleistet werden. Ich ersuche weiters um Entsendung einer Wirtschaftskommission, um mit ihr übler MbeL auftauchende Einzelheiten zu verhandeln. Unruhe« In Italien. D a s e l, 22. April. „Corriere della Sera" meldet: Die Lage im oberitalienischen Industrie, gebiet bleibt ernst. Zn Como wurde der B.e»! lagerungSznstand verhängt. Alle Be-- triebe haben geschloffen. Zn Bergamo, Siena und Monza wurde der Generalstreik verkündet. Die Arbeiterschaft faßte hier einen Beschluß auf Ausrufung einer revolutionären Regierung und einer Räterepublik. 40.000 Mann italienische Truppen sind vom Süden nach Rorditalien beordert worden. Die deutsche Friedensdelegatio«. Berlin, 22. April. (Tel.-Komp.) Die Liste; der Personen, die die d e u t s ch e n Unter- Händler nach Versailles begleite«! sollen, war heute mittags noch nicht endgültig festgestellt. Ihre Zahl soll, wie das „Berliner Tageblatt" erfährt, möglichst beschränkt werden. Voraussichtlich werden sechs bis acht Beamte des Auswättigen Amtest ferner je zweiVertreter des Kriegsm i n i st e r i n m s, des Reichsmarineamtes und der Waffenstillstands»! kommission den Unterhändlern bei-j gegeben werden. Dazu käme daS unerläßlich notwendige Bureanperfonal. Tag und Stund« der Abreise find noch nicht bestimmt. Die Delegation soll von sieben Presse-! v ^«. doch war M endgültiger Beschluß auch darüber hentes mittags noch nicht gefaßt. Sollte die nach»; tragliche Berufung der Sachverständigen nach Versailles erfolgen, so würden mit diese» «och einige Preffevertreter dorthin reise«. i. Ein Gesandter der russischen Sowietregierung bei Lansing] Paris, 22. April. (Korr.-Bur.)^Nach ein«? von der „Humanits" übernommenen Meldung eines New-Porker Blattes hat Ingenieur? Martens am 18. März Lansing sein Beglaubigungsschreiben als. Gesandter der Regierung der russischen Sowiets bei den Bsr-« einigten Staaten und gleichzeitig ein Memorandum überreicht, worin die WiederM aufnah me der wirtschaftlichen Beziehungen vorgeschlagen wird. Stratzenkümpfe in Hamburg.' Hamburg, 22. April. (Tel.-Komp.) In Hamburg ist es an den beiden Oste«« feiertagen wieder zu erheblichen A n r u h e n gekommen. Zn der Nacht zuw Sonntag fanden in einigen Straßen direkte' Kämpfe statt. Es wurden Angriffe auf mehrere Polizeiwachen unternommen und Plünderungen verübt. Zn der Nacht wurde das Polizei gefängnis zerstört und etwa 3V Gefangene freigelaffen, darunter auch Schwerverbrecher. Auf denPolizei-' wachen wurden die dort befindlichen Gewehre geraubt. Neuer Umsturz in München- Berlin, 22. April. (Korr.-Bur.) Die „B. Z. am Mittag" meldet aus München: Mühsam und Landauer feien verhaftet, Lew in und Toller entflohen. Die Sachlage ist einstweilen ungeklärt. Gegen 1 Ahr wurden allenthalben in der Stadt angeschlagene Plakate, welche verkünden, daß die ganze Garnison sich hinter das M.inisterrum Hoffmann gestellt habe. Wieder heruutergeriffen. Allerlei Gerüchte durchschwirren die Stadt, wie zum Beispiel, daß Schnevpenhorst mit der freiwilligen Volkswehr in Dachau bei München stehe. Andere be'aupten, die Garnison sei schon wieder zur Räterepublik abgeschwenkt.