Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 93 (22.4.1919)
- Date
- 1919-04-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sjoieu, ^teustag Wiener Ätlvrgenzettung - Z'L April 1919 Seue L >—rrr- Was wir NaLionalZuden wollen. , Die schwere Prüfung, welche der Weltkrieg dem jüdischen Volke auserlegt hat, ist nicht die letzte gewesen. Im Gegenteil. Die Gefahren, in welche der jetzt wütende Klassenkampf die Juden bringt» sind größer als diejenigen, welche die Kriegsfmie heraufbeschworen hat. Wie damals, so versucht man auch heute, die Juden als Bringer des Unglückes zu brandmarken Md den Wutausbruch der verelendeten Völker und Klassen gegen sie. zu lenken. HÄ man damals die Juden insgesamt von einer Seite als Kriegshetzer und Knegsausbeuter und von anderer Seite als Flaumacher unb Verbrecher an der Wehrmacht bezeichnet, so treiben heute Reaktionäre und Umstürzler das nämliche Spiel; nur die Schlagworte sind neu. Die Vertreter der sogenannten Ordnungsyarteien kennzeichnen die Juden als Organisatoren des Aufr « h rs undH etz« apustel der Lehre vom blntigenUmst u r z, v o m B o l l ch e w i s m u s r die Umstürzler hinwiederum stellen die Juden als Stützen und Träger des Kapitalismus hin. Und die einen und anderen bedienen sich des alten Mittels der Generalisierung, des Herausgreifens jüdischer Einzelerscheinungen unb ihrer skrupellosen Verallgemeinerung. Der reaktionäre Antisemitismus arbeitet hierbei mit dem Namen jüdischer Bolschewikenführer, der umsiürzlerische Antisemitismus mit den Namen jüdischer Finanzaristokraten. Sie lasten dem ganzen jüdischen Volke die Handlungen und Worte einzelner Personen und kleiner Kreise, welche längst jeden Zusammenhang mit dem Judentum verloren haben, als Verbrechen an. Als Vertretung der volksbewußtm Iudenschaft, als diejenigen, welche beständig im jüdischen Volke arbeiten und die in der jüdischen Gesamtheit herrschenden Verhältnisse und Anschauungen kennen, als Vertretung der Organisation, welche heute den alleinigen lebendigen Ausdruck jüdischer Arbeit und jüdischen Wollens repräsentieren, fühlen wir uns berufen und verpflichtet, den heimtückischen Angriffen gegen die jüdische Gemeinschaft entgegenzutreten und den antisemitischen Scheingründen und Halkwahrheiten die Wahrheit entgegenzuhalten, unser Programm, welches den Willen des lebendigen Judentums darftellt. Wir Nationaljuden sind Demokraten. Wir begrüßen den Sturz Her alten Gewalten, welche das Volk wirtschaftlich und politisch geknechtet und schließlich zur Schlachtbank getrieben haben. Wir sind aber entschiedene Gegner jedes Systems, welches den alten Absolutismus durch einen neuen er setzen will, mag es nun Bätediktatm, Alleinherrschaft des Proletariats, Bolschewismus oder sonstwie heißen. Wir beugen uns keinem Schlagwort, mag es von oben oder unten kommen, wir sind und bleiben Demokraten. Wir wollen - eine vom ganzen Volk eingesetzte und dem ganzen Volk verantwortliche Regierung. Wir wollen keine Klassenherrschaft. Wir wollen die Entwicklung des Wirtschaftslebens zur sozialen Gerechtigkeit. Wir wollen, daß durch weitmöglichste Sozialisierung dem Arbeiter der gebührende, bisher vorenthaltene Einfluß auf die Produktion und Anteil am Ertrage gewährt wird. Wir sind gegen jede auf rohe Gewalt gegründete und die Zertrümmerung der derzeitigen Produktion gerichtete Bestrebung. Wir lehnen es für uns, wir lehnen es für das ganze jüdische Volk entschieden und entrüstet ab, das T u n u n d L a s s e n. j ü d i s ch e r E i n z e l p.e rs o n e it, welche sich gegen den Geist wahrer jüdischer Demokratie versündigen, verantworten zu sollen, mögen diese Einzelpersonen rechts oder links stehen. Wir stellen fest, daß die H Millionen Juden ein armes, unter schwersten Bedingungen lebendes und arbeitendes Volk sind und daß jene, welche seine Interessen redlich vertreten, nie und nimmer der kapitalistischen Ausbeutung, der Konzentration der Wirtscbastsgewalt in den Händen einzelner dienen können. Die zionistische Weltorganisation hat dieSozia lisierung des Bodens Palästinas heyh l o s s e n und damit bewiese;;, daß sich her Wische olkswille gegen die Herrschaft des Privatkapitals und der Geldmagnaten. auch der jüdischen, richtet. Wir. stellen aber auch fest, daß das jüdische Volk als Ganzes nichts gemein hat mit den Menschen jüdischer Abstammung, welche sich heute zu Führern der terroristischen Bewegungen aufgeworfen haben. Mögen sie irrende Idealisten sein, wögen sie eitler Spekulation auf Macht und schnöder Gewinnsucht stöhnen, s i e sind nicht Geist von uns erem G eiste. Sie alle sind innerlich, die meisten auch ckrßerlich, vom jüdischen Wolke abgefallen. Sie rühmen und brüsten .sich ja dieses Abfalles, sie lehnen es jg ab. als Juden gewertet zu werden. Und wir Juden lehnen es ab, für ihre Handlungen, auf die uns nicht der geringste Einfluß zusteht, Rechenschaft oblegen zu muffen. Hat doch das gesamte, im nationalen Lager organisierte Judentum Rußlands, das heißt, die weitaus überwiegende Mehrzahl der russischen Juden, dem Bolschewismus und seinen Führern jüdischer Abstammung die Gefolgschaft versagt. Unser Programm bedeutet: rückhaltloses Bekenntnis zum jüdischen Volkstum, restlose Hingabe an die Arbeit für das jüdische Volk, völliges Aufgehen im jüdischen Volksgedanken. dem Gedanken wahrer Demokratie und der Völker- und Mmschenbefreiung. Die Verwirklichung unseres Programme? bedeutet nicht nm die Festigung der jüdischen Gemeinschaft sondern, auch die Festigung des jüdischen Individuums. Daran hat es bisher gefehlt. Die Assimilationssucht hat viele Juden aus der seelischen Gemeinschaft mit ihrem Volke gerisssn, ohne sie in eine andere zu führen. Eis hat diese Leute entwurzelt uqd in die extremsten Lager gejagt, Nicht Weltanschauung und Ueberzeugung, in den meisten Fällen ist es die Sucht, irgendwo unterzukommen, irgendwo Macht zu erraffen und eine Rolle zu spielen, welche diese entjudeten Menschen von Partei zu Partei treibt und zu Werkzeugen des skrupellosen Kapitalismus oder des. blindwütenden Terrors macht. Die jüdischen Abenteurer des Kapitals und des Terrors sind Produkte der Entj u d u n g! Das jüdische Volk lehnt sie ab'und mit der Erstarkung pes jüdischen Volksgedankens wird ihre Zahl schwinden. Juden und Jüdinnen! Wenn Ihr dieses Programm der Festigung und Sicherung fördern wollet, dann tretet unserer Organisation bei und wählet am 4. Mai jüdischnattonal. Die Wählleitung der Jüdischnationalen in Wien. iiwumii lyiiwww An Me Jüdinnen Wiens. Bvn Erna Patak. Schwest^n! Besinnt such! Denkt an die vergangene .Kriegszeit — an all die Opfer, die wir. Juden gebracht denkt an unsere Söhn;, die in den entsetzlichen Krieg gezogen, die vielen, die nicht mehr heimgelehrt, an alle jene, die als Krüppel wiedergekommen sind? Gedenket der Prüder und Schwestern aus dem Osten, die als Bollwerk gegen den Feind gedient haben, Haus und Hof verlassen mußten, elend hier au ^kommen sind,, verspottet worben und jetzt als Krügelknaben für die Schuld der anderen dienen. L . . Seht doch^. Wie. hie Tschechinnew für chr-BE gearbeitet haben, dir mit Recht die Grimckerinnen ihres Vvlkes heißen. ' ' Gelüstet es euch noch immer, die Schleppträger anderer PaMi-rn Zv sein? Habt ihr nicht denStblz unserer Bormütter' ererbt, nicht bst. Kraft und' ihr Berantwyrtlichkeitsgesühl? Erkennt ihr noch immer nicht eure heiligste Pflicht, für euer Volk einzustehen? Alle Völker haben "in diesem heißen Ringen üm' Selbständigkeit künddgetan, was sie Wolken, unb daß.ihr Schicksal nicht von aicheren gesonnt werden kann, daß sie mitreden und böschließen wollen.'Dürfen ipir jetzt abseits stehen urch zusehel^.wtL ändere 'in dieser großen Umwan'lung über uns unb unser Leben'b-Lschsteßtzp? Einigkeit macht stark! Dev eMeine .gilt -nichts. Wir. müssen iM zusammen«. schließt, und^.üMr'Mhaü.- .in frlefim Siaate, dessen trcit? Htaatsbürgerinnrn wir sind, mitfermen helfen. Msere bMsritzen P-rtrster' Int Gerneinderät und .Landtag waren' manchmal auch Juden, tzsch ihr Juden' tüm hat ihnen NUN'"als Mittsl zum jjwkck, als Mahl- ' regttisit, gedstnst .NstWsr Habpn sie. Harbin' vergessen,; sie sind, nichteinmal 'dtz?' Kiyfachfkn Pflicht nachgtzkommenV anttsemAschen' Dtzen tzntg^aenzutretsn. Nicht .einer hat gegäm ZMWögwMS/MsWstet.! deiner von biefait Herren hat geholsen, daß unseren galizischen Brüdern ArbestMich;r,'Bewilligilugen, Kon' Zessionen geg.e'Zen werden, damit sie ehrlich arbeiten und für sich und ihre Familie den Lebensunterhalt verdienm. Mit her karUNUu^rstützung von 10 Hellern bis 2.KronenHME'U leben Men. Da kam keine Hilf« von denHerM DolkSvertretenr. In FriedenSzeijen, wo es noch galt, daß alle Bürger dieses Landes p-r. dem Staatsgrundgesetze.gleich sein sollten, gab eS keinr.jüdischen Staatsangestellten, keine jüdischen Lehrer, keine Beamten, und keiner unserer Bolkserwählten Mnte oder wollte ' da Mnderung schaffen. Lueger, bas Haupt der Christlich sozialen', sagte, man k a n n Judsn.anstelle, aber man muH Mt... Die SssiMeMkrairn, auf deren Banner,,Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" geschrieben, steht, Ästen sich gemeinsam mit den anderen dis Ausweisung unserer Brüder aus dem Osten und die EntztehnnZ der Lebensmittelkarten. Sind das nicht unblutige Pogrome? Stören, euch--. Mr -Schwestern, solch ungerechte Unmenschlichkeiten nicht? -. Der Führen der -Sozialdemokraten, her Jude Marx, hätte sich'vielleicht aufgtzlehnt gegsn solche Verzerrungen seines Programm»; doch die jetzt lebenten Führer verbanden sich mit den Ehristkichsoziaken gegen dis Nermsten der Armem E» kommt ihnen auf einen Fußtritt mehr oder weniger sticht an. Wir sind überall ein« kleine, schwach« Minorität und Hoden kein anderes Machtmittel, Angriffe abzuwetzren, als unseren Lusammen'chluß, der uns stark Macht. - - Mr Frauen, die jetzt politische Rechte hoben, ruttssen geschlossen borg-Han. Jade unsersv Schwestsrn muß jüdischnatto.nal wählen. Sammelt euch, geht von Haus zu HsÄ,' weMt, sprechet zu dem Verstand und dom Herzen Mr Jüdinnen, havet ffefl an «nseren Sorgen für die 'Zukunft^ unsevss Volkes mch das Mst tig« Ätzkivn Bnver ^Kinder, wachet auf und wsrdst wieder, ') »as \hr einstmM gew?ssu seid: d i 2 ' K r 0 n ü e it t ö B'-ltes.r .. Skr. 93 Eine Sowjetrepublik in der Türkei? . Eine RevoluLiünsÄoMmMoR irr KonstarrtiMpeL. Budapest, 21. April. Das Angarische Telegraphen s Korrespondenz - Bnvea« meLdet avs Moskau: Merdnugeü ans O d effs zufolge haben sich d i e W i l a Z e t s Kleinasien s zu einer G 0 w i e t r^r p u b l i k nmgeftaltet. In Konstantinopel ist ems Sie- 00 l« t i 0 us ko mm ifsio« m TätigkLiL, die von den Truppen unterMtzt Wird. Die Vorgänge in Ungarn. Der Eisenbahnverkehr mit Ungarn etngesteM. Gestern mittags ist der Eise « d a h nverkehr ZWifche» D e u t § ch ö ft e r r,e i ch usid Nrrgarn vvlikomMeu eingestellt Worden» Irr hiesigen politischen Kreisen sind Znsormstionen aus Budapest emgetroffen, wonach hie dortige Situation auf der Schneide steht. Die VolkskowmMre habe» Budapest unter dem Borwande verlassen, die Provinz während der Osterfeiertage in ihrem Widerstand gegen die Ententetruppen zu bestärken. Gewiss ist aber, daß sie sich in der Hauptstadt nicht m x sicher fühle». Man rechnet mit einem Vormarsch der Serbe» und Tschechen, die vorgestern bereits die Station Parkaupi Raua besetzt habe«. Auch eine Erhebung der Deutschen in Weftungarn gitt nicht mehr als ausgeschlossen. Die ungarische Regierung dementiert. Budapest, 21. April. Das Ungarische Telegraphen-Korrespondenz-Dureau meldet:. Die Nachricht vom Rücktritt der Regierung Beta Ku-Hn entbehrt jeder Begründung. Die Lage der ungarischen Räteregierimg ist g e f e st i a t. Sämtliche sozialistischen Parteien sind darüber einig, daß das ungarische Proletariat seine schwer errungene Macht unter keinen Umständen aus der Hand geben darf, selbst wenn , ihm noch so schwere Kämpfe beyorstehen sollten. Diese klassenbewuftte Entschlossenheit ist bereits zum Ausdruck gekommen, indem die rumänische Offensive zum Steh en gebracht und ein Teil des in den letzten Tagen verloren gegangenen Landes in erfolgreicher Gegenoffensive zurückerobert wurde. Durch diese Tatsache allein wird die Behauptung, die Räterepublik verfüge über keine Heeresmacht, zur Genüge entkräftet. Garbei über den DikSatfrieden. Budapest, 21. April. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Am Ostersonntag nahmen die meisten Volksbeauftragten und die Führer der soziattsüschen Partei an den in allen größeren Städten des Landes veranstalteten Volksversammlungen teil. Der Präsident der Räteregierung, Alexander G a r b e j, sprach in Miskolcz. wo' er ausführte: Der Krieg dauerte über Erwarten lange an und dauert noch heute sort. Die Kosten vermehren sich nock immer. W e n n D e u t s ch l a n d 12 6 Milliarden Kriegsentschädigung bezahlen muß, so folgere ich daraus, haß Ungarn 25 Milliarden werden auferlegt werden, was eine jährliche Dinsenlast von mehr als. 3l/3 Milliarden bedeutet. Jeder» vom Säugling bis z u m G r e i müßte 1000 Kronen jährlich bezahlen, um diese- Lasten zu tragen. Wenn wir. Str0h essen, in Gtryhkleiderngehenimd täglich 20 Stunden arbeiten, auch dann können wir dies nicht ertragen. Redner schloß: Ich mache die Bourgeoisie ausmerksam, daß ote jetzige Klassenherrschaft aus der < Grundlage der Diktatur steht. Äe soll nicht versuchen, die alte Ordnung wieder herzustellen. Wenn sie sich der neuen Ordnung unterwirft, wird sie von den Rechten nicht weiter ausgeschlossen sein. Der Vormarsch der Rumänen in Ungarn. Budapest, 21. April. Das Ungarische Tekd« graphen-Korrespondenz-Bureau meldet: Am 20. d. M. setzten die Rumänen ihr Vordringen an mehreren Stellen fort. In der allgemeinen Lage ist' eine wesentliche Veränderung nicht emgetreten. Unsere Verstärkungen sammeln sich, gedeckt von den Sichemngskuppen. Letztere stehen in der Umgebung von M a t e s z a l k a und M i h a l y f a l v a sowie unmittelbar westlich und südlich von Großwardein. " Wo, erftkkWM i.öKiE {, WtW, U, WWaWW 2& . m JU..