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Wiener Morgenzeitung · 1919-04-20 · Heft 92 (20.4.1919) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 92 (20.4.1919)
Date
1919-04-20
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seile 10 Wien, Sonntag Mi MrrrgenzettUUg 20. April 1919 Nr. 92 Redaktionelle leitnttg: HnittajMller. m Aufgsrberr der jüdischen I Fran Wiens. ' Z Die Aufgabe der Frau in der Politik besteht vor : allem darin, daß sie strebt, die Welt auszubauen, welche i Mättnerpalitik fast zerstört hat. -; Würden sich Frauen dieses Gedankenganges Znd so der Verantwortung klar bewußt, die au ffie gewälzt j wurde, sie würden sich noch ganz anders aus jede neue Wahlkampagne vorüereiten, als sie es jetzt tun. «Sie itnirbert dafür sorgen, daß Frauen aller Stände und aller Gedankcnrichtuugeir in die verschiedenen Vertretungen kommen, würden, es nicht zugeben, daß nur solche Frauou gewählt iverden, die klug genug waren, sich jener Partei anzuschließen, welche die größte-.Äussicht auf Erfolg hat. Das Ideal wäre die Bildung einer überparteilichen Frruenvereinigung, in der die Frau als solche zur Geltung kommt, ohne Rücksicht auf Konfession und Gefühlstichtuug, die jetzt die Frauen den einzelnen Männerparteien in die Arme treiben. Wie in der Wählerschaft, so würden ja dann auch in der geivählten Körperschaft alle feineren und stärkeren Differenzierungen -vertreten sein, so daß jede einzelne von den Wählerinnen ihre Sache vost Gesinnungsgeuosfiunen geführt wissen würde. In erster Linie aber stände der Einfluß der Frau als solche geschlai'ru und mächtig da und könnte sich so allein durch-etzrn. Leider aber ist es noch nicht so weit, und es kann, '.wch lauge dauern, bis dieses Ideal erreicht sein wird. So muß nlan denn wenigstens jede Gruppe von Frauen dorthin weifen, wo ihr natürlicher Platz ist, wo ihre : speziellen Interessen am besten vertreten sind und sie den Einfluß ihres Geschlechtes zur Geltung bringen können. Mau würde glauben, daß solche Wegweiserarbeit überflüfsig sei, daß jede halbwegs intelligente Frau selbst wem, wo ihr Platz ist. Daß dem nicht so ist, zeigt am besten das Beispiel der jüdischen Frau; uw sie warb, \'i: sie politisch danken lernte — und das star schon geraume Zeit, bevor sie das Wahlrecht bekam, der Fall — der Liberalismus oder, wie es jetzt, heißt, die Demokratie, sofern sie. nach Erziehung ound Lebenshaltung dom Mittelstands angehörte, und die- Sozialdemokratie, wenn sie dem jüdischen Proletariat entstammte. . .; , Es ist heute eiire anerkannte Tatsach-e,: daß überall dort, wo bic Gleichheit der politischen Rechte für' die Geschlechter verkündet wurde, also überall dort, wo die Frauen das Wahlrecht erhielten, dieses als mächtiger moralischer. uub erziehlicher Faktor gewirkt hat- Moralisch auf die Gesamtheit, erziehlich vor allem auf die. Frauen. Mit dein Recht, zu wählen und gewählt zu werden, ist diesen die Pflicht erwachsen, sich über die Aufgaben zu unterrichten, tvelche aus dieser Rechten hervorgehen. Utld zu ihrer Ehre muß gesagt werden, daß sie dieses in ihrer Mehrheit tatsächlich und m<. Inte resse tun und daß damit'ein frischer/ Zugin die politiscl) siunlpf gewordenen Massen getragen wirb. Tie maßgebend?» Männer selbst verschliefen sich' diestc Tatsache nicht, sondern erkennen dies aufrichtig ilnd mit Genugtuung an. So ist es zum Beispiel charakteristisch, daß nrln, da die Gemeinderatswahlen au der Tagesordnung sind, Frauen Vortragsftrien und Lchrkurse über die Ausgaben der Gemeinde und über Kommunalpolitik veranstalten lassen, mä sich' über diese Fragen' ge na uestenZ zu informieren, bevor sie. in den Wahlkampf eintreten. Ueber solche Dinge haben sich' die Männer, als sie noch Alleinherrscher waren, nie viel Kopfzerbrechen gemacht. Sie hatten bas angestammte Recht, zu wählen/und sie wählten, meist ohne irr ehr über dis Aufgaben ihrer Vertretung zu wissen, als am Stammtisch' diskutiert wurde. Diese GrüMichi'ett der Frau, dieses wirkliche Verständnis, muß und wird eine,: netten Zug in die Kommunalpolitik bringen, wie sie ihn hoffentlich in die allgemeine Politik ebetrfalls bringen wird. Man erwartet es auch nicht anders. Jahrtausendelang führte der Mann allein die Geschicke der Welt und schlug mit ferner Politik schließlich eine Richtung ein, tvelche di- Menschheit dem Raiche de§ Abgrundes nahe brachte. Fast tote eine Flucht zur Frau erscheint daher dieses plötzliche Zugefbehen ihrer politischen Gleichberechttgnng in den meisten der kriegführenden Länder. Doch nein, oft nicht nur dann. Der fortschreitende Sinn unserer Frauen hat sie dazu geführt, daß sie nur die geistige Seite des Sozialismus sahen und die wirtschaftlichen Grurü)lagrn desselben darüber vergaßen. Und in gar vielen Fället Macht die jüdische Mittelständlerin im Sozialismus auch bloß eine Mode mit, eine von den ausgesprochenen schlechten Eigenschaften unserer Frauen dieser Klasse, i Als dann das jüdische Volk in seiner Gänze wieder lzum Bewußtsein seiner völkischen Sonderstellung erwachte, als die national« Bewegung immer mächtiger wurde und immer' weitere Massen ergriff, ohne Rückbegami wie bei den Männern auch bei den Frauen eine merkwürdige Zwitterstellungnahnre, wie sie als Symptom des Ueberganges ja häufig zu bemerken ist. Sie wollten nun politisch und national gesondert fühlen und nannten sich Demokratinnen und Sozialdemokratinnen, waren stolz auf ihr Judentum, wollten aber politisch nicht die Konsequenzen daraus ziehen und .jüdischnational wählen. So standen die Dinge in sehr vielen Fällen während der Wahl in die Nationalversammlung, sv stehen sie vielfach noch heute. Wir möchten nicht fragen, wie viele Frauen, die den nationalen Gedanken in sich ausgenommen haben, mit sozialdemokratischen oder demokratischen Stimmzetteln zur Urne schritten.' Freilich war nur den Juden in einem Wahlkreis Gelegenheit gegeben, jüdischnational zu wühlen, aber für diesen Wahlkreis würde gerade auch die Frage gelten. Die Inkonsequenz, die Zwiespältigkeit, die in solchen Gedankengängen und in der Nutzantvendung derselben liegt, muß jedem logisch dankenden Menschen klar toerden, wenn er sieht, welche Stellung die Gewählten nach der Wahl zu ihren jüdischen Wählern emnehnren. Die wenigen Wochen, die ftit den Wahlen in die Nationalversammlung vergangen sind, haben krasser als je gezeigt, wessen sich die Juden selbst von jenen Parteien zu versehen haben, welche sie als freisinnig für sich gewählt haben. Die Sozialdemokraten schließen eine Koalition mit den Christlichsozialen, die Demokraten verbünden sich für den bevorstehenden Wahlkampf in die Gemeinderatswahlen mit den Deutsch nationalen. Diese Tatsachen allein könnten'der jüdischnationalen Parier eigentlich jede Agitation ersparen. In jeder anderen Partei sind die Juden eben nur zu Gast, werden umworben, so lange man auf ihre Stimmen rechnet, um dann, beiseite gestoßen, ja verhöhnt zu werden, wenn man sie nicht mehr brqucht. Doch wozu die alte Geschichte von neuem erzählen! Sprechen wir lieber klar und ohne Umschweife aus, was wir von der Mischen Frau verlangen: Wir erwarten, daß im Gemeinderat nicht ein Vertreter der Ju den sitzt wie in der Nationalversammlung, sondern daß sie mehrere dahin entsenden, darunter auch Frauen. Die jüdifchnationale Partei hat diesmal nicht nur im 2. irnb 20. Bezirk, sondern auch im 9. und 6. Bezirk eine Kandid atenliste ausgestellt. Auf allen diesen Listen stehen Frauen. Daß dies« in den Gemeinderat kommen, ist eine Ehrensache aller-jüdischen Wählerinnen dieser Bezirkes Sie können dies nur erreichen, wenn sie völlig geschlossen für die Mische Partei ji# Urne gehen, wie sie von ihren Männern und Söhnen dasselbe verlangen und so nicht nur dem Listenführer znm Erfolg verhelfen, sondern auch der Frau, die an dritter oder vierter Stelle steht. Mindestens fünf Vertreter der Juden würden auf diese Weise im Rathaus einziehen und so die Juden Mens nicht mehr schutzlos der Parteipolrttk ausgesetzt sein, die traditionell von dort aus betrieben wird. Jede Stimme fällt dabei, ins Gewicht, .denn gerade e«e Stimme kan» fehlen, um nebst dem Listenführer auch noch die Kandidatin öurchzubringen. Wenn sich die Frauen dessen bewußt werden und demgemäß handeln, dienen sie zwei Ideen zugleich. Sie fördern die allgemeine Fvauensache, sie dienen gleichzeitig der Sache des Judentums. Darum darf es diesmal kein Schwanke« und Zögern mehr geben, jedes Abbiegen von diesem klar vorgezeichnet«« Wege zersplittert den Fraueneinflutz genau so, wie es der nationalen Sache schadet. Diese beiden Gesichtspunkte werden wohl genügen, um den jüdischen Frauen, ihren Weg zu weisen. ____ Wie soll Me Fra« die Zeitung lese»? Die Stellung der Frau hat durch' die letzten Ereignisse eine Aenderung erfahren, wie sie mit einer solchen Plötzlichkeit und Wucht wohl noch nie einer Menschengruppe zuteil wurde. Die Frau, die bisher am öffentlichen Leben überhaupt nicht teilnehmen konnte, sie, die für das „nralier taceat“ galt, sie, die bisher nichts anderes als die Wirtschafterin nick Köchin des Mauues war, tritt ihm nun als vollständig Gleichberechtigte an die Seite. Währet noch bisnun die 3 SC Jüdische Mädchen und Frauen meldet euch alle zur Wühlarbeit! im Sekretariat des AüdtfchnattonalenFrauenverbandcs, 2. Bez.» Große Mohre«g. 10. Amtsstnnden von S—12 «. öo« S—8 Uhr Oeffnung einer Universitätsfafttltät als eine außerordentliche Errungenschaft angesehen wurde, kann sie jetzt den gleichen Bildungsgang durchwache» wie der Mann; während noch vor nicht langer Zeit, als der Justizausschuß in einer schönen Aufwallung de« Frauen das Recht zuerkanntr, als Geschworne fungieret zu dürfen, das österreichische Parlament so hefttg darüber erschrak, daß es diesen Beschluß sofort verwarf — sitzen jetzt Frauen in der Volksvertretung und nehme« an der Gesetzgebung teil. Angesichts einer so tiefgreifenden Umwälzung mutz' man sich die Frage vorlegen: ,Zat die Frau dies durch steten tapferen Kampf erworben? Hat sie all das in hartem Streit dem widerstrebenden Mann ab-' gerungen?? Die Antwort lautet: „Nein". Nur ei«- zelne wenige Frauen haben für die Idee der weiblichen Emanzipation gekämpft. Aber sie standen einsam und vereinzelt da. Die große Masse der Frauen hielt! sich abseits. So ist die Gleichberechtigung als ein Geschenk des Zeitgeistes der Frau irr den Schoß gefallen. Die Folge davon ist, daß sie ihrer neuen Stellung; und den hohen Aufgaben, die diese mit sich bringt,' zum größten Teile fremd, ja man!<mn geradezu sage«, fast hilflos gegenübersteht. Und wenn Sein soviel wie Kämpfer sein heißt, so bedeutet das öffentliche Lebe» in noch verstärktem Maße Kampf, schweren, erbitterte» Kampf. * Das erste uub wichtigste Kampfmittel aber .ist dis Zeitung. Sie ist ja heute , nicht mehr, wie einst, bloßes Nachrichtenblatt. Ihre Aufgaben und ihr Wirkungskreis sind mit fortschreitender Zeit gewachsen. Alle kulturellen und geistigen Bestrebungen, alle politischen Strömungen, jede neue Idee, aber auch die meisten private« Angelegenheiten — kurz das Leben der Menschheit in seiner Vielfältigkeit ftudet in der Presse sein Spiegelbild.. So. ist die Bedeutung der Presse gewaltig gewachsen. Ja, manche haben die Behauptung ausgestellt-- die Enteilte habe den Sieg mit Hilft der Weltpresse errungen und die Zentralmächte seien, daran zugrunde gegangen, daß sie eben die Weltpresse nicht zu beeinflussen verstanden. Gewiß! Man mag die Press« bekämpfen, man mag sie hassen, man mag sie. verachte» — aber man muß sie lesen. j Menschen, die im öffentlichen Leben stehen, Journalisten und Politiker pflegen so ziemlich alle größere» heimische» tmb die bedeutendsten fremden Tageszeitungen zu lesen. Es wäre selbstverständlich absurd! und auch unnütz, das von allen zu verlangen. Es ge-, nügt, wenn die Frau ihre Zeitung, die jüdische Fra» also beispielsweise die „Morgenzeitnug", liest: Ich höre? schon die Leserin sagen: „Gut, ich' werde die Zeitung lesen." Uber zwischen lesen und lesen gibt es gewaltige Unterschiede. , j Wie haben bisher viele Frauen die Zeitung ge-: lesen? Das Dienstmädchen las vielleicht, bevor es die Zeitung der Herrschaft überreicht«, noch rasch de» Roman; die Dame.des Hauses etwa vor allem dis Hof- und Personalnachrichten; das Töchtercherr began» möglicherweise mit der letzten Seite, wo die reizende! Rubrik „Korrespondenzen" prangt mtb las diese Anzeigen, die da lauten: „$ene reizeirde Dame mit de» herrlichen blauen Augen, welche...", oder „Einsamer. Spatz sucht ebensolche Spätzin . .Ja, es gibt sogar Frauen, die nie «ine Zeitung in die Hand nähme», es wären denn Witzblätter oder Modezeitungen. Svi wird vielleicht gar manche unserer Leserinnen in unserer Zeitung Kochrezepte ober Mvdeschritte schmerzlich vermißt haben. Aber unsere Zeitung soll weder ein Kochbuch noch ein Modeblatt sein. (Uebrigens wäre das. schönste Kochrezept bei dem heutigen Stand unserer Verpflegung ganz wertlos.) Wenn unsere Leserinnen de» Titel unserer Zeitung betrachten, so finden sie die Worte: Frauenrecht und Frauenarbeit. Nicht ohne M sicht ist diese Überschrift gewählt worden. Denn die Arbeit, die der Krauen harrt, hängt mit ihren Rechten zusammen. . < ‘ i j : f Die Frau darf nun die Zeitung, und vor alles ihre 'Zeitung, das ist für die jüdische Frau die „Morgerizeitung", nicht dmrchflieg-cn, wie es leider so. viele MH sie darf sich' auch nicht etwa Rosinen aus! der Zeitung auswählen, das heißt nur das, was ihr gerade interessant vorkommt, lesen und alles arrders achtlos beiseite lassen. So gehört es zum Prinzip vieler Frauen, den sogenannten Leitartikel zu überschlagen. Und doch ist er von großer Wichtigkeit. Bei dem offiziellen Blatte der Partei bringt er die Attschauung dieser Partei über eine wichttge Angelegenheit die Kritik über ei« wichtiges Ereignis, oft auch die prinzipietts Stellungnahme xu einer öffentlichen Frage. Gewiß wird' da die jüdische Frau Belehrung und zumindestens geistige Anregung schöpfen. Daß sämtliche politischen Ereignisse ohne Ausnahme der aufmerksamen Lektüre der Frauen bedürfen, wenn sie der Stellung, die sie jetzt erworben haben, gerecht werden wollen, bedarf wohl X cv—;—- *

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