Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-04-15 · Heft 87 (15.4.1919) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 87 (15.4.1919)
Date
1919-04-15
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979164--00764-2986092
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

mwat'WK;• siä% m*?& i&r&m&aBmmTTüsvri ■ [ E S Wien, Dienstag Wiener Margeuzertung Letzte Nachrichten. Mahmud Pascha gehängt. L o « do n. 13. April. (Tel.-Komp.) Nach einer Nentermetdnng ans Konftantinepel ist der frühere Go «v er« e«r von Arm emieir, Mahmud Pascha, wegen Mitschuld an de« armenischen Morden in Konstantinopel öffentlich gehängt worden. Der frühere Kommandant -er Gendarmerie, TervM Pascha, wnrde z« fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt. Dr. Aafchi« über Nohstoffkredite Amerikas. April. (Tel. der ,Wr. Moraenzta?) Am d. M. fand hrn eme Versammlung der tscheanschen Baunvwolllpumer -alt, die sich mit der Frage der Versorgung der Tschecho-Slowaker mit Baumwolle beschönigte. Der anwesende Fiuanzminist« Dr-. Raschin bet-Me in der Bersanmüung die Notwendigkeit der raschen Betriebsaufnahme der Fabrik«, welche dmch Gewährung eine- Rohstofskredits seitens Zlmerckas möglich sein werde. Es wurde beschlossen, rin KkhngliedriaeS Komitee zu bestimmen, daS die Vorarbeiten durchöyren soll. Zwei Delegierte begeben sich zum Emkanfe nach Amerika. Der Hopfenexport ans DShMen. . Saaz. 14. April. (Del. der ,Wr. Morgenztg.^, In der am 10. d. M. stattgtfimdenen Vollversammlung der Genossenschaft der Hopfen- und Produltenhändler, die den gesamten Hopfenhandel Böhmens repräsentiert, wurde eine außerordentlich scharfe Resolntion gegen das nrugeschaffene Hopfenexporti y n d i k a t in Prag, gefaßt, daS AuZfuhrbedinaungen erlassen hat, durch welch« jeder Verkehr mit dem Aaslande erdrosselt würde. ES werde kaum jemandem gelingen, von deutsch österreichischen Bramm Franks bezahlt zu vekoumu». Die Wahlen. Jüdische Studenten und Studentinnen! Ahr habt jetzt Ferien. Vorlesungen, Hebungen, Kmz alle eure Arbeiten, mit denen Ihr an eine bestmnnte Tageszeit gebunden seid, find für das Wintersemester geschlossen. Trotzdem liegen — das wissen wir — noch ge* «Ügend schwere Lasten auf euren Schultern. Aber eben well Ferien find, habt Ihr wenigstens die Möglich* röeit, soferne Ahr opferwillig seid, Opfer für unsere!Sache zu bringen und euch an der Wahlarbeit zu £ct::rHen. Sollte es wirklich nötig sein, bewußt jüdische .Studenten erst davon zu überzeugen, mi;'H;-enb wir wahrhaft Mische Vertreter in allen 'körpern brauchen, um unser Leben gesunden zu lassen, um vor allem der notleidenden Mischen Studentenschaft selbst M helfen? Wir glauben, es ist nicht nötig, noch einmal dm Finger auf alle diese Wunden zu legen. Nur eines soll hervorgehoben werden: Man mag .über Wahlersolgr denken, wie man will; aber eines M sicher, wir müssen die durch die Wahl* -Kampagne gegebene Hochkonjunktur!znr Propagierung unseres nationalen -Gedankens benützen. Daß dabei. mitzuarbeiten Pflicht vor 'allem der jüdischen Studentenschaft ist, wird niemand bezweifeln. ■ Jüdische Studenten und Studentinnen! Laßt euch lischt dm Vorwurf machm, daß ihr die Forderungen -des Augmblicks nicht versteht, oder daß ihr gleichgültig seid.; Tut eme Pflicht! Wichtige Date«'für die jüdische« Wühler. IS. April: Schluß des Nekramations- «erfahrerrs. 20., 21. und 22. April: Entscheidungen über! Reklamationen. 23. Aprü: Letzter Tag der Zustellung. - 24. und 25, April: Berufung an die Bezirksloder Stadtwahlbehördk 27. und 28. April: Erledigung der Prüfungen. 29. Aprll: Zustellung. 30. April, 1. und 2. Mai: Frist zur Behebung eventueller Mängel. 4. Mai: Wahltag. * Roch vier Tage ist Zeit, in den Wählerlisten nachzusehen, ob man in dieselben ausgenommen ist. Dies gilt insbesondere für jene -Inden «nd Jüdinnen des ziveUe«, -Manzigste»und nennte«, ferne t btssechsten, stedente« und achte« Bezirkes, welche ifett denWahlen in die Konstituante -deutschösterreichische Staatsbürger jgeworden find, oder die erforderliche Altersgrenze erreicht haben. Jeder benütze die kurze Frist, um lnachzuforfchen, ob die Namen aller -feiner wahlberechtigten Bekannten iin der Wählerliste enthalten sind Sitz der Agitationsleitungen. Das Hauptagitationslokal für den II. Bezirk befindet sich in den Räumen des Zionistischen Zentralvereines für Deutschösterreich, I!., Zirkus gas se 33, i 7. Stock. Hauptagitatiynslokül für den XX. Bezirk: XX., Karl 'MeWtzM^.5, Tür 1. Die Agitationsleitung für den IX. Bezirk befindet sich IX, Wasagasse Nr. 2, Mezzanin rechts. Die Agitationsleitung für den. VI., VII. und VH[. Bezirk befindet sich ab 10. 2k>ril 1910 tm Hause Westbahnstraße 29, Hochparterre links (Jng.*Bureau Bernhardt). Reklamiert unverzüglich Euer Wahlrecht! Reklamationen werden in den vv-genannten Agitationslokalen entgegengenommen und durchgeführt. Auskünfte in sämtlichen Wahlangelegenheiten werden täglich in der Zeit von 10 bis 12 Uhr vormittags und von 3 bis 6 Uhr nachmittags erteilt. Die nächsten Wählerversammlungen. M i t t w o ch den 16. April um V-,7 Uhr abends imgroßen SaaledesAesta u r a n t Alt, II., Rembrandtstraße 14. Redner: Frau'Erna P ata k, Dr. Jakob Ehrlich, David N e b e n z a h l. Donnerstag den 17. April um 7 Uhr abends im B r i g it t ä*S a-a l, XX., W i n t e r g aff e 27. Referenten: Frau Erna Patak, Dr. Leopold Plasch kes, David Nebenzahl. Die heutige Hemcinderatsfitzung. Auf der Tagesordnung der heutigen GemnuberatssitMg sichen der Stadtratsantrag westen Aufnahme eines K o n t o k o r r e n t a » l e h e» s bei der Länderbank in her Höhe von 50 Milliomn, dann die Anträge ans Regelung der LehrergeHalle. Die Angelegenheit der Lchrergchalte mnß aus'dem ganzen Komplex der Gchaltsfrage hcrausgerlssen werden, weil die Beschlüsse des GemeindcrateS in dieser Richtung die Zustimmung der Landesversammlung, die morgen zun: letzten Male ziisamnentritt, bedürfen. ' ._ Die Ernährung. Erhöhung der Mehlquote. ÄZie amtlich mitgeteilt wird» beginnt am 20. April die Erhöhung der Mehjlquote von 250 ans 500 Gramm. Gleichzeitig tritt die Erhöhung der Mehl- und Broh»reise in Straft. Die Detailpreise werden erst bekamttgegebe« werden. General Smuts über die Wiener Lebensmtttelnot. London, 14. April. <Tel.-Komp.) Die Blätter melden: Aus der Umgebung des Generals Smuts und einer Reihe der Herren seines Stabes wich übereinstimmend mitgeteilt, daß der Haupteindruck, den Smuts von seiner Reise nach Osteuropa heimgebracht hat, W ien ü etr e f fe» wo d i e N ot einen tiefen Eindruck ans all-Besucher gemacht habe. Zwar ist die Lage in Prag, Lemberg und anderen Orten auch'sehr schlimm, aber in Wien wäre die Not am größten und allgemeinst e n. Die Bevölkerung lebt tatsächlich von einem Tag zum andern und mehr als die Ration für höchstens zwei Tage ist in der Stadt Wien nicht mehr zu finden. Die Hilfsmaßnahmen umfassen auch die Beförderung hungernder österreichischer Kinder nach der Schweiz Biele Kinder treffen dort aber in einem fast hoffnungslosen Zustande ein und sind oft nicht einmal mehr in der Lage, etwas Milch zu sich zu nehmen. ' Der Marktbericht. Das Wiedererscheinm des h v llänkisch cti Krautes auf den Wiener Märkten batte auch gestern einen großen Besuch der Gnrnwarenmürkle zur Folge, doch verfügte nur der N a s chmarkt Über ein größeres Angebot. Die übrigen Märkte waren gänzlich unzure'cheno versehen, so daß der Verkauf bald nach Eröffnung der Märkte beendet war. Nebst Kraut gab e8 auch gestern nur Rüben und Wurzelwerk. Spinat ist wohl mit Rücksicht auf die vorgeschrittene Jahreszeit leichter erhältlich, jedoch nicht auf den Märkten, auf welchen der gewiß nicht zu weinig bemessene Richtpreis mit.8 Kronen für daS, Kilogramm eingehakten werden muß. In den Bezirksläden, wo er seit einigen Tagen in größeren Mengen anftancht, kostet er 5 bis 6 Kronen für das Kilogramm. Die -Großckarkthalle verfügte gestern nur über ein lamn nennenswertes Angebot an W e r ch w tt r st e n. Mit der BaSn kamen in der Großmarkthalle gestern und heute 6 Waggons Rindfleisch äri. Die Fischmärkte waren nnr mit Klippfischen in unzureichendem Maße versehen. Sehr traurig ist, daß gnade fitzt zu dm Feiertagen Eier auf den Märkten überhaupt nicht zu haben sind. Im Schleichhandel sind Eier bereits in großen Mengen zu haben; es ist sehr bedauerlich, daß sich die Piereinkaufsgesellschast nicht tüchtiger als der Schleichhandel erwiesen hat. Wenn die Vertreter des Schleichhandels auch höhere Preise bieten können, so ist doch andererseits die EiereinkaufSgesellschaft mit größeren. Machtvollkommenheiten ausgestatter. Dort aber ihre Macht wirklich an den Grenzen von Wien auf, so ist zu ihrer Ausrrchterhaltung kein Anlaß gegeben. Abgabe von ameeikmrijchem Pökelfleisch. Donnerstag, Freitag und- SamStag werden je 20.600 Kilogramm teils abgezogenes, teils unabgezogems a.m e r i k a n i s ch es Pökelfleisch in '/g-Kilograminpakrten gegen Abtrennung des .Abschnittes 51des alten EmkaufschemeS ohne Unterschied der Farbe zum Preise von K 20.— für V,-Kiloarammpaket in der Großmarkthalle zum Verkaufe gelangen, um diese Fleischahaabe zu regeln, werden Donnerstag dre Haushalte mit den Anfangsbuchstaben A bis H, Freitag J bis Q und SamStag K bis Z bedient. Auch bei der Meifchabgabe erhalten Haushalte bis zu drei Personen ein Paket, über drei Personen zwei Pakete zu Vs Kilogramm. Warenabgabe der „Rohö". Heute DienStaa den 16. April, Zentralmagazin, Piaristenaaste 19: Frankkaffee und Kleinigkeiten von 9 bis 12 Uhr. — um dieselbe Zeit im I» Hl., IX., X. Byirk ein kleines Quantunr Orangen, solange der Vorrat reicht. — u., V., XNl., XVUI. Bunt von 9 bis 12 Uhr und, wenn vorhanden, au« von 3 bis 5 Uhr: au*" ' dtiirk:Kleinigkeiten. 16. Aprll 1919 Nr. 87 '—1--——------j Bühne und Kunst. Sozialistische Literatur. Bon Heinrich Margulies. Allmählich beginnt in der sozialistischen Literaiurs die Erkenntnis Einkehr zu halten.- daß die von Grund auf gewandelten ökonvinisrhen Borhältnisse eine völlig; Neuorientierung jenen dogmatischen Begriffen gegenüber erfordern, rvelche die frühere sozialistische Ideologie diktatorisch beherrschten. Ist Karl KautSkY zu der Einsicht gelangt, daß das Ziel des Sozialismus nicht notwendig gleichbedeutend sei mit der Aufhebung drA Privateigentums und daß man es vielleicht auch unter Beibehaltung des privaten PesitzrechteS errnchen könne, fo kommt Rudolf Go ld scheid mehr und mehr dazu, den Begriff des Kapitalismus wieder aufzuerwecken und für die Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft als Baustein zu verwenden. Natürlich handelt es sich nicht um . eine unveränderte Uebernahrue srüh^rcr Vorstellungen: Goldscheid setzt an SMe des Privat kapitalismus hen Staats kapitalismus. Aber diese 9lendernug.ist säst schon sekundär und unterscheidet sich ganz, wesentlich von dem, was man bisher unter der Sozialisierung verstand. Denn bisher galt der Kapitalismus! zumeist schlechthin als etwas, das notwendig bekämpft und beseitigt werden mußte, während Goldscheid, zum Teil schon früher, insbesondere aber in seinem neue« Werk' „Sozialisierung der Wirtschaft oder Staatskapitalismus"*) grundsätzlich mit dieser blinden Berfehmung bricht. Der Grund hierftir liegt nahe genug: Gold scheid ist einer jener wenigen Einsichtsvollen unter den Neugcstaltern, die begriffen haben, daß angesichts der auf tvirtschaftlichem Gebiete schon bisher erfolgten Wett* revolution alle je geformten Begriffe, Vorstellungen^ Kampsobjekte- und Probleme völlig vorsintflutlich geworden sind gegenüber dieser einzigen Aufgabe, die ihre Lösung durch uns erheischt: der maßlosen anarchischen Unterproduktion zu steuern, welche die frühere anarchische Ueberproduktion abgelöst hat und welche den sicheren Hungertod im Gefolge hat. Wir müssen die Produktion wieder auf ein Maximuin.' bringen; alles andere ist Sacsw späterer Verrin* barung — dieses Bewußtsein schwerlastender geschichtlicher Verantwortung, das aus Goldscheids Schriften spricht, ist vielleicht sein größtes Verdienst. Er hat sich freigemacht von allem ideologischen Pallast, in welchem die offiziellen Parteien dogmatisch erstarrt sind. Er prüft altes neu und erkennt, daß Kapitalismus eine die Produktion bis zum Maximum anspornende Wirtschaftsforur und darum in gegenwärtiger Zeit einfach! unentbehrlich ist.! Wie. gesagt, Kapitalismus nicht als Schreckgespenst der Marxisten, als prositgierige Ausbeutung des Schwa? chen durch . den Starken — aber •: Kapitalismus; als! kapitalkonzeirtrierende Wirtschaftsform. Und das ist das! begrifflich Entscheidende daran: Wenn Goldscheid dann den privaten Kapitalisten ersetzt wissen will durch den Staat, so bedeutet das nur noch eine Rollen-, eine Besitz Verschiebung, keine grundsätzliche Neugestaltung mehr. ' ' Gvldscheib wünscht also, daß dar Staat zum mächtigsten Kapitalskonzentrator werde. Den Weg zu diesem Ziel — und dieser.Weg ist die Sozialisierung — sieht er, wie alle Sozialisten darin, daß rllinählich die Produktionsmittel ^.aus dem Besitz der Privaten in den Besitz des Staates Übergehen, .aber, und das ist ein ungemein wichtiger Gedanke, nicht durch eine Enteignung gegen Gelbablösung, sondern dnrch eine Vermögensabgabe, die nicht in Geld, sondern in natura zu erfolgen hat. Behält der Staat die Form der privaten Bewirtschaftung bei, so kann er den Unternehrner nicht allzu sehr mit einer geldlichen Vermögensabgabe belasten, ohne ihn zu ruinieren — ohne die Produktion zu beengen, und ohne sich dadurch selbst einer Steuerquelle zu berauben. Wenn aber der Unternehmer einen Teil seines Besitzes an Aktien, Grund und Boden nsw. dem Staat überträgt, so kann das Unternehmen selbst völlig unverändert, also rentabel, weitergeführt werden,, und überdies bekommt der Staat auf diese Weise eine materielle Deckung für sein Papiergeld und seine Schulden in die Hand, ein Vorteil, der sich bei ei nein einfachen Rückfließen des Papiergeldes, wie es die Geldkonsiskation mit sich bringen würde, nicht ergibt. Did Fülle der ungemein ivertvollen und gestaltungsreifen Gebankefi, die in Goldscheids Buch eilthaften sind, macht eine „Buchbesprechung" notwendig unzulänglich. Jedenfalls darf man sich vor Augen hatten, daß die hier entwickelten Theorien von enoriner Bedeutung fiir die Zukunft sind. Recht dürftig nimmt sich daneben das Büchlein des neuen Sozialisierung^- Ministers Otto Bauer**) aus,'das lediglich eine Art populäre Gebrauchsanweisung fiir sozialisierende Neulinge darstellt. j Arm an neuartigen Gesichtspunkten von licher Bedeutung, geht sie an jener allein entscheidenden Fragestellung: wie steigere ich die Produktion bis 'zum Maximum? achtlos vorüber. Diese Schrift entspricht völlig der Aricherung, mit welcher ihr Verfasser die Parlamentsberatungen über die Sozialisierung eingeleitet hat: Diese sei nur noch eine Frage des Wie, nicht mehr des Ob. In der Tat wird hier das Ob, allzu leicht, wie rms scheint, übergangM, die Ziclsrage, itfim* *) Verlag Anzengruber, Wien 1919. " **) „Der Weg zum Sozialismus^ von Otto L B.rM & Eo.. AM 1Z1A. Aauel',>

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.