Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 87 (15.4.1919)
- Date
- 1919-04-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Men. Dienstag die es in die Fremde mitgenommen hat, nachdem sS sein bares Vermögen nicht mehr bewahren konnte. Verliert das Volk seine Wechsel, so verliert eS seine Rechte. Ehakm Nachmurm Bialik. * Land! rufen nicht bloß unsere hungrigen Massen. Land! rufen auch unsere großen, kunstsehnsüchtigen Persönlichkeiten. Land! Dann soll die staunende Welt eine Kunstentfaltung sehen, daß alle die böswilligen Verkleinerer unseres Volkes zu schänden werden. Vielleicht wird sich dann wieder unsere ureigenste Kunstart, die Ethos kuu st, neu beleben, eine junge, moderne Prophetie erstehen. Jedenfalls aber werden wir in unserer jüdischeuropäischen Zivilisation große, ganze Meisterer der Steine, Formen, Farben und Töne Hervorbringen,, di« ihren Mitkünstlern anderer Nationalität nicht nachstehen werden. Land für die jüdische Kunst! Mathias Acher. * Wir kennen sie ja, lieber Freund, wir kennen sie und wir leiben an ihnen, diesen Tausenden sogenannten modernen Juden, die alle Fundamente benag;», weil sie selbst ohne Fundament sind, die heute verwerfen, was ne gestern erobert, heute besudeln, was sie gestern geliebt, denen der Verrat eine Wollust, Würdelosigkeit ein Schmuck und Verneinung ein Ziel ist. Sie geben sich nur hin, wo sie sich verlieren können und bewundern nur dort, wo sie sich verstoßen fühlen. Im Grunde ihres Herzens glauben sie bloß an das Fremde, das Andere, das Anderssein, erklärlicherweise, denn als Entgotterte sind sie ja unwandelbar und suchen vermittels eines Salto mortale oder einer Ekstase die Ergänzung im Extrem. Die in der Gier und im Krampf vergeudete Seelenkraft macht ihr Gemüt alsbald arm und öde und drängt sie auf das Feld steiler Spekulation, das heißt, sie treiben Kritik um der Kritik willen, der Formel und dem Urteil Zuliebe. Wer sie leiden auch selbst und ihr Leiden ist ein tödliches, das wissen sie so gut wie wir, die wir ihnen nur ins Antlitz zu schauen brauchen, um de:; Tod darin zu erkennen. ' " Jakob Wassermann. * . . . Tenn jedes Hdrz in euch ist eine Wüste, von tu armem Tau nie bestrichen, von feuchtem Gewitter nie erschüttert. Und die Oasen sind der Lüge heilig und der Unkraft: unter ihnen rieseln alle Quellen der Verstellung. Ihr schleicht in die großen Gesten und wähnt, ihr habt die Msten der Größe; die aber schwand, so eure Ketten schwanden und euer kleiner, gelber, schöner Fleck. ' „Freigesmnte" heißt ihr euch in vielerlei Verfärbung, aber Freigelassene sind solche Mir-sichfrer-Geredete, Sich-frei-Gefchriene. j > Denn wahrlich, nicht vom Himmel, wie jeglicher, .und mit roter Hand nähmet ihr die Freiheit euch : eine milde Gabe ward -sie euch gegeben — und sie riecht darnach. An jenem Tage der Verkündigung, da euch die Gnadenfreiheit in den Schoß gegeben ivard» da ging eine Stimme durch die Welt: „In euch ist ein Hund gefahren, ein Speichelleckerund Sich-heisir-Beller!" Darum schwanden die Ketten, aber ihr Rasseln blieb, und unverwindlich stärker als die Fesseln ist ihr Nachklang: in eurer Stimmen Geläute, in euren Händen und Eingeweide» dröhnt er fort und sonderlich in eurem Lachen! Doch aller Häßlichen Häßlichste heißen wir jene, die, lang von Verstand und kurz von Gedächtnis, „vorurteilslos" und beherzt zum lohnenden Wasser gehen: Pessachreminiszenzen. Von A. Stand. Ich will aus meiner Jugendzeit einige Eindrücke, die der Pessachabend bei mir hervorrief, wiedcrgeben. Die Eindrücke entstammen einer nicht sehr entlegenen Zeit und doch sah der Pessach ganz anders aus, als heute. I. r Anfang der Aeunzigerjahre war -e2. In Lemberg. Das Nahen des Pessach spürte man schon nach Purim. In der Natur kündigte er sich an: der Schnee, der monatelang in den Straßen lag, begann zu schmelzen, die Sonne kam aus ihren Versteck heraus, der Winterschlaf der Natur nahm' sein Ende: Und im jüdischen Heim kündigte er sich an. Es wurde radikal geräumt, gescheuert, gesäubert, wochenlang hatte die Mutter mit der Vorbereitung des Pessach zu tun. Und je näher der große Tag, desto größer die Arbeit. In den letzten Tagen begann auch die Seele zu spüren. Eine weihevolle Stimmung bemächtigte sich der Gemüter, matt spürte bas Hrrannahen von etwas Erhabenem und Hohem. Da kam der Sederabend. Alle setzten sich Zu Tisch. Mit erhobener Stimme beginnt der Vater das „hu lachmah anja" zu rezitieren. Dann bekommt der Jüngste das Wort und stellt die bekannten vier Fragen. Man versetzt sich in die alten Jahrtausende, wo alles in primitiver Weise vor sich ging. Die Naivität fragt und die Erfahrung spricht. Der kleine Dub, der erst ins Leben hinauskommt» will sich Über die Ursachen und über die Geschichte dieses hohen Festes informieren und der Erfahrenste soll ihm Bescheid gebrn. Nachdem die Fragen gestellt wurden, kam die Antwort: .Unechte waren wir" und mit kräftigen starken Worten Wiener Morgenzeitimg der ihren Schacher aus dem Tempel getrieben — nun treiben dieselbigen Mit seinem Tempel Schacher und kriechen zum einträglichen Kreuze. Wahrlich, sie schachern noch mit Taufwasser und Vaterunser! Die ehrlichen Küster klagen: des Weihrauchs gibt eS nicht genug, um eurer Lügenfeier widerliche Düfte zu umhüllen.. Abraham Schwadron. PolitischeNnndschau. Die Freunde der Verwirrung. Die Münchener Räterepublik hat genau ein« Woche lang gelebt. Sie hat schon in der Stunde des Entstehens den Todeskeim in sich getragen, da sie sich nicht auf den Willen der Mehrheit stützte, wie dies das Gebot der Demokratie erfordern würde, sondern die Diktatur einer schwachen Minderheit aufrichten wollt«. Die Truppen versagten schon am ersten Tag der neuen Herrlichkeit, die Gefolgschaft und die bäuerliche Umgebung Münchens zog die Blockadekette recht fest zusammen. Der abenteuerliche Kommunismus, der die Vernichtung der Gütererzeuguttg und die Zerstörung aller Kultur bedeutet, mußte eben in Bayern, das über eine politisch regsame Bürgerschaft und eine ausgezeichnete Bauernorgan'sation verfügt, Zusammenstürzen, als er an die Realität der Tatsachen stieß. Der Kommunismus ist eben nichts anderes als brutale Niederhaltung einer ganzen Schicht von Erwerbenden, Tätigen, Schaffenden. Er tritt mit der Maske des Erretters des Proletariats auf und leiht sich von dem jetzt überwundenen System des Monarchismus und Absolutismus die Maschinengewehre und Handgranaten, um sich an der Macht zu erhalten. Es ist kein politisches System, Menschen, die als Bürger gewerkt werden, aus ihrer Wohnung auf die Straße zu * jagen, sondern einfach Roheit. Es ist nicht Politik, einen in8 Wasser geworfenen Minister, der an das Ufer» schwimmen will, zu erschießen, sondern Gemeinheit. .Und die Beschlagnahme der Gehalte von Angestellten ist ebenfalls nicht Politik, sondern Mißhandlung ehrlich arbeitender Menschen. Und die Presse knebeln, ist keine Politik, sondern ein Berbr-chen gegen den Geist der Demokratie. Der Sturz der Münchener Gewaltpolitiker muß von jedem begrüßt werden, der die Errungenschaften der Revolution in Mitteleuropas nicht durch Schwarmgetsterei und durch herumziehende Demagogen gefährdet wissen will. Die Bekämpfung solchen Treibens ist nicht allein Sache des Bürgertums, sondern aller, die endlich den Krieg überwinden und an den Wiederaufbau der Gesellschaft und der Wirtschaft schreiten wollen. Aber es ist nötig, sich ganz genau darüber klar zu werden, baß die Sorte von Despoten, die Mitteleuropa ruinieren will, letzten Endes doch nur-die Geschäfte aller derer besorgt, die die bisherige Entwicklung zur Ohnmacht verurteilt hat, denen die politische Vormachtstellung entrissen worden ist und die deshalb Todfeinde jeder freiheitliche« Evolu ion find. *. Das sind in Deutschland und auch bei uns immer dieselben Elemente: die abgehausten militärischen und zivilen Bureaukraten, dir Plusmacher und Wucherer des Krieges im Bunde mit dem im Hintergründe lauernden Monarchismus. Diese GesellsHrft, die den Führern der Revolution an Geschicklichkeit und Gewandtheit weit überlegen ist, benützt jedes Mittel» um durch Verhetzung, durch Unterstützung der wahnsinnigsten Parolen die durch den Krieg geschaffene Einheitsfront aller sozial und gerecht Denkenden zu sprengen» bet dem allgemeinen Durcheinander ein bißchen im Trüben zu fischen und sich so der drohenden Abrechnung zu entziehen, indem sie den alhn Zustand der Herrschaft einiger priviwird die gruselige Pyaraonenversolgung der Juden geschildert. Biele Kapitel jüdischer Geschichte rollen da von unseren Blicken, n chts Heiteres, Erfreuliches wird uns mitgedeilt. Die Kinder bekommen Mnblick in die Geheimnisse der menschlichen Bestie. Mord, Totschlag, Schändung» sind auf der Tagesordnung. Die Rasse aber, die schon damals zäh Md widerstandSkrästig war» ließ sich die Gesetze ihrer Erhaltung vom Feind nicht diktieren. Trotz oder infolge vielleicht dieser furchtbaren Verfolgungen blirb sie bis' auf den heutigen Tag erhalten. Sie feiert den Abend durch Dankeslieder, durch das Preisen Gottes ober im Momente der höchsten. Empörung durch das Rachelied „Schfoch chamostha". Eine Stelle der Hagadah interessierte mich immer besonders. Bon vier Söhnen des Volkes wird erzählt. Der erste ist der Checham. Er fragt Über den Inhalt der Vorschriften, der Gesetze und Rechte, dir Gott einst verordnet hat. Er ist von allen vier Söhnen der einzige geratene Sohn. Ein Weiser, ein Führer. Und schon in der Kindheit beschlich mich der Gedanke» jahrelang verfolgte er mich und nie würde ich seiner los, bis zum AugenSli.be, in dem ich die Antwort erhielt, „wo ist der Weife, der jetzt unser Volk führt?" Nirgends war er zu erblicken. Die anderen, die mißratenen Göhnr, der Ausgelassene» der Einfältige, der Schwachkopf, die waveü da. In großer Zahl» überall, ja sogar an hohen führenden Stellen. Der Chacham fehlte. Und das war für mich das Dunkle, das Unbekannte, das Unverstä«''ltche des Pesiachabendr. die große Lücke, die gähnende Leere, das Vakuum. Dar verdarb mir die Freude am Abend und rief seelische Unruhe hervor. Mit der Zeit wandelte sich diese Unruhe in Hoffnung. Ich bekam die Sicherheit, daß der Chacham bald loutitvcn wird. Daß neben den drei unangenehmen Typen» die zu Hunderttau senden LS. April 1919 Nr. 87 . ' —---——-;—-—i legierter Ordensträger als Retter aus der Not erscheinen lassen. Keine Lüge ist ihnen schlecht genug. Aus diesen Kreisen'stammt die frech» Lüge von der Identität zwischen Judentum und Bolschewismus, diese Leut« erfinden zum Beispiel den Unsinn von der Kvmnmnisierung der Frauen, diese Kreise bemächtigen sich freudestrahlend einer jeden Dummheit der Radikalen, um dann vor das Volk zu treten und zu schreien: „Seht^ wie es doch früher besser war!" Als ob in dar Monarchie niemals arme Familien delogiert worben wären» als ob in der Monarchie niemals Kinder im Rinnstein verreckt wären, als ob die Monarchie mit ihrem System der Gewalt, der Militarisierung, der Scharfrichter nicht den Straßerirsdnern der Kneipenpolitiker bas nötige geistige Rüstzeug geliefert hätte. Der Widersinn des Kommunismus, dessen Praxis in einem so entsetzlichen Gegensatz zu seiner Theorie von der Beglückung aller Arbeitenden stehen, ruft alle auf die Schanzen, die nicht wollen, daß das Elend dieses Krieges zum Kampf aller gegen alle, zur Zersieischung der Klassen, zum Bürgerkrieg führe. Aber in Gesellschaft derer, denen jede Entgleisung einigen wurzelloser, übergeschnappter Lärmmacher einen Glücks-i fall bedeutet, kann der Kampf der Geister, der zur Klärung der Verhältnisse unerläßlich ist, nicht geführt werden. Sie kompromittieren das Bürgertum und die Arbeit. __ 1 HU* Pole« und bi« Grenzgebiete. (Debatte in der polnischen Nationalversammlung.) In der Sitzung vom 3. April erstattete der Ab-, geordnete Grabski den Kommissionsbericht über daÄ Verhältnis zu den Nachbarländern. Er führte folgendes' aus: Durch die Teilnahme Polens am Friedenskongreß sowie durch die Bereitwilligkeit, dem Völkerhund beizutreten, ergibt es sich von selbst, daß Polen bereit ist, alle Streitfragen mit den benachbarten Staates und Völkern dem Friedenskongreß zur endgültigen Entscheidung vorzulegen. Es ist keineswegs daS Ziel deH polnischen Staates, durch militärische Gewalt sich irgendeinen nachbarlichen Gebietsteil anzneignen. Andererseits ist Polen nicht in der Lage, die Sowietregierungen in Litauen und Weißrußland anzuerkestmn, da dies« nach Meinung der Kommission keineswegs den Ausdruck der wahren Slimmung der Bevölkerung bilden. Die Kommission konstatiert, daß in der Korrespondenz der Sowietregierung Rußlands nicht der Wille und die Aufrichtigkeit zum Frieden vorhanden ist; ganz im Gegenteil liegt es in der Absicht der Sowiekregierung, für die Verbreitung des Bolschewismus zu wirken, und ihre Absicht war es, in irgendeiner Form der polnischen Regierung die Anerkennung der Sowjets als legal« Regierung des gewesenen russischen Staates sowie Litauens und Weißrußlands zu entlocken. Dis Kommission findet es für gut, daß die Regierung sich in keinerlei Verhandlungen mit den Sowiettegierungen einließ, ohne sich vorher mit den Ententeregierungen! verkündigt zu haben. Die Kommission konstatiert auch» daß eS zwecklos wäre, nur einzelne Teile der Korrespondenz mit der Sowietregierung zu veröffentlichen» hält eS jedoch für nötig, die gesamte Korrespondenz» die seit der ersten polnischen Regierung mit der Sowietregierung geführt wurde, zu veröffentlichen. Ueber Polen und Weißrußland erklärt der Referent, daß es die Aufgabe der Polen sei, dort durch die polnische Herrschaft Gerechtigkeit und Kultur aufzurichten, die Negierung möge alles unternehmen, um diese Länder zu einer staatlichen Einheit mit Polen zu vereinigen. Wohl erkenne die Kommission das Recht dieser Staaten an, sich selbständig zu konstituieren» sie erwartet jedoch, daß sie aus freien Stücken dem' Verbände des polnischen Staates beitreten werden. Bor vorkamen, auch der eine Große, Auserwählte bald erscheinen wird, um sein Volk nach außen zu vertrete«! und nach innen zu organisieren. Das war der Pessach meiner Kindheit. Der Pessach der H o f f n u n g t n.; ■ - - n, Hoffnungen verpflichten. Da sich die Ah..»uz zu einem starken Glauben verdichtete, daß der Chacham.bald Ckommen wird, drang sie mich zu einer Betätigung. Es sollten die Bedingungen vorbereitet werden» dir Menschen bereitstehen zum Empfange/ und ^zur Erfüllung seiner Lehre. In den Neunzigerjahren bildete sich unser kleiner Kreis, warf sich in dxn Strudel der Arbeit und schleudert« den zionistischen Gedanken in die galizische Masse. Jeder weitere Pessachabend stand bei mir im Zeichen der Hoffnung. Ganz anders war eS um die Mitte der Munzigerjahve. Traurig setzte ich mich zu Tische, «im ungeheure Lücke verspürte ich, meine arm« Mutter, die nach jahrelangem schwerem Siechtum dahingegangen ist,' fehlte an unserem Abend. Nach außen hin war der Pessachabend wie ein Ei dem andern, seinem Vorgänger ähnlich. Nach innen war eS ein trauriger Geber. Und bis zum Moment, wo wir zur Stell« Über die vier Söhne kamen, fühldr ich mich arm, vereinsamt, verlassen. Da kam der Passus über den Chacham. Jetzt verspürte ich einen Flügelschlag der Geschichte, jetzt öffnete sich mir bas Mysterium der Historie: Der Chacham war da. Schön, groß, starfl, stämmig, mit Willen» Begeisterung, Enthusiasmus, mit Horizonten und Großzügigkeit, mit Ideen und Tatkraft auögestattet. Derjenige ist erschienen, der die Vorschriften, die Gesetze und die 3kechte erfüllen wird. Au diesem und den nächsten Kcssachabe.vden. war. ich. bejoudexL stolz