Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 87 (15.4.1919)
- Date
- 1919-04-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979164--00761-2986089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 2× ep/1000834
- Pinsk 1× ep/1045440
OCR text
Sk. 87 WM, Menstag Wiener Morgerrzeituirg 15. April 1919 Seite 8 tetTem jedoch müssen diese Länder vom bvtschewikischew Terror befreit werben.. In der darairfsolg^chcrr Debatte spricht als Erster Llbg. Ia b lo n v w s i i (Nationaldemokrat). Er untere streicht die Ausführungen der Kommission - und bringt eine Resolution ein, die besagt, die Nationalversammlung möge sich für ein friedliches Zusammenleben mit den Polen und Ruthenen einsetzen und zu diesem Zweck den Ruthenen nationale Autonomie gewähren, ohne jedoch dadurch die Einheit des polnischen Staates zu verletzen. Abgeordneter Oschiecki (Thngutgruppe) ist ebenfalls einverstanden mit der Resolution der Kom- Mission, ist jedoch gegen einpolnische Mappe, wie sie vom polnischen Nationalbomitee in Paris entworfen wurde, denn bei ihrer Verwirklichung würde Polen 16,000.090 fremder Nationen beherrschen und in der Nationalversammlung nur eine geringe Majorität besitzen. Auch er ist für eine Verständigung mit den Nationalitäten. Abg. Domski (Piastgrnppe) hält eine längere gföebe, in der er ausführt, daß Polen nur dann existieren kann, wenn es groß und stark sein wird. Er verlangt nicht nur Lemberg, sondern auch .ganz Ostgalizien für den polnischen Staat. Weißrußland ist für ihn nur ein ethnographischer Begriff. Er verwahrt sich dagegen, daß man in der Nationalversammlung immerfort „von den östlichen Grenzländern" spricht, denn diese sind für ihn keine Randgebiete, sondern nur erweitertes polnisches Gebiet. Mr ist auch gegen eine Verständigung oder Verbindung mit den Weißrussen. Für die Litauer, deren. Zahl 8,000.000 beträgt, muß man jedoch das Recht aus die eigene Staatlichkeit zuerkennen. Er ist gegen Berhanblungen mit den Sowietregierungen und macht es der Regierung zur Pflicht, daß die administrativen, und die zivilen Behörden nicht das „gute Verhältnis mit der Bevölkerung" stören, das die militärischen Behörden hergestellt haßen. Die vlon ihm vorgelegte Resolution fordert von ocr Regierung, alle Kräfte dafür einsetzen, um den bolschewikischen Ueberfall abzuwehren, und verlangt eine feste Verbindung der nordöstlichen Gebiete mit Wilna als Hauptstadt. Llb geordneter Nierzalkowski (P. P. S.) weist auf die widersprechenden Nachrichten hin, die aus Litauen kommen. Während die einen die Behauptung aufstellen, daß die polnischen Soldaten dort mit offenen Armen empfangen werden, bringen andere Berichte über das Zunehmen der Mschewikischen Bewegung. Es steht nicht fest, welche dieser Berichte richtig sind, jedenfalls aber sei cs erforderlich, daß alle Völker ein klares Programm der polnischen Republik erhalten, und daß Polen bekenne, welche Absichten es im Osten habe. Es muß seststehen, ob sich die Regierung für die freie Entscheidung der Litauer und Weißrussen ausspricht oder ob sie sich dazu Hergeberl wird, aus Mangel an einem bestimmten politischen Programm zum Werkzeug der großgrundbesitzenden Schlachzizen zu werden. Redner weist darauf hin, daß Polen nur damals Anziehungskraft für andere Völker hatte, als das polnische Vplk sich selbst regierte und auch den anderen Völkern dieses Recht nicht rauben wollte. Er erinnert an die Herrschaft der. Soldateska, die die Weißrussen dem Bolschewismus in die Arme getrieben hat. Wohl anerkennt er, daß der Komrnissionsbericht von demokratischen Phrasen vollgespickt ist, doch die Sozialisten haben aus den Erfahrungen der letzten Monate gelernt, welch ein Unterschied zwischen den Reden und Taten der Regierung bestehe. Vor wenigen Tagen noch versicherte der Ministerpräsident, daß Polen der einzige Staat im Osten sei, in dem Ruhe und Ordnung herrsche, und auf mein Volk, da ich wußte, daß es den Chacham erhalten hat. Es waren die Pessachabende meiner Jugend. Die Pessachabende der Erfüllung. - Dev Pessachäbend 1906. Doppelt traurig setzte ich mich'zu Tisch, Der Vater'fehlt auch schon. In ziemlich jungen Jahren, bereits elternlos, spüre ich wehmütige Stimmung. In dieser Stimmung beginnen wir. Und als ich zur Stelle des Chacham gelange, öffnet sich ein neuer Llbgrund, groß wie die Hölle. In den heißen, sonnigen, langen Tamustagen ist der.Chacham gestorben. Nichts bleibt übrig, als sich seiner zu erinnern, seiner Person und seiner Tat, seiner Flüge und feiner Träume, seines weiten. Blickes und seiner unendlichen Güte. Und so sind die weiteren Pessachtage bis auf den heutigen Tag.- Es sind die Pessachabende meines Manne s a l t e r s, Pessachabende der Erinnerung. ' Hoffnung, Erfüllung,Erinnerung. Nicht nur ich, meine ganze Generation hat hie drei Phasen mitgemacht. Die drei Phasen wiederholen sich wie ein Naturgesetz nach gewissen Zeitläuften. Das letzte Jahr, das Kronen auf den Boden warf, Throne zerschmetterte, Imperatoren verjagte, Völker demütigte, aber auch Völker erhob, dieses Jahr birgt für uns neue Werte. Dunkel spüre ich es in meiner Seele, der Pessach des heurigen Jahres, der arme proletarische, mit Speisen karg bemessene Pessachabend, an dem nicht Speisen, sondern Fragmente von Speisen fein werden, derselbe Pessach wird nach innen ein großer werden, denn er birgt in sich das Allerheiligste — die Hoffnung. Wolf Stand. SU gro3 B. KULLMANN Wiön, I., Rudolfsplatz 3. Reichhaltige Auswahl in Seidenwaren u. SeidentÜchem, Export nach allen Richtungen, | rühmte dabei die Verdienste der Arbeiterschaft. Heute jedoch führe, man trotz der Ruhe und Ordnung den Ausnahmszustand ein. Wohl vermied es frsr Berichterstatter, sich ganz .klar auszudrücken, doch die Rede des Abgeordneten Domski stellte sich ganz auf den Boden des niedrigsten Imperialismus. Sie erinnerte stark an die Reden, die wir früher einmal im deutschen Parlament hörten, als die Soldateska noch obenauf war. Er warnt die Regierung und macht sie darauf aufmerksam, daß die sozialen Stürme nicht eine Folge von Agitationen feien, sondern sie kommen mit der Reife der Zeit und die bürgerliche Politik provoziere ihren Ansbruch durch die Verhängung des Ausnahmszustandes. Die Resolution der P. P.'S. will festgestellt haben, baß die militärischen Aktionen nur einen Verteidigungscharakter tragen und spricht sich gegen eine Einmengung in die inneren Verhältnisse Rußlands aus. Auch die P. P. S. anerkennt nicht die Sowjets in Litauen und Weißrußland und verlangt, daß man der Bevölkerung die Möglichkeit gebe, durch eine Volksabstimmung über ihr Los zu entscheiden. Nach der Rede des Vizeministers für Aeußeres, Wroblewski, der die Erklärung abgibt, daß die Negierung dem Standpunkt der Kommission beipflichtet, wird die Diskussion vorläufig geschlossen. Polnischer Landtag. Die östlichen Randgebiete. — Die Reden Dr. Weinziehers und Grünbaums. — Liirmfzenen: H. Warschau, 13. April. (Tel. d. „Wiener Morgenzeitung".) Di« Judeirfragc in Polen ist in ein akutes Stadium getreten. Sie läßt sich weder durch kurpfuscherische Mittel gewisser Politiker, noch durch bewußtes Totschweigen aus der Welt schaffen. Trotz des Bemühensihr suulichst auszuweichen, taucht sie fast überall auf, wo es nur irgendeinen Berührun'gSpunkt mit ihr gibt. Dies zeigte sich auch in der Frage der östlichen Randgebiete, über die vor wenigen Tagen im polnischen Landtag verhandelt wurde. Man geht daran, Litauen und Weißrußland mit. Polen zu vereinigen, Gebiete, die über 17 Prozent Ju den aufweisen, von bereu Haltung eingestandenermaßen die günstige Regelung dieser Angelegenheit zum großen Teile abhängt, und man erwähnt diesen Bevölkerungsteil im Kommissionsbericht mit keinem Sterbens- Wörtchen! Man glaubt der leidigen Judenfrage auf diese Weise aus dem Wege zu gehen, wodurch aber, wie der Abgeordnete Dr. Weinzieh er richttg bemerkte, das Gegenteil von dem Gewollten erzielt wird. Denn die jüdische Bevölkerung jenes Gebietes, die schon von seiten der polnischere Besatzungstruppen, der sogenannterr Träger der westlichen Kultur, vieles zu leiden hat, wird die Behandlung als quantito negligeable seitens der Regierung kann: mit dem erwürrschten Vertrauen quittieren. . Die Frage der jüdischen Minoritäten. in den östlichen Randgebieten tauchte im Landtag auch während der Debatte über die Nominierung von polnischen Abgeordneten aus Litauen und Weißrußland auf. . Diesmal war es der Abgeordnete Grünbaum, der diese Frage ausführlich zur Sprache brachte. Anknüpfend an den Massenmord in Pinsk, welcher Teil der Rede von einigen polnischen Abgeordneten durch heftige Zwischenrufe gestört wurde, stellte der Redner fest, daß die polnische Politik in bezug auf die Grenzgebiete darnach angetan ist, die dortige jüdische Bevölkerung abzustoßen. Nicht besser wird übrigens auch dir weißrussische Bevölkerung behandelt, der der General Dowbur-Musznicki ein gründliches Mißtrauen zur polnischen Macht einflöhte. Die Schlußworte G'rünVaums lösten bei den Mgeorbneten beS Nattonalen Arbeiterverbandes einen heftigen Sturm aus, der beinahe in Tätlichkeiten auszuarten drohte. Wahrend Abgeordneter Grünbaum die Tribüne verließ, ertönten Rufer D eu t s ch e r S p i on, P r ovokation u. dergl. Die Abgeordneten Zagorski und Nowakowski stürzten sich auf ihn, zu Tätlichkeiten ist es jedoch, dank dem Dazwischentreten einiger Abgeordneter, nicht gekommen. . •> , z ■ ' ■ ■ Zur Interpellation in der Angelegenheit Pinsk berichtet „Der Moment", daß diese von allen jüdischen Abgeordneten unterschrieben war, mit Ausnahme des D'r./St ein Haus, der seine Unterschrift verweigerte. In die Untersuchungskommissiou, die nach PiuSk entsandt wird, delegierten die jüdischen Abgeordneten die Abgeordneten Grün bäum und Prilueki. Die Lage r« Odessa. Ein Sonderkorrespondent der «Times* meldtt über dir Räumung von Odessa: Bis zn den jüngsten Fortschxittep der Bolschewiken wurde Odessa hauptsächlich von der Ukraine aus verproviantiert. Sobald aber diese Berbinduug abgeschmtte.r war, wurde die Stadt mit Lebensmitteln fast gänzlich von der Entente abhängig. Die Behörden versuchten Mehl ans Rumänien zu erhalten, aber Rnmänien besaß selbst keine Vorräte. Wenn mao Odessa mit Nahrungsmitteln versehen wollte, wurden, monatlich 40.000 Tonnen Nahrungsmittel der verschiedensten Art notwendig sein. Die Lebensmittel sowie die Schiffe fehlen aber vollständig und daher bestand die Notwendigkeit, dir Stadt aufzugeben, so daß dreiviertel Millionen Menschen m die Händedcr Bolschewiken gefallen sind. Diese drriviettck Millionen sind vielleicht bereit, sich den Bolschewiken anzuschließen. Es gibt außerdem.aber noch eine halbe Million Mensche», die ententefreundlich sind und von einem Bolschewismus nichts Horen wollen. Der Rückzug nach der Dnjestrlinie nnrd einen furchtbaren Nachteil für unsere Lage bilden,. da durch diesen Rückzug ein tiefer Eindruck auf. die bessarabische Bevölkerung zu befürchten sei, über deren Gebiet die Bolschewiken nach Ungarn zu gelangen hoffen. Inland. Die finanziellen Verhandlungen mit ln allen tzreinaaen. R«daratu*«n unter (üin utic.. Farbbänder für alle Systeme, erstklassiger Material. Leop. Kurzer, Wien, VH., Westbahnstraße 23. Telephon 81587. 363 Anerkennung des deutschösterreichischen Eigentums in Ungarn. — Anerkennung der Privatforderungen. — Reduzierung des ungarischen Beitrages zn den Staatsschulden. - Prolongation der Schatzscheine. Amtlich wird gemeldet: Die Verhandlungen, die s,> am Samstag zwischen dem Staatssekretär der Finanzen Dr. Josef Schumpeter einerseits, dem ungarischen Bolkskümmissär für Finanzen Julius Leng Hel und' dem wirtschaftlichen Beauftragten Andreas Fenyö andererseits stattfanden, hatten hauptsächlich die Frage der Anerkennung des in Ungarn befindlichen deutsch österreichischen Eigentums sowie die Frage der am letzten Samstag fällig gewesenen unga- , rischen Schatzscheine zum'Gegenstand. Die Vertreter der ungavischen Regierung nahmen hinsichtlich der ersteren Frage den Standpunkt ein, daß , das deutschösterre ichische Eigentum selb»stverständlich anerkannt wird und bezüglich der deutschösterreichischen Guthaben in Ungarn Ueberweisungen unter Wr Voraussetzung ermöglicht werden, daß dasselbe von Deutfchösterreich geschieht. Privatforderungen deutschösterreichischer Staatsangehöriger würden als Forderungen an den ungarischen Staat betrachtet lverden und wie die anderen .Staatsschulden behandelt werden. Bezüglich der S t a a t s s ch u l d e n waren die ungarischen Vertreter der Ansicht, daß.das neue Ungarn, da es nicht den Umfang des alten Ungarn hat, auch nicht für alle Farderungen des alten Ungarn aufkommen Müsse. Die auf das neue Ungarn entfallende Qu -rte würde aber nach Durchführung der hierzu erforderlichen Vorarbeiten unbedingt geleistet werden. In der Frage der fälligen Schatzscheine erklärten sich W Vertreter der ungarischen Regierung unter gewissen Voraussetzungen zn einer Prolongation bereit. Zur Erledigung der einzelnen Fragen werden weitere Verhandlungen notwendig sein, die in der nächsten Zeit geführt werden dürften. Gin Begnadigungsbeirat. Präsident Seitz, dem nach den neuen Bef fassungsgesetzen nunmehr das Begnadigungsrecht zusteht, bestellt eine, Kommission, die aus drei Mitgliedern, einem Rechtsanwalt» einem Richter und einem Laien, besteht, und der . die Aufgabe zufällt, ihm als juristischer Beirat in allen Angelegenheiten, die dem Präsidenten von den Gericht s- Höfen zur Begnadigung vorgelegt werden, zur Seite zu stehen. Die Advokatenkammer hat mit Stimmenmehrheit Dr. Julius Ofner als Vertreter des Advokatenstandes in diese Begnadigungskommission gewählt. Das Vermögen der Habsburger. Präsident Seitz hat den Wienvr Rechtsanwalt Dr>Gustav H a r p n e r mit der Durchführung der vermögensrechtlichen Verhandlungen zwischen der Republik Deutschösterreich und dem Hause Habsburg- Lothringen, als dessen juristischer Vertreter Dr. Sou* nt o tt t füngiert, beauftragt. Die Verhandlungen zwischen Dr. Harpner und Dr. Comnont haben, wie verlautet,. bereits begonnen. Der Reiseverkehr. Bekanntlich hat da§ Staatsamt für VolkSernährung eiNen Verordnungsentwurf ausgearbettet, nach dem der Sommer¬ und Reiseverkehr für alle deutschösterreichischen Länder einheitlich geregelt wird. In der Verordnung, die den Landes regierungen zur Stellungnahme übersendet worden ist, werden die Modalitäten für den Sommerfrischenverkehr geregelt. * Die Bestimmungen dieser Verordnung stehen im Gegensatz zu den von den Landesregierungen erlassenen E in reis everboten, und es macht sich bereits auch tu den Länder» ein großer Widerspruch gegen die Verordnung des Staatsaintes für Volksernährung geltend, der sowohl in den ge«, wählten Körperschaften der Länder als' auch in der Kresse zum Ausdruck kommt. . j So wird aus Klagen für t berichtet, daß in der letzten Sitzung der Käxptn^r L<^nd^^ersammlun<?