Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 87 (15.4.1919)
- Date
- 1919-04-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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t Rr. 87 'Wien, Dienstag Zherzengrad steigt der Rauch zum Mauerkranz der Burg hinauf uird beginnt den grämlichen Gesellen zu bedrängen, der jetzt jämmerlich zusammengekauert vor sich hinbrütet. Er sticht ihn in Nase und Augen und qruält ihn, bis er spuckend und fluchend sorteilt. Ja, die Chederjungen haben den Dämon ansgeräuchert. Die Luft ist rein und die Jrwenstadt kann dem Seder entgegenträumen. Bald wird der Dämmer die Stimmen des Tages verlöschen, angelweit werden die Türen stehen, und d'is wundersame jüdische Weihenacht, das traute, weinselige, das liedcrfrohe Fest der FrühlingssMneuwende wird einziehen. ' . , Unsere Geschichte. Bon Robert Stricker. Die Geschichte ist der Quell, aus dem die Volksseele ihre wertvollsten Kräfte schöpft. Ein Quell, der in grauen Nebeln seinen Anfang nimmt, seine User sind die Zeiten, Lorbeer und Zypresse tauchen ihr Geäst in seine Fluten und würden sie. Der Schwache trinkt,und trinkt sich Kraft, Begeisterung, wer matten Herzens ist... - , Durch Juda wälzt sich träge ein Blutstrom. Trübe Nebelballen sendet er aus und ahnet Verwesung. Beugst du dich hin und willst trinken, stieren dir gebrochene Märtyreraugen entgegen, hörst du Greise Totengebets murmeln. Dann prasseln Flammen, Männer brüllen in rasender Pein und die Meute heult, unter Knechten röcheln W-eiber, ein ungebornes Kind wimmert im zertretenen Mutterleibs und es wird still. Ausgesungen hat die Welle, wirft einen verkohlten Leichnam vor deine Füße und zieht weiter... Willst dein Kind die Geschichte deines Volkes lehren, Jude, und tust's wie der Nachbar, du Törichter! Nimmst den lauschenden Knaben aufs Knie und willst erzählen in feierlich-traulichem Flüsterton, wie der Nachbar. O schlechter Lehrer! So lernt er sie nie! Auf der Schulbank muß er sitzen, zwischen den blonden Buben der anderen. Und wenn der am Lehrstuhl von Völkern berichtet, die ausgewogen waren, um im heiligen Kampfe die Freiheit zu erstreiten und dein Kind begeistert aushorcht, blitzenden Auges jubelt, wenn Sieg die gute Sache krönte, dann rüttle es aus und schrei ihm zu: „Und wenn der heilige Krieg für Freiheit und Recht aus war, dann kehrten sie heim und stießen die geweihten Schwerter in die wehrlosen Leiber deiner Väter, die Tapferen und Braven!" Und wird ihm von hochherzigen Männern erzählt, die für hehre Ideale, gekämpft, das Leben nicht achtend, wenige gegen tausende und gesiegt, und ballt dein Knabe tatenlustig die Fäuste und jauchzt er und glüht seine Wange, dann lach' ihm gellend ins Ohr: „Und zu Hause, da warfen sich die todverachtenden Helden, den Lorbeer noch im Haar auf die W-eiber und Kinder deines Volkes und schleiften die geschändeten Leiber durch den Kot auf den Schindanger!" Und träumt er von sonnenbeschiene.nen Schlachtfeldern, auf denen sich markige Recken tummeln, die das Schwert in die Linke nehmen, wenn die Rechts versagt und die lichtscheuen, feindlichen Rotten vor sich herjagen, reiß' ihn auf, zerr' ihn in die düstere und dumpfe Judengasse: „Hier haben deine Ahnen gehaust, müdgehehte, frenrde Bettler. Europas Pöbel hat ihnen das Fleisch von den Knochen gerissen. Deine Helden starben in der Gosse und ein blutiger Rinnstein ist ihr Denkmal!" Wenn dann ein Tag kommt und dein Sohn hört vom siegenden Recht und kann nicht jubeln, ob alter Kunde vom triumphierenden Frevel keine kindliche Träne der Wut vergießen, dann hast du's vollbracht und er ist ein Judenkind, das die Geschichte seines Volkes kennt. Ja, keusch und unnahbar ist unsere Geschichte. Sie lockig nicht lnit reizenden Gebärden, wirft keine Netze aus, um schwärinerische Jungen. zu fangen. Alt ist sie geworden und hat den kleinlichen Zierat her Jugend, die plastische Pose, Was sengeklirr, Schlachtenlärm und Siegesrufe und was dergleichen vrehr ist, abgestreift, solch billige Toilettekünste, die brünstigen Knaben die Glut in Hirn und Wange treiben, verschmäht sie und ist einfach und schlicht in ihrem blutigen Ernst. Als Werkzeug, das aus Schwächlingen Helden, aus kalten Träumern Eiferer formt, gibt sie sich nicht her. Matten Herzen erschließt sie sich nicht. Und liest ein Jude Judas Geschichte und ist ein Feiger, so wird er kein Held, der Kriecher wird nicht hochherzig, den Zaghaften -wird Staunen, Bedauern, lähmendes Entsetzen und kaltes Mitleid beschleichen, nicht aber dis. Luft zur Tat. Judas' Geschichte wirbt nicht, aber starken und freien Herzen gibt sie sich willig. Sei stark und frei, Jude! Falte nicht demütig die Hände, wenn Gevatter Nachbar dir Stück für Stück deinen Anteil an Leben, Freiheit und Würde zu entreißen wagt, einzig deshalb, weil sein Auge , licht und deines dunkel ist, und jag' die hündischen Tröster, die di,r vorgremeu, es sei dies himmlische Fügung, zum Teufel! Schmeichle nicht denen, die dich verachten, und such' den Brüder, der gleich dir nach Freiheit dürstet, und reich' ihm die Hand! . Dann bist du ein Starker, ein Freier und die Spröde lächelt dir zu uird gibt dir mit vollen H ändert. Dein Auge, das nicht scheu am Boden haftet und nicht ängstlich über den Wolken sucht, durchdriugt die düsteren Nebel, der grausige Knäuel zerschlagener Märlyrerleiber entwirrt sich und du erblickst starke Menschen, die Kinder des alten freien Juda. Die Kruder des Ken freien Juda, 'die einst vielleicht ein muckMchA Wiener Morgenzeitung . 15. April 1919 Seve 3 j Die Arbeiten des Viererrates. Die Saarbergwerke kommen an Frankreich. — Deutschland soll 125 Milliarde« in Gold oder Rohstoffen zahlen. — Das linke Rheinufer bleibt Deutschlands wird aber von Frankreich besetzt. — Kontrolle der Rüstungen Deutschlands. — Verhandlungen über die syrische Frage. Paris» 14.2lpnl. (Havas.) Der günstige Eindruck über die Richtung der B e r a t u n g e n d e s B i e r errat e s bestätigte sich gestern völlig. Die Frage des Saarbeckens ist endgültig geregelt. Der Besitz der Bergwerke unter französischen Gesetzen ist Frankreich auf ewige Zeiten gesichert. Deutschland wird für die V e r p f li ch t u n g e n gegenüber den Einwohnern des Landes, soweit die Rechte derselben nicht durch das französische Gesetz sichergestellt sind, verantwortlich bleiben. Frankreich wird das P o l i z e i r e ch t ausüben. Die politische Souveränität sie ht d em Völkerbund zu, der die Verwaltung des Landes einer Art Direktorium aus fünf Mitgliedern übertragen wird. Einer der Direktoren wird ein Franzose, ein anderer ein Bewohner des S a a r b e ck e n s sein; . die drei anderen werden durch den Völkerbund b ez e i ch n e t. Die Bewohner des Saarbeckens hehalten alle ihre politischen Rechte in Bezug auf die Wahlen in die Gemeindeversammlungen, ernennen aber keine Vertreter mehr in das deutsche Parlament. Dieses Regime wird 16 Jahre dauern, nach welcher Zeitdauer ,die Bewohner das Recht haben werden, durch eine -Volksabstimmung ihr politisches Statut zu entscheiden. Falls die Verwaltung des Ursprungslandes gewünscht wird,.muß Deutschland die Bergwerke zurückkaufen, die Frankreich als Entschädigung für die im Norden Frankreichs verursachten Schäden als volles Eigentum zugesprochen erhalt. Der von den Experten geschätzte Wert wird - in Gold oder in entsprechendem Wert bezahlt werden. Sodann wurde ein weiteres Problem geregelt mit der Festsetzung der einstweiligen Summe, die Deutschland für Ersatzleistungen und Wiedergutmachungen bezahlen soll. Wie gemeldet, wurde diese Summe auf 125 Milliarden angesetzt, voir denen 66 Prozent Frankreich z u f a l l e n werden. Die ganze Summe ist zahlbar in Gold, Rohsto ffen, Material oder in gangbaren Werten in jährlichen Raten, deren Mindesthöhe durch den Friedensvertrag feftgelegt wird. Ferner werden die Auslagen fiir unsere Milrtärp ensiönen in der Höhe von jährlich vier Milliarden ebenfalls Deutschland ü b e rb ü rd e t werden. Ein dritter ebenso bedeutender .Verhandlungsgegenstand, nämlich "die Frage" der /Frankreich gegen einen weiteren Angriff Deutschlands. zu gewährenden Garantien, ist noch nicht gänzlich erledigt. Der Viererrat, der in dem Wunsche nach einer baldigen Erledigung gestern nachmittags eine lange Sitzung abhielt, befaßte sich wiederum mit dieser Angelegenheit- Der französische Standpunkt in dieser Frage ist folgender: In militärischer Hinsicht: Neutral dsierung des linken Rheinufers unb Verbot für Deutschland, dortselbst Truppen, Festungswerke oder überhaupt strategische Aktionsmöglichkeiten zuhaben. In p o l t t r s ch e r Hinsicht: Die Souveränität Deutschlands bleibt unangetastet. Dieses militärische Servitut ist zeitlich unbegrenzt. Die Besatzung des linken Rheins ufers soll anscheinend ausschließlich von französischen Truppen besorgt werden, die die Brückenköpfe und Eisenbahnknotenpunkte überwachen würden. Femer soll auf dem rechten Rheinufer eine weitere militärische,' neutrale Z o n e von 50 Kilometer Radius geschaffen werden. Diese letztere Maßnahme sowie die Besetzung der Rheinbrücken würde nur 15 Jahre dauern, bis die Deutschen ihren finanziellen Verpflichtungen nächgekommen sein werden. Nach Maßgabe der Zahlungen werden unsere Tmppen sich staffelweise zurückziehen. Auf die gleiche Weise haben auch die Deutschen im Jahre 1871 gegenüber Frankreich gehandelt. Der Vertrag.würde außerdem Mittel und Wege vorsehen zu Kontrollierung Deutschlands in der Einschränkung seiner Rüstungen und in der Reduzierungfeines Materials, gewährleistet nicht allein durch den Völkerbund, sondern durch das System von Bündnissen zwischen den Großmächten. m; Der allgemeine Eindruck ist somit durchaus günstig. Eine Verzögerung ist kaum noch möglich. Die Westgrenze Ä euts chl and s ist gezogen, die Ostgrenze mit Einschluß der Danziger Frage, in der eine grundsätzliche, Entscheidung bereits vorliegt, ist ebenfalls geregelt. Auch die Entschadigungsfragc ist im großen und ganzen entschieden. In den Redaktionsarbeiten wurden durchgreifende Fortschritte erzielt. Man hofft» die Deutschland angehenden Bestimmungen noch diese Woche abscksiießen zu können. Alsdann bleiben noch die Entscheidungen über Oesterreich-Ungarn, Bulgarien und die Türkei, zu treffen. Die TerritorialftHgen sind jedoch von den Kommissionen schon größtenteils geregelt. Der Viererrat dürste in der Hauptsache nur noch die it.a li e nis ch -südslawische Grenze .sowie die sy risch e Frage zn regeln haben, über die zurzeit Verhandlungen zwischen Clemenceau, Lloyd George und Emir Faysal geführt werden. ' Schwachkopf hat vor deinen Kinderaugen tanzen lassen als Kuppen an Drähten, die vom Himmel hängen, und nach dem Takt frommer Liedlein,, du erkennst sie als Menschen, die dir verwandt.' Stark sind sie und dein Fleisch und Blut, ihr Anblick lehrt dich daran glauben, daß du, der Jude, stark sein kannst, unb bist es! Das blutige Chaos aber, das zwischen dir und ihnen liegt, kannst du ruhig überschauen. Kein lähmendes" Entsetzen wird dich befallen, nicht wilder Schrecken, eindringliche Warnung nur ist dir sein Anblick. Wenn dich iit schwachen, kampfesmüden Stunden Verlangen nach deinem Bruder Mensch erfaßt, nimm das Buch der jüdischen Leidensgeschichte zur Hand, die Blätter, in die alle, alle Völker ihre blutigen Liebeszeichen eingegraben haben, und jedes vorzeitige, sinnbetörende Sehnen wird von dir weichen. Weiterkämpfend wirst du ruhig die Stunde erwarten, da du, ein Freier auf freiem Grund, ihm die Hand wirst 'bieten können, ohne zu fürchten, daß er dich zu Boden zwingt und er, dessen Gewalt nichts über dich vermag, dein Freund wird,, wzil er dein Herr nicht sein kan«. > Lebendige Worte. Von Abraham Schwadron. (Aus der „Mauschelpredigt eines Fanatikers".) Israel! Andere Völker werden auch von Mißgeschicken heimgesucht, aber es kommt ihnen immer wieder eine ungetrübte Zeit. Jedem Kriege folgt ein Frieden. Nur das verstreute Israel wird immer besiegt und kommt rsach den Niederlagen nicht zur Ruhe. Die materielle Sicherheit ist aber die Grundlage der moralischen Gesundheit und darum wünschen wir mit aller Inbrunst, erflehen wir mit all unserer Kraft für unser Volk die materielle-Sicherheit, die es nur auf seinem Boden finden kann. Und die moralische Gesundheit eines tatsächlich in der ganzen Welt verstreuten Volkselements ist von Wichtigkeit'für die ganze Welt. Theodor Hirrzl. * Das' Geheimnis unseres Bestandes als Volk liegt darin, daß schon in den ältesten Zeiten die Propheten unser Volk gelehrt, nur die Kraft des Geistes zu verehren und nicht in ehrfurchtsvoller Scheu vor physischer Macht in die Knie zu sinken. Darum tam es nicht in die Lage, wie die anderen alten Völker, seine Eigenart ditgm stärkeren Feind gegenüber mffz^gehKN. iBwwawMmiMMiiiiiiiiujwaiiuiMMMaBMMaMM^iiiH iiimiiiiiii—— Solange es diesem Prinzip treu bleibt, hat sein Bestand, darin eine feste Gewähr, denn an geistiger Krafh steht es hinter den anderen Völkern nicht zurück und'-' hat keinen Grund,' sein Selbst anszugeben. Klchrü» Hram. Der Zionismus ist im tiefsten Wortsinne dieRiickkehr zum Judentum. ' ' . Die Rückkehr züm Urjudentum, das auch' aus denn Leiden eine mächtige Kraftquelle zu graben vermochte,! indem es die Höchstzüchtung des Stammes als höchste Seligkeit in sichere Aussicht stellte und damit das Leben; des einzelnen unendlich reich und voll machte und adelte.- Die Rückkehr zum Urjudentum, das niemals von einer Mission in unklaren Worten tatenlos faselte, sondern eine Mission erfüllte und lebte. Die Rückkehr znm Urjudentum, das aus der Fülle seiner Schaffenskraft schöpfte und. schuf und schuf, daß die Menschheit durch Jahrtausende daran zu zehren hatte. Das ist der Zionismus: die. urjüdische und ewig-, jüdische Kunst der Bejahung.. . Osias Thozr. * , : F*1 Die jüdische Bewegung ist weiter und tiefer angelegt, als nationale Bewegungen zu sein pflegen, ursprünglicher und tragischer. Ihr Inhalt ist national: das Streben nach nationaler Freiheit und Selbständigkeit; aber ihre Form ist übernational. Der Jdeenkomplex, den sie erzeugt, gehört dem Denken der Menschheit an. Und die Befreiung, die sie meint,, rührt an das große Symbol der Erlösung. ,, .' Martin Vrcker. ■ Cä’v;-! * "; Zwischen Nation und Sprache besteht derselbe: untrennbare organische Zusammenhang wie zwischen der Pflanze und dein Prozeß des. Wachstums. Nicht nur. am Anfang war das Wort, es ist auch am Ende bc§!: Seins. Denn die Wirklichkeit verstummt in den letzten - Akkorden des Wortes. Die Sprache allein ist der sich immer, entfaltende und vermehrende Schatz des Volksgedankens und der Volkstradition. Sie gleicht der Kraft * des Bolksgedächtnisses und bestimmt die Individualität der Nation. All seine Schätze kann ein Volk verlieren, sogar sein Land und seine religiösen Anschauungen, ewig bleibt ihm die Sprache, die ewige Form seines sich stets erneuernden Schaffens. Dem jüdischen Kolk gilt die hebräische Sprache als Wechsel,)