Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 87 (15.4.1919)
- Date
- 1919-04-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Dienstag Wiener Morgenzeitung 15. April 1919 Nr.?7 Wenn Europa aber heute dort «mgelangt ist, dann wird der künftige unparteiische Historiker nicht nur einzelne Personen, Regierungen und Parteien allein, sondern all« seit 6'5 Jahren maßgebenden Faktoren Europas für die jetzige Weltlage verantwortlich machen. Jene Faktoren, welche, die „deutsche Frage" durch dtt 1866 erfolgte Entscheidung und die Elsaß-Lothringer Frage durch Sedan „Helöstt< glaubten, werden von der Geschichte genau so schuldig gesprochen werde», wie jene Staatsmänner, die sich einbildeten, durch das Machwerk deS Berliner Kongresses das Balkanchaos zu entwirre«. Das positive Ergebnis deS Weltkrieges aber besteht nun ausschließlich darin, daß dieses sich nun auch auf Mitteleuropa und speziell auf das ehemalige Oesterreich-Ungarn erstreckt. Nach denselben Methoden wie früh« dort, wird ualitätenhetzer» mrd Antisemitismus feiern stets neue Orgien, während die großen Massen in tiefster wirtschaftlicher Not schmachten, und derzeit nur eine Sehnsucht. haben, sich —• satt zu essen. Wer darf sich nach solchen langjährigen Ergebnissen der politischen Staatskunst der wechselnde« Regierungen und. Majoritäten sowie nach dem kläglichen Zusammenbruch des gesamten europäischen Parlamentarismus noch wunder«, wenn dtt verelendeten, niemals aufgeklärten Massen an allem Bestehenden verzweifeln und ins kommunistische Lager übertyche«. * ' Mr gehen dem „Frieden entgegen"! Zu lange hat Wan dies versprochen, z» lange hat man die Leidenschaften angefacht, hat man in Paris gezaudert und gezögert, fast ist es zu spät' geworden, das alte Europa zu konsolidieren. Allüberall gärt und kriselt eS, in den siegreichen und besiegten Staaten, und wen» nicht in zwölfter Stunde Vernunft in nationaler Hinsicht und Einsicht 1» sozialer Beziehung Platz greift, dann gehe« wir nicht nur de« Zusammenbruch d« ganzen europäischen Staatenordnung sowie de« KataklySma unseres bisherigen Wirtschaftssystems entgegen, sondern eS ist auch die Vormachtstellung der weißen Sasse gefährdet. Der Chauvinismus ist allüberall nicht nur der Nährvater des Antisemitismus, sondern auch der Bahnbrecher der soziale« Revolution, die bereits vor de» Tore« Deutschösterreichs steht. Sie durch nationalistische «nd antisemitische Verhetzung zu bannen, wird hier ebenso mißlinge», wie in Tschecho-Slowakkev, Polen, Ukraina, Jugoslawien und Rumänien. Man hat allüberall vor, während «nd nach dem Krieg die Massen bis zur Gluthitze durch national-imperialistische Schlagworte fanatisiert, und als das Paradies auf Erden in keinem der neuen Nationalstaaten kam, de» Groll der Massen gegen Me Jude» ab gelenkt. Nun versagt auch diese Methode allmählich. NaS sich fetzt täglich abspiett, ist mrr.daS Ergebnis bei: durch Jahrzehnte «mgesammelten Erbitterung gegen nationale Unterdrückung und ökonomische Ausbeutung, die unter »euer Firma in den einzelnen Nationalstaaten genau so gedeiht, wie im alten Oesterreich-Ungar» mrd daher auch bereits dieselbe» Früchte zeitigt. I» Tschecho-Slow allen wächst deshalb die sozkallstische kHchofotion gegen das chauvinistische Bourgeoisieregime parallel mit dem deutsch-tschechischen Gegensatz, der die wirtschaftliche Not gewaltig steigert. DaS soziale Elend in Böhmen, Mähren, Schlesien »nd der Slowakei ebnet aber «nch dort, wie in Polen, der Ukraina »nd Jugoslawien dem KomnmniSmus immer mehr den Weg. Speziell i; :.u, Bosnien, Dalmatien und Montenegro wächst auuz die Erbitterung gegen die Dynastie Karageorgevic und gegen die serbische Soldateska immer mehr, die stündlich zu einem elementaren Ausdruck kommen kann. Ebenso ist die Lage in Rumänien wie in Italien äußerst trostlos und jeder Tag kann Ueberrafchungen bringe». Nach viereinhalb Jahren Weltkrieg und viereinhalb Monate« Waffenstillstand drohen also neue Katastrophe», neue Umwälzungen. Möge das Mische voll sich dessen bewußt werde» und kür alle Fälle berett sei«. H. K. Aus „David» Tod-.-) Der fünfte Abend im DramenzylluS: »Drr Historie von König David". . Bo« Richard Beer-Hofmam». Gesang «ährend des Rauchopsers. In der äußerst« Tiefe deS Räumeder Altar; vor ihm der Priester,, zu feiner Rechten und Anke» j«An Knabh, der i» erhobener» Händen eine flache Schale hält. In der einen Schale sind große schwarze Samenkörner, die man vo» semen Inseln brachte, gehäuft — in der andere» Stücke homgsartm« Harzes. Eine kleme Flamme züngelt auf de« Allo». DieStlwme» der j» « g e» P rt r st err Du Samenkorn — was dich gezeugt, Glich dir und lag versenkt In Erdermacht — bis Licht und Tau Dom Herrn ihm ward geschenkt! Draus wuchs ein Stamm, draus ward das Schiß, Das her dich trug von fem — Du Samen 1 Ende — Anfang, du — Loblodere nun dem Herrn! (Der Priester wirst Samenkörner in die Flamme die hoch aufloht.) DieSt»mme«drrKnaben(fie setzen fast schmerzend hoch ein): Du goldenes Harz, du Wundenquetl, Entperlt dem tiefsten Weh! *) Entnommen dem Almanarh de- Becka-eS S. Fischer, welcher anläßlich des 35jährigen Bestandes drr Berlcigsanstalt im Jahre 1911 erschienen »st. Du Träne, die am Sonnenlicht In Scham erstockte jäh- Du Baumesblut, das nie geblüht, Dem Frucht nicht ward, noch Kern- Fruchtlose Träne, stumm, geweint — Lobdufte nun dem Herrn! (Der Priester wirst in die Flannne da- Harz, dessen blauer Rauch zögernd nach oben steigt.) Der Messias. Aus dem Neubebräüchen deS David Frischmann. Nachdichtung von Max Brod. Mir kam in die Nacht eme Stimme des Klirren- Wie Klirren von Ketten und scharftS Geraffel Bon Ringen, hart cmemarider gewetzt. — Der Himmel brach auf, drr Himmel brach auf, Und großes.Geleuchte, Fülle von Strahler». Wie Daffer hervörbricht, floß es hervor Ueber alles : Himmel, Purpur »md Bläne. — Da falle ich nieder, da knie »ch hin. Und sieh', Elohim, der Heerscharm Gott! Zwischen Scharlach und Jaspis »md roten Wolken, Wolken, die auf- und niedtrzieh'n, Auf Feucrlicht, das saphirm brennt. Erbebt sich der Thron. Und der Mond »st der Schemel seiner Füße, Die Sonne das Kiffen zu seinen Hänvren, Die sieben Himmel sein Sckileppgewand, So thront Elohim. aller Ehren Gon. Doch an die ehernen Füße t?3 ThroneS Geschmiedet mit Ketten, nie zu zerreißen, Mit goldenen Ketten Ist unser Herr, der König Messias ... An deinen Zeichm habe ich dich erkannt, An dem heiligen Lrcht, Das dem Auge durchMdet Wie Augen von Dichten», Bon Sehern, Rettern und allm Propheten Am Geiste, der deine Stirn.umwittert,. An deinen Zügen des Mitleids aus deinm Wmigm, Den Funftn des Brandmals auf deinen Lippen« Und mehr noch, mehr noch an demea Ketten (Plometyeus-Ketten), Die deine Armhöhlen elend mnschließe», An all dem habe ich dich erkannt. Ja du bist es, Herr» der König MessiaS! Und mit goldenen Ketten, nie z» zerreißen» tangst du seit vielen tausend Jahren, m Throne des GotteS Zebaoth. Und kannst dich nicht rühren Und stehst herab Auf alle Schrecken «nd Zwang de- Leben-, Der deinen Brüdern beschießen ist — Und die Hand ist zu kurz, sie kann nicht helfen. Und täglich »md stündlich daS neue Leid, Und stündlich das Kreischen neuen Blutes Das von der Erde auffchreit zu dir. Dann wird de,ne teure Seele jäh, Dein Zorn entbrennt und die Adern schwellen, Du keuchst und atmest, Schon kirren die Keyen, d« gürtest dich Mit deiner Kraft und willst sie zerreißen, Zur Erde entwallen, Erlösen, erretten Dm Armm aus deS Starken Gewahrsam, Dm Dürftigen aus der Gewalt des Dränger-, Und man hört dllne Stimme: »Es ist genug. Jetzt steige ich nieder! Jetzt werde ich fontmcii! Jetzt will ich befreien! O wartet etn WemaeS, ich di» daN Doch du bist gefeffm «nb kannst nicht ko-, Du fällst zurück Und allewird wieder, tote rt war. — So hört man fett vielen taulmd Jahre» Die Stimme tönm und deinen Kranipf. -~ So hörte auch ich dich m dieser Nacht. Mir drang m die Stille : Wie lange noch. Gott! Gib mir mein GehelmmS, gib mir mem Geheimnis! WaS bliesest du diese Seele m»r eia. jjö tragen, zu zucken Mit jedem Gedrückten, Und bandest die helfenden Arme wir zu - Das nanntest du selber Heiland Mich Und läffest mich nun nicht helfco »och heile»? ES kam m die Nackt eine Stinnne de- Klirren- Wie Klirren von Kettm und scharfes Geraffel Bo» Ringen, hart annnander gewetzt. So reißt der Messtaan seinm Bande» Uad will mtt der Kraft der nervigen Arme Den Thron der Herrlichkeit »md d»e Gäule» Mitsamt dm» Himmel Und mit dem Himmel dm Hrmmrl rrschüttem. Und man hört m der Stille der Nacht ei» Echo: W»e oben goldme Kelten erkirren, Antworte« Kirrend von einem End« Der Erde -um andern e» erue Kette». Doch anrvtm Dollm md an- Saphir Und Jaspis md Scharlach erklingt die Antwort: „Bis ein »me- Geschlecht auf der Erde aufsteht, Ein Geschlecht, da- »vahrhaft Erlösung will Und die Seele -bereit hält, das Herz bereit, Dann erfüllt sich dein Schicksal, — du wirst erlöst, Dem Schicksal erfüllt sich, — dn wirst «lös«." Da» Fest «aht... «n Krakauer Paffah»Bild von Otto Bldekes. Oben am Bergrücken, am Mauer kränz de- Wawel hockt der Hohn. Er hat die Knie an die Brust gezogen «nd grinst mit vorgeneigtem Kopf triumphierend in die Judenstadt hinunter. Er reibt sich vergnüglich di« Hände und kichert teuflisch in sich hinein, den» sein« Jude« bereiten ihm eine gute Stunde. Dort unten hat sich im goldenen Frühling-weben die, jüdisch« Armut entblößt. Die Metbgasse und die Alt« Weichselgasse, daverhutzelte Jsaakgüßchen und der verdrückte Platz um die Kupalschul herum stehen nackt da und haben ihren geflickten, verschossenen Bettel rings im Sonnenlicht ausgebreitet. Man rüstet zum Passah, denn es naht die Nach^ da nach vierhundertunddreißig elenden Knechtesjahre^ das Volk ans.der ägyptisch«!»« Frone mit dem UmipM über die Wüst« in das Land zog, das von Milch und Honig floß. „Da darf nicht gesehen werdckr Gesäuertes und Sauerteig in deinem ganzen Gebiete." Darum haben Chat»», der Milchträger, und Perl,, „der Agent", Lea, die halbblinde Bettlerin mit der. wunderschönen Altstimme, und Chonne, der hungrige Vorbeter mit den sieben Kindern, baru»n haben Madie Kleinen und Kleinsten mit den bezeichnenden Beiwörtern das Möbel und Geräte „aus ihren Gebiete-tts, auf die Gasse getragen. , ...» Die großen Geschäftsunternehmungen der Nischen und Gassenecken müssen heute feiern. Die Bütte mit den geschwellt«»» Pferdebohnen, das Brett mit den halben Pomeranzen oder zerteilten Härengen, der Napf, in dem die runzeligen eingelegten Essigäpfel schwimmen, und der Stand mit den gekochten Birnen sind nicht zu sehen. Heute gibts kein Verdienen und die ausbleibende „Tageslosung" muß man schon verschmerzen^ Du mein« Güte, was da in den Gassen stehtscheint wirklich just herbeigeschafft zu sein, damit der hämische Gesell« dort oben am Burgwall .sei« Ergötzen hat. - ‘-n Gepolsterte Stühle mit weit heraushängenden Eingeweide« blicken eincurder sterbensmüde an. Der ein«! hat eine tüchtige Kistenlatte als Stelzfuß neben dreischlanken blassen Rokoko deinen; dem anderen ward, das gebrochene Genick mit einer ftngerstarken Zuckerschnuv befestigt und dem dritten hat man die klaffenden Wunden mtt schnödem Stroh verstopft. Ein verwitterter, windschiefer Schrank steht in der hellsten Sonne, und die Gütige verschwindet rasch hinter einer Wolke, damit sie diesen dresthaften Krüppel nicht beleuchte» muß. €*» -. mag damals Mirjam, des Aaron schön« Schwester,., vor dem StiftSzelte dagestanden sein, als sie Gott mtt . dem Aussatz« strafte, wett sie dem Propheten MoseS daäthiopisch« Weib mißgönnt hatte. Zerschlissene' Tücher flattern im Winde, fragwürdige Kissensttrd gegen die Tür gelehnt, und eis» Tisch, der beim Hinaus- - tragen in sein« Bestandteile zerfiel, liegt hoffnungslos - im Spülwasser, das in reichlichen Bäche« munter auf den Häusern zur Gosse eilt. - Der Wächter vom Wawel hält sich den Bauch vor Lachen, stampft mit dm» Ferse« gegen die Mauer und die Augen gehe» chm vor Wonne Üb« , * ' Gemach, mein Lieber, ob du nicht xn früh froh- , lockst? Du sahst bisher nur die Dinge. Sieh dir nun . aber auch die Menschen an, wie sie in froher Erregung , schaffen und srl-affen, als gälte es,, dps Glück. zu emp-, fangen. Wer so heiteren Mutes seinen Jammer .in^ den Mittags trägt, ist reich zu nennen. Oie Männer . schleppen und hämmern, die Frame« scheuern mit hochgeraffte» Röcke». Lieder summend, die Kinder klopfen, bürsten und reiben in übermütiger Hast. Allen ist dieser Plunder und diese Stunde kostbar. Und wen« der Hausrat. aufs best« herausgeputzt, wieder hiueingeschafft und sorglich an seine» Platz gestellt ist, beginnt jener merk- , würdig« Zauber zu spinnen, der die ganze Stadt mit . so herzinniger Festfreude und lenzfroher Lebendigkett erfüllt. Dem galligen Dämon oben am Berg beginnt bse Schadenfreude zu vergehen, und beim Anblick des' Bildes, das sich allmählich vor ihm entrollt, wird sein . Gesicht immer länger. Das ganze engverwobene Geniste der Plätze und , Gassen hat sich in einen einzigen wimmelnden und rauschenden Marktplatz verwandelt. Hier ist mannigfache-, bunt glänzende- Geschirr, aufgestapelt (da man doch an diesen Tagen anbetej$; Gerät« braucht), dort winken ganze Berge von unge-. säuerten Brote», Honignüssen und unterschiedlichen. Leckereien, die man nur iu der Pafsahwoche genießt.. Uepptge Obstkörbe neben Reihe» tüchtiger Schaftstiefels baumelnde Kleidungsstücke, Gewürze für die Seher- ] fchüssel, Spielzeug. Wachskerzen. Dazwischen die lebensv volle, gaffende, eilende, bietende und kaufende Menge«, Ball' nur di« Fäuste, hu giftiger Wicht dort ob^nl. Auch in diese Niederungen kam der Frühling, und hat den Verachteten seinen betörenden Trank gemischt.^ DaS ganze Volk ist in den Gassen. Alles plaudert^' lacht, grüßt, ruft seinen Wunsch für die ^iertage./ Am Ftschmarkt staut sich die Menge und in der Krakauer Gasse muß man sich vom Strom der Mensche» . wetterschiebe» lasse». Der Letzte trägt eine billig^ Schüssel heim, hat einen Leckerbissen für den Sedev in- Papier geschlagen oder gar ein neues Kleidungsstück für- Kind erworben. Und da der fiebernde Tag verklingt, brennt »rach, zum Abschied He sinkende Soun« an den blanken Scheibe» ein Feuerwerk ab. * Der letzte Morgen vor dem Ueberschreitungsmahl. ist angebwchen. - Treppauf, treppab über dir lärmenden Holzstiegen jagen die Buben und holen bei jedem Hausvater die Papterfäckcheu, in denen die letzten Brocken „Gesäuertes" verwahrt wurden. In der Dietelsgasse treffen sich die Knaben Und rennen aus die große Weichselwiese am Fuße deS Wawel, über der sich eben der letzte Morgennebel verzogen hat. Die Päckchen werden zitsaminrn-, geworfen und ein lustiges Feuerchen flackert auf. ~ Brav, Jungen-« das habt ihr gut gemachtt