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Wiener Morgenzeitung · 1919-04-15 · Heft 87 (15.4.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 87 (15.4.1919)
Date
1919-04-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Eine Geschichte der, sozialen Bewegungen wird niemals an jener Erhebung der Juden Vorbeigehen können, die LlS Auszug aus Aegypten alljährlich in jedem jüdischen Haus festlich gefeiert wird. Tiefsinniger Mythos und die schaffende Bolksphantasie haben das Ereignis verklärt unb zur Legende gemacht. Entkleidet man die Erzählung des Edelrostes der Sage, so bleibt wahrlich »och genug des Wunderbaren und Großen übrig. Ein ganzer Bolksstamm war hinabgesunken in die wirtschaftliche Lage des Proletariats. Er schaffte Ziegel für Häuser, in denen er nicht wohnte, er bestellte Aecker, von denen er nicht erntete, er betreute den Nil, auf dem nicht seine Schiffe fuhren. Dies konnte durch lange Jahrhunderte geschehen und mag vielleicht auch von denjenigen, die darunter litten, als von Gott gesetzte Ordnung betrachtet worden sein, genau so, wie es heute noch Leute gibt, die es als urewige Ordnung hinnehmen, daß es Arme und Reiche gibt. Diese Seelenzustande Kör jüdischen Masse konnten aber,nur so lange dauern, bis eines Tages einer aufstand, dem das Unrecht dieses Systems zu Bewußtsein kam. Er begnügte sich aber «W chMit, . sondern es. tut, MS jedes Genie tut: Stete, töüS 'fex so deutlich und Aar' vor sich sah, vermochte : er seinem Volk so ' überzeugend darzustellen, Hatz die Binden von den Augen fielen. Die müde, gedankenlose Resignation war durch das Machtwort Äkyses' plötzlich beseitigt und alle sahen und empfände» das Unglück der Sklaverei. In den Seelen erwachte das Freiheitsideal einer Gesamtheit, die sich endlich als nationale Einheit zu fühlen begann. Der große Gedanke der nationalen Solidarität erweckte in jedem einzelnen so gewaltige Kräfte, daß alle über augenblickliche Nachteile hinwegsehen konnten. Sie legten dk Arbeit nieder und der Erfolg gab ihnen Recht. Man stelle sich nun die Lage eines Landes vor, dessen wirtschaftlicher Aufbau auf der Arbeit von Sklaven beruht, in welchem die Sklaven Landarbeiter, Ziegelstreicher, Straßenwächter und Straßenkehrer waren. Das gesamte Leben kam zum Stillstand. Das Wild brach in das Land herein, die Belan'chtung versagte, beuchen ergriffen die Städte. Der Pharao sah, daß die Bewegung einen so gewaltigen Umfang angenommen hatte, daß sie den Staat z» sprengen drohte. Alle Räder standen' still. Er begaun also zu verhandeln. Aber Moses blieb hart. Gr hatte nur das eine große Ziel des vom FreiheitSideal beseelten Helden, der keine Nachgiebigkeit kennt. Gr hatte den Moment erkannt, und für ihn galt es mm, diesen' Moment cmszunützey zum Heil seines Volkes, unbekümmert um die jüdischen Vögte, die ihm zürnten, weil er ihr Ansehen vor Pharao und seinen Knechten befleckt habe. Der Pharao mußte schließlich «achgeben und die Juden ziehen lassen. Dann aber bereute er dies und versuchte, den, Abmarsch mit Waffengewalt aufzuhalten. Am Schilfmeer kam es zu dem Zusammenstoß, der mit dem Untergang des ägyptischen HeeveS endigte. In einer einzigen Nacht zerbrach MoseS die Fesseln für immer, das Meer war rot von Blut, Und der Weg in die Heimat war frei. Mer die Seele der Befreiten war noch nicht reif für die Freiheit, bl« Sklavennatur haftete ihnen noch weiter an. Es fehlte ihnen noch das Verständnis der hohen Pflichten der Freiheit und so konnte es kommen, daß sie manchmal vergäßen, wer sie aus Aegypten erlöst hatte und daß sie vermeinen koünten, dies sei das goldene M& gewesen, ein Wahn, der noch heutzutage viele in seinem SSerot hält. Diele tausend Jahre sind seitdem verstrichen, und wir feiern das Ereignis noch, immer mit jener Andacht, wie sie dem Inhalt es Festes entspricht. Verknüpfen sich doch für jeden einzelnen mit diesem Fest Mlmrslöschliche Erinnerungen für das ganze Leben. Der Vatdr lieft dem Kinde die schmucklosen, einfachen Worte ifoec „Haqadah" vor, die da erzählen von dem Uebersiedlung der Familie Hohenberg ins Ausland. Prag, 14. April. (Tel.-Komp.) „Ceske Slobo" berichtet, daß die bisherigen Besitzer der Herrschaft Korropischt, die H o h e n b e r g, Vorbereitungen zur dauernden Aeberfiedlung von Konopischt ins Ausland treffen. Die Berliner Soldaten wollen streiken. n Frankfurt, 14. April. (Tel. der „Wr. Morgenztg/) Wie die „Frankfurter Zeitung" aus Berlin meldet, besteht bei der Berliner Garnison die Absicht, wegen Erhöhung der Löhnung in den Streik zu treten. Der König von Bulgarien will in der Tschecho-Slowakei wohnen. »Prag, 14. April. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Wie „Rarodni Listtz" meldet, hat Cx-Zar Ferdinand von Bulgarien nmdieAusenthaltsbewillignngin der tschechoslowakischen Republik angesucht. Was geht in München vor? z Berlin, 14.April.(Tel.der„Wr.Morgenztg.") Aus München wird gemeldet r Die Truppen, die sich gestern der Regierung Hofs wann verpflichtet hatten» . sind Mm Mbtzte« Teil wieder zur rote-s Ärmee Übergangen. Der Bahnhof und zahlreiche Regierungsgebünde befinden sich ln den Händen der Spartakisten. Die Bürgerschaft wird entwaffnet und die Bewaffnung deS Proletariats schreitet fort. Die Regierung Hoffmgnn läßt Flugblätter verbreiten, worin daS Volk zur Bewaffnung gegen München aufgefordert wird. Die englischen Arbeiter wollen einen raschen Frieden. z Rotterdam, 14. April. (Tel. der „Wr. Morgenztg".) „Courant" meldet ans London, daß die Arbeiterschaft zu Ostern gegen di «Verschleppung des Friedens demonstrieren werde. Brot, das unsere Vater in Aegypten gegessen. 'Es' ist so schön wie ein Volkslied, wie die Hagadah die Verschiedenheit des Interesses schildert, das der Weise, der innerlich Mgefallene, der Einfältige und das Kind an dem Fest nehmen und wie man jedem einzelnen den Begriff der Freiheit umschreiben soll. . * Aber die Geschichte besteht aus Analogien. Wenn wir «ns nmsehen und unsere heutige Lage betrachten, so finden wir, daß wir es eigentlich heute nicht viel weiter gebracht haben als jene Sklaven in der Provinz Gosen. Wir schassen, aber wir genießen nicht. Der einzige Lohn unserer Arbeit ist der Haß unserer Umgebung. Wohin wir sehen, starrt uns sein Medusenhaupt entgegen. Im Osten bemüht sich halbwildes Menschenvieh, daS jüdische Leben zu zertrampeln, anderswo treibt man die Juden über dis Grenzen, und in den Ländern, die sich, einer gewissen kulturellen Höhe rühmen, warnt man vor Zuzug und benützt die jüdischen Vögte zur Vergiftung der Seelen. Mer die Machthaber in allen Staaten und Ländern, in denen wir unterdrückt sind, mögen bedenken, daß auch Pharao, ehe er vernichtet wurde, mit Blindheit geschlagen wurde! So gedrückt wir auch heute sind, so stehen wir doch unter mächtigem Schutz, und das ist unser Wille. Er beruht auf der Erkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse und auf der aus dieser Erkenntnis gewonnenen' Energie, jenes' Ideal zu erreichen, das.in der Seele jedes einzelnen als heiliger Hort ruht: unser Land und unsere Freiheit. Wir leben im Exil.' Wir müssen, uns unserer Umgebung zeitweilig anpassen. Wir leben noch immer an dxn Bächen Babels lind haben keine Harfen mehr. Wieder wie damals scheint sich uns der Weg in di» Aeimat -zu' öffnen, in das Land, nach dem unsere Herzen schlagen, in welchem sich der Traum der jüdischen Freiheit verwirklichen soll. Wir haben wieder zu unserem Volkstum zurückgefunden und seine Geschichte ist uns nicht mehr tot und unverständlich, sondern steht lebendig vor unseren Augen. Geschichte ist.- Entwicklung. Und in dem Augenblick, da das jüdische Volk, aufgerüttelt durch Herzls flammende Worte, zur Erkenntnis seiner unwürdigen Lage kam, hat es . die . Bestimmung seiner eigenen Entwicklung in die eigene Hand genommen und geht daran, sich mit fester Hand' die Linien seiner Zukunft zu ziehen. Solche Arbeit, solches Streben hebt uns weit hinaus über die Not des. Tages und gibt uns die Kraft, bis zum Augenblick cherf endgültigen Erlösung in den Ländern zu verweilen,; in denen zu leben uns bas Schicksal verurteilt-hatist Wir sind fremd unter Fremden, die uns nicht verstehen und uns nicht verstehen wollen. Unsere Seele; - erschauert vor Kälte in einer Umgebung, die, bar jeder. Menschlichkeit und auch bar jeden politischen Verstand-- nisses, in dem jüdischen Volk, das schon solange in Europa wohnt wie seine jetzigen Bewohner, nur Hassens-;, werte Fremde erblicken. / Der Weg, den wir uns vorgezeichne'L haben, führt: hinauf zur Höhe freien Menschentums. Wir wollen unserem Volk seine Freiheit erringen, aber wir verstehen« unter Freiheit denn doch etwas anderes, als alle diejenigen, die dieses heilige Wort sonst im Munde führen.- Sie meinen die Freiheit, andere zu unterdrücken. Wir, meinen Freiheit für uns und jedermann. Wir wissen uns frei von jedem, Bestreben einer chauvinistischem und imperialistischen Verhetzung. Wir kennen keine' Unterdrückung fremder Meinung, fremder Gesinnung,, und fremden Gewissens. Denn wenn wir unsere Fest« feiern, dann stürmen die Erinnerungen von Jahr-! - Hunderten auf uns ein, dann stehen alle, unsereA Hvlles auf vor rmserem geistigen Mg«, daM verknüpft sich, die Gegenwart mit der Vergangenheit! zu einern.emMen schmerzlichen Band, das mrs erkennen läßt, nMMfr Menschen sinken können, deren Leb«tz der Hatz rüld die Feindschaft ist. Wir haben für dir Staaten und Länder, in denen wir wohnten, das beste! getan, was wir tun konnten. Wir haben ihnen unser Sittengesetz geschenkt und unsere Arbeit ihrem Wohl gewidmet, selbstlos und wen. Und wir find doch immer wieder dem Pharao gegenübergestanden, der den Joseph nicht wehr kannte. So ist die einzige Lehre, die . wir daraus ziehen können, die, daß unsere Arbeit Nutzlast war.. Es gibt viele unter uns, die von einer sagen-; haften Mission des Judentums sprechen, das die anderen Völker lehren soll. Es zeigt sich, daß diese Mission in ihr Gegenteil nmschlagt: Unsere Schület erheben sich gegen die Lehrer. Wenn diese Mission je bestanden hat, so müssen wir doch davon Abschied? nehmen, sie in der bisherigen Weise weiterzuführen.! Wir wollen unsere Kraft, unsere Fähigkeit, unser geistiges und kulturelles Genie nur mehr für uns) arbeiten lassen. Um die Zukunft ist uns dann nicht bange. Sie liegt bei «ns 'und in unserem Lande. Iw dieser Ileberzeugung feiern wir heute wieder das Fest der Freiheit und denke« dabei an den heißen Wunsch',', der in jedem jüdische» Hanse laut wird, wenn nach einer alten Sage der Propst Elia ungesehen die Schwelle überschreitet! Im kommenden Jahr in Jerusalem! Dem Meden entgegen? '' M'ch viereinhalb Jahren Weltkrieg und viereinhalb -Mo- Naken „Waffenstillstand" melden uns/ die Blätter, daß „wir - dem Frieden entgegengehen". Wir hören die Botschaft, S fehlt uns. aber der Waubc. Welches auch immer das Ergebnis der Friedens Verhandlungen sein mag, einen wirllichen und dauernden -Frieden werden diese den so lange betrogenen und so oft hingehaltenen \ Böllern Europas n i ch t bringen.;• - V Me nationalen - Fragen werden. auf der eingeschlagenen Bahn nicht gelöst werden, und noch -viel/ weniger kann die st soziale Erneuerung der alten Kultirrwelt ohne Mhsrrückung der Völker und Staaten erfolgen.. Ohne Uedem indüng des B'estialismus und soziale Neuordnung gibt, es keine Gesundung, Europas. —. Statt der von so vielen Modernen - erhöfstenst „Vereinigen Staaten von Europa" drohen uns die Friedens-" Verhandlungen, in Mittet- und. Osteuropa sowie am Balkan eine ganze Reihe^ kleiner, von Nationalitütenstreittgkeiteu zer- ' Msteter Nattonalstaaten zu bringen, die sich wirtschaftlich^ von" einander abschließen und Mlf diese Weise naturgemäß Zustände zeitigen, die zn eincnr danecudeu Chaos .und-'^ustets neuen — sozialen Revolniionen führen müssen. : - £ v

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