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Wiener Morgenzeitung · 1919-04-12 · Heft 84 (12.4.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 84 (12.4.1919)
Date
1919-04-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2 Wien. Samstag Pottttsche^tundschau. Ueber die Sozialisierung. , Der den ersten Verhandlungen der Sozialisierungskommission hat der SozialisierungSministec Otto Bauer zunächst darauf hingewiesen, daß die Frage der Sozialisierung nicht mehr, eine Frage des Ob', sondern nur noch eine Frage des W i e sein könne. Das soeben erschienene verstärkte Heft der „Zukunft" Nr. 22 bis 24 enthält unter anderem eine Reihe von außerordentlich lehrreichen Aeußerungen zu dieser Frage seitens solcher Männer, deren Urteil zweifellos berücksichtigt zu werden verdient. <Ho äußert sich Dk Rathenau, Präsident der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft, ein Mann von vieljähriger Jndustrieerfahrung und der Initiator eines großzügiger zukünftigen Wirtschaftsgebäudes auf sozialistischer Grundlage, wie folgt: „Jedem Unternehmen rnuß der gesamte Mehrwert ungekürzt wieder zugeführt werden, gleichviel, wer ihnempfangen hat; jeder Pfennig, der davon verbraucht wurde, fehlt an der Rechnung. Würde der Mehrwert dem Kapitalisten und Unternehmer entzogen und an den Arbeiter aufgeteilt, so müßt«, falls die Wirtschaft bestehen soll, gefordert werden, daß der Arbeiter von diesem Geld nicht mehr verbraucht, als sein Rechtsvorgänger davon verbraucht hat. - Den Rest müßte er der Gefamtwirtschast wieder zur Verfügung stellen^und würde auch in Zukunft nichts davon haben: denn abgesehen davon, daß der Zins ja abgeschafft ist, frißt das Unternehmen eben mehr als es hergibt. Der Sinn des Mehrwertes und Profits ist Wirtschaftsrücklage. Ganz gleichgültig, wer den Vtehrwert in Empfang nimmt oder verwaltet: abgeschafft kann, verbraucht darf er nicht werden. Aus dieser Quelle kann und wird nie der, einzelne seine Lebensführung verbessern. " Unter Sozialisierung denkt sich jeder einen Mt, durch den aus einer bisher verschlossenen Quelle der allgemeine Wohlstand gehoben werden soll. Der wird aber nicht oder nur sehr wenig, jedenfalls nicht unmittelbar gehoben" .. . „Die Wirtschaft ist nicht der Fels, aus dem der Stab Marxens die Quelle des Mehrwertes sprudeln läßt, die alle Dürstenden ^erquickt. Nicht ein Dekret der Verstaatlichung kann die Ergiebigkeit verdoppeln. Die Not der Werktätigen wird nicht gestillt durch neue Verteilung, bei der keiner zu viel und keiner genug hat." Dieser Erkenntnis liegt die Einsicht zugrunde, daß die gegenwärtigen ökonomischen Verhältnisse keine saubere Aufgabe gestatten als die der Proouktionssteigerung. Ueber der Notwendigkeit, wieder genug zu produzieren, um die Menschheit ernähren zu können, verlieren alle anderen Fragen der Regelung, Verteilung usw. an Bedeutung. Noch deutlicher kommt dies in den Ausführungen Kurt Eisners zum Ausdruck, dessen einsichtsvolles Programm sich wesentlich von den wilden Plänen anderer unterschieden hat: „Offen sprechen wir aus, daß uns unmöglich scheint, in einer Zeit, da die Pvoduktionskrafte des Landes nahezu erschöpft sind, die Industrie in den Besitz der Gesellschaft sofort überzuführ^n. Man kann nicht sozialisieren, -wenn kaum etwas zum Sozialisieren da ist. Unmöglich scheint uns auch, in einem einzelnen nationalen Gebiet der Weltwirtschaft die sozialistische Organisation dnrchznführen" ... .Keine einzige all der einst entstandenen Sozialisierungsthsorien wird der gegenwärtigen Zeit gerecht. Sie gingen ausnahmslos von einer Gesellschaft aus, die im Ueberfluß produzierte — heute kann uns nur eine Theorie retten, welche zeig!, wie man die Erzeugung, koste es, was es wolle, vervielfachen kann. Sozialismus ist heute weniger eine Frage der Weltanschauung, als eine Frage der Betriebstechnik. Der Völkerbund. Wie aus Paris gemeldet wird, steht die offiziell- Publikation des definitiven Statuts des Völkerb und es unmittelbar bevor. Dem Statut sind folgende wichtige Punkte zu entnehmen: Es enthält gewisse Modifikationen, die den Gedanken des Schiedsgerichtes unterstreichen und den Möglichkeiten einer progressiven Abrüstung Nachdruck verleihen. In dem Statut ist jedoch nichts über eine wirksame Kontrolle der Herstellung von Kriegsmaterial enthalten, ebenso fehlt eine Bestimmung über die Neutralität, über den Schutz der Rassen und der Religionen. Dagegen ist die M o n r o e - D o k t r t v in das Statut ausgenommen worden. Wichtig ist die Bestimmung, daß der geplante Austritt aus dem Völkerbunde zwei Jahre vorher anzumelden ist. Ar» tikel 25 statuiert die Gleichberechtigüng der Frauen be* der Nebernahme nationaler Aemter. Der Rat der Lige der Nationen besteht aus den fünf Großmächten. Obligatorisch ist die Einstimmigkeit von Beschlüssen be£ Rates und des Plenums der Delegierten. Artikel 1k verpflichtet die Mächte, sich im Falle von Streitig' ketten dem Schiedsgericht oder dem Ausspruch einer Enquete zu rmterwerfen. Erst nach einer Frist vop drei Monaten nach dem erfolgten Spruch des Schiedsgerichtes dürfen die streitenden Mächte den Auswech eines Krieges suchen. Der Rat muß die ihm vorge« legten Fragen binnen sechs Monaten behandeln. Dem Rat ist ferner die Ausarbeitung des Abrüstung-- Problems Vorbehalten. Artikel 16 erteilt dem Völker-» binibc souveräne Macht. Wiener Morgenzeitung 12. 'April 1919 Nr. 84 Neue Iudenschlächterei in Polen. L Ein Blutbad in Pinsk. Warschau, 10. April. (Tel. der „Wiener Morgenztg.*) Die in Warschau erscheinende Zeitung „Jüdisches Volk" veröffentlicht in der Nummer vom 8. April folgenden Brief des im Aufträge der amerikanische« Lebens» mittelkommlssivn zurzeit in Polen weilenden Delegierten ZnHermann an die Abgeordneten des polnischen L rndtages r Se?)r geehrte Herren 1 Ich Antevfertigter, Mitglied der amerikanischen Lebensmittelkommisflon, halte es für meine Pflicht, über das große Unglück zu berichten, das die I u d e n von Pinsk betroffen hat: Als ich in Pinsk war, befaßte ich mich mit der Frage der Gründung eines Komitees zwecks Verteilung dev von d e n *a in e r i k anischen Juden gesammelten A n t e r st ü H u « g.s g e l d e r. Eine der dringendsten Aufgaben dieses Komitees war die Verteilung vonMazzoth-. mehl für die ärmste jüdische Bevölkerung. Als Verteilun^sstMe sollten die städtischen Kooperativgeschäfte fungieren. Am eine gleichmäßige Zuteilung zu ^erreichen, beriefen die städtische« Kooperativgeschäfte eine allgemeine Konferenz ein, welche am Sonnabend den 5. April, nachmittags, im V o lks h aüse, dem einzigen legalisierten jüdischen Lokal in der Stadt, abgehalten werden sollte. Ich selbst fuhr Sonnabend früh von Pinsk ab und langte abends in Brüsk (?) an. Am Sonntag abends kamen einige Juden aus Pinsk zu mir und erzählten, daß das polnische Militär das Bolkshaus umzingelt, alle Anwesenden verhaftet, auf den Markt geführt und bis auf den letzte« Mann erschaffe« habe. Die Zahl der Ermordeten erreicht laut meinen Informationen, die ich später auf Grund meiner Anternehmungen erhielt, fünfzig bis hundert. Später erfuhr ich, daß das Militär auch auf zufällig des Weges kommende Juden geschossen habe. Dieselbe Quelle berichtete, daß weitere dreißig bis vierzig .Juden verhaftet wurden und es ist möglich, daß sie in diesem Augenblick, wo ich schreibe, ebenfalls erschossen find. Ich halte es für meine Pflicht, darauf hinzuweifen, daß ein sofortiger Eingriff notwendig ist, weil polnische Soldaten, die mit den Juden, welche aus Pinsk hier waren, zusammen gefahren find, sich gerühmt haben, das Geschehene fei noch gar nichts und den Juden solle es noch viel „heißer" werden. Die erwähnte Zeitung berichtet ergänzen^ daß die jüdischen Landtagsabgeordneten diesen Artikel dem Präsidenten P i l s u d S k i und dem KriegSminister Lezniswski übergebe« habe». Der zionistische Abgeordnete Grünbaum ‘ überreichte ferner bei der gestrigen Landtagstagung Briefkopien dem Innenminister und dem stellvertretenden Ministerpräsidenten. Die O^fer. Von Mitgliedern der „Zeire Zion" und „Chalnzim" wurden folgende erschossen; Chajim Frwdrnann, Hirsch Liebmann, Israel Brertznmann ajrS Kolo, Simcho Parihki, Moische Silbermann, Zadik NMin, Katzmann Ieschua, Gottlieb Zwi, Gottlieb Bankowski," Hirsch Henckelmamr, Gerschen Kufinies, Seidel Steinjerg, Schaffim PinchaS, Gidelmann Aron, Glanbermann, Judewiez Klatein. Von „B eth A m" folgende r Mörschs Leib Friedmann, Josef Fischmann, Moische G^aubermann, Moische Natanski, AbraLam -Holzmarm, Mankowski PinchaS, Krasitschik. Von „P o a t e Zion" r Fischt Feldmann. Die IttLerpeKEon im Landtag. Warscha«, 11. April. (Poln. Tel.-Ag.) In Beantwortung der Interpellation des jüdischen A bgeördneten Pryluckiin Angelegenheit her Ereignisse in Pinsk fiihrte der Heeresmmifter L ez ni e w s ki aus: Am 5. d. M. wurde iu Pinsk in einem Hause bei der Kupieckagasse eine g e h e im e V e r s am mlung der Kommuni st en abgehalten, an der sich 100 Personen beteiligten. Major Luezynski, der von einem Juden von dieser Versammlung Kenntnis erhalten hatte,sendete eine kleine Abteilung Soldaten, welche mit Schüssen empfangen wurden. Zwei Soldaten wurden getroffen, einer von ihnen ist seinen Verletzungen erlegen. Den Soldaten kam eine zweite Abtellung zu Hilfe» welche 80 Personen verhaftete. Während der Eskorte versuchten die Verhafteten, die Papiere, die sie bei sich hatten, zu zerreißen und wegzuwerfen. Von den Verhafteten wurden 33 standrechtlich erschossen. Zurzeit könne der Minister dem Landtage keine weiteren Details mitteilen. Nach Pinsk wurde eine g emifchte Untersuch u'rrgskommissiorr entsendet, der auch Mitglieder der amerikanischen Mission angehören. Die gerichtliche Untersuchung ist im Gange. Das Ergebnis der Untersuchung wird dem Landtage bekamügegebea werden. Der Landtag beschloß, eine aus zehn Abgeordneten, darunter zweiIuden, zusammengesetzte Kommission nach Pinsk zu entsenden, die an Ort und Stelle die Sachlage prüfen wird. Die englische Arbeiterschaft für Wilson ««d de« Völkerbund. Auf der Tagung der englischen Gewerkschaften und der englischen Arbeiterpartei wurde die Politik der Regierung mit großer Schärfe angegnsfen. Der Vorsitzende Letter der Arbeiterpartei betonte die Notwendigkeit, Wilson und alle die zu stützen, die au den wirllichen Völkerbund glauben. Die Liga müsse alleLänder vertreten und nicht die kurzsichtige narrenhafte Politikin Paris sortsühren, welche die feindlichen Länder ausschlreßen wollen. In der neuen Ordnung der Welt müßten Deutschland und Oesterreich genau so gut ihren Matz haben wie die anderen Nationen. Lord Robert Ceeil sei der gleichen Meinung. Henderson erklärte, der Völkerbund müsse ein lebensfähiger Organismus sein. Mit einer bloßen Versammlung von Lehrern des Völkerrechte- Md Diplomatm fe| nicht gedient. Es fei vielmehr eine internationale Gesetzgebung erforderlich, die die Beziehungen zwischen den Staaten regle. Mit großer Begeisterung sprach RamsayMaedonald für die Völkerliga, die der einzige mögliche Gewinn des Krieges fei. Die Arbeiter wäre» eher i« der Lägt» dieFrage des SaarbeckenS z« löse» alsdieKapitalisten, dieDanziger Frage besse^alS dieJmperialisten, die dalmatinische besser als dieAnnexionisten und die tschecho-slowakis che besser al S d i e e x t r e m e« Nationalisten. Die einzelnm Drlegiertm sprachen sich mit Entschiedenheit gegen die Dienstpflicht auS." Man dürfe nicht den Frieden verlieren, nachdem man den Sieg auf den Schlachtfeldern errungen habe. Die wirkungsvollste Rede hielt der Vertreter der Kohlenbergwerke, der mit großer Leidenschaft gegendieBlockade Deutschlands sprach, die er ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit nannte. Er forderte ferner die Hiriicknehnrig aller mglischm Truppen an- Rußland und den stärksten'Kampf gegen die Dienstpstichtbill. Damenhüte - LLL Siegfried OrnstEln.Ilt.,' ‘ Wer Butter um Kopf hat. Die polnische Gesandtschaft in Wien verbreitet nachstehende Meldung: Die Warschauer Jargonzeitung „Das jüdische Volk* meldet aus Zloczow, daß dort Judenpogrome stattgefunden haben. Ukrainische Banden plünderten jüdische Ge^ schäfte, und massakrierten jeden Juden, der ihnen unter die Hände kam. Schwer verwundet wurden Hirsch. Szlomklewiez, Sußmann und Wolsmtum. Die ukrainischen Behörden verhielten sich nicht gerade judensreundlich. Jedenfalls erwiesen sie sich gegenüber, den Exzedenten vollkommen machtlos. _ Die Friedenskonferenz. Beschleunigte Friedensarbeit. Amsterdam, 11. Apnl. (K»rr.-Bur.) Nach einer Meldung der *(£ e n t'r a l N ewS" aus London benchtet der Pariser Korrespondent der »New Bork World": Daß Ultlmatum WilsonS, daß er sich von der Friedenskonferenz zurückziehen würde, wem die Hindcrnisie gegen den Fortgang der Verhandlungen nicht aus dem Wege geräumt werden, hatte zur Folge, daß die B esprech ungen beschleunigt und beträchtlrcheFvrtschritte erzielt wurden. Genf als Sitz des Völkerbundes. Pari», 11. April. (HavaS.) Der Ausschuß für den Völkerbund bat in seiner gestrigen Abendsitznng Genf als Setz deSBundes beftmrat. Der Ausschuß hat ferner eine ne« Bestimmung betreffend die Monroe-Doktrin angenommen. Zehn Kapitel des UebereinkommenS waren bereits erledigt. Man glaubt, daß der Ausschuß abends die RedigierungSarbeit beendet hat. Festsetzung deutscher Einfuhrzölle. Pari», tt. April. (Tel.-Komp.) In die Friedensbedingungen wird, wie von der Finanzkomnussion vorläufig festgestellt wurde, eine Bestimmung ausgenommen, wonach die deutschen E,i n s u h r z 8 l l e aus fünf Jahre festgesetzt werden. Diese Zölle dürfen für die Elttenttländcc während dieser Zeit nicht höher oder niedriger sein als für die anderen Staaten. 4^92

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