Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 83 (11.4.1919)
- Date
- 1919-04-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien. Freitag Wiener Morgenzeitung 11. April 1919 Nr. 83 Politische^tuudschau. Die Möglichkeit -er Autarkie Deutschösterreichs. Dem soeben in zweiter Auflage erschienenen Werke von Pros. Dr. Karl Ballod „Der Zukunftsstaat" (Verlag I. H. W. Dietz, Stuttgart) entnehmen wir: Schließt sich Deutschösterreich an Deutschland an, so ist die Nahrungsmittelversorgung auch noch nicht schlimm, wenn die Landwirtschaft gut organisiert wird. Zwar im Kriege hat gerade die Bevölkerung von Deutschösterreich entsetzliche Not gelitten, weil ffe hauptsächlich in den österreichischen Industrie- und Stadtbezirken lebte, und Ungarn, das im Frieden 2 bis 2% Millionen Tonnen Getreide, außerdem noch Vieh und Fleisch hauptsächlich nach Wien und den Alpenländrrn sandte, ganz versagte. Bei guter Landwirtschaftsorganisation kann sich di« heutige und noch eine um 60 Prozent angewachsene Bevölkerung von Deutschöfterreich aus den Erträgen der eigenen Scholle ernähren und braucht Ungarn überhaupt nicht mehr. Dies gilt allerdings Nicht von den eigentlichen Alpenlüirdern, Tirol, Salzburg, aber von den deutschösterreichischen Gebieten als Ganzes. Wien kann zrzm Beispiel ganz und gar aus dem nur 19.826 Quadratkilometer umfassenden ,Frvnland" Niederösterreich mit Lebensmitteln versehen werden. Dieses Kronland hatte mit Wien 1913 eine Bevölkerung von 3,6 Millionen. Die Ackerfläche betrug 862.000 Hektar, die Wiesenfläche 227.000 Hektar. Das reicht reichlich für die Organisation von 2000 de^ hier gezeichneten Landwirtschaftsbetriebe zu je 500 Hektar, die zusammen bei Hochkultur 4 Millionen Menschen ernähren könnten. Niederösterreich hat ganz überwiegend fruchtbaren Lehmboden, das Gebirge stört noch nicht allzu sehr. Das Kronland Oberösterreich könnte sogar bei seiner nicht sehr zahlreichen Bevölkerung, 856.000 Einwohner auf 11.932 Quadratkilometer, und ausreichenden landwirtschaftlichen Fläche (420.000 Hektar Acker und 242.000 Hektar Wiesenland) erhebliche Ueberschüsse abgeben, die Bevölkerung von Salzburg und Tirol mit ernähren, die 1,33 Millionen zählte, aber nur 200.000 Hektar Ackerfläche zur Verfügung hatte. Die Bevölkerung von Steiermark (1,46 Millionen auf 22.424 Quadratkilometer Fläche) könnte sich von ihren 420.000 Hektar Acker- und 268.000 Hektar Wiesenfläch-r bei landwirtschaftlicher Hochkultur vollständig selbst erhalten, desgleichen die von Kärnten (400.000 Bewohner auf 10.336 Quadratkilometer, 138.000 Hektar Acker, 1101.000 Hektar Wiesen). " Und was Deutschböhmen und Deutschmähren änlangt, so ist zunächst von Belang, baß Böhmen und Mähren zusammen 43,840.000 Hektar Acker und 705.000 Hektar Wiesen hatten, zusammen 545.000 Hektar land* wirtschaftliche Fläche. Mindestens ein Viertel davon befindet sich in den Bezirken mit starker deutscher Majorität, das heißt mindestens 1,136.250 Hektar. Die deutsche Bevölkerung betrug in Böhmen 1910 %467.000, in Mähren 719.000, zusammen 3,186.000. Für die Ernährung dieser 3,2 Millionen oder (1914) vielleicht 3y2 Millionen genügen bei Hochkultur 800.000 Hektar landwirtschaftlicher Fläche, das heißt etwa!70 Prozent der vorhandenen. Auch Böhmen und Mähren haben ganz überwiegend fruchtbare Böden, zu steile, gebirgige Hänge spielen keine große Rolle. Die österreichischen Alpenländer verfügen über gewaltige Wasserkräfte (3 Millionen Pferdestärken?), von denen sie ohne .Schaden für sich einen beträchtlichen Teil, in Elektrizität umgewandelt, an Deutschland im Austausch gegen Jndustrieprodukte, insbesondere künstliche Düngemittel (Thomasmehl, Kalisalz), weitergeben könnten. Deutschland und Deutschöswrreich könnten sich in geradezu glücklicher Weise gegenseitig ergänzen! Italienisches Mißtrauen gegen AklizL Nach einer römischen Meldung werden die Verhandlungen des französischen Spezialgesandten in Wien, A l! i z e in der italienischen Presse stark kommentiert. Seine letzten Unterredungen mit Dr. Bauer und dem Präsidenten des Staatsrates Dr. Renner haben den Blattern Anlaß gegeben, ihr M i ßtrauen in die Tätigkeit des französischen Gesandten ziemlich offen auszusprechen. Sie scheinen der Meinung zu sein, daß Allizö den Auftrag. habe, gewisse französische Wunsche in der Anschlußfrage zu betreiben. Der Bericht des Generals Smuts. General SmutS, der vorgestern, wie gemeldet, in Paris cintraf, erstattete sofort nach seiner Ankunft dem Viererrat ausführlichen Bericht über feine in Wien, Budapest und Prag gewonnenen Eindrücke. Obzwar der Biererrat strengstes Stillschweigen Über btefeti Bericht beschlossen hat, finden sich doch in der französischen Presse Informationen, die ein Zurückweichen der Alliierten vor dem Bolschewismus ankündigen. Die Presse verzeichnet eine gewisse Unschlüssigkert der FnedenSkonferem m bezug auf Ungarn. Mit Ausnahme der sozialdemokratischen Presse verlangen alle Blätter eine feste Haltung der Alliierten gegen den Bolschewismus._ Do« der Friedenskonferenz. Das berliner Tageblatt" meldet aus dem Haag: Aus Paris kommen Nachrichten über außerordentliche Nervosität, Ermüdung und Gereiztheit der Friedenskonferenz. Von maerikanifcher Seite geschieht alles, um dem europäischen Publikum den Ernst der von Wilson yerbeigeführten Krise, klarzumachen. Von amerikanischer Die Entente will Deutschösterreich versorgen Voraussetzung: innere Ruhe. Amtlich wird mitgeteilt: Oberst L o g a n, amerikanischer Delegierter des * Obersten Wirtschasisra.es in Paris undHoovers Stellvertreter in der Lebensmittelversorgung Europas, und Kapitän Gregory, der amerikanische Vertreter in der Triester interalliierten Lebensmittelkommission, sind in Wien angekommeu und haben dem Staatssekretär Doktor Bauer heute folgende Mitteilung gemacht: Herbert Hoover, Generalkommissär für die Lebensmittelversorgung, weist darauf hin, daß er durch den Obersten Wirtschastsrat im Namen'der vier alliierten Regierungen die Finanzierung, Aufbringung und den Transport von Lebensmitteln für Deutschöfterreich ermöglicht hat, so daß im Jänner 10.000, im Februar 20.000, im März 30.000 Tonnen Nahrungsmittel im Werte von ungefähr 15 Millionen Dollar geliefert wurden. Die zunehmende E rschüpfung der inländischen Aufbringung macht es notwendig, die Lebensmittelsendungen zu et* höhen, wenn Wien und andere Städte vor dep Hungersnot bewahrt werden sollen. Es ist d-her die Absicht der alliierten Mgierungen, die Mengen zu liefern, die zu einer beträchtlichen Steigerung der täglichen Sendung^ für Deutschösterreich notwendig sind. Diese Aktion kann natürlich nur so lange durchgeführt werden, als die lokalen Verhältnisse so beschaffen sind, daß der Transport und die geordnete Verteilung der Lebensmittel sowie die Durchfuhr durch Deutschöfterreich und die einzelnen Nationalstaaten gesichert ist. Es muß betont werden, daß bei den begrenzten Möglichkeiten des Eisenbahnverkehrs zwischen Deutschösterreich und den Häfen, von denen aus die Versorgung stattsinden kann, jede Störung der öffentlichen Ordnung, weitere Transporte unmöglich macht und dadurch Wien und Deutschösterreich in absolute Hungersnot stürzen kann. Die Verwirrung in München. Niekisch zurückgetreten. — Autisemitische Flugzettelpropaganda. — Ei« eigen«. mächtiger dentschüsterreichischer Konsul. München, 10. April. (Funkspruch des Korr.-Bur.) Der Vorsitzende des Zentralrates, Niekisch, ist zurückgetreten. Sein Nachfolger ist Toller, der alle Veröffentlichungen des Rates unterzeichnet. Die MehrheltSsoztalisten veranstalten prorgen eine Urabstimmung über die Errichtung der Räterepublik. In der Stadt herrscht große Bewegung. Allerlei Gerüchte über den Vormarsch der T r u ppen der alten Regierung burchschwtrren die Luft. Die politische Situation ist unklar. In der „Münchener Post" gibt Jaffe bekannt, daß er niemanden berechtigte, ihn ia die Liste der Regierungsmitglieder aufzunehmen. Der Kommunist Le Win WM in die Regierung nur dann eintreten, Seite wird unerbittlich darauf hingewiesen, daß in 'keiner Weise eine wirkliche Klärung erreicht sei, daß sich dagegen rn wachsendem Maße eine Ueberwucherung der 14 Punkte durch selbstsüchtige nationale Forderungen vollzogen habe. Die „New Dork Times" hofft, daß sich Wilson und Lloyd George allen Annexionen energisch widersetzen werden. „Daily News" schreibt, der Militarismus in französischer Uniform sei nicht lieblicher als in preußischer. Dir neue Weltgenossenschaft müsse nicht allein Frankreich, sondern allen Ländern Schutz gewähren uitB deshalb müsse man zu Wilsons 14 Punkten zurückkehren. Wie .Handelsblad" meldet, sei die Frage des Saarbeckens noch nicht geklärt. Die Entfchädiguygsfragd sott etndrö internationalen . Schiedsgericht unterbreitet werden. Inland. Dt« Sozialisierung. . Gestern fand die erste ' Bollversaknmlung der Staatskommission für Sozialisierung statt. Der Präsident, Staatssekretär Dr. Bauer erklärte in seiner' einleitenden Rede, daß nicht daS Ob, sondern nur das Wie der Sozialisierung einen Gegenstand der Erörterung bilden könne. Die breiten Massen des Volkes warten ungeduldig auf den Beginn der Arbeit. Die Kommission möge daher keinen Tag verlieren. und mit möglichster Raschheit die ihr übertragenen Aufgaben zur Lösung bringen. Die ersten Gesetzentwürfe, die ihr gestern vorgelegt wurden, sollten bis Ostern durchberaten fein, damit die Staatsregierung sie sofort «ach diesem Termin der Nationalversammlung vorlegen könne. Der Präsident Übermittelt der Kommission sodann fünf Gesetzentwürfe, und zwar über die Enteignung von WirtschaftSbetrteben, über gemeinwtrtschaftltch^Anstalte« und Gesellschaften gemeinwittschaftttchen Charakters, über dt- Vergesellschaftung von Unternehmungen durch die Gemeinden über die Errichtung von Betriebsräten und über die Sozialisierung der Elektrt'tzttätswirtschaft. Die Kommission nahm die vom Vorstände ausgearbeitete Geschäftsordnung zur Kenntnis und beschloß, sofort sechs Abteilungen einzusetzen, und zwar für allgemeine kstecht»- unb OrganifationSfragen für die Industrie, für die Land- und Forstwirtschaft, für Kommunalpolitik, für bi« BetriebSverfaffung und für die mtt der Sozialisierung zusammenhängenden finanziellen Fragen. Nach Schluß der Sitzung konstituierten sich die Abteilungen. Die erste Abteilung wählte zum Obmann den Abgeordneten Josef Wiedenhofer, Sekreiär des Metattackeiterverbandes, zu seinen Stellvertreter den Präsidenten des ReichSverbander der österreichischen Industrie, Dr. Georg Günther. Die zweite Abteilung wählte zum Obmann de« Daurat Ing. Moriz Gerbel, zum Obmannstellvertreter de« Obmann deS Verbandes der LebenSmittelarbetter Stephan Huppert, die dritte Abteilung zum Obmann Dr. Michael H a i n i f ch, zum Schriftführer den Ministerialrat Prof. Dr. Walter Schiff. Die vierte Abteilung wählte zum Obmann den Stadtrat Georg Emmerling und zu seiner Stell- Vertreterin die Abg. Emmh Freundlich. Abteilung 5 zum Obmann den Abg. Anton Hueber, Sekretär der GewerkschaftSkommission. und zum Schriftführer Fritz Hamburger (Hauptstell« industrieller Arbeitgebecorganisaltonen), Abtellung 6 zum Obmann den Gemelnberat Hugo Breit- «er und zu seinem Stellvertreter Dr. Michael Hainisch. Die Beratungen der Abteilungen haben sofort begonnen. wenn die Kommunisten allein die Herrschaft übernehmen. <8äs ist möglich, daß heute eine solche Verschiebung eintritt. Das Gemeindekollegium wird heut« eine Kundgebungegen die antisemitische Flugzettelpropoganda beschließen. Die ErnährungSverhältnisse sind bisher erträglich, doch werden Absperrungsmaßregeln aus verschiedenen Gegenden des Landes berichtet, auch aus dem Allgäu. M r u d e l, der Eindringling im österreichischen Kon-' sulat, ist freigelassen worden und hat sich unter dem Titel eines provisorischen deutschösterreichische Konsuls etabliert. Sr gibt bekannt, daß er in Men um Anerkennung angesucht habe. Zur Schulfrage in ^DeutschÖsterreich. Der Ausschuß für Erziehung und Unterricht hat' in seiner letzten Sitzung einen Antrag auf Verstaatlichung des gesamten Schulwesens beraten. Der Berichderstatter Abgeordneter Pauly legte die Notwendigkeit dar, das Volksbildungswesen im Interesse der Gleich- . berechtigung und der gleichen kulturellen und wirtschaftlichen Ertüchtigung aller Staatsbewohner zu verstaatlichen. Unterricht und Lernmittel sollen unentgeltlich und allen Schülern gleich zugänglich sein. Die Errichtung von Privatschulen sek'gesetzlich zu untersagen, bereits bestehende sollen verstaatlicht werden, sofern sie allgemeinen Bedürfnissen entsprechen. Konfessionell«! Privatschulen seien aufzulassen. An der Verwaltung der dem Parteigetriebe zu entrückenden Schule sollen neben den Lehrern alle beteiligten Bürger tätigen Anteil nehmen. Der kalte Bureaukratisnms, der sich bisher attez Entwicklung entgegenstemmte, soll einem Zusammenwirken von Haus und Schule Play machen, di« Lehrerschaft soll wirtschaftlich gefestigt werden und in der Reichslehrerkammer ein Vertretungsorgan erhalten, die Selbstverwaltung aller Lehrenden soll eingeführt werdöfi und die Mitglieder der Schulämter sollen durch Wahlen hervorgehen. Vorläufig handelt eS sich bloß' um Vorschläge, mit denen sich vorerst der Ausschuß zu beschäftigen haben wird. Bon da bis zur Gesetzwerdung liegt noch eine Wegstrecke. Auf jeden Fall aber sind die Schulgesetze verurteilt, Papier zu bleiben, so lange nicht der entsprechende lebendige Geist hinter ihnen steht. Auf diesem Gebiete ist noch alles zu schaffen. So lange wir kein« Lehv-rgeneration haben, die vom! alten Geist des nationalen ober politischen Chauvinismus völlig frei ist und ein neues höheres Menschentum verkörpert, so lange wir6 auch eine erneuerte Schule die großen Aufgaben nicht erfüllen können, die ihr zukommen.' Jedenfalls ttrnn man sagen, daß den Äsrschlägen ein gesunderXdemokratischer Sinn zugrunde liegt. Der allgemeinen^ Bildungspflicht wird ein für alle geltende- Recht auf Bildung gegenübergestellt und der Grundsatz festgehalten, daß nur ein von bureaukratischem und materiellem Zwange freier Lehrerftand' seinen schöpferischen Aufgaben gerecht werden kann. Ein Punkt des im Unterrichtsausschuß vorgelegten ProgrammeS jedoch erweckt unsere Bedenken und fordert unsere kritische Stellungnahme. Die Vereinheitlichung und Verstaatlichung des Schulwesens wird in dem Bericht aus der Tatsache abgeleitet, daß durch die nunmehrige nationale Einheitlichleit des Staates die Hemmnisse einer Verstaatlichung der Volksschule beseitigt sind, die bekanntlich bisher eine Angelegenheit von Kommune und Land war. Es läßt sich nichts dagegen sagen, daß der Staat dir Erziehung aus einheitlichen Gesichtspunkten gestalten und das Schulwesen durchaus zu seiner Aufgabe machen soll. Auch gegen die Aufhebung der konfessionellen Schule wird kaum etwas einzuwenden sein. Aber was man nicht aus den Augen verlieren darf, ist die Tatsache, daß dieser Staat, dessen nationaler Charakter von niemand bestritten werden kann, auch der nationalen Minderheiten nicht vergessen darf, die Berücksichtigung für, ihre speziellen Interessen fordern dürfen. Besonders für die jüdische Minorität trifft dies zu, die in Wien die Stärke von einer Viertelmillion beträgt, und deren von alten Machtteudenzen freier Charakter die Interessen der herrschenden Nation in veiner Weise schädigen