Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 83 (11.4.1919)
- Date
- 1919-04-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Keiner traut dem Metten und die kleinste Störung dieses auf der All- Kmeinhett des Mangels an Zutrauen beruhenden Gleichgewichtes kann den Aufruhr ins ganze Haus tzringen und wirken wie ein Funke im Pulverfaß. W) weil sich keiner sicher fühlt, bewaffnen sich alle ynd stellen sich auf die Lauer, so daß man nicht zu unterscheiden vermag, ob diese Stellung Angriff oder Abwehr bedeutet. Unter diesem Bilde wird man sich bip staatliche Konstellatton des Europa der Vorkriegszeit leicht versinnbildlichen können. Jeder Staat stellt Men egoistischen Machtfaktor dar, den die allgemeine Weltlage zu beständigen Kompromissen zwingt, so M er auch seine egoistischen Machtinteressen nicht re'süos durchsetzen kann. In dieser Welt, deren Sprachst eine falsche Diplomatie bildet und in welcher der (ptybe an ehrliche Absichten des änderen völlig außer Kurs gesetzt ist, mußte der Grundsatz der NichtadMischung -in ftemde Angelegenhetten zum obersten Prinzip erhoben werden. Aufgabe des Staates ist, die chyistischen Interessen der herrschenden Klaffen zu be- Mdigen und die Erhaltung des Bestehenden nennt sich: in der abgegriffenen . Wortmünze des Alltags das Myhl der Gesamtheit". Man kennt nur Untertanen, im besten Falle Bürger; „Menschheit" ist ein verschwommener Begriff, mit dem sich nichts anfangen lW Eine Einstellung auf menschheitliche JnteresM.hätte ..früher oder, später das .aus Zwang und Unordnung aufgebaute .Gefüge lockem müssen; ML-Intervention aus Gründen der Humqnttät wäre M Agemein herrschenden Hystem einrr lediglich auf Erfüllung imperialistischer. Machttendenzen gerichteten Politik als Vorwand für andersartige Ziele erschienen. Sy wird der amoralische Grundsatz der Nichteinmischung nicht bloß die erste Maxime, sondern sogar das. .Symbol des - alten Machtstaates. Die Schergen de? Zarismus drangsalieren' unschuldige Menschen gus barbarische Weise — man darf sich nicht einmischen. Rumänien betreibt eine Judenpolitik, die allen.Menschenrechten Hohn spricht und die gegenüber: Europa eingegangenen Verpflichtungen mißachtet — aber man bedauert; die heilige Staatsraison verbietet die Einmischung in fremde Hoheitsrechte. . k Es: kann kaum Mem Zweifel unterliegen, daß dep allen Systemen das letzte Stündchen geschlagen hat. und eine neue Epoche herankommen will. Die europäische Zivilisation steht an : der Wegscheide zwischen Vergangenheit und Zukunft, und alle Ausschreitungen imperialistisch-politischer oder nationalistischchauvinistischer Natur, wie.,sie uns eine chaottsche Gegenwart beschert, bedeuten wohl nur Rückzugsgefechte einer Macht, die sich selbst zum Tode verurteilt hat Md sich, je unbeugsamer sie scheint, um so rascher ihr eigenes Grab schaufelt. Die Beziehungen zwischen Staaten und Völkern werden in Zukunft auf andere Grundlagen gestellt werden müssen, und Landesgrenzen werden aufhören, auch Grenzen der Menschlichkeit zu bedeuten. Die bisherige machtstaatliche Isolierung wird der von einer gerechteren Ordnung getragenen Vereinigung Platz machen. Der Gedanke des Völkerbundes weist Wer den Weg. Wo bisher das Prinzip der Nichtein- Mchung als Axiom gegolten hat, soll umgekehrt die Einmischung zur ersten Pflicht erhoben werden. Wenn der: Völkerbund wirklich die Vereinigung autonomer, gleichberechttgter und freier Völker sein wird, dann wird dieser Gegensatz von selbst verschwinden, weil Kein Volk oder Staat überhaupt in die Lage kommen wird, Akte gegen die Menschlichkeit zu begehen, die eine Einmischung nötig machen würden. : Noch ist die Welt nicht soweit. Auch wenn in Paris der Völkerbund wirklich beschlossen und unter- Mchnet sein sollte, wird er erst einen Anfang bedeuten. Seine wirkliche Voraussetzung ist eine totale geistige, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umschichtung innerhalb der Einzelftaaten, die nicht von heute auf morgen erfolgen kann. Erst in einer solchen neuen Ordnung' werden die Menschen reis werden, zu erkennen, daß' üüch der Staat selbst schließlich nicht eine gottgewollte ünd; auf Ewigkeit begründete Einrichtung ist, sondern! nur ein technischer Behelf, der die allgemein mensch-' lichen Aufgaben erleichtert, zu denen für verschieden geartete Gemeinschaften verschiedene Wege Uhren. Die Münchner Räteregierung gestürzt. : BUdmtg einer kommunistischen Regierung. — Verhaftung von Geiseln — München von der Umgebung abgesperrt. Perlin, 10. April? (Korr.-Bur.) Das „Tageblatt" meldet a«S Rürnbcrgr Dle „Fränkische Tagespost" berichtetr Eine heute früh ans München eingettoffeue Depesche meldet, daß der Rat der Volksbeauftragte» 1« München gestürzt «nd eine kommunistische Regierung gebildet worden fei. Berlin, 10. April. (Korr.-Bur.) Der „Lokalanzeiger" meldet aus München: Heute nachts wurde eine Versammlung der kommunistischen Betriebsräte abgehalten, die ihre entscheidende Abstimmung erst um 4 Uhr stütz beendete ^und einen neuen Zentralrat, bestehend aus fünf Arbeiter- und fünf Soldatenräten, bildete. Da der Kommunistenführer Dr. L e w i n 'die Beteiligung ablehnte, wurde der Maurerpolier Klotz zum Vorsitzenden gewählt. Im Lause der Nacht holten sich die Kommunisten elf Geiseln aus den Reihen derGew e r k s ch a f t sführer, entwaffneten Schutzleute und nahmen Kommissäre und Wachtmeister als Geiseln mit. Diese sollen inzwischen wieder sreigelassen worden sein. - i München, 10. April. (Korr.-Bur.) Die Lage spitzt sich immer mehr zu. München soll rings-abgeschlossen werden. Berlin, Nürnberg» Augsburg und fast alle größeren- Städte haben jeden telephonischen und telegraphischen Verkehr m i t M ü n ch e n a fc 9 c b röche n. Der Eisenbahnverkehr st 0 ckt. i .t Kohlenzufuhr ist eb ensalls unterbunden. Vorläufige NdutrMsieruug Ostschlesteus.^.y Ein Beschluß der Entente. Die „Deutschen Nachrichten" melden: Die | Als nentralifiertes G e b i e t ist Enten t e K 0 m m i f f i 0 n i n T e s ch e n : das Land zwischen B i a l k a n n d O fi i tx* erhielt aus Paris einT legramm Elemen- : w itz a zu betrachten, wo gegenwärtig ewe c e a u s mit der Mitteilung» daß über das gefrischte tschechischp 0!«rsche Teschener Gebiet bis zur endgültigen Ent- Kommis s i 0 n die ^höchste Gewalt mrsübt. fcheidnng. durch die Friederisstonferenz als:!: Diese Kommisfion bleibt weiter: Letz S ch stA^L a n d ejs;b c|j-stetzen, untersteht jedoch der EstiMe- G n t e n t e k 0 m m iffM« in - TesHen zu Kommission, " WeHfy€T ' gelten habe. . i entscheidet. Vielleicht führt der Weg Künftiger Entwicklung zu einer Auslösung des Staatsbegriffes und zur Zerstörung einer. bisher für absolut gehaltenen starren Form, die der Entfaltung - wahrer Humanität eine Schranke bedeutete. Wie die allgemein geänderte Weltlage zu einem Aufgebeu des bisher hochgehaltenen Grundsatzes der Nichteinmischung zwischen Staat und Staat führen muß, so muß andererseits auch die Frage der individuellen Einmischung in fremde Angelegenheiten revidiert werden, die für uns Juden eine besondere Bedeutung hat.' Das Zeitalter der jüdischen Assimilation, welches eine Periode der Auflösung bedeutet, war gekennzeichnet durch eine schrankenlose Teilnahme der Juden an allen nationalen und gesellschaftlichen Bewegungen der anderen Völker, zu denen man sich völlig zugehörig fühlte. Mit dem Judentum hing man, wenn überhaupt, so nur durch das täglich schwächer werdende Band eines lauen Konfessionalismus oder einer dumpf empfundenen Pietät zusammen. Stagnatton undinnerer Zerfall auf der einen, ein Anwachsen des Anttsemitismus auf der anderen Seite waren die Folgen der jüdischen Assimilation. Als die nationaljüdische - Bewegung immer weitere Kreise des Volkes umfaßte, begann man zu erkennen, daß es not tue, das eigene Haus zu bestellen und die anderen, bei denen man ein täglich unerwünschter werdender Gast wurde, ihre eigenenAngelegenheiten selber erledigen zu lassen. Und als innerhalb des Sozialismus die nationale Unterscheidung der Gruppen sichtbar wurde, entstanden alsbald in allen Ländem mit beträchtlicher jüdischer Bevölkerung mehr oder weniger national orientierte jüdische Sozialistenparteien. Es ist kein Anlaß, von dem von Seite der Zionisten mit aller Schärfe betonten Grundsatz der Nichteinmischung in fremde Angelegenheiten dort abzugehen, wo es sich um irgendwelche spezielle Fragen nationalen oder sonstigen Charakters handelt. Die jüdische Plattform ist breit genug, um von hier aus eine Stellungnahme iin wirtschaftspolitischer oder sonstiger politischer Be- ' Ziehung zu ernwglichen. Damit, ist. aber das Problem noch nicht erledigt. Der Weltzusammenbruch,, dessen Zeugen wir sind, hat :die Menschheit mit einer noch, nicht dagewesenen Spannung erfüllt. Das Empfinden ist allgemein, daß Bindungen, die durch eine überlange .Tradition, geheAgt jchieney, sich lösen wolley, nachdem sie in ihrem wahren Wesen erkannt wurden. Und die. Ungeduld einer kaum noch zu zügelnden Masse, pocht ungestüm an die Tore zum verheißenen Zukunstsland. Es ist in der ganzen Geistigkeit des Juden, begründet, daß er solche Spannungen tiefer empfindet und leidenschaftlicher erlebt als irgendwer. Und. die Erscheinung, daß an der Spitze der radikalsten Bewegungen der Gegenwart in beträchtlicher Zahl - Juden stehen, wird den Kenner der jüdischen Psyche. nicht uberraschen. Die heutige Zeit läßt schwerlich eine Analogie mit anderen Epochen zu, und das Mittel, die jüdischen Vorkämpfer einer neuen Wettordnung einfach .ins Gebiet einer auf jüdischer Plattform stehenden:Betättgung zu verweisen, muß versagen, gleichgültig, ob man sich von dem eingeschlagenen Wege etwas Wies verspricht oder nicht. In krisenhaften Zeiten, wie es die heuttge ist, fallen leicht alle SchrMen. Zuzugeben fft fteilich, daß der Umstand für die gesamte Judenhett eine Gefahr bedeuten kann, daß jüdische Männer an den exponiertesten Stellen zu finden sind. Die nattonalistische und: reakttonäre Presse hat das bequeme Mittel ohne vieles Suchen gefunden, um alle extremen Bewegungen: der Gegenwart in gewohnter Weise zu diskreditteren. Man sucht auf dieser Seite solche Bewegungen so darzustellen, als Müde eine verführte Menge hinter jüdischen Führern, die nach gewohnter jüdischer Meise im Trüben fischen wollen. Uns ist gegenwärtig'kein Mittel gdgeben, diesen Zustand zu andern. Wer aus einem, wenngleich noch so irre gehenden Idealismus den Moment, gekommen glaubt, um das Werk der wahren Befreiung der Menschheit zu beginnen, den können die schönsten jMschen Programme nicht locken. Es ist jedoch im Jntereffe der menschlichen Kultur, zu hoffen, daß der wilde Strom der Revolution, der sich über die Welt ergießt, in nicht zu ferner Zeit in ein ruhigeres Bett münden wird. An der jüdischen Bewegung aber ist es, entschlossen an die geänderte Weltlage und die Bestrebungen der Gegenwart Anschluß zu suchen. Die jüdische Bewegung muß derart 'ausgebaüt werden, daß sie in Zukunst auch für jeneu entschiedenen Radikalismus, der den Quellen des echten Judentums entströmt, welches mit dem. Strebeir nach sozialer Gerechtigkeit und nach Verwirklichung des. Göttlichen auf. Erden gleichbedeutend,' ist, genügenden Raum für Betätigung und für ein Wirken in die Well gewährt.' .