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Wiener Morgenzeitung · 1919-04-09 · Heft 81 (9.4.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 81 (9.4.1919)
Date
1919-04-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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fette ~iT Men, Mittwoch -- M --'-- Nemeinberat kandidieren, hat zunächst der gesamtjüdische Gedanke vorzuwalten, alles'andere folgt aus ihm. Die Rechtsungleichheit des Jridenvolkes, die maßlose Entrechtung, zeigt sich auf Schritt und Tritt. Wir sprechen ja gar nicht von der gesellschaftlichen ^. Zurücksetzung, diese kommt ja für Nationaljuden wahrlich nicht in Betracht. Wer gerade angesichts der bevorstehenden Wahlen verweisen wir darauf, daß Juden in Land und Gemeind« nicht als Beamte und Lehrer unterkonunen können, daß si^h an dieser Tatsache trotz des mächtigen sozialdemokratischen Einflusses bisher nichts geändert hat. Unsere Vertreter werden mit Aller Macht hier Wandel zu schaffen haben. Je unsicherer die Grundlagen unseres Staates werden, desto größer sind die Aufgaben der Wiener Gemeindeverwaltung. Der künftige Umfang Deutschösterreichs ist unbestimmt, von unserem Willen unabhängig. Unsere Stadt aber ist trotz Krieg und Umsturz räumlich unverändert geblieben: an ihrem Gedeihen haben die 250.000 Ariden — fünf Sechstel der Judenschaft Deutschösterreichs —* ein großes Interesse. Wären die Juden Wiens politisch klug, wären sie vor allem so einig, wie ihre Feinde,, dam» könnten 10 bis 12 jüdische Vertreter in die Laudesversammlung und und den Gcmeinderat einziehen und viel für die Durchsetzung der besonderen jüdischen Forderungen auf politischem und wirtschaftlichein Gebiet leisten. Unter den gegebenen Verhältnissen aber müssen wir alle Kräfte anspannen, um aus den sogenannten Jndenbezirken Leopoldstadt, Brigittenau und Alsergrund einige Vertreter zu entsenden. Gegen die Unterdrückung unseres Volkstums, gegen die Knebelung jüdischer Handwerker, und Gewerbsleute, gegen die Ausschaltung jüdischer Kaufleute und Lieferanten, gegen die Aechtung jüdischer Schulkinder, gegm die Taufscheinwirtschaft, gegen die Ausweisung jüdischer Flüchtlinge, gegen jede judeufeindliche Politik in Stadt und Land rverden unsere Mandatare nachdrücklichst aufzutreten haben. Angesichts der überwältigenden Notlage wird ihnen aber auch die Aufgabe zusallen, in reibungslosem Zusammenwirken mit den übrigen Parteien an der Rettung unserer Stadt zu arbeiten. Für die Hebung des Gemeinsinns, für den Ausbau der gemeinwirtfchaftlichcn Einrichtungen, für die Umbildung der 'Großstadt in wahrhaft sozialem' Geiste werden sie sich emsig bemühen, Volksernährung und Volksgesundheit, Wohnungsbau und soziale Fürsorge, Erziehungsftagen und KulturbeLürfnisse werden bet ihnen jederzeit verständnisvolle Förderung finden. An Stelle hohler Phrasen und papierener Verordnungen werden sie Lebensmöglichkeihen für die geplagte Bevölkerung zu setzen trachten. Denn Juden sind sie, aufrechte, volksbewußte Menschen, denen nichts- Menschliches fremd ist, und vor allem das Schicksal dieses Staates und dieser Stadt so nahegeht, wie die Zukunft ihres eigenen Volkes. Kraft der weltumspannenden zionistischen Organisation, der sic angehören, werden sie, deren Volksgenossen in allen Staaten der Welt leben, besonders geeignet sein, die Wiederherstellung günstiger Wirtschaftsbeziehungen, mit dem Ausland zu erleichtern und Wien Brot und .Arbeit zu sichern. Das alles müssen sich die jüdischen Männer und Frauen vergegenwärtigen, wenn sie am 4. Maizur Urne gehen. Wir brauchen jüdische Vertreter, weil sich sonst niemand unserer Bedrängnis annimmt, aber auch die Bevölkerung Wiens wird ihrer bedürfen, weil sie der Gesamtheit eher Vorteile bringen können, als ein noch so parteitreuer Sozialdemokrat oder gar ein deutschliberaler Israelit. Juden und Jüdinnen! In Eurem eigenen Interesse, zum Wohle dieses Stqates, dessen treue Bürger Ihr seid, zum Stutzen der Stadt, in der Ihr lebt, zur Ehre unseres Volkes, dem Ihr dadurch Anerkennung verschafft, dürft Ihr am 4. Mai für die Landesversammlung, den jGemeinderat und die Bcznkäräte nur die jüdischnationalen Partetl i st e n w ä h l e n! PEische^Rrmdscharr. Die jüdische Schulfrage in der Westnkraine. Der Jüdische Nationalrat für Ostgaltzien i» Stanislau hat an das Staatssekretariat für Kultus und Unterricht die Forderung gerichtet, daß die hebräische 'Sprache in allen Schulen, in denen sie noch nicht als Dortragssprache eingeführt wurde, einstweilen als obligater Gegenstand für die jüdischen Schüler im Ausmaße von 6 Stunden wöchentlich (inklusive Religionsunterricht und jüdische Geschichte), unterrichtet werde. Ter Jüdische Nationalrat protestierte auch, daß in denjenigen Volksschulen, die mit öffentlichen Anschlag seitens'der Negierung als „jüdisch" bezeichnet wurden, der jüdische Charakter derselben in keiner Weise zum Ausdruck gelangt ist. In diesen Schulen wurde bisnun das Hebräische weder als Vvrtragssprache noch als Lchrgegenstand eingesührt, ebensowenig den Kindern der Samstag freigegeben. Die Leitung dieser Schulen ruht derzeit in nichtjüdischen Händen. Der Jüdische Nationalrat verlangte vom Staatsiekrecariat die sofortige Erfüllung der Schulforderungen des jüdischen Volkes mit Einverständnis mit dem Jüdischen Nationalrat, ebenso die Bestellung von Referenten in jüdischen Schulanaelegenheiten in den Bezirksschulräten, deren Nominierung vom Nationalrat vorzuschlagen wäre. Der Jüdische Nationalrat hat schon dem Staatssekretariat die entsprechenden Vorschläge zur Norninienmg von jüdischen Vvlksfchulinspektoren gemacht. Die westukrainische Bodenreform. Der Jüdische Nationalrat für Ostgalizien hat dem L'o,der Agrarre,-ormkomnnsfi.on, Dr. Lew B cu'y k! s k h j, die jiidisDhen Postulat? zur Neuregelung Wiener Morgenzeitun- ' s. Dprv im ’nim' Der Reichsrätekongretz in Berlin. Starke militärische Vorkehrungen. — Renn Delegierte «ins Deutfchösterrelch. — Gegen den Imperialismus der Sieger. — Degrütznngstelegramme an München und Budapest. Berlin, 8, April. (Korr.-Bur.) Heute vormittags wurde der zweite Reichsrätekongreß" eröffnet. Saal und Tribünen sind dicht gefüllt. Die von der Kongreßleitung erbetenen Negierungstruppen stehen an den Eingängen, in den Vestibüls und in den Gängen. Die Legitimationen und Einlaßkarten werden genau geprüft. Auch in der Umgebung des Herrenhauses, wo der.Reichsrätekongreß tagt,, sind militärische Vorkehrungen getroffen. Von den 302 Räten, die nach Berechnung aus dem ganzen Reiche zugegen sein sollten, ist eine erhebliche Anzahl noch nicht eingetroffen. Bayern ist bis ans einige Delegierte aus Mittelfranken auf dem Rätekongreß nicht vertreten. Aus Dentschöfterrerch sind neun Delegierte eingetroffendie zunächst als Gäste an den Beratungen des Kongresses teilnehmen; sie haben sich sämtlich den unabhängigen Sozialdemokraten angeschlossen. Bon den 21 Anträgen, die dem Kongreß vorliegen, befaßt sich die Mehrzahl mit der Rätefrage. Ein Antrag ' geht dahin, der Rätekongreß möge beschließen, zur Friedenskonferenz eine Delegation von fünf. Vertretern aus den Reihen des Kongresses zu entsenden. Ein anderer Antrag fordert die Abschaffung des Adels. - Der Präsident der Landesversammlung, Le inert, eröffnet den Kongreß. Noch befinden wir uns, sagt er, mitten in der Revolution. Wir sind jetzt in einer Zeit zusammengetreten, wo der Friede in Aussicht steht. Unsere Gegner gehen darauf aus, das deutsche Volt zu unterdrücken. Wir weisen das zurück. Wir wollen als freies Volk unter freien Völkern Mitglieder eine^ großen Völkergemeinschaft werben. Die Revolution ist nicht Ue-; macht worden, damit das deutsche Volk seine Unter-, drücker wechselt, damit an Stelle der Junkerf die. imperialistischen Eroberer fremder, Völker treten. j Leinert ging sodann ans die schweren inneren , Kämpfe über und führte aus: Vielfach ist an Stelle; der geistigen Kämpfe das Maschinengewehr, getreten. Generalstreik und Demonstrationsstreik ftnb'j noch immer an der Tagesordnung. Vergewaltigungen der Mehrheit durch eine Minderheit kommen.^ vor. (Zurufe von der: Unabhängige»:: Umgekehrt!)'' Namens der Arbeiter- und Soldatenrate Deutschöstcrreichs richtete fodav» .Delegierter Hofmann ans Wien BegrüßungsWorte an den Kongreß und über-' 'brächte auch die Grüße des am Erscheine«:: verhinderten Abgeordneten Dr. Fried-j rich Adler. j Kultusminister Hanisch hieß sodann den Kon--, greß im Namen der preußischen Regierung willkommen. : Sodann wurde die Wahl des BnreauS b*u\ genommen. Zum Vorsitzenden wurde Hauschild'j (Mehrheitssozialist) gewählt, zu ersten stellvertretende«!! Vorsitzenden der Unabhängige Richard Müller, und'! Schroeder (München, Soldatenfraktiors). >J Vor Uebergang zur Tagesordnung beantragt BrM namens der Unabhängigen, Begrüßung Stele-, gramme an die Räteregierunge« inj München und Budapest abzusenden« '! Richard Müller (Mehrheitssozialist) wider-j spricht diesem Antrag. NamenS der Unabhängige«!! setzt sich Dr. Kurt Nienfeld für bk Absendnug et».; der Agrarfrage in der west»:krainischen Volksrepublik bekanntgegeben: . , 1. Wiederherstellung der durch den Krieg zerstörte« jüdischen Landwirtschaftsexistenzen, der kleineren Pächter und der Besitzer kleiner und mittlerer Gehöfte. 2. Bei der bevorstehenden Bodenreform haben sowohl diejenigen Juden, die sich vor dem Kriege der Landwirtschaft beflissen haben und in landwirtschastlicheu Betrieben beschäftigt waren, als auch jene Juden, die sich zur persönlichen Ausübung der Landwirtschaft melden, berücksichtigt zu werden, wobei Invalide vor anderen . Petenten bevorzugt werden sollen. 3. Bei der Muregekung des Bodenbesitzes hat auch der Bedarf der Städte an Baugründen, Gärten und. Industrien voll berücksichtigt zu werden. Angebliche Christenverfolgunge« in Rutzland. Das Organ des Vatikans, der „Osservatore Romano", veröffentlicht einen Telegrammwechsel zwischen dem päpstlichen Stuhl und der Regierung Lenins über Ausschreitungen gegen Funktionäre der römischen «nd orthodoxen Kirche und über Thristenverfvlgnngen. Nach diesen Beschwerden wurde btt apostolische Visitator von Polen, Ratti, auf feiner Reise von den Russe« verhaftet rmd zugleich mit dem Erzbischof von Mohilew, Monsignore Ropp,in Arrest gesetzt. Der römische Stuhl beeilte sich, dem alten kranken Erzbischof zu Hilfe zu kommen, und Staatssekretär Gasparrt telegraphierte seinetwegen an Lenin. Lenin erwiderte, daß nicht der Erzbischof, sondern einer seiner Verwandten verhaftet worden sei. Biel später übermittelte der Vorsitzende der oberste» Leitung der orthodoxe« Kirche in Rutzland, Erzbischof Sylvester, von Omsk dem Papst einen Bericht über die Verfolgung der orthodoxe» Geistliche«, die Zerstörung der Gotteshäuser und die Vernichtung der heiligen Bilder. Gegen hundert Bischöfe and viele Hunderte von Priester«, heißt es in dem Bericht, seien ermordet worden, und vor ihrer Ermordung hätten die Bolschewiken an diesen Opfern unerhörte Grausamkeiten begangen. Wo die Bolschewik« die Macht haben, sei die Christenverfolgung grausamer als in den ersten Jahrhunderten des Christentums. Ueberall gebe es nur Elend und . Dod. Au fdiesen Bericht hin sandte der Papst sofort ein Trosttelegramm an den orthodoxen Erzbischof Sylvester und zu gleicher Zeit durch' das Staatssekretariat! eihe Depesche an Lenin, worin er ih« beschwört, die Diener Gottes jedweder Religio« «mznerlennen und die Menschlichkeit nicht zu verleugnen. Eine antisemitische Partei in Deutschbähmen. Aus Prag, 8. d. M. wird uns gemeldet: Die Deutschfortschrittliche Partei in Böhmen verbreitet folgendes C-ommuniquö: Die Landesparteileitung der Deutschfortfchrittlichen Partei in Böhmen gibt der deutschen Oeffentlichkeit Böhmens bekannt, daß die deutsche Fortschrittspartei der neugegründete« „Deutschbö hmischen Bolkspartei" vollständig fernsteht. Die „Deutschhöhmische Volkspartei" ist ohne Wissen rmd Zfttun der Deutschen Fortschrittspartei entstanden und setzt sich ausschließlich aus nationalen Parteien zusammen, die auf dem antisemitischen Standpunkt stehen und diesen Standpunkt'auch in das P r o g r a m in der n e n c »t Partei übernommen haben. Wie sich ein solcher Standpunkt mit dem demokratischen Gedanken überhaupt in Einklang hxingm läßt, bleibe uuerörtert, dagegen sei hiermit ausdrückliche und entschiedenst betont, daß die Deütschfortschrittliche Partei in Böhmen nach' wie vor auf ihre» strenge«; freiheitlichen und demokratische« Prinzipien verharrt! und daher allen Mutmaßungen entgegentrete« muß, die! tu der Dentschböhmischen Bolkspartei die VeveinigZmA^ aller deutschbürgerlichen Parteien proklamiert sehen, ~ Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen: Tschechien und Ungarn. Prag, 8. April (Korr.-Bur.) Die Abend»! auSgabe de- „Prager Tagblatt" meldet r! Der tfchecho-flowakische Geschäftsträger bei der ungarischen Regierung in Budapest' Zem a n begibt sich'heute nachmittags wieder! nach Budapest. _____ Die Friedenskonferenz. <Sitt interalliiertes Kommando ta Osteuropa. Gegen da» Vordringen de» Bolschewismus. Zürich, 6. April. (Tel. der Jffir. Morgmztg.*) Die Mailäubtt „9 e t f e * e t a «s ft” meldet aus Pari», der viererrat, hake beschloss«, Pole« und Rumämm als die beide» Bollwerk gegm den Bolschewismus za verstärk« asb Böhm« tmb Serbien Hilfe ga send«, na sich gegm die magyarische Gefahr and eine! allfälÜge Auflehnung »o» Dmtschösterreich und Bnlgari« §u der-! leidig«. Rumämm wird am Dnjetzr and ia der Bukowina' rmstlich von dm russisch« and dm akmtmsch« Bolschewik« bedroht, die'e» mit einem doppelt« Angriff and durch ein« gleichzeitig« Vorstoß der Ungam in Siebmbürgm umzingeln konnten, fall» sich ihn« auch die Vulgär« anschlöffm. An Osteuropa soll ei» n«e» interalliiertes Kouunando geschaff« »erd«,' um in Pol«, Rnuckm«, Böhm«, Serbim und Griechenland dm Widerstand gegm dm Bolschewismus >» organisier«. Lloyd George für einen Verständigung-friederr. Haag, 7. April. (Tel. der »Wr. Moramztg.”) Ein Bev-! trrter der »Westmiuster G a z e t t f hatte eine Unter-, rrdnng mit Lloyd George. Der englische Premer tust darin entschied« für ein« gerecht« Fried« mit Deutschland cm. Es wäre unsinnig, sagte er, auf lange Zeit eine BesatzlMgSarmeC in Deutschland zu unterhalten oder gar Berlm «t besetzen. Wen sollte, von den gewaltig« Kost« abgesehen, diese Trrwprn stellen? Sicher weder England noch Amerika. Wolle man kein« furchtbar« Revancheknea Deutschlands herarstbeschwören. so müsse man" Deutschlaiid glimpflich behandeln und in d« Völkerbund aiü- «ehmen. Wilson fährt «ach Amerika. Amsterdam» 8. April. (Korr.-Bur.) Dem »Teleamas" zufolge wird gemeldet, daß man die baldige Riickkehr des Präst" o«ten Wilson nach Amerika erwarte. Das Marinedepartem«1 erhielt ein Telegramm anS Paris, m dem m:f die baldige Ents«duua deS Dampfer- ^George Washington” nach- Brest gedrungm wird. Der Abtransport der polnischen Truppen.^ \ Paris, 8. April. (Reuter.) PadereiySki »md D i l s u d 8 k i brsucht« heute Clemencean und Pichon. Der Abtransport der polnischen Truppen in der Stärke von 50.000 Mann nach Polen beginnt am 15. d. M.

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