Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 80 (8.4.1919)
- Date
- 1919-04-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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' eateir Wien, Dienstag Wiener MorgeuzeMtttg 8. April 1819' , n9Ct ß %,■ PotttischeRundschau. Pole«, -er % »bündele der Entente. Die polnische Politik, die wähvend des letzten '!T?t M D-öppelgesicht zeigte, pendelte noch in den vllcr^ Lochen zwischen Paris und Moskau herum. Polencg zuwege gebracht, sich einerseits im Glanze der Entente zu sonnen und als deren Verbündeter ihre Anerkennung und ihren Schutz zu erlange« ,mährend» demseine Staatslenker andererseits mit der Sowietregierung in Moskau verhandelten. Und obgleich dieses Doppelspiel von wenig politischer Anständigkeit zeugt und gerade bei einem jungen Staatswesen große GefahrM für dasselbe in sich birgt, hätte die polnische Politik sich kaum zu einer Entscheidung entschlossen. Durch die gegenwärtige Situation der Weltpolitik wurde, sie jedoch dazu gedrängt. In einer der letzten Sitzungen Hai die polnische Konstituante nach längerer Debatte denn auch den einstimmigen Beschluß gesüßt, mit der Entente ein Bündnis za schließen. Dadurch hat Polen sich auch formell politisch ftftgelsgt. Daß für diese, mit einer solchen Rückhaltlosigkeit und Einhelligkeit gefällte Entscheidung weniger Erwägungen ideeller als praktischer Natur ausschlaggebend waren, ist unzweifelhaft. Der Haß für den bolschewikischen Kreml und die Angst vor der Gefahr einer bolschewikischen Ueberflutnng Polens bereinigten den Sozialdemokraten Daszynski und den Allpolen Grabski in dem Wunsche, sich den Alliierten anzuschließen und ließen, alle Differenzen in den Hintergrund treten. Zwar hat per andere sozialdemokratische Redner, tzlbgeordneter Perl, von diesem Bündnis weniger begeistert gesprochen und in seiner Rede auch manche Bedenken durch sickern lassen, aber auch er hat sich, sicherlich aus denselben Erwägungen wie die anderen, für das Bündnis' mit der Entente ausgesprochen. Durch diese Kundgebung der polnischen Volksvertretung hat sich Polen zu den großen Weltdemokratien des Westens geschlagen. Wird dieser Anschluß meljt, sein als ein politischer, als ein rein äußerlicher- Wird dadurch auch geistig eine Annäherung an den Westen bewirkt werden und dieses Bündnis auch auf die innere Politik seinen Einfluß üben? Dies erscheint um so notwendiger, als die Polen gerade in den letzten Jahren von den westlichen Kulturtraditionen, mit denen sie sich stets.brüsten, nach und nach abgerückt sind und die jüngsten Vorgänge in Polen eine frappante Ähnlichkeit mit dem zaristischen Rußland verraten. Unter dem Deckmantel der Wiederherstellung der historischen .Grenzen von anno 1772 macht sich dort ein Imperialismus breit, der seinesgleichen sucht. Dies mag vielleicht auch ein Grund mit gewesen sein, daß die polnischen Politiker nach langem Zaudern sich schließlich'für Paris entschieden haben, w?runter sie hauptsächlich Frankreich verstehen. Für das Polen von heuteSst nämlich Frankreich mit ssim ‘ " " " 'oHmen Siegsriedensimperialismus, wie er iw.: gegenwärtigen französischen Regirrnngsmä^ner fast ausnahmslos verfochten wird, der natürliche Verbündete. Dabei, unterstützt bekanntlich Frankreich auch direkt die polni^fs'en Bestrebungen, sowohl in bezug auf die Grenzs"'^..»,vals auch hinsichtlich der Unterdrückung der in Po^n lebenden nationalen Minderheiten. Von diesem Gesichtspunkt aus sind die von dem Abgeordneten Perl sowie von seiten eines, wenn auch geringen Teiles der polnischen Presse geäußerten Bedenken sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Bei seiner Zustimmung zu dem Bündnis mit der Entente, die, weil „eine Liebe per Distanz", von längerer Dauer sein dürfte, trat Abgeordneter Perl der Politik des Imperialismus entgegen, die den tschechischen Annexionsgelüsten im weitesten Maße entgegenkommt und Polen zu einer.militärischen Intervention in Rußland verleiten will. Cr hält auch die Wiederherstellung der Grenzen von 1772 für einen Anachronismus und fordert das Sülbstbestinimungsrecht für die Litauer imb Klemrusserr. Aber, mögen die Gründe für dieses Bündnis welche immer gewesen, sein, die Tatsache, daß Polen sich dadurch, wenn auch vorläufig nur formell, auf den Boden der 14 Punkte Wilsons stellte, macht dieses wertvoll. Dabei ist'es auch bedeutsam, daß diese Entschließung polnischerseits erst jetzt gekommen ist, wo sich in der Entente der Standpunkt Wilsons gegen den Clemen- «aus durchzusetzen beginnt. Verschiedene Anzeichen deuten auf einen Sieg der „idealen und internationalen" Politik über die sogenannte praktische und national hin. der nicht bloß vom allgemein menschlichen, sondern auch vom speziell jüdischen Gesichtspunkt aus begrüßenswert ist. Wenn einmal die Wilson» sehen Grundsätze zum Durchbruch gelangt find und wennauch Elemenceau weiterhin, wie in den Fragen der Landung der polnischen Truppen in Danzig und der Anerkennung der Regierungen in Moskau und Budapest, nachgeben wird, so können wir auch hinsichtlich der nationalen Minderheltsrechtö für die Juden überall, auch in Polen, ruhig sein. Das Selbstbestim» nmngsrecht der Völker ist einer der heiligste« Grundsätze der Präsidenten Wilson, für deren vollständige Durchsetzung zu kämpfen er den Willen bekundet hat. Und dieses Recht darf und kamt vor dem jüdischen Botte nicht halt machen! In der Frage Paris oder M-oSkrm haben sich die Polen für Paris entschieden. In der Frage Wilson- Clemenceän werden sje sich für Wilson entscheiden rnüjson. M. H. Das Blutbad in Proskurow. Allmählich werden über die Iudenschlächterei in Pro§-- kurow, einem Orte des Gouvernements Podolien, im Bereiche der Opukraine, Einzelheiten bekannt, die diesen Massenmord alS de» grauenhaftesten in der ganzen jüdischen Pogromgeschichte erscheinen lassen. In „Odeßkta Nowosti" vom 13. März d. I. berichtet ein Augenzeuge dieses Pogroms folgendes: „Unter dem Borwand, Volfchewikdr hätten in der Stadt geschossen, gab der Kosakenhctman S.imosenko am 15. Februar d. I. den Befehl, die Mische Bevölkerung in Proskurow abzuschlachten. „Er habe — wie er sich selbst ausdrücktr — seine« Burschen' gestattet, sich einige Tage zu unterhalten." Die Schlächterei wurde systematisch vorgmommen. Don Viertel zu Viertel, von Haus zu Haus gingen die kosakischeu Mörder. Die Einwohner ganzer Gassen wurden hingeuwrbet. Die Opfer wurden vor ihrer Ermordung in fürchterlichster Weise gepeini gt. Manche Leichen Kiesen 30 bis 40 Stichwunden auf. Beim Hinmord«» einer ganzen Familie wurde mit den Kinder« begonnen, die in Gegenwart ihrer Eltern schrecklich gemartert wurden. Zum Schluß wurden auch die Eltern ermordet. Biele Körper wurde» zerstückelt, die inetsten geköpft. Die Fälle von Vergewaltigung und Schändung jüdischer Frauen find zahllos. Die Schlächterei bauerte fünf Tage. Die Losung der Mörder lautete: heilige Ukraine, Tod dev Juden!" Berechnungen zufolge beträgt öle Zahl der Ermordete» gegen fünftausend Menschen. Die Zahl der Verwundeten läßt sich nicht »»geben. (Die Bevölkerungszahl dieser Stadt beträgt zirka 30.000 Seelen, darunter 20.000 Juden.) Die Verwundeten haben in den Spitälern keine Aufnahme gefunden. Die Ermordeten durfte man »icht beerdige«. De« Wagemut einiger Inden, die ungeachtet des BervokeD W unternommen hatten, eine Gruppe von Leichen zu beerdige«^ bezahlten etwa 500 Jude«. mit ihrem Lebe«. Die mordeten wurde« durch die Kosak» ln MassengrSVerch außerhalb der Stadt beigefetzt und die Grabstätten un» kenntlich gemacht, so daß man nicht wissen kan», M beerdigt wurde mrd wo. z Den Pogrom beitete der genannte Hetman Simosenka selbst. Er begann, wie befohlen, um 2 Uhr nachmittags. Gegen 6 Uhr abends ruhten die Kosaken «US von der! ermüdenden „Arbeit". Daun marschierten sie i» Reih ttaß Glied ■ *nitt Musikbegleitung V in die Kasernen, um am. nächsten Morgan khr Merck fort« zusetzen. *■ Am nächsten Tag begab sich der Bürgermeister Sikora zum Hetrncm, um die endliche Einstellung des, MorbeNS zn «bitten. Nach vielem Flehen «ud Handküsse« seitens deS Bürgermeisters ließ sich der Hatman dazu bewegen, «eg« Erlag von 520.000 Rubel in zwei Raten fetterrS der Juden, die Schlächterei einzu» > stelle«. ■ j< blutrünstige Stadtkommandant Simofeuko bekleidet weiterhin fein Amt. Die Kosakm suche» chrch weit« die Mischen Geschäfte auf ttnb rnißhmtdekn deren Inhaber zu Tod. Der Pogrom te FWktz». Am 80. Februar d.J. begaben sich die Proskurow« Mörder nach F t l s z t y n, einem Städtchen bei Proskurow, sperrte» alle Ausgänge des Ortes ab und veranstaltete» eine Hetzjagd auf die jüdisch« VevStker»«^ die sie bis tiuf 25 Familien total abschlachteteup Der größte Teil de r am Leben Geblieben« ist verwunde^ Und es gibt dort kernen, der die Verwundete» pflege» «M die Toten beerdige« könnte." s Smuts in Prag. Me im Abgeordnetenhaus bekam« wmde, ist General GmntS vo« Budapest nach Prag abgereist, wo er ,m Aufträge der Pariser Konferenz mit den führenden tschechischen Polckktru wegen der Festsetzung der tschechrsch-unganschen Grenze konferieren soll. * Prag» 7. April. »Narodni Lisch* meldet, daS General Smuts, der mit seinem Gefolge heute nacht in Prag angekommen ist und früh vom Präsidenten Masarht empfangen wurde, noch im Laufe des BormMagS Prag wieder verlasse» hat. Einheitsstaat oder Völkerstaal. Es kann nicht oft genug in Erinnerung gebracht werden, daß gerade die deutschösterreichische SoziaÜiemokratie und insbesondere ihr Führer Karl Renner es waren, welche das Prinzip Des nationalen Einheitsstaates als reaktionär und den Zeitersordernissen nicht mehr angepaßt bekämpften. In allen seinen theorettschen Schriften weist Nenner auf die Bedeutung des „Wirtschaftsimperiums" hin und bringt damit zum Ausdruck, daß sich vr der heutigen Zeit die Sbäadrnbildung Nicht so sehr nach natlonaltsttschen Strebungen als »ach Wirtschaftlichen Notwendigkeiten zu richten hat. Ordnet «a« sich lediglich dem Gesichtspunkt unter, daß restlos alle Splitter ein und desselben Volkes staatlich zusammenzufassen seien, so erweist sich Leicht, daß der auf diese Weise zustandegekommene Staat oft wirtschaftlich überhaupt nicht existieren kann, oder aber so sehr benachu teiligt wird, daß seine arbeitende Bevölkerung in einer solchen Lösung keinerlei Befriedigung findet. Daraus ergibt sich, nach den Anschauungen Renners, die Erkenntnis, daß die gegenwärtige Zeit das friedliche und versöhnende Zusammenleben verschiedener Völker innerhalb der Grenzen eines und desselben Staates erfordert und daß diese Grenzen nach den Lerechttgte« vorwiegend wirtschaftlichen Interessen debetreffenden Bevölkerung steiles festzusetzen sind. So betrachtet, gewinnt daS Wort vom Selbstbestimmungsvecht der Rationen eine andere Bedeutung. Wer «s gebraucht, Pflegt sich darunter gewöhnlich vorzustellen, daß di« Rationen, wen« «S ihnen freigestellt wird, sich lediglich vom nationalistischen Gesichtspunkt leiten lassen werden. In Wirklichkeit ist es aber so, baß sich bei einer Volksabstimmung sehr leicht die wirtschaftlichen Interessen der Bevölkerung in den Vordergrund drängen und seine Anwendung des Selbstbestimmungsrechtes auf die a« der französ^ scheu, schweizerischen und der italienischen Grenze liegenden deutschen Provinzen dürfte leicht ander« KvusequenM ergeben, als sich die nationalistische» Kreist» träumen lasse». Diese sind dann rasch dabei vo« Senat zu sprechen, während es sich tot sehr vielen Fällen tatsächlich nur ttrn eine Bekundung jener wirtschaftliche« Gesetze handelt, auf denen Renner seine Theorie« aufgebaut hat. Heute hat die deutschöstevvsichische Sozialdemokratie ihre eigenen Lehren vergessen und ist selbst extremnationalistisch geworden, so daß sie wiederum daS Prinzip denationalen Einheitsstaates über das Prinzip deS Dölkerstaates stellt und ihm den Begriff des Wirtschaftsimpertums völlig «ntewrdnet. Umso bemerkenswerter ist es, daß daS Organ deS revisionistischen Sozialismus in Deutschland, die „Sozialistischen Monatshefte", endlich wieder auf die fast schon vergessenen ursprünglichen Ideen zurÜckgreift. „Der Sozialismus", schreibt Wally Zepler im soeben erschienenen Heft 8—8 dieser Zeitschrift, „verlangt die Üntertzefinng auch der übernationalen Beziehnnge.» unter feine Forderung der ProduktivitötSerhöhung. AM ihr folgt die Notwendigkeit des Zusammenschlusses der Völker und Völkergruppen, deren Gesamtwirtschaft oder einzelne wichtige Wirtschaftszweige durch eine innere. Gemeinsamkeit verbinden sind, also im 3Ritetnan5es*j wirken höhere Gesamtleistungen erziele« müsse« «M in der Isolierung. DaS ist naturgemäß da der FaH wo geographisch zu einem Komplex verknüpfbare L Lider sich ihrem wirtschaftlichen Charakter nach ergänzen» so. daß durch deren engere politische Annäherung also eine übergeordnete, ertragfähigere und reicher differenzierte Produktionseinheit entstände." > ES wäre außerordentlich wünschenswert weMi diejeniger Kreise der Sozialdemokratie, die von ihrem,! ursprünglichen Wege so weit abgewichen sind, sich endlich wieder im Sinne dieser Ausführungen neu räg»« - tteven würden. - , , ■■ „ ■ _; Die Friedenskonferenz. Steine Schadenerfatzprivttegien str Frankreich. Vrrli». 7. April. (Korr.-Bm.) Die^D. Z. a« Mtttag* meldet aus Zürich: .Cotrirre della «aa* berichtet «Ä PariS:Wilso«,SloydGeorse und Orlando; haben die yorderunge«. Frankreichs und Belgien-, bei d« Verteilung der deutschm Schadenersatzstnmne ein Privilegium p» erhalten, einmütig abgelehnt. Die erste Tagnn« des DStkerbnndes h» Oktober. i» Wafhinßt»» stattfiade» fall. Llotzd George! verlange «och zwei Wo^ätAett." ymckS, S. April. (Xd.'Stomp.) Cer „Stotel*» derSffvch. Acht ei» Interview mit Llohd George, in bm diese» sagte: «Ich verlcmge «roch zwei Woche» Zeit, den« wir näher« »«S jetzt de« Sude der Konferenz. Auch ich bi« »tt Picho» der «»sicht, daß die Friede«^ präliminarie» vor Oster» ferttggestellt werde». Die Deutsche« weck»« st« Ende April oder anfangs Mai unterschreib« tonte»." Z» bet tzftage der Entschädigung bemerkte Lloyd George, daß keinerlei MeimrngSverschiedenheit« zwtsch« b« Unterhändler» besteh«, wohl ober -wischen b« Sachverständige», «nb zwar üb« die Zahüwg-welfe sowohl' wie Üter de» Betrag kt* Entschädig«»- PaderewsM in Paris. Parte, Avril. OavaS.) Padtrew-N ist geff^n j« Begleitung de- Botschafters R o «! e» - hin «ingetroffen. Die Amsterdamer internationale Eoziaüftenkonferettz. Berlin, 7. April, Bei der internationale« Sozialistenlonferenz, die am35.April i« Amsterdam ftattstndet,werden dem ^Vorwärts* zufolge Deuffchlanv dmch Herwaan Müller Frisch Udler, and r l, England _ . „ .... _ vertreten fein. Es wird votgeschlage» werde«, am 11. August einen interttatioval^n Kongreß m Luzern abzuhalten. Selbständigkeit der Philippinen. , MashiNgto», 7. April. (Funkspr. drS Tel,-KöM"Bur.) Cm« Sonderaborbnuna der gesetzgebenden Versammlung dev Philivpmen sst zur Emleitunü von Verhandlungen, die die GelbMndigkckt dieser KdivMeherveffUhren soffen, hier eiugttroffm.