Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 80 (8.4.1919)
- Date
- 1919-04-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Bauern werde man aber für den Radikalismus nicht gewinnen können, da sie durch und durch konserva iv find «nd das Fehlen eines starken Großgrundbesitzes sie nicht wie in Rußland zum Radikalismus nötigt. Es sei alles getan worden, was verlangt wurde und möglich war. Aber die Menschen sind krank vor Hunger, und ihnen durchgreifend zu helfen, ist außerordentlich schwer. Es kommt auch nicht auf die politische Verfassung allein an, sondern viel mehr auf die lebendige wirtschaftliche Kraft des Volkes. Die Bereitwilligkeit zur Einführung einer Räteregierung wurde bereits vom Staatskanzler Dr. Renner erklärt, es wird sich auch der Weg hierzu finden, nur müffen bei uns die außenpolitischen Verhältnisse gründlich beachtet werden. Diese find aber so, daß wir immer fürchten müssen, mit der Entente in Konflikts« kommen. Davor müssen wir uns unter allen Amständen hüten. Wenn sie uns keine Lebensmittel schickt, müßten wir zusammen brechen. Außerdem ist es sehr fraglich, ob wir bei der Ausrufung einer Räterepublik nicht in starke innerpolitksche Verwicklungen komme». Wir müssen aber auch beachten, daß wir für den Fall, daß wir der Entente gegenüberstehen, wohl mit einer Besetzung zu rechnen haben. Der Radikalismus dürfe nicht zum Totengräber der Revolution und der Republik werden. Auch die organisierte Arbeiterschaft sei kein Heißsporn. Wer treibt, das sind die sozialistischen Säuglinge, die mit dem Kopf durch die Wand wollen. Die Leute aber, die mit den Führern in einer gefährlicheren Zeit zusammen gestanden sind, wollen nicht den Radikalismus. Die Gefahr komme von den Ren.en, die das Wesen des Sozialismus noch nicht verstehen. Der Weg ist vorgezeichnet r Die Republik muß bleiben, der Sozialismus muß erfüllt werden, aber ohne Chaos. Blutiger Kamps um Odessa. .. „„M Schwierige Lage der Franzosen. Berlin, 7. April. (Korr.-Bur.) Die „B. Z. am Mittag" meldet ans Bafel: Parisern Blätter berichten: Vor den Toren Odessas wütet eine große Schlacht. Zwischen russischen bolschewistischen und ukrainische» Sowiettruppen einerseits «nd den alliierten Desatzungstruppen andererseits sind Kämpfe im Gange, die sich auf den ganzen Festungsgürtel von Odessa ausgedehnt haben. Die Bolschewiken beschieße« Odessa mit schweren Geschützen. Die Lage der französischen Verteidigungstruppe« ist schwierig, da zugleich in mehreren Städten Aufstände gegen die Alliierten ans-! gebrochen find. ____ Verhaftungen von gegenrevoluttonären Führer« in Magdeburg. Die dritte bayrische Revolution —7. W t e n, 8. April. * In demselben Augenblick, wo das offizielle Petersburger Organ der Bolschewiken die Rückkehr zur kapitalistischen Prvduktionsform als unbedingte Notwendigkeit bezeichnet, ist in München die Räterepublik ausgerufen worden. Die sozialistische Regierung unrer Vorsitz des Ministerpräsidenten Hofsmann ist hmweggefegt Worden und an ihre Stelle tritt die aus den drei sozialistischen Parteien gebadete Rarevegierung. Sie Wendet sich in einer Proklamation an die Arbeiterräte, in der die Auslösung des Landtages ausgesprochen wird. Ein Aufruf an das bayrische Volk kündigt die Verbindung mit der russischen und ungarischen Räterepublik an. Gleichzeitig wird jede Zusammenarbeit mit der Weimarer Negierung der Mehrheit-Asozial ftrtt in der schroffsten Form abgelehnt. Zugleich mit der Diktatur des Proletariats wird die Bildung einer Noten Armee, die Sozialisierung der Presse und die Ausstellung eines Revolutionsgerichtes verkündet. Diese Wendung der Dinge in München, die für das Deutsche Reich die Einleitung neuer schwerer Kämpfe im Inland, vielleicht sogar neuen Blutvergießens bedeutet, war nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner am 22. Februar eigentlich stündlich zu erwarten. Es war damals nur für kurze Zeit den Führern der Mehrheitssozialisten und der Unabhängigen 'gelungen, die Ausrufung der Räteregierung hintanzuhalten. Die Radikalen setzten jedoch ihre Agitation fort und haben nunmehr den Schachzug der Regierung, den bayrischen Landtag für den 8. April zu einer Kundgebung für die bayrischen Reservatrechte einzuberusen, mit dem sofortige« Losschlagen beantwortet. Vorher war von Nürnberg und Augsburg aus gegen bas Verhalten der' Regietrürg Hoffmann verlangt worden. : -• *v ./ * Nach Ungarn Bayern. An der östlichen und nun Auch an der nordwestlichen Grenze der deutschüsterrejchischen Republik schlagen die roten Flammen aus. §)b sich die Räterepublik in Bayern durchsetzt oder vb sie zur Losreißung der fränkischen Gebiete führen Wird, wird sich bald zeigen müssen. Es wird davon abhängen, ob Deutschösterreich auch weiterhin eine Insel b0r Ruhe bleiben wird und kann. Die bishrige Entwicklung i« Deutschösterreich ließe dies annehmen. Die Kaders der alten ruhigen und besonnenen Arbeiterschaft stehen noch hinter der offiziellen Führung der Sozialdemokratie, während die Kommunisten eigentlich nur aus Elementen bestehen, die erst am Schlüsse des Krieges und infolge des Krieges ihre Denkweise radikalisiert haben und deren Führer eigentlich aus der Bourgeoisie kommen und eine Diktatur des Proletariats anstreben, ohne mit dem wissenschaftlichen und theoretischen Rüstzeug des Sozialismus vertraut zu sein. Es ist dies dieselbe Erscheinung wie in Budapest. Dort ist es den Führern der Kommunisten, die vor noch nicht zu langer Zeit die Bürger- Lässe verlassen haben, durch die chauvinistische Aufwallung der von den Ententegenerälen gedemütigten Bevölkerung gelungen, die Macht an sich zu reißen. Aber über die Städte hinaus reicht ihre Macht nicht und das Bauerntum steht ihnen genau so wie in Rußland feindselig gegenüber. Es ist des öfteren hervorgehoben worden, daß die Gefahr für Wien im Falle eines kommunistischen Sieges eine ungleich größere Ware. Das niederösterreichische Bauerntum, das schon heute unter der Herrschaft der Koalition die Ernährung Wiens sabotiert, würde dann mit der lückenlosen Abschließung Vorgehen und die Zweimillionenstadt einfach dem Hungertod preisgeben. Die Parole hierfür wäre nicht schwer zu finden. Der Umstand, daß an der Spitze der radikalen Strömung auch einige wenige exaltierte und hyperradikale Juden stehen, würde sofort das nötige Losungswort liefern. Was in Prag möglich ist, wo man aus dem tschechischen Schneider Muna sofort einen Juden gemacht hat, was in München möglich ist, wo sich die Reaktionären sofort an Eisners jüdischen Ursprung klammerten, das würde auch in den Dörfern rings mn Wien tiefgehende Wirkung haben. i i i r ■ * i' 1 - Gr ist aber unmöglich, daß die wirtschaftspolitische Entwicklung, die die Funktion des Kapitalismus als abgeschlossen erscheinen läßt, vor Deutschösterreich stehen wUtzäsigLLM AM mH ermr ErMukS Magdeburg, 7. April. Die Arbeiterschaft mehrerer Betriebe ist zum Protest gegen die Derhastnng des Unabhängigen Brandes und der Mitglieder des Zentralsoldatenrates Kegel und Felbel, die verdächtig find, an den gegenrevolutionären Umtrieben im vierten, sechsten und einundzwanzigsten Armeekorps beteiligt gewesen zu sein, in den Aus st and getreten. Mitglieder des Wachtregimentes haben den Reichsjustizminister Landsberg» den der Lebenshaltung. Dies fordert vom Bürgertum ein hohes Opfer an Besitz und politischer.Geltung. Je früher das Bürgertum zu dieser Erkenntnis gelangt, je früher es das Seine tun will, um die organische und sachliche Sozialisierung der Gesellschaft, also die Evolution einzuleiten, umso besser wird es für alle sein, und umso rascher wird das Wasser versickern, das auf die Mühle der Vielen geleitet werben soll, die eigentlich garnicht erkennen, was sie wollen'. Das kommunistische Programm, so wie es heute von seinen Wortführern vorgetragen wird, bedeutet letzten Endes die Vernichtung aller noch aus dem Kriege geretteten Kultur und den Verfall und Untergang der Gütererzeugung. Die Sozialisierung verlangt eigentlich nur den Anteil der mit ihrem Kopf oder mit ihrer Hand Schaffenden an der Verwaltung. ' Welcher vernünftige und unbeeinflußt Denkende kann die Berechtigung dieser Forderung bestreiten? Das Bürgertum hat sich gewöhnt, die Behandlung sozialer Fragen ausschließlich unter dem Gesichtstyutft des Profits zu sehen und hat die theoretische Md kommandierenden General des vierten Armeekorps v. Kleist und den Hauptmann im Generalstab Freiherrn v. S ch ü k- King als Geiseln für die Verhafteten fe st genommen. Die Festnahme anderer in der politischen Bewegung stehender Männer aus den Reihe« der Sozialdemokratie und der bürgerlichen Parteien ist geplant. Die Haltung der Gar-! nifon ist nicht fest. Ein großer Teil sympathisiert mit den Unabhängigen. BBEBM»BaWWHBaHBBBBWBa«BaBBiHa»W IIUIIW^ TSSiTägKai. wissenschaftliche Erfassung der Probleme des sozialen' Lebens ausschließlich der Sozialdemokratie, also denn politischen Vorkämpfer des Proletariats überlassen. -Der. Wandel der Zeiten, die Revolutionierung der Gehirne! trifft das Bürgertum völlig unvorbereitet. Umso rascher, muß sich das Bürgertum der geänderten Situation cmpafsen. r s _ *; - Die Vorgänge in München rücken aber auch' dem Zeiger der Uhr für die Pariser Friedenskonferenz vor.! Man fitzt in Paris noch immer um den grünen- Tischjp herum und berät. Man streitet um die Bestimmung der'; Summe, . die Deutschland als Schadenersatz bezahlend soll. Man spielt mit den Fragen von Danzig, vom- Teschen, vom Saarbecken. Man diskutiert darüber, vb!' der Friede zuerst mit Deutschland allein und dann erftj mit den anderen Staaten zu schließen sei!. Und' in-' zwischen kommt der rote Schein der lohenden Welt-! revolUtion immer näher an den Rhein heran . .. , . . —~— ■ i