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Wiener Morgenzeitung · 1919-04-06 · Heft 78 (6.4.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 78 (6.4.1919)
Date
1919-04-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien. Sonntag / Wiener Morgenzeitung 6. April 1919 Die Ae-erwin-rmg des Klassenhasses. Die Idee des Klassenkampfes ist zu einer Zeit entstanden, in welcher die ökonomische Zusammensetzung der Bevölkerung eine durchaus andere war, als heute. Scharf und ohne Uebergang standen sich die Begriffe Lohnarbeiter und Unttrnehmer. Ausgebeuteter und Ausbeuter gegenüber. Die^Entwicklung schien daraus hinzudeuten, daß der Kleinbetrieb völlig dem Untergang geweiht sei und daß der Großbetrieb, welcher an seine Stelle tritt, die Bataillone des Proletariats gewaltig anschwellen lassen würtze. In Wirklichkeit aber hat die Entwicklung einen anderen Verlauf-genommen. Zunächst hat sich gezeigt, daß der Kleinbetrieb in vielen Erwerbskategorien durchaus nicht geneigt ist, in den Großbetrieb aufzugehen. Er fristet ein recht kümmerliches Dasein, bleibt aber als Betrieb eines „Unternehmers" bestehen. Ferner zeigte sich, daß dort, wo der Großbetrieb entstand, nicht nur das eigentliche Lohnarbeiterproletariat anwuchs, sondern ihm zur Seit« trat im gleichen Tempo ein Angestelltenheer, welches zwar in vielen Dingen noch bürgerlich lebte und dachte, sich aber ökonomisch vom eigentlichen Proletariat kaum noch unterschied. In vielen Dingen war' es um dies« Angestellten wirtschaftlich sogar ungleich schlechter bestellt, als um di« Lohnarbeiter, denn während, diese über eine einflußreiche Gewerkschaft, sowie über das Hompsmittel des Streiks verfügten, war der KleinangestMe zumeist völlig ohne jeden Schütz. Das bewirkte 'im Laufe der Zeit notgedrungen, daß das stets zahlreicher werdende Heer der Angestellten (in Großbanken, Jndustriegesellschaften usw.) aushörte, bürgerlich zu leben und zuHenton, und bereits in den letzten Fahren vor dem Kriege machte sich die Gewerkschaftsbewegung auch in diesen Kreisen deutlich bemerkbar. Somit ist in den letzten 20 Fahren eine völlige Verschiebung der ökonomischen Zusammensetzung eingetreten, der Begriff des „Arbeiters", welcher früher lediglich am Lohnarbeiter hastete, hat sich erweitert und umfaßt heute bereits den größten Teil der Bevölkerung, bis welch inein in solche Kreise, di« man ursprünglich als „bürgerlich" zu befrachten und zu bekämpfen gewöhnt war: bis zum „Klelnunternehnler" und manchmal bis zum Bankprokuristen. Aus der anderen Seit« schmolz die Gruppe der eigentlichen Kapitalisten und Ausbeuter immer mehr zusammen. Der gewaltige Kvnzentrationsprozeß sammelte das Kapital in immer weniger Händen an, immer mehr Betrieb« verschwanden und es ist sehr fraglich, ob die Bezeichnung der „oberen Zehntausend" heute überhaupt, noch zuttisst.'-Gjs Zahl der-, jenigen, welche man ursprünglich mit diesem Wort bezeichnen wollte, dürfte bereits viel geringer sein. - Zieht, man aus dieser ökonomischen Verschiebung die gedanklichen Konsequenzen, so muß man sagen, haß die Mee des Klassenkampfes ihren ursprünglichen! Sin» verloren hat. Die produktiv tätige Bevölkerung, sogar' im eirgso^cllisti,'chen Sinne, ist längst nicht meh^r auf eine Klasse beschränkt, sie umfaßt bereits einen so großen Teil des ganzen, daß der verbleibende Rest an Bedeutung verliert. Mit der Fdee des Klassenkampfes wird aber aus dem Sozialismus jenes Moment beseitigt, das sich bisher einer wahrhaften Höheriührung der-Menschheit widersetzt hat: der Klassen haß. Wenn man aushört zu hassen, kann man ansangen zu lieben. Wenn man nicht mehr eine Klasse und deren besondere egoistischen, materiellen Interessen vertreten will, kann nmn dazu übergehen, das ganze Volk in daS neue Gedankensystem einzubeziehen und die Gesellschaft so aufzubauen, daß nicht wiederum eine Klasse durch die andere unterjocht und ausgebeutet wird. So bettachtet, ist der Sozialismus etwas, was im Wesen des Zionismus tief verankert liegt. Der Zionismus ist von dem tiefen Streben erfüllt, die Gesamtheit des Volkes in eine' neue .upd bessere Gesellschaftsordnung einzubeziehc». Klassen kämpf und Klajsenhaß sind Vorstellungen, die sich mit einem solchen Stteben schwer vereinen. Der Zionismus ist eine sozialistische Bewegung, aber et versteht seinen Sozialismus als eine Höherführung und Ueberwindung jener Art von Sozialdemokratie, die auch heute noch von rein materialistischen Gedankengangen beherrscht, die rein materiellen Interesse» einer Klasse in den Vordergrund stellt und aus einer Menschheitsbewegung eine Lohnbewegung macht. Der Zionismus versteht seinen Sozialismus als Ueberwindung des Klasstnhasses durch das versöhnende Prinzip des Bolkssozialismus. i. Dem Zionismus kommt hierbei zu Hilke, daß die ökonomische Struktur des jüdischen Volkes ^für einen Klassenkampf, wie ihn der Marxismus vorgesehen hat, gar keinen Raum bietet. Das jüdische Volk hat kein Jndustrieproletariat, wenigstens nicht in solchem Umfange, daß es allzusehr ins Gewicht fallen würde. Damit ist aber keineswegs gesagt, daß das jüdische Volk ökonomisch besser situiert sei als andere Völker, Im Gegenteil, der Prozentsatz der proletarisch^ Existenzen ist unter den Juden wohl weitaus der größte — nur daß der Proletarier hier nicht Lohnarbeiter ist, sondern Kleinunternehmer, Schneider, Schuster, Handwerker, dessen „Produktionsmittel" meist nur aus einem Bügeleisen oder dergleichen bestehen und der sich kümmerlicher durch das Leben fristet als der Geselle, den er ausnehmen muß. Dieser Typus beherrscht durchaus die Gebiete der jüdischen Massensiedlung. Bon einer Industrialisierung in dem Sinne, daß ein immer größerer Teil oer Bevölkerung zu Fabriksarbeitern wird, ist ebenso wenig zu spüren wie von einer wirklich ausschlaggebenpw, .UebLrwjpduM des Kleinbetriebedurch de» Groß- Rr. 78 Aenderung des Gesetzes über den „Handel nrtt dtzm Feindes L o n d o n, 5. April. (Funkfpr. des Korr-Bur.) Einer Meldung der „Times" zufolge habe sich die britische Regierung entschlossen, den Ausfuhrhandel nach'DeutschSster-- reich Mort aufnehmen zu lassen. Das britische tzandelsamt habe bereits die erforderlichen Weisungen bezüglich der Abänderung des Gesetzes über den „Handel mit dem Feinde" ergehe« lasse«. , Die Zudenfrage in der Ukraine. Pie Wahrheit über Praskorow. An einer der letzten Sitzungen der ukrainischen Nationalversammlung befaßte sich der Minister für Presse und Propaganda w der Ostukrame, * V Dr. Oshp Na-aruk, in längerer Rede mit dem jüdischen Problem. Nach dem uns aus Stanislau zugehenden Bericht verwies der Minder zunächst auf die große Bedeutung des jüdisch«/ Elements, das die überwiegende Mehrheit der städtischen Bevölkerung in der ukrainischen Volksrepublik darstelle. Er betonte, daß nur die jüdische Min orität bas volle Vertrauen des ukrainischen Volkes verdiene und hob hervor, daß sich sämtliche jüdische HolkSparteien auf den Boden de« ukrainischen Selbständigkeit gestellt haben. Wenn wir diese Entwicklung der ukrainische« Iudenhett — führte der Redner aus — nicht durch eigenes Verschulden stören oder unterbrechen, so wird'sie einen für die ukrainische Selbständigkeit sehr günstigen Verlauf vnd Abschluß finden. Der Minister wandte sich dann der Pogromgefahr z«, die besonders stark in der Ostukrain« bestehe, und verdammt« in den schärfste» Ausdrücken die entsetzliche Zndenschlächterel in Prosfurow. „Wenn eS auch wahr fei. daß sich die «krainlschen Truppen in Proskurow gegen Ueherfälle von Bolschewiken, unter denen -sich auch jüdische Bundisten befunden habe« sollen, decken mußten, so ist eS keinesfalls zu rechtfertigen, daß di eRache für die Ueberfälle der jüdische» Bolschewiken nicht diese, sondern gerade'die ruhig« und unschuldige jüdische Bevölkerung, Greise, F raus« und Kinder, ganz unbarmherzig getroffen hat. VtÜ ich ««längst in Prosdrrow war, fand ich fast sämtliche jüdische Läden «rd Geschäfte gesperrt, weil ihre JnHaber und deren Familien abgeschlachtet wurden. Bor dieser Pogromgesahr müssen wir den Westbereich der ukrainisches Republik in der wirksamsten Welse schützen. Wcht allein aus Gründen der Humanität, sondern einfach aus wohlverstandenem politischen Fnneresse sind wir verpflichtet,. jeder Pogromgesahr entschiedenst vorzübeügen. Redner wendet sich' daher an die westukrainische Regitz- .xung, diesbezüglich eine i: S«b-Ügige AnfttSningSMo« im Boy« "I ^iT zn unternehmen und bittet die Staatssekretäre bet' ihren Reifen im Lande, diese Aktion selbst zu überwachen und den untergeordnete» Verwaltungsorganen die erforderlichen Instruktionen zu erteilen. Redner schließt seine Ausführungen mit der Feststellung, daß, wenn.die alliierte« Mächte den , Ukrainern im strittigen Gebiete Le mb er g—P rz e my s'l eine Volksabstimmung zugebilligt haben, so sei dies Acht so sehr der Gunst der Entente für baS ukrainische '.Volk zu danken, sondern vielmehr den polnische» Hetzereien gegen die Juden. Namentlich .' < v ' kct Lemtzerger Pogrom? habe die gesamte Kulturwett t» Empörung versetzt. Schließlich verlangte Minister Nazarnk auch die Heranziehung der nationale« Minoritäten zum Heeresdienst.;% Die Pogrome in TarnoPol. Die ukrainische Regierung will Schadenersatz keiften. Dem Pressedienst der Delegation, der Jüdischen NationalrateSfür vstgallzien wird aus StauiSkan -gemeldet: Auf die Intervention des Jüdischen Nativnalrates für Ostgattzie« in Angelegenheit der Exzesse in Tarnopol am 13. und 14. Februar l. I. ging .dem Präsidium des Jüdischen Rationalrates folgrrches Schreibe« vom westukrainifchen Staatssekretariat d«S Innern zur ,L)aS GtaatSfekretäriat deSJmrern beehrt sich. mitzsteüe«, daß eS das staatliche BezirkSkommissariat i» Tarnpp^l beauftragt hat, die der jüdischen Bevölkerung in TarnrHol während Per Exzesse am 13. und 14. Februar l. J. -»gefügten Schäden komwifsionell unter Zuziehung von beeideten Sachverständige« »nd^Bertreter« des Tarpopolep , jüdischen O«tSnational reale s;» erheben «nb das Erhebüngsr^ultat anher vorzulegen. Eine Entschädigung der betroffenen : jüvi- , scheu Bevölkerung wird vom Ergebnisse der erwähntmi Amtshandlung abhängig gemacht. Dr. W « kn ch, StaatSsekreLür des Innern." i \ betrieb. Der Jude haftet mit zäher Beharrlichkeit an meiner Wirtschaftsstufe, die durch das Vorhandensein zahlloser winziger Wirtschaftseinheiten charakterisiert wird. In eine solche Struktur die Fdee des Klasse»" kampfes hineinzutragen und ben armseligen Kleinunternehmer durch die Methode des Streiks der. Gesellen zu bekämpfen, ist widersinnig. Der Entwicklungsprozeß, der bei allen Völkern dazu geführt hat, daß der Arbeiterbegriff weit überfeine Klasse hinauswuchs und fast schon das Volksganze umfaßt, ist beim jüdischen Volk in,qanz besonderer Prägnanz zum AMruck gekommen. Und das erttärt die bemerkenswerte Tatsache, daß aus diesem Volke die Idee eines yolkSsoztaliSmus, der den Klassenkampf Überwindet, mit besonderer Klarheit und früher als bei andere» Völkern heraus* - gewachsen ist. ' Die Expropriierung bet Expropriateure, die Bevstaatllchung und Vergesellschaftung her Wirtschaftslebens ' wird weiter fortschreiten — aber eS ist nicht mehr so, daß eine Klasse anderer Klassen ihre Herrschaft auszwingen will, sondern das ganze Volk vereint sich, um gemeinschaftlich die Gesellschaft auf Grundlage der Arbeit neu aufzubauen. Und wenn noch vc» einem Kampf gegen etwas die Rede sein kann, so verbleibt nur ein Kampf gegen diejenigen Vereinzelten, die sich der Arbeit überhaupt entziehen wollen, Mg. Politische^rundschau. DterumSnische Politik. „The Vienna Bulletin" veröffentlicht eine Unterredung mit dem ehemaligen RcichSratsabgeordneien Univ.-Prof. Dr. JsopeSeul-Greenl. Dieser gab dem Berichterstatter folgend« Darlegungen: ,Lsn der Angelegenheit des DrschlusseS der deutsch österreichischen Nationalversammlung, die hofärarischen Objekte als Eigentum des deutschöstxrreichischen Staates zu erklären, wogegen die Gesandten der Nationalstaaten bekanntlich einen formellen Probest bei Staatssekretär Dr. Bauer eingelegt haben, vrrttete ich folgenden Standpunkt: Die ehemaligen hofärartschen Objekte können schon deshalb nicht einseitig von einem einzigen Nationalstaat als dessen Staatseigentum deklariert werden, weil diese Objekte nicht etwa bas Privateigentum einzelner Andividjjon, sondern ein Teil des National-- eigentumL^aller Nationen find. welche das ftüher« staat> liche Gebiwe der im ReichsraL vertretenen Königreiche und Länder darstelle«. Der deutschöstrrreichische Staat, auf dessen Territorium sich zufällig diese Objekte befhrden, ist lediglich Treuhänder derselben und tonnt o^te Einvernehmen mit ben übrigen Eigentümern über diese Objekte nicht einseitig verfügen. Da eS sich um Werte von Milliarden handelt, werden die Nationalstaaten diese Angelegenheit sicher nicht auf sich beruhen lassen, und es ist anzunehmen, daß der deutschösterveichische Staat die Unhaltbartoit seines Standpunktes in dieser Angelegenheit einsehen und eine einvernehmlich« Regelung derselben mit den Nationalstaaten suchen wdck. Ueber die Gefahr deS^UebergreifenS des Bolschewismus auf Rumänien sagte Professor Jsopeskul-Greenl folgend«-: Alle Nachrichten hierüber : sind frei erfunden. Auch bi« Meldungen, daß die bolschewiktsche« Russenarmeen de r eits Gabagora und Czernowitz erreicht Hadem sind auf Grund der mit -»gekommene» authentisch?.'! Nachrichten absolut falsch. Das Volk in 'den Giegerstaaten hält an den Persönlichtoiten, die an der Spitze stehen, fest, weil diese die weithin sichtbaren Exponenten des großen Prestiges sind, welches der Sieg über die Mittelmächte den Siegern eingetragen hat. Ueber die künftige poMW Grenze in Ungarn sagte Professor JsopeScul-Greeul: Daß es den Magyaren sehr weh tut, die politische und materielle Herrschest Wer einen Teil des rumänischen Volke-zu verlieren, kann man ja verstehen. Aber sie haben sich mit dieser unabMerttchen Tatsache eben abzufinden. Eins Herrschaft.Mer magyarische Teile Ungarns strebt Rumänien, n^ht an. Die politischen Grenzen werden mit den ethnographischen zusammenfallen. Dort, wo wie zum Beispiel in Siebenbürgen, größere magyarische Minoritäten inmitttn des kompakten rumänischen Blocks etngesprengt find, söun?n sie mit voller nationaler Autonomie rechnen. Es Niii'd den Rumänen niemals einfallen, die nragyarischeu Minoritäten an ihrer Entwicklung zu hindern oder gar entrechten zn wollen." Levp. Kurzer, Wim, W., Westbahnstraße Telephon 81637.! J CflÜ

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