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Wiener Morgenzeitung · 1919-04-06 · Heft 78 (6.4.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 78 (6.4.1919)
Date
1919-04-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Er» atmet erleichtert auf, wenn er" die Mache-hinter sich und 9tuhe hat, wenn er den Anblick Äs verhaßten Gläubigers für einige Zeit losgeworden Der 'arme 'Staat,' der nur gegen Pfand geliehen beist ärger daran. Er hat Leine Gegenstände, l.'die er übergeben kann, er hat nur unbewegliches Gut. , "'p:7ߣ mäß den Gläubiger ins Haus rufen und dort , 1 ,| '^Quartier nehrneu lassen, er muß seine Organe brr sich ,^^Aurfnehmen, er muß es sich gefalle» lassen, ständig von beobachtet zu werde« wird ihnen täglich und ,',^Estüttdlich/ Rechenschaft über sein Tun und Lassen ab- ÄMsBegen. - . . . . Deutschösterreich ist in diese Lage geraten. Der Moferent des Finanzausschusses hat der Nationalver-. . .^^m-rnrylung mitgeteilt, daß. unser Staat, der ein aus- HMLndisches Darlehen braucht, um die Bevölkerung vor '/MHdepr Hungertods zu retten, ein solches nur mehr unter '>^,!^'Bodmgpngen erlangen kann, wie sie ftüher den kleinsten \ l-KBslkanstaaten und den ungeordnetsten südamerikanischen . , . Mopubliken.auferlegt wurden. Gegen Pfand und Kon- ^^rolle.- Pie Nationalversammlung hat daraufhin der ''^.MygMung diss Ermächtigung, erteilt, ausländisches Geld ' Verpfändung von Staatseigentum zu borgen.?'Aoyerst handelt es sich um dreißig. Millionen Dollar; 'ist- Vardaß mÄ dleseur Betrags nür Wt,Urzo, 'Zeit geholfen M„,westere »nd^größere, Beträge werden . ' , ÄHen. 'Salzbergwerke, Wälder und Bahnen werden die s Dandobjekte bilden.' Ihre Bewirtschaftung, wird sich . Hrnerhin unter der Aufsicht ausländischer Organe voll- , ziehen, vielleicht wird es dazu kommen, daß sie durch f^'Hdiese selbst besorgt werden wird. Es ist besser, das alles -?M^yöräds heraus zu sagen, als der Oeffentlichkett dir ' ^Erkenntnis in kleinen Dosen, zu verabreichen. Es ist aber^auch notwendig, die Folgen dieses Zustandes ohne jede Verschleierung und Vertuschung zu, Mrtrrn. Der frenrde Gläubiger, int Hause wird sich ^kicht damit begnügen, das Psand zu bewachem Er wird itergehende Rechte beanspruchen, und wir werden sie In auf. die Dauer nicht vorenthalten können. Mit der gründung, daß die Unv-ersehrtheit' seines Pfandes »'politischer und sozialer Ordnung im Lande ab-- .ci»gt, wird er auf die inneren und äußeren politischen W sozialen Vorgänge Einfluß zu nehmen trachten, Wd schließlich Einfluß nehuien. Die wirtschaftliche Bevormundung wird die politische nach sich ziehen. Es M, vielleicht vergebens, darüber zu räsonieren, aber 'es ist »unerläßlich, die Tatsache festen stellen. S entsteht nun die Frage: Mußte es soweit rnmen? War es nicht, möglich, sich mit den heuie am Weltruder befindlichen Mächten freundschaftlich auseipanderzusetzen, sie in ihrem eigenen Interesse dazu z!r bewegen, am wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschösterreichs mitzuarbeiten, ohne dem, Lande Bedingungcn püfzuerlegen, die sein politisches und wirtschaftliches Niveau so tief Herabdrücken? Die, Frage ist gewiß nicht VU unfehlbarer Sicherheit zu beantworten. Aber-sicher st, daß nicht alle Versuche unternorumen wurden, um em Uebel vorzuüeugen. einem Uebel, das ohne besoneren Weitblick vorauszusehen war. Die Hauptschuld in ,ieser Unterlassung trägt naturgemäß der verantwortiche Verwalter unserer äußeren Angelegcnheitey, Doktor s)tto Bauer. Sein intransigentes Vorgehen in der An- "Uußfrage, seine Zurückhaltung gegenüber den Nacharstaaten, seine an Chauvinismus grenzende Bettung der Idee vom deutschen Nationalstaate hat viel «r. Isolierung. Deutschösterreichs beigetragen. Eine sonderbare Fügung bringt es mit sich, daß r. Bauer der erste sein wird, der unter den Folgen dieser seiner eigenen Politik zu leiden haben wird, r. Bauer hat in der Zwischenzeit das Staatssekretariat nr Sozialisierung übernontmen und damit die Riesen- Aufgabe, das Wirtschaftsleben unseres Staates auf ganz ^eite Grundlagen zu stellen. Er ist daran, Gesetze i! verfassen, welche notwendig sind, um das arbeitslose 5rn kommen und den arbeitslosen Einfluß zu beseitigen mt> der Arbeit zum vollen Ertrag und zur Herrlhstft zn verhelfen. Er wird diese Gesetze der Nationalversammlung vorlegen, sie werden bewilligt werben. WH dWn wird M die dlatgelegerthrü programmäßig 1. Jahrgang Dr. Renner über die aktuellen Fragen. stische Bewegung. Keine Besetzung Deutschösterreichs durch die er Anschluß an Deutschland. — Gegen die Adschlietzung der Länder. Die kommuni Entente. — Der In der gestrigen Länderkonferenz erklärte der Staatskanzler Dr. Renner, daß die Regierung der kommunistischen Bewegung Herr werde. Bezüglich der Nachrichten, die Entente beabsichtige, DeutschSsterreich zu besetzen und zum Aufmarschraume gegen Angarn zu machen, erklärte der Staatskanzler, er habe von den Vertretern der auswärtigen Missionen die Erklärung eingeholt, daß sie daran gar nicht denken. Wenn diese Absicht auftaucht, werde die Entente vorher mit uns darüber verhandeln und die Staatsregierung werde die Deffentlichkeit rechtzeitig unterrichten. Der Staatskanzler habe von dem frans zSfischen Delegierten A l l i z v selbst erfahren, daß die Entente über Deutsch'österreich und feine Grenzen noch nicht entschieden habe. Sie habe auch keinen Verzicht auf ein Gebiet oder, auf den Anschluß an Deutschland für Lebensmittel verlangt. Weiter führte der Staatskanzler aus, die Politik des Anschlusses an Deutschland werde siegreich sein. Rur Frankreich hege noch Be» denken. Die Abschließung der einzelnen Krovländer und Bezirke müsse aufhören. Die politischen Strömungen in Angarn. Budapest, 5. April. (Tel. der „Wr. Mo^genztg/) Die seit zwei Tagen in Wien verbreiteten Gerüchte über de« Sturz der Regierung Kuhn find gestern abends amtlich dementiert worden. Das Dementi ist irrsoferne richtig, als die Regierung Kuh« noch i« Besitze der Macht ist. Wie lange sie sich noch halten wird, hitngt von der noch weiter liuks stehenden Gruppe der Kommunisten ab, die, verstärkt durch arbeitslose und verhungernde Dorstadtelemente, auf de« Sturz der Räteregierung hinarbeitet und sogar schon eineu Putsch versucht hat, der vom. regierungstreuen Militär mit der Waffe «iedergeworfen werden mutzte. Dieser Putschversuch hatte aber doch das Ausscheiden der radikalen Volks-», k ui missäre Pogauyi und Barga aus der Regierung zur Folge. Man kan« aber auch sehr deutlich eine starke EinwirkuuL der. Entente beobachte«. Viel wird aus die Avt ankUMmeu, -wie -Ge»erul.SM-^..s--4«ä«e- Mission löse« wird. Ks W aber sehr intereffant, festzustellen, daß Michael K a r o l y r durchaus «och nicht abgLwirtschaft^ hat, sondern sich bei de« radikalen Sozialisten großen Ansehens erfreut. Poincars gegen Deutschland. Haag, 6. April. (Tel. der ,Miener Morgenzeitung".) Bei einer Schulfeier hielt Präsident Potncarß eine große Rede, in der er auch auf die Schuld am Weltkrieg zu sprechen kam und sich ln äußerst scharfer Weise gegen Deutschland wendete. Sr sagte: Tag für Tag, Stunde für Stünde bewiesen, daß Oesterreich und Deutschland die nicht wieder gutzumachende Tat der Kriegserklärung an Frankreich und Rußland durch das Ultimatum an Serbien und die systematische Ablehnung jeder Vermittlung in voller Ueberlegung begingen. Berlin trieb Wien an> Eurova vor eine vollendete Tatsache zu stellen. Am 11. Juli 1914 wurde Oesterreichs Gesandter in Paris vom Ballhausplatz verständigt, daß die Miitelnrächte sich „über die aus dem Sarajewoer Morde ergebende politische Lage und alle eventuellen Folgen" völlig einig seien. Sie haben den Krieg nicht nur erklärt, sondern gesucht, gewollt und beschleunigt. DaS siegreiche, unersättliche, von Macht und Reichtum berauschte und nach Preußen zugeschuittene Deutschland. welches nach Ausdehnung und Eroberung drängte, glaubte sich durch göttliche Wahl und Rassenvorbestimmung nicht nur zur intellektuellen Vorherrschaft .sondern zur poli- M|l)at Herrschaft bestimmt. Es war Deutschland, das zynisch in seinem Nationalliede das Streben kundgibt, sich „über alles in der Welt" zu setzen ^>as bf den Reden seines Kaisers prollamierte, eS sei das Sa! z der Erde, die Menschheit endige an den Vogesen, das seine Kvllektiveitelkeit im Vau von Zyllopendcnkmälern und rohenKundgebungen materieller Macht befriedigte, dessen kn Stätten des Imperialismus umgewandelte UniversitätenLügen ersannen und eine von nationalem Stolz erfüllte militärisch g e d r i l l t e I u g e n d schufen, dessen Historiker sich darin gefielen, ihr Land als den natürlichen Führer der Menschheit hinzustellen, dessen herrschende Idee war, daß der germanische Staat zu einer unendlichen Entwicklung da sei und daß, um den Rebellenvölkern dieses paradiesische Glück aufzuzwingen, das von Gott auserwählte Volk bM' Recht und sogar die Pflicht habe, die Gewalt z» heiligen, aus dem Kriege eine nationale Industrie M machen, die lleinen Staaten zu vernichten ^>ie großm sich dienstbar zu machen, alles zu verabscheuen, was nicht ' ihm gleich sei und alles zu ruinierenwas es verabscheue; Deutschland, dessen Militärschriftsteller in ihrer Lehre die Gewalt auf den Thron hoben und dieser Bärbarek das Gesicht der Wissenschaft gaben, um die Verachtung aller internationalen Verträge und das Martyrium der Zivilbevölkerung zu begründen, dessen Gelehrte Stim«- tantien für einen kriegerischen Imperialismus schufen und! sich mitschuldig an der allgemeinen Verirrung machten, desse»? Literaten die We rke Casars fälschten, um die Grenzertz Galliens bis an die Vogesen zu schieben, dessen Chemiker./ Physiker, Ingenieure mithalfen, aus dem ganzen Lande eine immer unter Dampf befindliche, stets zum Zermalmen befreite Kriegsmaschine zu machen und dazu den nationale« Fanatismus so erhitzten, daß am Vorabend des KriegeK ein Häckel mit seinen 80 Jahren seine Wünsche mit jene« der Soldateska vereinigte und ein Ostwald sich durch de« Vorschlag, Frankreich solle im Schatten der deutsche« Macht wie das Moos am Fuße der Eiche leben, edelmütig vorkam, das Deutschland endlich des trockenen Pulvers, der Verblendung und des Deliriums, das zuerst Oesterreich trieb, sich Bosnien und die Herzegowina anzugliedern» dann auf Serbien stieß, und sich selbst auf Belgien warf, in der Hossuung, unter den Trümmern der angezündeten Welt die K r o n e de r W e l t her r s cha f t z u e r r a f fen! Tcutschland hat noch immer seinen alten Charakter, und Frankreich setzt die moralische Kraft der mechanischen, die Gerechtigkeit der Willkür, die Freiheit der Tyrannei, die Rechtspflege der Erfolgsanbetung entgegen. Spricht doch sogar Höckel, Macht gehe vor Recht, und Wilson erklärte, dieGrmze Frankreichs fet* die Grenze der Freiheit. - j. abtvickeln. Aber klaglos durchgeführt werden diese Gesetze nur dann werden, wenn es der fremde Gläubiger erlaubt. Es scheint ausgeschlossen, daß t»ie Träger fremden Kapitals und Träger einer vorderhand noch kapitalistischen heimischen Ordnung es unterlassen werden, sich unter dem Vorwand der Sicherung des Pfandes der Sozialisierung Deutschösterreichs entgegenzustellen und^ttberhaupt jede soziale Neuordnung, soserne sie ihnen bedrohlich erscheint, arg zu stören. Schon hat die Entente als unser Ernährer und Gläubiger von ihram erkauften Recht der Emmischung Gebrauch gemacht. Aus parlamentarischen Kreisen wird berichtet, daß sie durch ihr Machtwort die Bildung von Arbeiter-», Soldaten-"und Betriebsräten erschwert. Sie wird es gewiß nicht unterlassen, alle anderen Aktionen scharf zu beobachten und rücksichtslos zu beeinflussen. Wir sind als Pfandschuldner unter ihren Bann gerate». Wir haben nicht eine bloße-Kreditoperation durchgeführt, nicht nur einen Teil^ unseres Besitzes, sondern auch ein gut Teil unserer politischen und sozialen Beweoungsfveiheit verpfändet.

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