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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-29 · Heft 70 (29.3.1919) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 70 (29.3.1919)
Date
1919-03-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Gerte 4 Men, Samstag Wiener Morgenzettnng 29. März 1919 Nr. -v -.— — - ■— - — ■ ■« Tschechische Blockade gegen Galizien. Paris, 27. März. (Tel.-Komp.)Der „Ternps" Meldet: Zn hiesigen polnischen Kreisen herrscht Anzufriedenheit, weil die Tschecho-Slowaken von der Konferenz ermächtigt worden seien, Polen gegenüber eineIsolierungs- Politik zu betreiben. Durch diese tschechische Blockade würde Galizien in eine ernste Lage geraten, weil es von Oesterreich, mit dem es wirtschaftliche Vereinbarungen verbinden, abgeschnitten wäre. Kischenerv von der Entente besetzt. r Rotterdam, 28. März. (Tel. der „23r. Morgeriztg.") Reuter meldet, daß K i s ch e n c w von den Ententetruppen und Rumänen besetzt wurde. Die deutschen Dampfer ansgefahren. z Bremen, 28. März. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Der widerstand der Bremer Seeleute gegen die Ausfuhr der deutschen Handelsflotte wurde gebrochen. Nachdem gestern vier grotzeDamvfer ausgelaufen waren, werden heute weitere Handelsschiffe auSfahren. In den nächsten Taaen sollen nach und stach .alle v erfügbarcn Schiffe die Ansreise an treten. Fiume für die Südslawen. Amsterdam, 28. Mäy;. Dem ..Manchester Guardian" zufolge hätten stch die Italiener bereit erllärt, den S ü d s l a w e n den freieii Gebrauch des H a f e n von Fiume zuzusichcrn. Für Südslawieu solle aber ein neuer Hafen bei Gravosa oder Bukari gebaut werden. _ Tagesbericht. , 3i9ttiftifd^er Parteitag. Der für den 3V. März einberusene außerordentliche Parteitag findet in Wien in den Lokalitäten des Ersten Wiener Jüdischen Turnvereines, IX., Liechtensteinstraße 30, statt. Beginn präzise 9 Ahr vormittags. Tagesordnung: 1. Eröffnung: Adolf Böhm; 2. Organisationsreferat r Ludwig Dato; 3. Politisches Referat: Abgeordneter Robert Stricker; 4. Budgetreferat r Dr. M. Präger; 5. Debatte. 6. Neuwahlen. Das zion. Landeskomitee für Dentschösterreich. Morgen 'teilt in Wien der erste Parteitag der zionistischen Organisation Deutschösterreichs zusammen. Es ist der erste zionistische Delegiertentag seit Auflösung der Monarchie und er hat daher zunächst konstitutive organisatorische Arbeit zu leisten. Die provisorische Parteileitung, als welche das ehemalige zionistische Distriktskomitee für Jnnerösterreich figuriert, hat für den Parteitag einen Entwurf eines Organisationsstatuts vorgelegt, welcher gegenüber dem bisherigen Zustand mehrfache Veränderungen aüfweist. Zunächst wird die Organisation aus dem Prinzip der einheitlichen Ortsgruppe aufgebant, während bis jetzt die Gliederung nach Vereinen gegolten hat. Ferner wird das Arbeitsgebiet der Organisation dadurch errveitert, daß das ganze Gebiet der sogenannten Gegenwartsarbeit, also auch die jüdischnationale Politik in Dentschösterreich, in das Programm der Partei ausgenommen wird, währeyb bis jetzt die zionistische Partei sich aus rein zionistische, aus Palästina gerichtete politische, kulturelle und propagandistische Arbeit beschränkt hatte und die Landespolitik von einer separaten Organisation, dem „Jüdischen Nationaiverem", besorgt wurde. Dies hat mehrfach zu Mißständen geführt, insbesondere, da infolge des Anwachsens der Partei die Auseinanderhaltung der beiden Organisationen technisch nicht immer möglich war. Diesem Zustand will das neue Statut ein Ende machen, obwohl durchaus nicht alle Gruppen innerhalb der Partei von der Oppori imität dieses Schrittes überzeugt sind. Der Parteitag wird über diese Frage zu entscheiden haben. Die Parteileitung soll in Hinkunft in den Händen des Laudeskomitees liegen, das so zusammengesetzt ist, daß in ihm spezielle Referenten für Palästina, Landespolitik, Finanzen, hebräische Sprache und Kultur, Erziehung und Jugendarbeit sowie für den jüdischen NaLionalionds bestellt werden. Der Parteitag wird auch dieses Komitee zu wählen haben, dem zur Beratung wichtigerer Fragen ein Beirat, bestehend aus Vertretern oer einzelnen Ortsgruppen, beigegeben wird. Durch Annahme des neuen Statuts Und Bewilligung eines entsprechenden Budgets wird der Parteitag die technischen Voraussetzungen für die bevorstehende großzügige Arbeit schaffen müssen. Der Landesverband wird dann unverzüglich darangehen müssen, die wichtigsten Probleme, die gegenwärtig die zionistische Welt erfüllen, insbesondere mit Rücksicht auf den herannahenden .siomstenkongreß, in der breitesten jüdischen Oeffentlichke.it zu erörtern., und durch eigene Initiative die Vorbereitungen für eine positive zionistische Arbeit zu schassen. Daher kommt auch diesem Parteitag große Bedeutung für die W-irerrntwictlung der zionistischen 'Bewegung in Denrsä.'vslerreich zu, obwohl er sich nur mit -organisatorncheu Fragen zu bew-sen haben ^i-b. Der Eisenbahnerstreik. Der Streik beendet. Wegen Lebensmittelnot und wegen des drohenden Einmarsches der Ententetrnppen. In später Nachtstunde wird uns gemeldet: Nach Beendigung der Verhandlungen im Parlament begaben stch die Vertreter der Streikenden in den X. Bezirk, um den Vertrauensmännern das Ergebnis der Verhandlungen mitzMeilen. Der Vertreter der Streikenden, Grüll, legte den Vertranensmännern dar, weshalb die Vorschläge der Regienmg angenommen wurden« Bei der hierauf folgenden Abstimmung winden die Zugeständnisse der Regierung mit allen gegen drei S t i nl m e n a n g e n o m m e n und beschlossen, den Verkehr um Mitternacht wieder auszunehmen. Hierauf begaben stch die Vertrauensmänner nach den ver° fchiedenen Bahnhöfen, um den dort versammelten Eisenbahnern Bericht zu erstatten. Am interessantesten verlies die Versammlung am S ü d b a h n h o f, von wo bekanntlich der Anstoß zum Streik artsgegangen war. BerhandlungÄerter G r ü l l teilte die Zugeständnisse der Regierung mit, der deren punktweiser Anfzählung es zu stürmischen Szenen kam, da eine große Anzahl von Eisenbahnern die Ablehmmg dieser Zugeständnisse als völlig unzureichend erllärte. . - Nachdem es dem Vorsitzenden R u z i c k a /gelungen war, die Nicht wieder herzustellen, begründete Referent Grüll eingehend das Vorgehen der Vertreter der Streikenden und legte die Ursachen dar, ans welchen sie sich mit den Zugeständnissen der Negiermrg unter Wahrung der vitalen Interessen der Elsenbahnbediensteten einverstanden erklärten. Diese Ursachen sind: Von der Regienmg wurden gegenüber der Forderung der Vertreter der Streikenden, dir sich auf 227 Millionen Kronen beliefen, bloß 138 Millionen zugestanden. Trotzdem glaubten die Vertreter darauf eingchen zu müssen, weil dieser Betrag nach > den Darlegungen des Staatssekretärs für Finanzen Dr. S ch u m p e t e r den H o ch st b e t r a g dessen . darstellte, was der Staat in seiner heutigen finanziellen Lage leisten könlie. Ferner sind nach den Darlegungen der Regierung noch' für drei T a g e L e b e n s m i t t e l vorhanden und kirn Wciterverharreu im Streck stehe Hungersnot nnd B r u d e r k a m p f bevor. Das stärkste Argument aber war die von der Regierung gemachte Mitteilung, daß 100.000 Mann französischer Truppen im Anmarsch seien, welche durch Deutsch oster reich gegen Ungarn und die Bolsche w i ken transportiert werden in ü i f c n nnd daß weitere 300.000 Mann bereit stehen, denen man unsererseits keine Truppen cntgegenstellen könne. Es bestehe die Gefahr des Einrückens dieser Trnppenmassen und damit im Zusammenhänge die W i e d e r a u s r i ch t u n g der M onar ch i e in Dentschösterreich. Den angeführten Gründen verschloß sich bei der hierauf vorgenoinmenen Abstimmung nur eine Minderheit, welche die Ablehnung der Zugeständnisse und Fortsetzung, PO Streiks. begehrte. Da die Richtigkeit der ersten Abstimmlmg bestritten wurde, entschloß/inan sich zu einer neuerlichen Abstimmung, welche eine ü b e r wo l t i g e n d e Mehrheit f ü r d i tz A n n a h m e d e r Z u g e st ä n dli i s s e d e r K e g i e r u n g und für den Beschluß ergab, den Verkehr um Mitternacht wieder auszunehmeu. Es gingen sofort die telegraphischen Weisungen, die Arbeit überall wieder zu beginnen. # Der! Streik griff gestern auf sämtliche Bahnen Wer, von den Bahnhöfen wurden vormittags die letzten fahrplanmäßigen 'Züge abgelassen. Mittagswar der Verkehr auf sämtlichen Haupt- und Nebenlinien eingestellt, da sich im Laufe des Vormittags auch das PersonalL der Frauz Josef-Bahn, der Westbahn, Nord- und N o r d w e st b a h n dem Streik an geschlossen hatte/ Seit 8 Uhr Früh stand das Personal der Lokalbahn Wien—Preßburg in Streik, und noch im Laufe des Vormittags hatte sich auch das Personal der übrigen Klein- und Lokalbahnen mit Dampf- oder Elektrizitätsbetrieb, wie die elektrische Bahn Wien—Baben Nl ir den streiken den . Eisenbahnern solidarisch erklärt. Die Verhandlungen urit den Streikenden. In dieser Situation und unter denr Druck der folgenschweren Ereignisse begannen gestern vormittags um 10 Uhr im Parlament die Verhandlungen mit den Streikenden., Das Streikkomitee hatte vorher genreinsam mit den Führern der Eisenbahnerorganisationen die Forderungen de rAusständigen endgültig formuliert. An den Beratungen nahmen für die Regierung teil: Präsident Seih, Staatskanzler Renner, Staatssekretär Paul, Staatssekretär Dr. Schumpeter. Ms.Vertreter der Eisenbahnerorganisation war Abgeordneter T o m s ch i I erschienen. Das Streikkomitee hat zwei BeaMe, zwei Unterbeamte, zwei Arbeiter und den Eisenbahnersekrctär Adolf Müller entsendet. 6 Die Verhandlungen wurden um y3l Uhr unterbrochen und nachmittags fortgesetzt. Bevor in die meritorischen Verhandlungen eingegangen wurde, verwiesen die Delegierten des Streikkomitees darauf, daß der Streik eine spontane Willenskundgebung der Eisenbahner sei und gegen den Willen der Vertrauensmänner der organisierten Arbeiterschaft gefühtt wird. Die Forderungen der Eisenbahner wogen der bestehenden Notlage seien niemals gebührend berücksichtigt worden. Nach dieser Feststellung überreichten sie die bereits veröffentlichten Forderungen der Eisenbahnbedien'steten und der Angestellten der Bahnhofpostämter. Hierauf begann eine sehr intensive Beratung über die Fordernngerk und eS gelang, zwischen Len Vertretern der Regierung nnd jenen des Streikkomitees eine Einigung Vertreiev der Regierm:.; .:" :. r; jul; bereit, für die Zeit bis zur neuen Ernlef jeder» Angestellten monatlich eine Zulage von Ivli Kronen und jedem Familienmitglied über, dies 2 0 Kronen zu zählen, was für den Staat eins Auslage von 275 Millionen bedeutet. Die Beratung wurde nun unterbrochen, und eft Kabinettsrat einberufen, an dem. sämtlich« Kabinettsmitglteder teilnahmen. Staatskanzlei- Dr. Renner erstattete Bericht über die Verhandlungen unt über die Einigungsbasis. Nach sehr eingehender Beratung stimmten die Mitglieder der Kabinettsrates diesem Einigungs, Vorschlag zu, worauf Dr. Renner diesen Regierungsbeschlußden Vertretern der Eisenbahner mitteilte und der Erwartung Ausdruck gab, daß ihre Mandatare im Interesse der Gesamtbevölkerung für die sofortige Wiederaufnahme des Verkehrs eintreten werben. Die Vertrauensmänner begaben sich hierauf ins Arbeiters, heim in Favoriten, tun Bericht zu erstatten. Dort hatten sich , bereits seit 5 Uhr die Eisenbahner eingefunben, um daZi Resultat der Verhandlungen abzuwarten. In später. Nachtstunde wurde dann beschlossen, den. Ber-. kehr sofort wieder auszunehmeu. Die Verhandlungen mit den Alliierte». Donnerstag vormittags sprach Staatskanzlet Dr. Renner bei der englischen Militärvertretung vog und machte den Konsul.Philpot, der den in Prag weilenden Obersten C u u n i n g h a in v ertritt, Mik ’ Leitung über den Stand der Angelegenheit. Der Staats-« , kanzler erklärte, daß sich die Staatsvögierung bemühey werde, der Bewegung Herr zu werden. Das wichtigste..- sei, daß die Entente reichlicher Lebensmittel liefere. - Gegen Mittag ries dann der Vorsitzende der interalliierten Lebensmittelkommission in Trieft, Oberst Causey, von Trieft an und bestellte einen aus führ«. lichen Bericht. Um 3 Uhr nachmittags traten der Staatssekretär fürVerkehr Paul und der Südbahndirektov. i Weeber zusammen. Es wurde festgestellt, daß die interalliierte Lebensmittelkommission und auch die italienische Regierung bereit wären, vermehrte Lieferungen nach Deutschösterreich durchzuführen. , Mends berichtete der italienische General Alb er ts. daß die italienische Regierung eventuels bereit sei,durch Lieferung von Schweinefleisch der Lebensmittelnot zu Hilfe zu kommen. Gegen die Verhinderung der Lebensmittettransporte« ’ Die Streikleitung hatte die Losung ausgegebeft.^ daß Lebensmittelzüge unbedingt durchgelassen werden. Vorgestern nnd gestern sind auch einige Sendungen, darunter Milch, eingetroffen. Die Erregung unter der Arbeiterschaft war aber so groß, daß vielfach - die Weisungen päs Streikkonntees nicht-' beachtet mt&- * auch Lebensmittelzüge verhindert wurden. Bei der fiir die Versorgung Wiens mit Milch und Gemüse-vor allem in. Betracht kommenden Nord-, Nordwest-- und Franz Josefs-Bahn sind gestern früh je ein sogenannter Marktzng nach Wien ge- - lassen worden. - v Die Forderungen der Telephonbeamten, Im Parlament fanden gestern gleichzeitig mit den Verhandlungen mit den Eisenbahnern auch Besprechungen mit den Telephonbeamten und den Bediensteten der Bahnpost statt. Diese Verhandlungen betrafen die in zehn Gruppe« geteilten Forderungen der Post-, Telegraphennnd Telephonbediensteten. Diese Forderungen beziehen sich bei den Post- - angestellten auf wirtschaftliche mib materielle Besserung und ' wurden bereits seinerzeit in einer Versammlung im Zirkus Busch bekanntgegeben. Es handelt sich um die Der-' waltungsreform und die Sonderstellung des! Post-, Telegraphen- und Fernsprechwesens. Die Telephonbeamten haben folgende Beschlüsse gefaßt: Dis Beamten des Telephonwesens erklären sich solidarisch mit den streikenden Eisenbahnern und werde» im gegebenen Moment diese Solidarität bezeugen. Weites tverben sämtliche Post-, Telegraphen- und Telephonbediensteten aufgefordert, weiterhin - die Disziplin zu . wahren und die Verhandlungen raschest abzuschließen. Sollten die Verhandlungen verschleppt werden oder sich zerschlagen, so würden sämtliche Bediensteten den Moment des Streiks für gekommen erachten.. ES wurden nachstehende Abmachungen.getroffen: 1. Denjenigen Staatsangestellten, die Abzüge an den Teuerungszulagen erlitten habm, werden diese Abzüge gestundet; 2. wird eine amtliche Verlautbarung erscheinen, die eine bedeutende Erleichterung des Sonntagsdienstes beinhaltet; 3. werden die Unterhandlungen über die Entgegennahme der Wünsche der Telephonbeamten auch weiterhin fortdauern, und es wird jeweilig berichtet werden, wie weit das Staatsamt diesen Wünschen entgegcngekommen ist. Die Verhandlungen mit den Telephonbeamten werden bis 5. Aprll - fortdauern. Die Streiks in der Provinz. Salzburg» 28; März. Nach einem Ausruf des Soldatenrates, des Arberterrates und der Strelllertnng der Eisenbahner haben sich die Eisenbahner mit dem Arbeiter- und . dem Soldatenrat sowie mit der Landesregierung zur Verhinderung von Ausschreitungen verbunden. Die Lebensmittelgeschäfte werde« von Patrouillen der Bolkswchr geschützt. Dem Plündern wird mit schärfsten Mitteln entgegengetreten. Der Arbeiter- und der Soldatenrat sowie das Emährnngsamt haben einen Peunanenz? dienst eingerichtet. ' Linz, 23. Marz. Seit hertte früh ist im-Bereiche der ' Enenbahndirektion Lmz der Eisenbahncistreit in vollem Umfange. ansgebrochen, der znr Emstellimg des .singsnerkehrs ans allen .Linien geführt hat. . ei /</n.

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