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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-29 · Heft 70 (29.3.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 70 (29.3.1919)
Date
1919-03-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien. Samstag PoUtische^tmrdschau. Der Streik der Eisenbahner. ■ Der allgemeine Eisenbahnerstreik hat wieder das beispiellose Elend der Fixbesoldeten ins Licht, gerückt. Sie sind die am sch^e-ste'r getroffenen Opfer der Kriegsinrio. Wer Gelegenheit hat, alte Beamte, Unterbeamte und Diener bei den Perfonalküchen.mit ihrer Eßschale angestellt zn sehen, wer weiß, daß das Gehalt selbst der „Goldkrägler", auch für den Unverheirateten für die bloße Ernährung unmöglich langen kann und daß Familienväter in der Mitte des Monats die Bezüge längst verzehrt haben müssen, wer die Verzweiflung der Eiseubahnerfrauen aller Kategorien kennt und andererseits ermißt, wie schwer und verantwortungsvoll der Dienst der Eisenbahner ist, der wird begreifen, daß dieser Streik einem'Schrei der Verzweiflung'gleichiomnn, ausgestoßen, als es einfach nicht mehr tpeiter oi’.i.'. Dir Eisenbahner wissen, welche Macht sie im 3ra.ue bilden und ihre Aktion ist deshalb von so großer Wichtigkeit, weil sie diesen Kampf nicht nur für sich, sondern für das Heer der ebenso dedauernswerten aber ohnmächtigen Staatsbeamten führt, ja für alle F r st b e s o l d e t e n, denen man nicht wird versagen können, was den Eisenbahnern zn erringen steht leider fest, daß die Republik Deutschösterreich für diese Kategorie der Staatsbürger bisnun so gitt wie nichts getan hat. Statt, wie dies in den anderen neugeöildeten Staaten auf dem Boden des alten Oesterreich geschehen ist, die Eisenbahner nach Tunlichkeit mit billigen Lebensmitteln zu versehen — Fachleute erklären, daß dies schon im Tauschwege gegen die in Wien aufgestapelten Kleiderstoffe möglich gewesen wäre, welche für Eisenbahner aus ganz Oesterreich bestimmt waren — und statt die Bezüge mit der furchtbaren Teuerung auch nur halbwegs in Einklang zu bringen, hak nian die Zeit mit dem hochnotpeinlichen Verfahren der „Perlusirierung" zu gebracht, um herauszukriegen, ob auch jeder deutschöfterreichische Eisenbahner ein waschechter Rationaldeutscher ist. ' Nun sieht sich die sozialdemokratische Regierung, die ihre starr nationalistische Färbung heute schon bedaucrn dtirfte, den Forderungen ihrer besten und energncrestcu Parteigenossen gegenüber und Renner muß n>it den Streikführern verhandeln, wie weiland ein k. k. MinKerpräsident. irö ist ein wichtiger, ein unumgänglicher Kampf mn dacnackte Leben, den jetzt die Eisenbahner im° sich und andere führen. Der weinende Dritte. st. Die gestrigen Wiener Blätter enthalten eine vsseiwar von der Regierung ausgegebene Meldung über die Krise im Staatsamt des Aeußern. Sie lautet kurz und köstlich: „Nachdem sich die sozialdemokratische und cyrßllrchsozmle Partei in der Frage der Ernennung eines neuen Staatssekretärs für Aeußeres nicht, einigen rönnen, dürfte Dr. Bauer die Leitung des Amtes behhnl-cn." Dr. Bauer hat sich als ungeeignet erwiesen, dieses fln jetzigen Zeitpunkte wichtigste aller Staatsämter zu versehen. Er hat sich in verderblicher Einseitigkeit auf die Forcierung des Anschlusses an Deutschland geworfen, Berlin und Weimar waren die Ziel- und Endpunkte seines Wollens und Könnens. Er hat unterlassen, fruchtbare Beziehungen zwischen Deutschösterreich und den westlichen Großmächten und Neutralen herzustellen, obzwar die Existenz unseres Staatswcsrns nur auf solche gegründet werden kann. Er hat cs verabsäumt, die unleugbar vorhandenen Symvathie» für das schwache Deutschösterreich zu verwerten, er hat cs nicht einmal unternommen, einen arbeitsfähigen diplomatischen Dienst im Ausland einzurichten. Fn dieser Hinsicht kann tx nur auf die Errungenschaft verweisen, daß sein Freund und unser Berliner Gesandter Hartmann mit „beratender" Stimme in Weimar sitzt und mit Herrn Scheidemann höchst unzeitgemäß Liebenswürdigkeiten austauscht. Von energischen und klugen Vertretern unserer Interessen im Ausland, in den Ration.-FsDa^n, in Prag, Pest, Warschau usw. keine Spur! Auch die Art, wie er der Oeffentlichkeit über seine Tätigkeit berichtete und der Nationalversammlung Rechenschaft ablegt, ist unzulänglich. Er begnügt sich damit, ini Stile der alten Geheimdiplomatie zu reden und dabei nichts zu sagen. Er konnte der diesbezüglichen Kritik des jüdischnationalen Abgeordneten in der Nationalversammlung nichts, dntgegenhalten. Das alles hat schließlich dazu geführt, daß auch seineParreig'nosse-.: die Unhaltbarkeit der Situation erkennen und Dr. Bauer preisgeben mußten. Er wurde bei der Neubildung der Regierung nur mehr mit der provisorischen Leitung des Amtes bis zur definitiven Besetzung betraut. wrd jetzt überrascht man uns mit der Mitteilung, daß Dr. Bauer bleibt. Ist er vielleicht in wenigen Tagen ein anderer geworden? Hat er über Nacht glänzende, bisher verborgene diplomatische Fähigkeiten entfaltet, die ihn befähigen, den gefährdeten Staat zu retten? Nein! Weil sich Sozialdemokraten und Ch ristlich soziale streiten, b leib t er. Erlmbenc Logik! Wenn zwei sich streiten, lacht sonst der Dritte. Boi diesem Streite steht Deutschösterreich als Dritter da, hat aber wirklich keinen Grund, zu lachen. Wiener Alorgenzettnng 29. März 1919 Nr. 70 --- -- .......- .1 ", -.—» Erzherzog Josef Franz verhaftet. x „Ein alter Anhänger Leninscher Ideen." B u d a p e st» 28. März. (Korr.-Bur.) „VörLs Ajfag" meldet aus Grotz-Kanizfa: Die Leitung der sozialistische» Partei in Keszthely lietz zweihiereingetroffene verdächtige Individuen verhaften, welche offenbar auf der Flucht nach Deutschösterreich waren. Es stellte sich heraus, daß einer der beiden Graf Julius Somffich, der andere der gewesene Erzherzog Josef Franz, der Sohn Josefs von Hab sb » r g, war. Beide wurden nach Grotz-Kanizfa gebracht. Sie gaben an, daß sie nur zufällig nach Keszthely gekommen feien. Josef Franz Habsburg erklärte, er wollte sich auf die Besitzung des Grafen Somfsich begeben und sie seien nur deshalb nach Keszthely gekommen» weilernoch nicht den Plattensee gesehen habe. Josef Franz Habsburg» der bei der Verhaftung schmutzige Zivilkleidnug trirg^imd keine« Kragen um hatte, betonte wiederholt, er habe nichts begangen. Es falle ihm nicht im Traum ein, aus Angarn zu flüchten» um so weniger, als er sich in dev Sowietsepublik außerordentlich wohl fühle und rnit der Proles tarierdiktatur zufrieden fei. Er fei überzeugt, daß er sich der neuen Gesellschaftsordnung anpassen und ein nützliches Mitglied derselben sein werde. Er wolle geistiger Arbeiter sein und arbeiten» Uebrigeus fei er schon lange ein Anhänger der Ideen Lenins» z« deren Verwirklichung er die Zeit für gekommen erachte. Er begreife nicht» warum man ihn verhaftet, habe, denn er habe nichts angestellt. Das Arbeiterdirektorium von Groß-Kanizfa hat verfügt» daß 'Somfsich und Josef Franz Habsönrg nach Budapest gebracht werden. Die Verwendung der deutschen Handelsflotte. Sie bringt erst im Mai Lebensmittel. Amsterdam, 28. M8rz. (Korr.-Bur.) Einer Reutermeldung zufoGe beschloß der oberste Wirtschansrat m Paris, daß die Mehrzahl der ausgelieferten deutschen Schiffe, die unter die Kontrolle Großbritanniens kommen, * nach Lrv erpool fahren sollen. Die Mehrzahl jener, die unter die Verwaltung Amerikas und Frankreichs kommen, werden nach Brest und Cherbourg gehen. Die erste Aufgahe der ausgelieferten deutschen Handelsflotte wird sein, die von Deutschland benötigten Lebensmittel zu befördern. Wenn diese Aufgabe erfüllt sein wird, werden die Schiffe zur Befördecimg von Nahrungsmitteln, die für die von deutscher, österreichischer und türkischer Herrschaft befreiten Länder von den Alliierten bestimmt sind, verwendet werden. Die 38 Schiffe, die schon die deutschen Häfen verlassen habe«, sind im allgemeinen seetüchtig. Augenblicklich werden keine Schiffe unter 2600 Tonnen und keine Tankschiffe angenommen. Die allgymwe Verwendung der deutschen Tonnage wird von dem Ober st e u R at in Paris geregelt. Die Hauptverwaltung wird in London errichtet. Ende Mat werden» bevor deutsche Schiffe Lebensmittel nach den deutschen Hasen werden befördern können, da sie die Fahrt über den Ozean hm und her mache« müssen. Es sind Weisungen gegeben worden, daß die Lebensmittel für Deutschland, dre bisher in Rotterdam aufgehalten worden sind, freigegeben werden, da die deutsche Regierung den Bedingungen der Alliierten nachgekommen ist. Türkischer Kehraus. Wie der Mailänder „Secolo" berichtet, hat dev Sultan und die türkischen Behörden Konstatttinopel mit unbekanntem Ziel verlassen. Damit ist das tatsächlich bereits erfolgte Ende der europäischen ' Türkei auch formell besiegelt. Die Karte Europas ist seit Monaten um einige Farbtöne bunter geworden, die türkische Farbe wird aus ihr getilgt werden müssen. Das europäische Reich her Sultane kann auf einen Bestand von nicht einmal fünfhundert Jahren zurückblicken. Wohl reichen die Anfänge eines türkischen Staates schon in frchere Zeit zurück, aber erst mit der um die Mitte des 15. Jahrhunderts erfolgten Eroberung Konstantinopels begann der Aufstieg der Sultane, die in beständigen Kriegen immer neue Nachbarn. unterwarfen und den Schrecken bis vor 'die Mauern Wiens trugen. Die Geschichte der Türkei ist eigentlich, ein einziger Krieg. Und dieser Umstand sowie die zeitweilige Uebermacht der Janitscharenhorden, Unfähigkeit der > Herrscher, Zerrüttung der Finanzen, wiederhylte, Empörungen der Paschas führten den allmählichen Verfall herbei, den auch die verschiedenen Resoririversuchcr nicht mehr zu bannen vermochten. Auch das Verlangen der Westmächte nach dem Krimkrieg, mit der Einführung von europäischen Reformen zu beginnen, konnte die Krise wohl aufhalten, aben nicht bannen. Die Zerrüttung wurde immer augenfälliger und der „kranke Mann" am Bosporus 'dankte nur der Rivalität der Westmächte sein Leben.. Zuletzt hatte der deutsche Expattsionsdvang, der die Türk als Korridor für Vorderasien zu benützen gedachte, ein leichtes Spiel und bald wurde die türkische Politik mehr in Berlin als in KonstäNtinopel gemacht. Mit der Niederlage der Zentralmächte hat dem Osmanenreich das letzte Stündlein geschlagen. Möglich, daß es in 'Kleinasien, wo ja die Mehrzaihl der Türken lebt — in Eurapa dürfte ihre Zähl nicht mehr als eine Million betragen und auch diese lebt kaum irgendwo in einer geschlossenen Siedelung —, in irgendeiner Form weiterbestehen wird, eine europäische Türkei gibt es jedenfalls nicht mehr. Die Despotie der Sultane, die sich an den verschiedenen nichttürkischen Völkern des Reiches oft genug .austolcn konnte, hat die Juden, die als Flüchtlinge vor der spanischen Inquisition in Massen türkischen Boden betraten, wo sie gute Aufnahme fanden, immer geschont und des öfteren erfreuten sich jüdische Männer einer bevorzugten und mächtigen Stellung im Reiche. Als iit den letzten Jahrzehnten eine stärkere jüdische Tcndcnz zur Einwanderung nach Palästina einzusetzen begann, stieß diese auf den Widerstand der mißtrauischen türkischen Behörden und Abdul Hamids, der darin alle möglichen Gefahren für den Bestand des Reiches sehen mochte. Man verfiel auf das Mittel der Infiltration. Dies sowie die starren r türkischen Gesetze in bezug aus Bodenerwerb und Steuer' machten jede planmäßige und großzügige Tätigkeit in Palästina unmöglich. Erst nachdem die Mächte der Entente den zionistischen Bestrebungen offiziell ihre Unterstützung zusagten und auch Deutschland dadurch zu erzwungenen halben Zusagen veranlaßt wurde, entschloß man sich auf der hohen Pforte zu diplomatisch gewundenen Erklärungen, die manches, aber lange nicht das versprachen, was man erwartete. Die Türkei wollte nie begreifen, daß ihre Interessen mit der Förderung des' Zionisnms parallel gelaufen wären. Nun ist das jüdische Volk dieser Sorge los und schickt sich an, in einer neuen Weltenära unter der Förderung Englands durch eigene Arbeit seine unter der unfähigen Herrschaft derPaschas zu dauerndem Siechtum verurteilte Volksheimat zu neuem Leben' zu erwecken. Die Friedenskonferenz. Der Völkerbundvertrag ist fertiggestellt. Wilson verteidigt die Konferenz : Paris, 28. März. (Reuter.). Präsident Wilson hat heute folgende Erklärung veröffentlichen lassen: Im Hinblick auf bief.eljr ü b erraschende Ansicht, die m manche» Kreisen Zu herrschen scheint, daß es die Diskussionen der Kommission für den Völkerbund sind, die btc Endsormuüeruna des Friedensvertrages verzögern, ergreife ich sehr gerne die Gelegenheit, um mitzuteilen, daß die Beschlüsse dieser Kommission als etile bet Plenarkonf e e n vorgelegt worden sind. Sie wurden am 14. Februar veröffentlicht und die Welt hatte einen v o-l l e n Monat Zeit, um dev damals vorgelegten Bölkerbunderttwurf in allen Einzelheiten zu besprechen. Während dtr letzten Tage ist die Kommission bemüht gewesen, aus dm Kritiken, die die Veröffentlichung des VölkerbundverlrageS bervorgerufcn bat, Nutzen zn ziehen. Ein Könntee der Kommission hat auch den Vorzug gehabt, eine Konferenz, zwischen Vertretern der neutralen Nationen a bz u h a l t e n, die ein sehr tiefgehendes Interesse und den wohl einstimrnigen Wunsch bezeugen, sich auf den Völkerbund eiuzustellen. Der revidierte Völkerbundvertrag ist. heute so gut wie fertiggestellt. Er befindet sich m den Händen eines Komitees, das die Aufgabe hat, dm endgültigen Entwurf fertigzusiellen, und wrrd zugleich der Oeffentlichkett ein zwcttesmal vorgelegt werden. Die Konferenzen der Kommission haben ausnahmslos zu Zeiten stattgefunden, wo sie auf die Beratung^ derjenigen, die es auf sich genommen haben, d»e endgültigen Beschlüsse der Konferenz mit Rücksicht auf die vielen anderen komplizierten Friederisproblum zu formuliere», Nicht störend e.nmrken könnten, so daß die Mitglieder der Komin ssion sich zu d.erTatjache Glück wünschen, daß kern Teil ihrer Konferenzen je irgendeine Art von Verzögerung bewirkt hat. Der Streit um Danzig. . Erregte Szenen zwischen Wilson» Lloyd George und Elemeneeau. x Bern, 28. März. (Tel. der „Wr. Morgenztg.*) Dir Beratungen über die Polenfrage dauern ununlerbcochen fort. Bei densilben kam es zu erregten Auseinandersetzungen zwischen Wilson, Lloyd George und Clemenceau. Orlando war mcht zu den Besprechungen erschienen, obwohl er besonders dringend eingcladen worden war. Clemenceau forderte dre sofonige Ergreifung von Maßnahmen in Polen und die E n t f e n d u n g von Truppen ÜberDanzig ohne Rücksicht auf dm Widerspruch und eventuellen Widerstand seitens der Deutschen. Der Bolschewismus must durch die vereinigte« Mächte vernichtet werden. r Httchous Kammerrede. Paris, 28. März. (Korr.-Bur.) Nach der Agence Havas erklärte Pichon in seiner Rede in der Kanimcr unter anderem noch folgendes: Alle Mächte müssen sich vereinigen, um den Bolschewismus zu vernichten. Indem ich die Kammer nochmals ersuche, der Regierung das Vertrau?« auszU- . sprechen, erkläre ich, daß wir eine P o l i t i k d c s R e ch t c der Wahrheit und der Klarheit tthren. Pichon zitterte dann die Worte Sawmkows : «Wenn die all> erteil Länder in Rußland ' nicht inkervMteren wollen, so gibt cs doch sicher ein Volk, das' m Rußland eingrelsl. D e r T a g, au d e in R u ß l a U d e tswacht, w i r d Deutschland a l s s e i n e n V e rbst u d e t e n finde tt." Deshalb muß Frankreichs bisherige Politik fortgesetzt werdm. >

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