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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-29 · Heft 70 (29.3.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 70 (29.3.1919)
Date
1919-03-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Die vielen Tausende von Leuten, die vor zwei Tagen Dien verlassen sollten, erfuhren zu ihrer peinlichsten Icherraschung, daß ein Streik der Eisenbahner ausgebrochen sei. Dieser Streik hat sich im Laufe weniger Stunden so verbreitet, daß man gestern früh schon yvn einem Generalstreik sprechen konnte. Der Streik Wurde gestem abends beendigt.!. Eine. derartige Streikbewegung kann nicht über Macht kommen, sondem setzt eine mehrwöchentliche Vorbereitung voraus. Es wird nun bekannt, daß die Menbahnangestellten schon vor vierzehn Tagen ihre Lohnforderungen aufgestellt hatten. Die Regiemng schwieg. Und in der vorgestrigen Sitzung der Nationalversammlung hielt Staatskanzler Dr. Renner eine sehr Ausführliche, herzlich langweilige Rede über die Ausweisung der Habsburger. Von dem Eisenbahnerstreik wußten weder er noch seine Staatssekretäre etwas zu erzählen und auch die großen Parteiklubs vermieden <» ängstlich, der Regierung unangenehm zu werden. Die Parlamentsmaschine ist eben sehr gut geölt und läuft still und geräuschlos. Aber der Kontakt mit der Außenwelt fehlt vollständig. Das beweist, daß die Regiemng wrd die Parteien kein Vertrauen zur Wählerschaft haben und die Wählerschaft zahlt dies mll dem kräf- Ügsten Mißtrauen zurück, das man. sich überhaupt denken kann. Die Länder wöllen nichts von Wien gilt, die Bezirkshauptmannschaften sperren ihre rzen, in Innsbruck, inWiener-Neustadt bilden sich Her- und>Soldatenrät? in der Form. yyn Sowietmngen und. nun strMen Üüch ' die Eisenbahner^ Men den ganzen. Sffenllichen Verkehr lähm und haben Wiel Vertrauen zur Wiener Regierung, daß sie nur f rek englischen General nach Wien durchließen, der die Verhandlungen zwischen Regiemng und Streikenden eiügreisett soll. Unsere Regiemng ist eben äenau so geschickt wie seinerzeit Graf Stürgkh, der dem großen Wiener Streik mit Hilfe der Zensur beigekornmW ist... 3; 1 Die Verhandlungen zwischen der Regiemng und W. Eisenbahnern wurden gestem im Konversationszunmer des alten Herrenhauses geführt. Nebenan beriet man mit den Vertretem der Telephonbeamten und den Bediensteten der Bahnpost, deren Organisationen sich mit den stteikenden Eisenbahnern solidarisch erklärthatten. Wenn also keine Einigung mit den Eisenbahnern, die zusammen 150 Millionen Kronen verhängtem erzielt worden wäre, dann hätte man auch imf; einen Streik im Telephonwesen rechnen können sind es wäre nicht nötig gewesen, daß unsere Regierung sich weiter mit der Ausschaltung des privaten Telephoüverkehres befaßte. Man kann beim besten Willen nicht behaupten, daß die heutige Regierung dasjenige Maß von Voraussicht bekundet hat, das in Wem kleinen Greislerladen zur Führung der Geschäfte Unbedingt notwendig ist. Aber die Geschichte dieses Streiks hat auch noch W anderes merkwürdiges Detail zutage gefördert: Der Streik ist ohne Wissen der sozialdemokratischen Parteileitung ausgebrochen. Das offizielle Organ der . österreichischen Sozialdemokratie sucht zwar diese peinliche Tatsache durch die Konstatierung abzuschwächen, 'daß der Streik gegen den Willen d?r Vertrauensmänner proklamiert worden ist. Aber das wäre nur - noch böser, denn daraus ergibt sich mit zwingender 'Notwendigkeit der Schluß, daß die Arbeiter auch zur .sozialdemokratischen Parteileitung kein Vertrauen mehr . haben und daß ein vollständigem Abmarsch nach links ' sich vorbereitet. - Die wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Vor- ^gänge sind, leicht zu berechnen. Das Stocken der Lebensmittelzüge auf der Strecke Triest—Wien und ,?dadmch eine, weitere Verschärfung der Hungersnot in l der Hauptstadt. Es. ist nicht nötig, darüber weiter zu reden.' Und da heutzutage wirtschaftliche Allgelegenheiten v s? : rasch sich in politische Formen umsetzen, so ist es picht schwer, auszurechnen,, wie , sich diese politischen .Formen äußern werden. Die Koalitionsregierung ist —- das muß jeder Kommunist imb Bolschewik anerkennen — auf das eifrigste bestrebt, durch ihre Passivität Deutschösterreich an d n Rand des' Verderbens . -ZN treiben und Dechältüff^ hecheizuführen,. an denen LLmesieii.. LudlWst.. iiti_ .äkmöks. Der Eisenbahnerftreik beendet. Wegen Lebenswtttelnot. Dre Versammlungen der Eifenbahnbedienstetsn in den verschiedenen Bahnhöfen,. in denen Aber die Verhandlungen Bericht erstattet und das Ergebnis der Vereinbarungen bekanntgegeben wurde, waren nach 9 Ahr abends beendet. In allen Versammlungen wurde der Beschluß gefaßt, die Arbeit um 12 Ahr nachts wieder aufzun eh me». Maßgebend für diesen Beschluß war namentlich der Amstand, daß Deutschs st erreich nnr für drei Tage mit Lebens mitte ln versehen fei. Die Vereinbarungen der Regierung mit den Eisenbahnern. Die Regierung hat mit den Vertrauensmännern der Eisenbahner eine Vereinbarung abgeschloffen, die im wesentlichen folgendes enthält: 1. Die Regierung wird tunlichst eine Erhöh«»- der Rationen durchführen, jedenfalls aber den Angestellten fallweife Zubußen <ms den ausländischen Zuschüben gewähren. 2. An jedem Ersten vöm 1. April d.Z. bis einschließlich 1. August d. Z. erhält jeder männliche und weibliche Bedienstete einen Betrag von 199 Kronen für sich und 29 Kronen für jedes Familienmitglied. 3. Das Staatsamt für Verkehrswesen wird für alle Bediensteten Amnestie gewähren. 4. Es wird eine auf Grund des VerhLttniswahlrechtes zu wählende Personalvertretung gebildet und gesetzlich sanktioniert. 5. Diese Zugeständniffe werden auf die Prkbatbahnen ausgedehnt. 6. Die Personalvertretung hat auch über die Stellung der Generalinspektion im Verwaltungsorganismus der Staatsbahnen zn entscheiden. 7. Der Schleichhandel soll eingestellt werden. 8. Kein Bediensteter darf wegim des Streiks gemaßregelt werden. Der Friedensvertrag beendet? Berlin, 28. März. „B. Z. am Mittag" meldet ans Rotterdam: Drahtlos wird ans Paris berichtet, daß Llohd George, Clemeneeau und Orlando gestern bei Wilson zu einer Vrsprechnng züsammenkamen. Man glaube, daß der Text des vorlDrfigen Friedens F r e i i a g a b ends ausgestellt sein wird und daß die Vier gleich darauf Artikel um Artikel in zweiter Lesung vornehmen werden? Sebastopol von de» Ententetruppen wieder errobert. Berlin, 28. März. „V. Z. am Mittag" meldet am Rotterdam: ^Dailh News" berichtet aus Saloniki: Sebastopol ist am 23. März von den Truppendes Verbandes zurückerobert worden. Die alliierten Truppen stehen jetzt wieder 18 Kilometer nördlich von Odessa. Ein gerechter Friede für Deutschland. London, 27. Warz. „Darlh Mail" versichert, daß Deutschland ein Interesse daran haben werde, den Frieden zu unterzeichne», mit dessen Ausarbeitung der Vierevrat gegenwärtig beschäftigt ist. Dieser Friede' beruhe auf dem Prinzip der Gerechtigkeit» Kontrolle des Eigentums der Zentralstaaten im Ausland. Bern, 28. März. „Matin" meldet aus dem Haag: Man glaubt in Amsterdamer Finanzkreisen, die E n t e n t e werde eine K o ntro l l e Aber das deutsche nnd das österreichische Eigentum in Holland, in der Schweiz nnd in anderen neutralen Länder» einrichten, um die Finanzkraft der Feinde in .Hinsicht auf die Feststellung der Kriegsentschädigung genau bestimmen zu können. die Hauptstadt des ungarischen Reiches liegt wenigstens in einer fruchtbaren Ebene und kann sich, wenn auch notdürftig und mit Zuhilfenahme aller Gewaltmaßregeln, aus eigenem ernähren. Wien leidet unter der Blockade durch die Entente, unter der Blockade durch die Bauern und nunmehr durch die Blockade durch die Eisenbahner. Wir haben nun gehört — und es sei auch nicht bestritten — daß die Regierung stets bestrebt ist, jedem Konflikt mit der Entente auszuweichen. Sie hat sich die Bauern dädurch gewonnen, daß sie mit ihnen zusammen ein Koalitionskabinett gebildet und das Bürgertum ganz an die Luft gesetzt hat. Weshalb hat sie denn nicht an die Möglichkeit gedacht, daß auch ihre eigenen Scharen, die sozialdemokratischen Arbeiter, eines Tages mit einer Rechnung kommen könnten? In einer Zeit, wo das Streikfieber. sogar den bestorganisierten Staat der Welt, England, ergriffen hat und bis in das innerste Mark erschüttert, wäre es wohl nicht schwer gewesen, auf eine ähnliche- Erscheinung in Deutschösterreich gefaßt zu sein. Unsere Regierung weiß aber nicht, daß Regieren Voraussehen heißt. Oder vielleicht weiß sie es und gab sich der optimistischen Hoffnung hin, die alles im rosenroten Licht sieht und sich schließlich mit dem weisen Wiener Wort bescheidet: „Es wird schon gehen". Oder. hat die. Regiemng etwa auf die Hilfe der Entente gewartet? Das wäre das schlimmste Armutszeugnis, das sie sich selbst hätte ausstellen können. Im politischen Leben rächt sich jeder Fehler und jede Unterlassung tausendfach. Es geht uns in den wirtschaftlichen Fragen eben genau so wie in allen Fragen, die der Weisheit dieser Koalition anvertraut ünd. Sie ist in der Anschhchsrage so weit gekommen, , kL. ttok - ifacs - Üünuiickii Liebeswerbunaen das 1 Deutschland Scheidemanns der deutschösterreichischen Republik nur eine beratende Sttmme im Veichsrat zugestehen will. Sie hat sich bei der Angelegenheit der Dynastie die hübsche R' -age geholt, daß die englische Regiemng den Kaise < seine Familie abtransportierte, ohne dies in .... Herrengasse mitzuteilen. Sie hat Organe genug, um das Leben und Treiben der Kommunisten bis auf das I-Tüpfelchen überwachen zu lassen. ' Aber daß sich in der Kategorie der Eisenbahnarbeiter eine so große Lohnbewegung vorbereitete. das hat weder die Regierung, noch die Sozialdemokratie, die in der „Arbetter-Zeitung" eine wütende Jagd nach jedem KaiserbUd betreiben läßt, gewußt. Die Telephonarbeiter haben Herrn Dr. Renner vor mehr als einer Woche ihre Forderungen vorgetragen, die nicht allein auf Lohnerhöhung, sondern auch auf Verbesserung des technischen Dienstes hinausliefen und sie haben mit dem Streik gedroht. Was hat die Regierung inzwischen getan, um diese Gefahr zu bannen? Die Frage kann man sich damtt selbst beantworten, daß die Telephonbeamten heute ihre Forderungen wett nachdrüMcher und energischer wiederholen. . . Es gesü)ieht überhaupt nichts in diesem Staat. Man muß sich wundern, daß die Republik noch lebt. Und man sollte doch meinen, daß die heutige Regiemng, die nicht von einem Kaiser berufen, sondern von den Mandataren des Volkes selbst eingesetzt wurde, so garnicht daran denkt, daß diese Republik von der Pflichttreue des kleinen Mannes lebt. Und eben daraus müßte ihr die Aufgabe erwachsen, gerade die Stimmungen und Verstimmungen des Mannes von der Straße genau zu beachten. Aber wie die gestrigen Ereignisse zeigen, läßt sie sich überraschen. Welchen Lebenszweck und welche Existenzberechtigung hat eigentlich diese Koalition? - ,.; . J

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