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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-28 · Heft 69 (28.3.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 69 (28.3.1919)
Date
1919-03-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 69 Wien, Freitag Wiener Morgenzetturrg 28. März 1919 Seite 9 Die Persönlichkeit des Dolkskommisjärs Siegmund Kunfi ist der OeffeirtlichkeiL wohl bekannt. Sein Vertier Georg AukacS entstammt einer angesehenen MpUalistenfami^ir. Sein Vater ist Direktor der Kreditanstalt, tr> und er sich als kommunistischer Agitator Namen machte. Er betätigte sich auch als Re a*teur des ko nmunistischen „Bö ös Njsaz". Dolkstommissär für Heerwesen Dr. Josef Poga n y ist auch seit der Revolution als Präsident des Soldatenrates und Regterungskomuii,sär bekannt. Während des Kri^eZ war er Kriegsberichterstatter der „Nepszava". Dr. Zo tta n Ro n a y,'Bolkskommi'sär für Justiz, war ein bekannter Advokat, der als solcher der sozialistischen Partei kolossale Dienste geleitet hat. Der Volksbeauftragte für Sozialisierung, der frühere Kriegsminister Wilhelm Böhm, war ein im Waisenhaus erzogener Schreibmaschinenmechaniker, der durch seine fabelhafte Energie die Matura gemacht und ln der Organisationsarbeit der Eisenarbeiter eine ddr hervorragendsten Rollen gespielt hat. Er hat auch das gan^e Sozialij'ieruugsprogramm au?g»arbei<et. Während des alten Regimes ist er steckbrieflich verfolgt worden, ohne daß es gelungen wäre, seiner habhaft zu werden. Der Leiter des Kollegiums für Ackerbau ist Alexander C z i s m a d i a, der Kuhtreider war, und einer der beveutendsten ungarischen Dichter ist. Dr. EugenHamburger.ein alter Tolstoianer, ist Arzt und genoß in Zalaszatgrown den Ruf eines Wnnderarztes. Er errichtete dort ein Musterlaboratorium und behandelte die Armen nicht nur unentgeltlich, sondern nahm sich auch ihrer Privatangelegenheiten an. Außerdem gehört noch zum Kommissariat für Ackerbau Karl Bantus, ein Zimirtermann, und Gearg Nyiszior, ein Landarbeiter. Moriz Erdelyi, Dolkskommissär für Ernährung, war auch bisher Staatssekretär für Ernährungswesen und hat seine Laufbahn als Seher begonnen. Volksbeauftragter für deutsche Angelegenheiten Dr. Heinrich Kalman ist einer der ältesten Sozialisten Ungarns. Er wurde in der Aera Banfsy ausgewiesen und nach Preßburg gebracht. Weil er damals gerade Bräutigam war, gab man ihm die Erlaubnis, nach Budapest zu fahren und zu heiraten. Nach der Hochzeit wurde er sofort wieder in das Preßburger Gefängnis gebracht. Später organisierte er die Preßburger Arbeiter, wurde dann Redakteur der „BolkSsttmme" und Direktor der Arbeiter-Versicherungsgesellschaft. Als man das deutiche Ministerium organisierte, ernannte man ihn zum Staatssekretär. Der Geist der Wiener Kuttnsgemeinde. . - -WaS < sich in der , letzten Sitzung des Vorstandes der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde zutrug, muß die breiteste jüdische Oesientlicksieit. bewegen, denn es handelt sich keineswegs um eine, lokale Sache. Die gegenwärtigen Machtr-aoer der Kultusgemeinde baben anno 1919 nicht nur die Frauen, sondern auch die Lehrer, die Beamten und die Rabbiner von der Wählbarkeit ausgeschlossen. Beginnt man zu begreifen, warum das moderne Judentum seit zwei Jahrzehnten den heftigsten Kampf gegen den Geist und die Verwaltung der Kultusgemeinden führt? Wird man jetzt endlich einsehen, daß dieser unerhörte, volk-.'fremde Kastengeist, diese Ueberhevung und dieser Regentendünkel der Gemeindebeherrscher ein Stück jüdischer Schande ist, das fortgeräumt werden muß, sollen wir vor dieser Gegenwart, vor der ganzen nichtjüdischen Umwelt in Eh».en bestehen? Verwalter eines so großen Gemeinwesens, die sich mit dem Lehrer un'erer Kinder nicht an einen Verhandlungstisch setzen wollen? Man' er, Mc brau n seit dem Umschwung als die rötesten Demokraten gelten möchten und im Beratung-^aal der Seitenstettengrisie erklären, es müsse in der Judengemeinde Herren und Diener geben! Lebende Geldläcke, die jetzt noch — allerdings bloß im Paschalik ihrer erbgesessenen Macht — die Stirn haben, das öffentliche Zusammenwirken von Fabrikanten, Bankdirektoren und Advokaten mit Lehrern, Beamten, Seelsorgern und Di. n rn für eine soziale Unmöglichkeit zu erklären! „Khillegeist" nennt man jene tief beschämende geistige Verfassung der Kultusgemeindeverwaltungen, wie sie die Assimüation. die völlige Entfremdung der jüdischen Reichen gegenüber der jüdischen Dolksgesamtheit, die sie, auf ihren öffentlichen Einfluß unt> auf ihre Geldmittel pochend, durch Jahrzehnte ungestört beherrschten Wahrlich, ein Hohn auf die einstige Verfassung und Verwaltung der jüdischen Gemeinde im Ghetto. Damals war sie in der feudalen Umwelt das fortgeschrittenste Gemeinwesen. Jetzt soll sie in der neuen Aera der letzte Rest der Reaktion bleiben? Ein unmöglicher Zustand, der alle Juden ohne Unterschied ih"er Gesinnung zur schleunigst » Tat bewegen muß. Das einst taktisch so kluge, immer wirksame Mittel unserer jüdischen Gegner, man dürfe den andern nicht das Bild inneren Zwiespaltes bieten, wird jetzt, in den Zeiten der Entscheidung nicht mehr verfangen. Man darf der Welt nicht das Bild jüdischer Schande bieten! Solange solche Männer in der Gemeindcoerwaltung sitzen, die den alten unseligen „Klsillegelst" verkörpern, ist die jüdische Ehre besteckt, die Befreiung, Entwicklung und Erneuerung des Ju'en nnw unmöglich, das ganze -Üiiche Volk vor der Welt tief kompromittiert. Kein Friede mit dem UebeU Gegen den Bolschewismus mit Handgranaten. Deutsche Nationalversammlung. Weimar, 27. März. (Korr.-Bur.) Auf der Tagesordnung stehen der vierte Nachtragsetat für 1918 und der Notetat für 1919. Neichsminister Schäfer begründet beide Vorlagen unter dem Hinweis auf ihren vorläufigen Charakter. Abg. Schulz (Sozialdemokrat) erklärt, jedesmal wenn die politische Entwicklung einen etwas ruhigeren Charakter anzunehmen schien, kamen Bedrohungen von innen und außen. Gegen den Bolschewismus mitHandgra na te «verlange n wyr» ldaß.der Staat die schärfsten Machtmittel antvendet. Redner bespricht sodann die sonntägige Offiziersdemonstration, die nur ein harmloser Auftakt zur gestrigen aufreizenden Rede Kardorffs gewesen sei, die nichts weniger als eine Schildcrhoöung gegen die Revolution bedeute. Redner fragt weiters um Aufklärung, ob die Erklärung des russischen Volkskommissars Tschitscherin richtig sei. daß Uebereinstimmung darüber bestehe, daß von den deutschen Truppen keine Offensivbewegung in Kurland oder Litauen unternommen werde. Eine gewisse Sicherung der Ostgrenze werbe indes noch erforderlich sein, aber die Negierung sei bestrebt, auch mit Rußland in Frieden und guter Nachbarschaft zu leben. Abg. Meyer (Zentrum) führt aus: Mit der Sanierung der Reich Finanzen muß bald begonnen werden. Wenn wir in dieser Sache schrittweise Vorgehen, wird sich der Wert der deutschen Mark langsam wieder heben. Abg. Graf P o s a d o w s k t (Deuschnasional) führt aus: Bei der Schuldenlast des Reiches müssen auch die Besitzenden herangezogen werden. Die Besteuerung des Vermögens darf nicht bis zur Enteignung gehen. Der Ministerpräsident hat gestern die Teilnehmer an der Versammlung im Zirkus Busch angegriffen. Kann der Ministerpräsident sich wundern,.wenn unter diesen Verhältnissen der Revolution weite Kreise sich nach dem Zustande vor der Revolution deutsche Truppen den linken Flügel einer große« Offensive gegen Rußland darstellen. Reichswehrminister Noske erklärt, daß zwischen der obersten Heeresleitung, ihm und der Reichsregierung zurücksehnen? Der Ministerpräsident sollte seine Tatkraft lieber gegen die Bestrebungen, die ihn sonst ernstlich bedrohen, verwenden. Die Arbeiter- und Soldatenrate bilden ein Nebenparlament, das die Regierung neben der Nationalversammlung nicht dulden darf. Inland. Eine Räterepublik in Wiener-Neustadt. Wiener-Neustadt, 27. März. (Tel. der „Wr. Morgenztg/) Hier hat sich eine Räte» regierung gebildet, die aus Vertretern der Arbeiterschaft und Soldaten besteht. Zn die Regierung wurden aber anch Vertreter der Bezirkshauptmannschaft und der übrigen Bch'örden ausgenommen. Bildung eines Soldaten- «nd Bauernrates in Innsbruck. Innsbruck» 27. Marz. (Korr.-Bur.) Die „Innsbrucker Volkszettung". das Organ der Sozald'mokraten, meldet in ihrer hcungen Nummer: Unter starker Beteiligung hat stch gestern hier der Arbeiter-, Bauern- und Soldakenrat gebildet. Bon mehr als 70 Organisationen waren Vertreter erlch enen. Der Arbeiter-, Bauern- und Soldatcnrat strebt nach der Sozialisierung aller hierzu geeigneten Unternehmungen. Die gröberen Orte des Landes werden au gefordert. Ortsr ä t e zu bilden mrd sie zu einem Landesverband zu vereinigen. Hierauf wurde der engere Ausschuß gewählt, der sich am Montag den 31. d. M. konstimiercn wird. Provisorische Landesversammlung. Sitzung am 27. März 1919. In der gestrigen Sitzung wurde die Debatte über die Wiener Spitalsnot zu Ende geführt. Bürgermeister Dr. Weisk i r ch n e r sindet es für zweckmäßig, wenn einzelne in gutem baulichen Zustand befindliche Kriegsspilälec der Zivilverwalnmg übergeben werden und beantragt die Ucbcrnahme der Landwchrakademic im driitm Bezirk zur E' weitevuilg der Rudolfsstiflung. Abg. P a n o s ch tritt für die Errichtung von Bolkssanato.ien für den besieren Mittelstand ei«, damit er auch der Svitalsbehandlung teilhaftig werde. Landesrat Müller ist einverstanden mit der Errichtung von Sanatorien für den Mittelstand und tritt noch einmal aufs wärmste für eine Sanltätssteuer ein. Abg. P h i l v beantragt, daß dre rückständigen Berpstegsgedühren im Wege zwischenstaatlicher Verhandlungen eingetrieben werden. Hieraus wi>d nach einem Srbliistwortc des Berichterstatters Abg. Widholz dre Debatte geschlossen und die Anträge des Verwaltungsausschusses mit dem Anträge Dr. Wclskuchners emstimm g angenommen. Hierauf gelangen nach dem Referat des Abg. K ul Hane k die Anträge bezügl ch derErhohungderBerpflegsk o st e n imSanatorrumSteinhofzur einstimmigen Annahme. Die Landesverweisung der Dynastie. Durch das gestern in der Nationalversammlung eingebrachte Gesetz über die Landesverweisung der kaiserlichen Familie wird die Ausweisung aller Mitglieder des Erzhauses und der mrt chm verwandten Fam lien sowie die Einziehung ihres Vermögens ausgesprochen. Von den M 'gliedern des kaiserlichen Hauses befinden sich nur der gew^ene K a l s e r. die K a i s e r r n, ihre K r n d e r sowie die Mutter deS KackerS, Erzherzogin Maria I o f e i a. und die Schwiegermutter, Herzogin v o n Pa rm a, ,n der Schwerz. Erzherzog L e o v o l d Salvator mit fe>ner Familie find vor zwe» Monaten mit falschen Pässen nach Spanien gefiüchtet. Erzherzog Josef lebt unter dem Namen Joses Habdburg in Budapest. Erzherzog Wilhelm »st von der westlikramlschen Regierung auf einem Schlosse bei StaniSlau interniert worden. Alle übrigen Mitglieder der beiden Häiifer Habsburg- Lothringen und P a r m a leben teils m Wien, »n Baden, Walls« und Salzburg. Ein Attentat auf die nlchtdeutscherr Beamten. In verschiedenen Anträgen, die der gestrigen Sitzung der Nationalversammlung von Mitgliedern der großdeutschen (antisemitischen) Vereinigung unterbreitet wurden, wird eine Revision der Bestimmungen über die deUtschösterreichlscheStaatsbürgerkchaft gefordert, die au» eine Ausschließung derjenigen Beamten hinanEnst, wlrl e den kant'chukarng gefaßten Eid auf di' Zugehörigkeit zur deut'chöstcrreichismrn Ral'on n:chl geleistet haben. In emnu Anträge w'.'d sogar dre Ausschaltung und Entlastung drcker B:am:en gesordet. Es mnß nachdrück! chst darauf hingewicken werden, daß die Beschlüße der deutschösterrezchischen Nationalversammlung unter der Kontrolle deö gesamte« Auslandes stehen und eS Ware nur zu wünschen, daß sich die Regierung der Verantwortung, die ihr daraus erwächst, sehr bewußt wäre. Durch den famosen, Eid, der durch den Antrag K e m e t t e r in das Gesetz hmeingeraten ist, hat man stch vor d^m Ausland? genug blamiert, als man das Gesetz nachträglich abändern muste. Es ist nicht notig, daß unsere Nationalversammlung durch den Einfluß einiger Bierbankpolitiker, die fern von jeder Kenntnis der Menschen und politischm Verhältnisse Gesetze fabrizieren, noch Wetter blamiert wird. Der Eisenbahnerstreik vor dev Beendigung. Die Vertrauensmänner der Süd bah« hielten gestern abends eine Versammln«- aÄ, in welcher die Vorbedingungen für die Wiederaufnahme des Betrieb es erörtert wurden. Als erste Bedingung forderten die Vertrauensmänner eine tägliche Teuerungszulage von 15 Kro en für jeden Eisenbahnbediensteten und weitere fünf Kronen für jedes Kind. Wenn diese erste Bedingung erfüllt ist, werden die Eifenbahnbediensteten zur Arbeit zurückkrhren und in wettere Verhandlungen eintreten. , Vis zum Abend hat der Streik an Ausdehnung nicht gewonnen. Er bleibt vorläufig weiter auf die Südbahn, Sstbahn nndAsPangbahn beschrankt, wo morgen früh der Verkehr nicht ausgenommen wird. Die Arbeiter der R o r d w e st- und R o r d b a g n hielten abends eine Vrrfanrmlung ab, in der beschloffen wurde, den Verlauf des Streiks bei der Südbahn abzuwarten. Bei der Franz Josefs-Bahn find die Verhältnisse vollständig normal. Telegramme. Generalstreiks in Spanien. Streik der Bäcker und Schneider. — Zeitungsstreiks. Madrid, 27. März. (HavaS.) In B a l e n i c a und in La Coruna ist brr Generalstreik ausgebrochen. In Sevilla »st der allgemeine Ansstand gescheuert. Madrid, 27. März. (HavaS.) Hier sind die Bauarbeiter, die Schneidergehilfen und die Putzmacherinnen in den Ausst a n d getreten. Madrid, 27. März. (HavaS.) Die Zeitungsherausgeber haben heute du Über du Presse verhängten Zensurmaßreqeln erörtert. Du Arbeiter» eremigungen und der größte Test der Zrltungsherausarber sind dafür, das Erscheinender Blatter emzustellen. Barcelona» 27. März. (Havas? Heute, am dritten Tage deS Generalstreiks, wurden die Geschäfte m der inneren Stadt w i e d e r e r 8 s f n e t. Es herrscht vollkommene Ruhe. Zahlreiche Personen wurden verhaftet, darunter vier Vertreter der Syndikate. Amerika will nicht gegen die Bolschewiken vorgehen. Berlin, 27. März. Das „8 Uhr Abend Blatt" mckdet ans dem Haag: N ich e ner^Mcldung des Hollandsch Nieuws Bureau haben du Vereiirlgten Sraa'en bekanntgegeben, daß sie nicht gewillt sind, eine Anleihe für einen eventuellen Feldzug der Alliierten gegen die Bolicheiv'.ken zuzugestchen. Amerika sei bereits genötigt, einen Defensivkrieg gegen die Bolschewiken zu führen, weigere sich aber entschieden, Geld oder Männer zur Verfügung zu stellen, um du Bolschewiken anzugreifen. Eine chinesische Mission. Pari», 27. Marz. (Funtwruch? Aus P e k i n g wird gemctbrt: Eine aus den hervorragendsten Mi gliedern der beiden ch nesischen Kniunern bestehende Mission begibt sich demnächst nach Fcankceikh und Amerika. Der Zweck des Besuches ist du Anbahnung von frcimbl rfjcn Beziehungen zwischen den Parlamentsmitgliedern Chinas und jenen der beideii genannten Länder.

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