Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 68 (27.3.1919)
- Date
- 1919-03-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979145--00589-2985898- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
' ' -. -T» »■ V "V Y Seite 4 Mm, Donnerstag Lenin bezweifelt den ungarischen Kommunismus. Skeptische Anfrage an Bela Kun. Moskau, 26. März. (Funkspr. der russ. Sowietregierung.) Lenin hat an Bela Kun folgenden Funkspruch gerichtet: Bitte mitzuteilen, welche reellen Garantie« Sie dafür haben, daß die neue ungarische Negierung wirklich kommuni st isch und nicht nur einfach sozialistisch, das beißt fozialverräLerisch wird? Haben die Kommunisten die Mehrheit in der Regierung? Wann kommt der Rätekongretz zusammen? Worin bestebt reell die Anerkennung der Diktatur des Proletariats durch die Sozialisten? Es ist ganz sicher, daß infolge der eigenartigen Verhältnisse die ungarische Revolution sls bloße Nachahmung nuferer russischen Taktik in ihren Einzelheiten Zu einem Fehler wird. Vor diesem Fehler muß ich .warnen. Worin sehen Sie reelle Garantien? Um sicher zu wissen, daß Sie persönlich mir antworten, bitte ich um Mitteilung, ob und in welchem Sinne ich mit Ihnen über die Nationalversammlung gesprochen habe, als Sie mich das letztemal im Kreml besucht hatten. Mit kommunistischem Gruß Lenin. Graf Karolyi gegen Oberstleutnant Vtx. Eine Entgegnung auf die Bixsche Note. Budapest, 26. März. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Oberstleutnant Vir hat in einer Zuschrift an die revolutionäre Näteregierung erklärt, die Behauptung, daß er die Demarkationslinie als eine, politische Grenze ansehe, sei eine irrige Auslegung der von ihm gebrauchten Ausdrücke. Angesichts dieser Erklärung sieht sich Michael Karolyi bemüßigt, folgendes festzustellen: Als Oberstleutnant Vir die Note überreiMe, erklärterer nachdrücklich, daß diese Linie nunrWr nicht den Charakter und den Begriff der bisherigen Deinarkationslinie besitze. Ich erwiderte, diese Forderung bedeute eine Verletzung der Bestimmungen des Waffenstillstandsverträges. Oberstleutnant Bix antwortete hierauf kühl» er anerkenne, datz der Waffenstillstandsvertrag die Befugnisse hierzu nicht gewähre; es handle sich hier aber um einen Beschluß der Pariser Friede nskonferenz» auf den die im Waffen still ft andsvertrag festgesetzte Demarkationslinie nicht mehr bezogen werden könne. Als ich fragte, ob die Verwaltung in den Händen der ungarischen Regierung und der ungarischen Behörden verbleibe, erklärte Oberstleutnant Vir, dies werde bloß in der neutralen Zone der Fall fein; in dem durch die Rumänen neu zu besetzenden Gebiet aber werde gleich den bereits okkupierten das ganze Imperium dem rumänischen Staat überantwortet werden. Wir hätten also aus Befehl zugunsten des -umanischen Imperialismus Rechte aufgeben müssen. Kein Ungar, ob er sich nun zu den extremen Nationalisten zählt oder zu den extremsten internationalen fzdeen bekennt, durste auf einen Verzicht aus unsere Rechte noch auch auf die Schaffung und die Anerkennung?mes solchen tatsächlichem Zustandes eingehen. Verstaatlichung des Aerztestandes. Budapest, 26. März. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Wie „Dörös Ujsag" meldet, wird demnächst ein besonderes Volkskommissariat für Gesundheitspflege errichtet ' werden. Die Aerzte werden Angestellte der Räterepublik werden. In Zukunft -vird kein Privatarzt von dem Kranken ein besonderes Honorar erhalten, sondern jeder Arzt erhält von derRäterepudlik eine besondere Bezahlung Enteignung der HLrrser. Budapest, 26. März. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Eirre Verordnung des Revolutionären regierenden Rates besagtr Alle Wohnhäuser mit dem dazu gehörenden Grund und mit sämtlichen Akzidenzien find Eigentum der ungarischen Räterepublik. Die Miete wird durch die Hausbesorger und die Mitglieder dev Vertrauenskorporation der Hausbewohner Linkasfiert und demjenigen Geldinstitute eirigeliefert, welches der Volkskommissar für Finanzen in einer Verordnung bestimmt. Diese Verordnung tritt ist 33 tu der Verordnung namhaft gemachten Städten des Landes, darunter in einer Ar:.7.a'h! besetzter Städte in Kraft. Wiener Morgenzeitung Telegramme. Deutschlands wirtschaftliche Zukunft. Aeutzerungen eines englischen Delegierten. Bern, 26. März. Auf der Durchreise nach Deutschland hat nch eine Delegation von englischen Finanzleuten und Vertretern bedeutender Jndttstrmweige kurze Zeit in der Schweiz ausgehaltcn. Die Aufgabe dieser Kommission wird in der Hauptsache darin bestehen, die vraknsche.Durchführbarkeit der Friedensbedingungen, besonders auf ihre wirtschaftliche Zweckmäßigkeit hin, zu prüfen. Delegierter Frederic Wise, der hauptsächlch mit der Prüfung der finanzrellen Bestimmungen des Fciedcnsvertrages betraut ist, äußerte sich einem Mitarbeiter der „Neuen Züricher Zeitung" gegenüber: Deutschland soll vor allem für die Zerstörungen in Belgien und in Nordsrankreich aufkommen. Dadurch wollen .wir aber nicht Deutschland wirtschaftlich und finanziell zugrunde richten. Biel wichtiger ist heule für England ein Abkommen, das der eigenenHn-, dustrie neue Entwicklungsmöglrchkeiten sichert. Deutschland wird voraussichtlich seine Kriegskontrrbntion ur denjenigen Gütern leisten, in deren. Herstellung seine Volkslvirtschaft besonders lerstlmgsfähig ist. Ene Voraussetzung für die Durchführung der wirtschaftlichen Bestimmungen des Friedensvertrages ist aber nicht nur die unmittelbare Versorgung Deutschlands imt Rohstoffen und Waren, die ihm die notwendigen Lebens- und Arbeitsbrdingimgen sichern; in erster Linie kommt Heer auch die Regelung der deutschen Finanzen in Betracht, denn eS ift klar, daß,, solange Deutschland die Bürde der Kriegsanleihen tragen mutz, seine Flnanzwirtschast durch neue Abgaben, die doch letzten Endes die Steuerzahler wieder belasten müßten, vollkommen zerrüttet werden würde. Von welcher Seite man daher auch immer dieses Problem anfaßt, immer wieder ergibt sich, daß die tatsächliche Entschädigung, die rin Staat von einem anderen empfangen kann, nicht in der Höhe der Abgabe — ohne Unterschied oer Güter oder Leistungen — bestehen kann, sondern vielmehr i n e i n e Ni A b k o m m e n z n s u ch e n i ft, das eine Erhöhung der eigenen Leistungsfähigkeit in Aussicht stellt. Streik der deutfchösterreichischen Eisenbahner. Der Personenverkehr auf der Südbahn eingesteüt. Anter den Eisenbahnbediensteten der deutschösterreichischen Staatsbahnen und der Südbahn ist in den letzten Tagen eine Lohnbewegung ansgebrochen. Die Angestellten erklärten in einer gestern ab gehaltenen Vertrauensmännerversammlung, in den Streik zu treten, falls ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Schon gestern abends wurde beschloffen, daß die Lokomotivführer der Südbahn in den Streik treten, so datz von heute an bis ans weiteres auf der Süd bahn keine Personenzüge verkehren. Die Lokomotivführer verlangen ein Stundengeld von 18 Kronen, erklären jedoch, daß sie ehufs ungestörter Versorgung Wiens die Lebensmittelzütze nach wie vor führen werden. Leoben, 26. März. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Auf der Strecke Wie n—B r u ck—L e o b e n ist gestern abends das gesamte Personal in den Ausstand getreten. Die Ursache dieser Maßregel ist auf Lohnforderungen und Schwierigkeiten in der Lebensmittelversorgung zurückzuführen. Wenn man sich in Wien nicht schleunigst zu einer Verständigung entschließt, wird vermutlich auch aus den weiteren Südbahnstrecken der Verkehr zum Stillstand kommen, da die große Gefahr besteht, daß sich die Bewegung nach Graz urtb weiter nach dem Süden ausdehnt. Raschin über die Zukunft Tschechoslowakiens. Prag, 26. März. In der gestrigen Tagung der staatsrechtlichen demokratischen Partei hielt Finanzminister Dr. Ra sch in eine Rede, in der er sich zunächst mit der politischen Umwälzung in Ungarn befaßte und dabei die gegenwärtigen Ereignisse als Mnoeltdige.Folge der seit November in Ungarn betriebenen leichtsinnigen Finanzniirtschaft bezeichnete. Die von Tschecho-Slowakien, Jugoslawien und Deutschösterreich vorgenommene Abstempelung der Banknoten habe den finanziellen Bankerott beschleunigt. Der Minister erläuterte sodann seine eigenen Fünanzmaßnahmen im tschecho-slowakischen Staate und hob hervor, daß zur Gesundung der wirtschaftlichen Verhältnisse Tschecho-Slowakiens in erster Linie fleißige Arheit aller Staatsbürger und Hand in Hand damit größte Sparsamkeit im öffentlichen wie im privaten Leben, notwendig seien. Er selbst werde sich mit seinem ganzen Einfluß jeder staatlichen Ausgabe widersetzen, für die keine Bedeckung vorhanden wäre. Es sei notwe ndig, daß die gegenwärtigen Löhne nicht weiter gesteigert werden, da iede tveitere Steigerung für den Export der tschechoslowakischen Erzeugnisse zum Bankerott führen müsse, sobald einmal die Preise in Tschecho-Slowakien höher werden sollten, als die Höchstpreise stehen. Man dürfe nicht vergessen, daß gegenwärtig im Ischecho-slowakischen Staat 95 Prozent der ganzen Wollindustrie des gewesenen Oesterreich, 85 Prozent der Baumwollmdustrie, über 80 Prozent der Zuckererzeugung und 65 Prozent der SpiriNlsinonstrie vereinigt seien. Daraus folge, das. der ischecao-^'.rwaii uk Slaa. vor allem aus die Ausfuhr angersiasen 'ei und 'ich nach Ivm Seit* oreD rfi^:-iT. inü‘.iliv a' will)1 > ,'n > j ii :i <f, i 1 v'i i e i i :•!'!. reu walle. 27. März 1919 SfcJfTT $ $ Juden u. Jüdinnen des VI.,1TH, u. TOI Bezirkes f Donnerstag, den 27. März 19x9, präzise 6 Uhr abends, findet im _ ~ V E RBANDSHEIM (Grosse^ Saal), VI., Königseggasse 10, eine P Massenversammlung mit folgender TAGESORDNUNG statt: Die Men und die kommenden Landtags- und Gemetoderatswuhlen. Referent: Abg. Ing. Robert Stricker« Der Mische Frauenbund. Referentin: Frau Dr. Friedl'Omstein. Aktuelle Jüdische Volkstrugen. Referent: Adolf Stand. Jüdische Männer u. Frauen! Erscheinet in Massen! 1087 Jüdischer Nationalverein. Tagesbericht. Ein Ultimatum der Gastwirte au btes Regierung. Bei Nichterfüllung Sperrung aller Gasthäuser binnen 48 Stunden. In einer gestern nachmittags stattgefundenen Doll-, Versammlung der Gastwirte Wiens, an der zirka 200Ö Personen teilnahmen, wurde beschlossen, von der Re- , gier ung innerhalb 48 Stunden die Erfüllung,, folgender Forderungen zu verlangen: ,^1,; 1. Freigabe des freien Handels; "I m? , 2. Frei gab ei de s:^Ham st er n s und de freien Einkaufes in der Umgebung; j 3. Die sofortige Einstellung bei*» Lebensmittelbeschlagnahmen. | Sollten diese Forderungen in dieser Frist nüW,, erfüllt sein, so werden alle Gasthäuser sperren^ Die Versammlung verlief sehr lebhaft? Einzelne Redner hielten es für notwendig, die Jude« . zu beschimpfen. Der unwürdige Verlauf gab ein Zeug- - ins vom geistigen Niveau gewisser Gastwirte, deren Anpöbelungen übrigens nicht ernst zu nehmen sind. WstS „ lächerlich die Beschimpfungen sind, beweist der Umstands baß sowohl von der jüdischen Volks wehr, als oud| jüdischen Hamsterern gesprochen wurde. I Bezüglich des St. Marxer Skandals erklärte ein Redner, daß die Vorgefundenen Vorräte Eigentum der Einkaufsgescllschaft seien, die von 13 Gastwirtzen 1915 gegründet wurde. Der verstorbene Vorsteher Penz. habe aus seinen Vorräten ein Geheimnis gemacht, so baß nach Einstellung der Kühlanlagen die Vorräte n dem Verderben preisgegeben waren. Redner betonte,. daß dabei eine kleine Fahrlässigkeit festzustellen sei. Leider seien aber die Vorräte beschlagnahmt, da das - Ernährungsamt von der Volks wehr "das Verbotierhalten habe, sie den Gastwirten zurückzustellen. Oefterreichische Kriegsgüter in Deutschland. Im Staatsamt für Heerwesen fand gestern eine Aussprache des Staatssekretärs Dr. Deutsch mit einer Abordnung reichsdeutscher Soldatenrats,/die dieser Tage hier eingetrosfen sind, statt. Gegenstand der Beratung bildete die Frage der Uebernahme und des Transports von den Soldatenräten in Deutschland gesammelten Kriegsgüter, die von den an der Westfront gestandenen ö sterreich i sch-uriga-- rischenTruppen herrühren. Die Mordnung machte die Mitteilung, daß von den Soldatenräten bisher 150 Waggons solcher Güter im Werte von 12 Mil- . lionen Mark aufgestapelt wurden, die nunmehr ihres Abtransportes harren. Der Staatssekretär dankte der Mordnung für ihre Tätigkeit namens der Negierung ' und beschied die Vertreter der Soldatenräte für morgöB» zu einer Sitzung im Heeresamte, wo dann im Beisein der Vertreter der verschiedenen Staatsämter die Angolegenheit endgültig geregelt wird. * Mordversuch an einem polnischen Leutnant. Das-Vreßbureau der polnischen Gesandtschaft m Wien teilt tritt:; Die Wiener Mittag- und Abendblätter vom 26. d. M. brachten * Notizen und längere Berichte über einen Mordversuch cm einem / polnischen Lculnant Nosenbaum-Nozftcti, entern angeblichen Mit- 1 gliedc der polnischen Mission in Wien. Es muß nun scstgestellt * werden, daß ein. Offizier dieses Namens weder im Dienste., des ' polnischen Mlnärbenollinächtiglen ttt Wien steht, noch der Wiener rolmirhen Geiandisckast zngete>lt ift. In westen Auftrag Leutnant' .iieitn.bnnni'Nozyctl in Wini weilte, beste!,nuaswrise in weichet: urhlmfjcii Mission er noch Paris wenerreisen sollie, ist ' der - wen tzoli,achci, «^enmdisil, st! uv.! ciVuuU.