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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-24 · Heft 65 (24.3.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 65 (24.3.1919)
Date
1919-03-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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m1. ua I/Sbigil,- MoMütz Süyitvici-' £*l> 24. Murz ir,19 Seüe 3 gegen Ungarn. Die wirtschaftlichen Kräfte des Landes ' sind erschöpft, zur Gänze ersäwpst auch die Nerven der Menschheit. In dem Augenblick, wo wir darangehen, un'ere Armee ans Nusztgnd abzuberufen, ist es umsomehr .ausgeschlossen, daß wir, tschechische Regimenter über die , Demarkationslinie hinaus--..,nach- Ungarn würden ein- , marschieren lassen. . .. . Innere Angelegenheiten ungarischer Gebiete mögen tatsächlich innere Angelegenheiten der Magyaren bleiben. Das tschechische Proletariat würde mit Entrüstung jeden Mückweisen, der es wagen sollte, auch nur die Möglichkeit. weiterer kriegerischer Verwicklungen aufzuwerfen. Deshalb rufen wir in der Woche der Frühjahrssonnenwende mit lauter Stimme in die ganze Welt hinaus: Wir wollen keinen neuen Krieg! Wir wollen, daß die Leiden der Völker aushören und die Menschheit in Frieden leben kam. - Gefechte in Tanger. Die Spanier gegen Raisuli. ■ Paris, 23. März. Die „Agence Havas" meldet aus ,,D a,no e r: , Wie Eingeborue herichren, ist es zwischen spanischen - Truppen, die von Teman aus gegen Dar Beukerisch vonückten, ' -Md Anhängern Naisulis zu cmem Gefecht gekommen. ' - Eine, Meldung der „Times" aus Tanger besagt: Da die ^Spanier die Absicht kundgetan haben, die Straße Tanger—Tetuan, die von Naisüli seit Jahren gesperrt gehalten wird, wieder zu , erönnen, bat Raisuli Fondak Udras von 400 bewafmetm Leuten - besetzen lasseri, die Posten längs der Straße verstärkt und alle Vorbereitungen getroffen, um den Bormarsch der Spanier aus- . znhaltcn. / Mzös Mission in Wien. , - Paxi^,, 22. März. (Havas.) Die Blätter bestätigen, daß All z äal S Träger einer Mission demnächst rack W i e n abrerscn werde und fügen h nzu, er werde seinen Posten in Holland, *wo' - er nitcvimifttfch ersetzt werden wird, vorläufig behalten. __ Tagesbericht. Erster jüdischer Jugendfürsorge- und '7 ErziehuÄgstag. Gestern Sonntag um 9 .Uhr früh begann der für zwei Tage anberaumte erste jüdische Iugendfürsorgemnd Erziehungstag im Festsaale der Handelsuüd 'Gewerbekammer. '-l ' Nach erfolgter Eröffnung durch den Präsidenten , der Zmttalstelle für soziale Fürsorge, Herrn I. Wachtel, wurde die Wahl des Bureaus vorgenommen, . ' Zum Vorsitzenden wurde Gemeinderat Dr. Rudolf Ritter v. Schwarz-Hiller, zu Stellvertretern die Herren Oberrabbiner Prof. Dr. Ehajes, Arnold Lemberger, Kultuspräsident Dr. Ernst Moser lMödling^ Medi- Zinalrai Dr. Eamuely, Isidor Wacht! und Frau Gisela , Zimer-Zwieback gewählt. . . - Au Schriftführern die Her'ren Dr. Siegfried Demfeld, Dt. Rudolf Scharstein, Kültüspräfident Moses ^SMl Klagenfürt), Ortsschustüt Moritz Ungar und Früu Cäcilie Frankl. Der Vorsitzende Dr. v. Schwarz-Hiller begrüßte: in Vertretung des SLaatSastttes für soziale Verwaltung Hosrat Prof. Dr.' Robert Bart sch und Sektionsrat Dr. Viktor S u ch a n e k. für das Staaten--t für Volksgefundheü Sekticnsrat Dr. I Cut ö f ch k e, für das Staatsamt für Unterricht Hp-srat Fl-ogcr für die niederösterreichische Landesregierung . Graf . Z e dt w i tz, für das Polizeipräsidium Polizeirat Dvhtor Wahlkopf, in Vertretung des MagifttatsHerr Oberjugendanwalt Dr. F a u l h a m m e r, für die MagiftratsabLeilung III .Magistratsrat - Dr. Robert K r z i f chfür die Zentralstelle für Kiicherschutz und Jugendfürsorge Freiherr v. Pid ö ll( und-Frau Hermine H e-r z f e l d e r, für den Verband für freiwillige Jugendfürsorge Hauptführer Dr. Emmerich T r, ferner die Vertreter des Vorstandcs der israelitischen Kultusgemeinde und des jüdischen Nationall ates. In feiner Eröffnungsansprache würdigte Dr. Schwarz-Hill e r die heute allgemein ^anerkannte Bedeutung der Kinder- und Jugendfürsorge und stellte fest, das; gerade wir Jubelt sicherlich das herzlichste Interesse für das WM und Gedeihen aller Kinder ohne Unterschied ihre? Volks- oder Glaubcnszugehörigkeit haben, daß wir aber unter den heutigen Verhältnissen zunächst daran gehen müssen, im Rahmen der staatlichen Fürsorge für die jüdischen Kinder zu sorgen.' Hierauf begrüßte Hosrat Bartsch namens des Staatsamtes für soziale Verwaltung mit herzlichen Worten die Tagung und betonte, daß die Regierüng der steten Fürsorgebetätigung innerhalb des Staates keinerlei Schranken auferlegen wolle.- Nach ben^ Begrüßungsansprachen der anderen vertretenen Behörden Und Korporationen sowie des Herrn Dr. Markus. S.v i tz e r namens des Kulmsvorstandes erstattete Herr Prof. Dr. Zappert das erste Referat über SÜ uglingsfürsorge. Der Referent schilderte das erschütternde Säuglingselend, düs besonders der Krieg verschuldet hat, an der Hand genauer statistischer Daten. Er wies darauf hm, daß nicht so sehr die Gründung neuer Institutionen erforderlich sei, die in großer Zahl vorhanden'sind, sondern daß es barmtf ankommt, durch organisatorische Maßnahmen einen Ueberblick über das gesamte Fürsorgewesen für Mütter und Säuglinge zü gewinnen. ° Als Mittel hierzu schlägt der Referent die Einführung eines Schwangerschastskatasters vor. dessen Kosten die Kultusgcmeinde tragen soll, da wir uns zunächst auf jüdische Kinder beschränken. Befremdend allerdings war die Begründung, mit der Prof. Zappert, der sich als offener Gegner' spezieller jüdischer Institutionen erklärte, solche jüdische Fürsorgemaßnahmen zu rechtfertigen suchte. Er ließ ein bedauerlich geringes Verständnis für die spezifische Not des jüdischen Volkes erkennen. — In der Diskussion wurde guch darauf . hingewiesen, daß die jüdischen Pfleglinge in nichtjüdischen Häusern gewöhnlich ein sehr - trauriges Schicksal haben. Herr. Direktor Max Fischer hielt das Referat über „Fürsorge im Vorschulalter". In historischer Darstellung zeigte er. wie die Fürwrgeinstitutionen für vorschulpflichtige Kinder sich erst allmählich gegen eine starke Gegnerschaft dürchzusetzen halten. Er schilderte sodann die Tätigkeit der einzelnen Institutionen und erwies die dringende Notwendigkeit einer Vermehrung derartiger Anstalten. In der Diskussion schilderte Fräulein Grete O b e r n i k ihre Erfahrungen als Leiterin des Kindergartens der jüdisch-pädagogischen Kurse und forderte eine Berücksichtigung des Montefforisystems gegenüber der von Direktor Fischer vertretenen Fröbelmethode. Auf Grund einer Umstellung der Tagesordnung wurde sodann das grundlegende Referat über „Aufgaben eines Verbandes für jüdische Jugendfürsorge" von Dr. Siegfried B e rns e l d vorgelegt. Er umritz in beredten Worten die großen Schäden, die die heutige Zersplitterung des Fürsorgewesens mit sich bringt. Der Verband muß die Erfahrungen der verschiedenen ihm angeschlossenen Vereine bei Wahrung ihrer vollen Selbständigkeit den anderen zugängli ch machen. Auch die Erfahrungen anderer Völker und Länder sollen gesammelt und studiert werden und schließlich, müsse der Verband eine Zentralstelle für die spezifischen Aufgaben der jüdischen Jugendfürsorge werden, als welche zum Beispiel die Ueberführung des großstädtischen Proletariats zu produktiven Berufen, das Problem des jüdischen Unterrichtes unter anderem anzulehen wäre. Der Verband soll alle angeschlossenen Vereine in ihrer bisherigen Tätigkeit fördern, dann aber auch die gesamte Jugendfürsorge nach .einem bestimmten Plan regeln. Der Referent entwickelt schließlich, um die große Bedeutung des Verbandes anschaulich zu machen, ein großzügiges Programm für eine freie jüdische Schulfiedlung, in welcher nach und nach das gesamte jüdische Jugend'ürsorgewesen außerhalb der Stadt zentralisiert werden sollte. Eine solche Gründung bidtet außerordentliche Horizonte und wäre ein Novum in der Geschichte des Fürsorgewesens. Wir werden auf die von Dr. Demfeld vorgetragene Idee, die ^außerordentlieh fruchtbare Perspektiven für die' Arbeit des neugefchasfenen Verbandes bietet und die aufmerksamste Beachtung verdien!; noch ausführlicher zurückkommen. In der Nachmittagssitzung knüpfte sich an dieses Referat eine eingehende Debatte, in deren Verlauf Herr Adolf Böhm, der die Tagung noch nachträglich namens des Jüdischen Nationalrates für Deutschösterreich begrüßte, den Plan Dr. Dernfelds warm unterstützte. Oberoffizial Moritz U n g a r sprach über „Die Notwendigkeit der konfessionellon Gestaltung der VerufSvormundfchast". Gr charakterisierte die Tätigkeit der Kultusgemeinde in der Jugendfürsorge und besonders die Fürsorge für verlassene Kinder sowie die schlechten Erfahrungen, die mit der freiwilligen.- VOrmündschast gemacht, würben.. Eine nichtjüdischö, ÄorMttdschüft für ein jüdische Kind söi für das Kind und die He-', meinschast ein schwerer Schaden: Nch,, die , anderen Konfessionen haben sich langst sm die -Kon'fessionelle Gestaltung der Vormundschaft ausgesprochen. Dr. Heinrich Glanz vermißt in der Fürsorge den wahrhaft sozialen Zug und das'Bewußtsein der Verantwortlichkeit gegenüber dem Judentum. Wir' müssen bezirksweise "alle vorhanvEn Vedstrlnisse zu befriedigen suchen, insbesondere muß für eine ausreichende Zahl von Tagesheimstätten gesorgt iverdem , . ' Als letztes der Fürförgereferate sprach Doktor Ritter v.S ch w a r?< - H11 l e r über uneheliche Kinder. In ergreifenden Worten schilderte der Redner das schwere Unrecht, das den unehelichen Kindern von der Gesellschaft zuye ugt w' : obwohl, es bei uns Juden nur eine verschwindend geringe Zahl unehelicher Kinder gibt (14'3 Prozent gegen 42'6 Prozent bei den' Nichtjuden) müssen wir doch schon aus Geröchtigkeit und allgemeiner Menschenliebe auch , dieser Gruppe unsere Aufmerksamkeit schenken.. Redner fordert die Weglassung des Vermerkes der ehelichen Geburt auf den Geburtsscheinen, die völlige Aufgabe des Kostfrauenstfftems und feine Ersetzung durch eine genügende Zahl von. Heimen, ferner die Zuerkennüng des Titels „Frau" an die. uneheliche Mutter. Dr. S^warz-Hiller fand hierbei sehr treffende Worte zur Charakterisierung der verlogenen Moral der bürgerlichen Gefelllchaft,'die jetzt ihren Zusammenbruch erlebt. — Bemerkmswert ill. daß Sektionsrat S u ch a n e k des Staatsamtes für soziale Fürsorge die Mitteilung machte, daß die wichtigsten Vorschläge des Referenten schon die Grundlage geplanter legislatorischer Maßnahmen des Staatsamtes für soziale Verwaltung sind. Der zweite Teil der Tagung ist dem Gegenstände „Jüdische Erziehung" gewidmet. Das Hauptreserat des Oberrabbiners Dr. Chajes mußte wegen Abwesenheit des Referenten entfallen und zum Worte gelangt sofort Rabbiner Dr. F e u ch t w a n g, der über „Die Reform des Religionsunterrichtes" spricht. Er erörtert zunächst in tiefgründiger Auseinandersetzung die Probleme der Möalichkeit eines Religivns- ' oder 'Moralunterrichtes überhaupt. Uebergeyend aui Bekämpfung der L Befreiung durch Schatz-Ali annement von Wanzen Schwaben Küssen Flöhen ■* Läusen Ratten Mäusen Systematische Bauer - Desinfektion von Stallungen und aller Tiere, die mit Ungeziefer behaltet sind. Verlangen Sie Kostenlose Auskunft. Telephon Nr. 8 -3C0 FEROLIN Abt linn Hr. 15 Telegramme „Perolinliof“ Wien, Ml, Feldmühlgasse 4. die jüdische Religion legt Dr. Feuchtwang tteffeud die Eigenart des Judentums dar, in dem Religion und Volkstum unlöslich verknüpft sind. Die -jüdische Religion steht der autonomen Ethik am nächsten, das wesentliche Problem Ifi aber die Ausbildung der Lehrer. ^Der Unterricht in unseren heutigen Schulen kann den Anforderungen nicht genügen, der zweistündige Unterricht ist ein unzureichendes Ersatzmittel. Eine notwendige Ergänzung bildet auch das jüdische Haus, denn Wissen ist noch kein Leben. Redner betont die Notwendigkeit der Schaffung jüdischer Schulen, die mehr sein müssen als bloße „Religiynsschulen", die den ganzen Umfang des Wissens vermitteln sollen. Von einer bloßen Reform des heutigen Religionsunterrichtes ist nichts zu erwarten. Die Debatte wird heute fortgesetzt. Der Racheakt eines DoLKswehrmaMes. Einen Kameraden getötet. E ne Bluttat, der zwei Menschenleben znm Opfer fi-'len, bat sich Samstag spät abends in der ilingebmrg des Oübahnbofcs zugetrageu. Die Polizeikorrefpondcnz bericht;t darüber: . Das Wpcheßetdchement im ^ftbabnhose stellt die 2. KomNanie des Bolkswehrbaiaillons 22 bei. Sie ist in den Baracken wächst dem Bahnbose uniergebracht und dje Mannschaft int abwechselnd Dienst. Am 22. d. M. bat der 22 jährige Bollswehrmann Step'mn.'M a r o k, 2naknng, Wattgasse Nr. 4 wohnhaft, seinen Dienst vernachlä sist. Er wurde deshalb von einem Zngsführer-der Kompanie zur Rede gestellt, benahm sich aber Ungebührlich und rat später die Aeußerullg, erwerde es dem Zugssührer schon zeßp'N. ' Morak wrlrde dann abgelöll und trank am Nachmittag in verschiedenen Gaßhäusern sehr v!el< "Nach 9 Uhr abends kam er zur Baracke, in der die Wach-' ^.mpmie uniergebracht ist. Er hatte seist Gewehr fgeichuttert und traf'einen Kameraden. Ihn sprach 'er an Und ersuchte ihn, ihm den Zu^s'ührer, der ihn beanständet hatte. bmauszurikseM Der Votkswehrmann ging in die Baracke und richtcte den Anfirag aus. Der Zugs'ührcr ab ch, der Marok als gewalttätig kannte und überdies'der Drohung eingedenk war, leistete der Auffordekung nicht Folge und setzte den Leutnant inFtenntnis. Dieser nahm einen anderen Zugsführer, den.46'fahrigen Rudolf Brnchtl, XIII. Beckuiannstraße 64 wohn- - hast, mit. Mit ihm trat er ans der Baracke, um- -den Marok zu erreichen und mit ihm begütigend zu sprechen. Kaum aber batten Leutnant und Zugsführer drn Maria Josepha-Bark erreicht, wohin Marok'den Zngsüchrer bestellt batte. als Marok. der'im Dnnkel der sinsterest Nacht, von ihnen unbemerkt ans einer Bank gesessen.war, äüs 'einem Gewehr einen Schuß auf beide abqab. Zugssührer Pracht! brach zusammen. Marok ergriff die Flucht. Der Schuß war weuhin gehört worden und-die Manns 1'aft in der Baracke war alarmiert. Einige Bolkswchrmäuner hatten ihre Gewehre ergriffen und .rückten jm Lau'schritt gegen den Maria Josepba-Park vor. Sie verfolgten Marok, der sich hinter einer Bank verschanzt batte und von dostt ans Feuer auf seine Verfolger abgab. Er verfehlte zum Glücke sein Ziel. Auch die ihn-, versol'ende Mannschaft gab nun Schüsse aus deil Wabn-- wihigen ab 'und vom einer Kugel getroffen sank Marok neben der Bank zusammen. Tie Nettnngsgesell chast wurde berufen. Ter Arzt stellte bei Zugs'ührer Pracht! eine Schußwunde in 'der rechten Bruslseite, bei Marok eine Schußwunde in der ' Magengegend fest. Der Zustand beider war hoffnungslos.

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