Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 64 (23.3.1919)
- Date
- 1919-03-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ät 64 t Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung 23. M8rz 1919 Seite 5 Wi mmwm. .. ...» . . »». -- - — .—■ ....----- - - ' - . . i .. ..... ■■ — — ' ■ -—il Die neue NSteregierrirrg. PrLfident Alexander Garbai. — Der Kommunist Bela Kuh« — Aeutzeres. Oudspest, 22. März. (Tel. der „Wiener Morgen-» zeitung".) Infolge der Demission der Negierung hat der Attzeiterrat von Budapest die Reglerungsgewalt übernvtmnen und einen interimistischen revolutionären Regierungsrat gebildet, der wie folgt zusammengesetzt ist: Präsidium: Alexander Garbai; Inneres: Dr. Eugen Landker, Stellvertreter Vela Dago; Ackerbau: das Volkskommissariat für Ackerbau besteht aus einem Kollegium, dessen Mitglieder sind: Alexander Csizmadia. Karl Bantü», Dr. Eugen Hamburger nick Georg RyiSzter; Finanzen: Eugen Vaga, Stellvertreter Bela Szekely; Unterricht: Siegmund Knnfi» Stellvertreter Georg Lukacs; Dolkswohlfahrt mch Bolksarbeit: Desider Bokanyi, Stellvertreter Mdvlf Fiedler; Aeutzeres: Bela Kuhn, Stellvertreter Peter Agoston; Handel: interimistisch Doktor Eugen Landler, Stellvertreter Matthäus Ra kos; Krieg; Josef P o g a n y, Stellvertreter Bela S z a n t o und Tibor Szamuely; Justiz: Zoltau Ronay, Stellvertreter Stephan Luday; Sozialisierung: Wilhelm Böhm. Stellvertreter Julius H e v e s h; deutscher DolkskommisiSr: Heinrich Kalmar; ruthenischer Bvlkerat: Orcste Gzabo; Bolksernährung: Doktor Msritz Erdelyi, Stellvertreter Artur Ille8. ' Did Bezeichnung der Aemter des Regiernngsrates ist Volkskommissariat, jene her Mitglieder desselben Bolkskommissär. Standrecht und Alkoholverbot. Budapest, 82. März. (Ung. Tel^Kvrr.-Bur.) Die Bolksregierung hat für Budapest und das ganze Land das schärfste Gtandrecht angeordnet. Jedermann, der mit der Waffe in der Hand gegen die neue Staatssortzn kämpfend angetroffen sowie jeder, der bei Raub und Plünderung ertappt wird, wird standrechtlich erschossen. Die Bolksregierung hat ferner daS strengste Alkoholverbot erlassen. - Das kommunistische Budapest. Buhe und Sednnng. — Gesperrte Banden. — Waffenverbot. Budapest, SS. März. (Ung. Tel^Aorr.-Bur.) Heute vormittags herrschte in Budapest vollkommene Ruhe und Ordnung. In den Bormittagstunden zeigten die Straßen lebhaftes Treiben, da die meisten Betriebe feierten. Allenthalben sieht man Plakate mit der Aufschrift: Es lebe die Proletarierherrschaft. Andere Plakate fordern die Proletarier zu Ordnung und Arbeit äuft Zahlreiche Geschäfte sowie sämtliche Banken sind gesperrt. Die Ordnung wird vdn einem Jägerbataillon, vom 32. Infanterieregiment uyd von der Volkswehr aufrechterhalten. Der revolu- .tipnüre Regierungsrat erließ im Laufe des Vormittags eine Verordnung, worin das Tragen von Waffen jedermann mit Ausnahme der zu den Brachialformationen gehörenden Personen verboten wird. Wer gegen diese Verordnung verstößt, wird mit fünf Jahren Zuchthaus unb einer Geldstrafe von 50.000 Kronen bestraft. * Normales Leben In Budapest. Budapest, 28. März. (Tel. der „Dienet Morgenzeitung".) Der Verkehr hat heute früh in ganz nvr-, maler Weife eingesetzt. Die Straßen sind außerordentlich belebt, doch ist nirgends, dank der außerordentlich strengen Maßregeln der neuen Regierung, ein Zwischenfall zu verzeichnen gewesen. Der rasche Sieg der Kommunisten ist dem gestern stark verbreiteten Gerücht zuzuschreiben, daß das Heer der russischen Bolschewiken bereits Keresznezö erreicht habe und im siegreichen Vordringen auf Budapest begriffen sei. I» Ausnützung dieses Gerüchtes, das von den Massen geglaubt und mit Begeisterung ausgenommen wurde, faßte die Leitung der vereinigten Sozialisten- und Kommmnstenpartei sogleich den Beschluß, das Bündnis mit der russischen Sowietrepublik auszusprechen. Rach einem anderen Gerücht hätte die Petersburger Regierung 70.000 ungarische Kriegsgefangene bewaffnet und unter Führung des Majors Görgey, des Enkels des Generals Görgey, der 1848 von den Russe« unter Paskewitsch bei Vilagos zur Kapitulation gezwungen worden war, gegen Ungarn in Marsch gesetzt. Die ersten Beschlüsse der ungarische« Sowietreglerung. Budapest, 82. März. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Der evolutionäre «gierende Rat hielt heute unter dem Vorsitz des Präsidenten, des Rater Alexander G a r d a i, sein« erste Sitzung ab, in der folgende wichtige Beschlüsse gefaßt Wurden: Abschaffung von Rang und Titeln, Trennung der Kirche vom Staat, Abschaffung aller ZwanPssteü e rn für kirchliche und konfessionelle Zwecke. Der revolutionäre regierende Rat entsandte eine Fünferkommission zum Zweck der Vorbereitung,der Wahl der Arbeiter-, Soldaten- und Vauernrate. Der Rat beschloß weiters, sämtliche RegiernngSkommissäre zu entheben, und forderte die Arbei>rr-te auf, überall dreigliedrige Dt«ktorie» §» wühle», welche die Agende« der bisherigen RegierpngSkommMre zu versehen haben. Der revolutionäre «gierende Rot beschloß, ein», auS Laienrichtern bestehendes Revoluti onsgericht .zu bilden. Der erste RevolutionsgerichtShof mit dem Sitz in Budapest wurde sofort errichtet. Der revolutionäre regierende Rat wies fei Kolk-kommissä« an, Vorschläge, betreffend Sozialisierung der Häuser und Betriebe binnen kürzester Zeit den: Rat vorzulegen. Der Rat beschloß weiters die Sozialisierung der im Privateigentum befindlichen K u n stschätze.von musealem Wert. Gleichzeitig Ibifcbe der Volkskommissar für Unterricht angewiesen, einen Vorschlag zu unterbreiten, auf welche Weise die Theater tu den Dienst der Protetaricrkultur zu stellen und für die Massen zugänglich zu machen sein werden. Sämtliche Zeitungen werben verhalten, die amtlichen Verordnungen des revolutionären regierenden Rates an leitender Stelle zu veröffentlichen. Volkskommissare für Budapest. Budapest, 22. März. (Ung. Te' Korr.-Bur.) Die revolnnonäre Negierung hat d r e r B o l k S k o m m i s s ä r e für die Hauptstadt Budapest ernannt. Der Bürgermeister und der Magistrat boten drn'clben ih e Dein ssion an, wurden aber eisucht, auf ihren Posten zu .verbleiben. , . Die Volkskommissare für Budapest richteten an die Leiter und Angestellten aller AenNer, Betriebe und Schulen Budapests die Aufforderung, b.s auf weiteres auf ihren Plätzen zu verbleiben. Die revolutionäre Regierung enmnte ferner zwei Volkskommissare für die P o l r z e r, Volksgarde und Volkswehr. Diese trafen vormittags mit den Leitern der Polizeibehörde Belegungen zur Aufrechterbaltung der Ruhe und Ordnung. Aufruf an die Proletarier der ganzen Welt. Ein Telegramm „An Alle \u , Budapest, 22. März. (Ung. Tel.-Korr.-Dur.) Der Rat der Volkskommissäre der ungarischen Räterepublik sandte heute mittags m französischer, englischer, deutscher, runiäuischer und ischechtscher Sprache folgendes Fmikentclegramm ab: An Alle! Wir melden den Arbrrtem der Welt, daß in Ungarn die sozialdemokratische Partei und die kommimiftische Partei sich zur sozialistischen Partei vereinigt und im Namen der gesamten Arbeiter, Soldaten und Bauern die Diktatur des Proletariats geschaffen haben, welche, ohne erncn einzigen Tropfen Blutes zu vergießen, die Sraatsgewalk übernommen hat. Die Staatsgewalt wird provisorisch von dem R a t e d e r Volkskommissare ausgeübt, bis der Kongreß der Bauern-, Aibeiter- und Soldatenräte endgüllig die Verfassung der ungarischen Räterepublik feststellt. Die gesamten ungar.schen Proletarier scharen sich in eirtbeitlichem Entschluß um die Diktatur des Proletariats unter der Fahne der sozialistischen WeltrevoliMon und wollen den Kampf gegen den Imperialismus gemeinsam mrtder russischen Sowretrepublik undmit allen jenen Proletariern der Welt auskämpfcn, welche erkannt haben, daß zur Besiegung der Kraft dcS internationalen Milrlarlsinus und zur BefestigiNig des Sozialismus kein anderer Weg führt als dre gemeinsame revolutionäre Aktion der Soldaten, Bauern und Arbeiter. Die ungarische Proletarier-Revolution wurde durch zwei Kräfte geschaffen. Die eine ist der Entschluß der Arbeiter, Bauern und Soldaten, nicht weiter das Joch des Kapitalszutragen, die andere ist der I m p e r i alismusderEntente, welcher durch Verstümmelung des Territoriums Ungarns es seiner Lebensmittel, seines industriellen Rohmaterials und sämck'cher Vorbedingungen /einer Existenz berauben wollte und will. Auk das Ultimatum der Entente, welches fugunstm der rumänischen Oligarchie die sofortige und endgültige lebergabe Ungarns forderte» antwortete das ungarische Volk mit der Schaffung der Proletaricrdiktatur. Die tschechischen, slowakischen und rumänischen Dourgeois- Eroberer wollen mit bewaffneter Macht die ungarische Arbciterrevolution nlederwerfen. Wir wenden uns an die tschechischen, slowakischen und rumänischen Soldaten rBerweigert den Gehorsam, empöret euch und «sendet eure Waffen gegen eure e i g e n e n U n 1 e r d r ü ck e r und seid nicht die Henker eurer ungarischen Arbeiter» und Soldatcnbrüder. An die tschechischen und rumänischen A'.better und Bauern wenden wir uns mit der Aufforderung: Schüttelt das Joch eurer Unterdrücker ab, welche, um ihre Taschen zu füllen, euch gegen eure Brüder in den Krieg gehetzt haben. Wir wenden mls an die Proletarier der ganzen Welt, an die englischen, französischen, italienischen und benschen Arbeiter! Wir fordern, daß ihr mtt allen euren Kräften euch gegen die Kapitalisten wendet, welche mit dem Strick der Hungersnot die ungansche Proletarierrrvolution erdrosseln wollen. Wir stellen die ungarische Proletarierrevolutio« unter den Schutzdes internationalenSozialismus. Wir stnd aber entschlossen, sie mit unserem letzten Tropfen Blutes gegen jeden Angriff zu verteidigen. Und indem wir so entschlosien sind, die ungarische Räterepublik gegen jedermann m verteidigen, ist es leichzeitig unser Entschluß und Will^ so bald als möglich einen olchen Frieden zu schließen, welcher die Lebensbedmgungen der ungarischen arbeitenden Klassen sichert und das friedliche Zusammenleben mit sämtlichen Völker der Welt, in erster Linie mit unseren Nachbarn, ermöglicht. Proletarier der Welt, vereinigt euch! Im Namen des Rates der Bolkskoimnissäre der ungarischen Räterepublik: * Bela K u n, Volkskommissar des Auswärtigen. Freier Durchzug der Bolschewikenarmee durch die Ukraine. Budapest» 32. Marz. (Tel. der »Wr. Mo^genttg.^ Die russische Sowietregicmug hat mit der U k r a i n e ein Abkommen getroffen» demzufolge die Bolschewikenarmee freienDurchz u g durch die Ukraine erhält. Es besteht alko die Möglichkeit, daß die bolschewikische Armee von der nkramrschen Grenze her in Ungarn einrücken kann. Lengyel Diktator der Bank. Bnvapest, 22. März. (Ung. Tcl.-Korr.-Bnr.) Die revolutionäre Regierung betraute Julius L e n g y e l mit der Leitung der Oesterreichisch-ungarischen Bank in Budapest. Die Bankbeamten übernehmen die Banken. Budapest, 22. Marz. Die Blätter melden: Sämtliche Geldinstitute in Budapest wurden heute durch Mckitärabteilungen besetzt. Den Direknonen wurden nleichlautende Zuschriften des Bolkskommissärs für Finanzwesen B a r g a übcrbracht, in denen die Vertrauensmänner der Bankbeamten namhaft gemacht waren, die zur Führung der Geschäfte und rm Notfall auch zur Inanspruchnahme der Brachialgewalt berechtigt sind. Bei den großen Instituten wurden je drei, bei den übrigen je zwei Beamten diese Befugnisse übertragen. Unter den Bevollmächtigten bründen sich auch Beamtinnen. In mehreren Instituten wurden einzelne Direktoren von den. Bevollmächtigten ersucht, an der Weiterführung der Geschäfte mitzuwirken. Geldentuahmen wurden heute nur für die Auszahlung von Lohnlisten gestattet. Außerdem wurden kleine Beträge für den momemanen LebenZuvterhaU ausgezahlt. Juden u. Jüdinnen des VI„ VH, u VIII Bezirkes 1 Donnerstag, den 27. März 1919, präzise 6 Uhr abends, findet im VERBAND S HEIM (Grosser Saal), VI., Königseggasse 10, eine E Massen-® Versammlung | mit folgender TAGESORDNUNG statt: Die Joden und die kommenden Landtags¬ und GemeinderaMlen. Referent: Abg. Ing. Robert Strieker. Der Jüdische Frcuenktmd. Referentin: Frau Dr. Friedl*Ornstein. Aktuelle jüdische VoMgen. Referent:. Adolf Stand« Jüdische Männer u. Frauen! Erscheinet in Massen! 1017 Jüdischer Nationalverein. Französische Truppen entwaffnet. Die ungarische Sowietregierung an Lenin. Budapest, 22. März. (Funkspruch.) Die ungarische Sowjetregierung sandte an Lenin als Führer des internationalen Proletariats einen Funkspruch, worin es heißt: Wir erklären unseren Anschluß an den dritten internationalen Kongreß. Wir halten die Macht fest und, unentwegt in un'eren Händen. Der binnen kürzester Zeit zusammentretende erste Kongreß der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte wird diese Macht noch fester begrünten. Vorläufig gelang es, die Staatsmacht ohne Blutvergießen zu erlangen, doch bedroht uns schon jetzt der Imperialismus der Entente. Der revolutionäre Regierungsrat Ungarns gibt1 sämtliche Betriebe und allen Boden in die Hand des Proletarierstaates. Morgen, Sonn--' tag, findet eine große Volksversammlung statt. In der Hauptstadt und im Lande herrscht Ordnung. Kleinere, Ruhestörungen werden vom bewaffneten Proletariat! sofort unterdrückt. In der kürzesten Zeit tritt der Kon-, groß ber ungarischen Arbeiter zusammen. Wir bitten,, uns womöglich um 9 Uhr morgens zu rufen, damit' Genosse Bela Kuhn persönlich beim Apparat sein kann. Die Ententemissionen verließen Budapest. Französische Truppen, filtriert vom Bolschewismus, sind durch uns entwaffnet worden. In einigen französischen Regimentern gab es Offizier smeutcreien. , Die ungarischen Bevollmächtigten in Wien. Budapest, 22. März. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Der volutionäre regierende Rat hat den G e s a n d t e n in Wien Oskar Charmant zurückberufen mid an deffen Stelle Alexius Polgar zum politischen und A n d 0 rl P e n y ö zum wirtschaftlichen Bevollmächtigten ernannt. - >! Eine heutige Versammlung der Sozialisten.! Bn^st, 82. März. „Vörös Ujsag", das bisher das ä>rgan der Kommunistenpartei war, veröffentlicht folgenden Aufruf: Sonntag nachmittags 3 Uhr^ findet auf dem Parlamentsplatz eine große öffentliche! Versammlung der ungarländischen sozialistischen Partei statt. Wir haben eine revolutionäre Proletarierregierung! Es herrsche also revolutionäre Proletarierordnung! Die Enteignung ist Aufgabe der! Proletarierregierung: eine individuelle Enteignung gibt es in einem Proletarierstaat nicht! Die italienischen Sozialisten gegen Annexionen. Vorbereitung des Generalstreiks. Berlin» 22. März. Das ^Hamburger Fremdenblatt" cu* fahrt von der italiemschen Grenze: Die italienisch^ sozial: st ische Partei nahm - im weiteren Verlaufs ihrer Beratanaen eine Tagesordnung an, die sich gegen di' Beschlüsse der Pariser Konferenz richtet. JedeArt vonAnnexionen, die nicht unter der Zastimmung der in Frage kommenden Bevölkerung vorgenommev werden, sollen verworfen werden, auch solche von Jtalltn gtforderte Annexionen. Die Summung für den Generalstreik ist stark im Wachsen begnffen. Man will jedoch . mit der . Uusfühnmg warten, bis alle günstigen Vorbedingunaen für einen guten Ausgang gegeben 'sind, und - man hofft, batJ, dies sehr bald der Fall sem wird. Die.Aufforderung, für den Generalstreik alle nötigen Vorbereitungen zu. treffen, ist bereits ergangen. Du Partei hat sich habet auo). beif Eisenbahner versichert. '