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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-23 · Heft 64 (23.3.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 64 (23.3.1919)
Date
1919-03-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wien. Sonntag Wiener Morgenzeitung 83 Marz 1919 Nr. 64 , Seite 2 »»-- ■ ■■ Der Weltkrieg rmd die SoziaLdeMskratie. Don Dr. Paul Weisengrün. Der Weltaufstieg der Sozialdemokratie ist beinahe vollzogen! Fast überall in den besiegten Ländern ist sie zur Macht gelangt, und in den siegreichen Staaten -- so scheint eI — steht die Uebernahme der Gewalt durch sie unmittelbar bevor. Sie hat es verstanden, die unzufriedenen Massen zusammenzuballen, es ist ihr gelungen, neben den ungeheuren Scharen des Proletariats den größten Teil des Kleinbürgertums sowie eine beträchtliche Anzahl von Klein- und Mittelbauern für ihre Ideale und Interessen in Bewegung zu setzen. Ja, nicht nur ein großer Teil der geistigen Arbeiter, sondern auch gewisse Elemente der ausgesprochenen Kapitalistenklassa haben sich den Reihen der internationalen völkerbefreienden Soziald::::c7ratie angeschlossen. Aber trügt der Schein auch nich 7 Entspricht dieser äußeren Machtfülle auch die innere organische Gewalt? Ist in Wirklichkeit auch die Sozialdemokratie innerlich bereit, die große Erbschaft anzutreteü? Ich glaube keineswegs, daß e3 viele objektive Beobachter geben wird, die nach kurzer Analyse diese Fragen bejahen würden. Horchen wir auf die Symptome aus dem sozialdemokratischen Lager selbst, hören wir auf die Selbstbekenntnisse der führenden Kreise! Man braucht kein besonders feines Ohr zu haben, und man wird in kürzester Zeit die wahre Stimmung deutlich heraushören. Mit Ausnahme der Spartarusleute und eines kleinen Teiles der MindrrhÄtssozialisten ist nirgends eine Spur von wahrer Begeisterung wahrnehmbar, nirgends ist ein Hauch zu spüren von jener ungeheuren freudigen Erregung, die sonst einen solchen Weltausstieg zu begleiten Pflegt. Ja, noch mehr als dies, wenn man von aller StimmungZan.alyse absieht, die innere Zaghaftigkeit, bic Beklommenheit vor der Besitzergreifung, der Zweifel, die großen Real^ierungsmöglichkeilen auch hrrbeizusühren. die Furcht, trotz der glänzenden Konjunktur das Proletariat allgemein zu enttäuschen, verdichtensich zu einem einzigen Sltuakionsbericht von fast dokumentarischer Sicherheit. Die Mehrheitssozialisten, orthodoxe Marxisten sowie .^a/bmarristen geben die Schwierigkeiten der Realisation, ja auch nur der halben Verwirklichung der sozialistischen Grundgedanken trotz der eingestanden überaus günstigen Weltlage offen zu. Radikale französische und englische Sozialisten sind sehr skeptisch. Eduard Bernstein, sicherlich ein scharfer G-egner von Ebert und Scheibemann, geht in bezug auf die Frage der Sozialisierung nicht einmal so weit als früher manche heftige Gegner des Marxismus. Er beginnt seine Ausführungen mit den Worten Bebels: „Wo kein Profit, raucht auch kein Schornstein", er sucht dann auseinandsrzusetzen, daß eine starke Rentabilität die notwendige Voraussetzung sogar für die mäßige Sozialisierung ist. Dir radikale Sozialisierung wird als unmöglich nicht nur von einer ganzen Anzahl orthodoxer russischer Marxisten, sondern auch von Karl K a u t s k y selbst bezeichnet. Was soll man in diesem Zusammenhang erst von den Mehrheitssozialisten sagen? Der sicherlich ebenso theoretisch begabte als praktisch geschickte deutschMerreichische Staatskanzler Dr. Renner hat vor dem Weltkrieg gesagt, der Marxismus bedürfe keiner Revision. Er versucht ihn jetzt gründlich zu revidieren. Theoretisch ist er der Ansicht, daß die ganze Wirtschaftslehre von Marx einer großen Ergänzung, einer inneren organischen Korrektur durch eine neue Staatsauffassung bedürfe, praktisch ergänzt er die Klassenkampfdurch eine neue Übermarxistische Lehre von den zwei herrschenden Klassen Deuts.'Österreichs. Arbeiter plus Bauern als Inbegriff der Herrschaft der Produktivität bedeutet vielleicht schon eine Durchlöcherung der ganzen Klassenkampflehre. Ja, ist das städtische Kleinbürgertum nicht auch in gewissem Sinn eine produktive Klasse? Es muß in diesem Zusammenhang auch betont werden, daß der Bestand eines Kleinbauerntums auch von Seite der meisten Minderheits- Sozialdemokraten durchaus gefordert wird. Zieht man aus all dem die Bilanz, so kommt man zu dem Resultat, daß die Zahl der sozialdemokratischen Führer, denen vor der Realisation ihrer Weltpläne nicht angst und bang wäre, sehr dünn ist. Dabei muß man sich vergegenwärtigen, daß E ng e l s und Bebel den großen Zusammenbruch schon vor Dezennien prophezeiten und schon vor mindestens 10 Jahren mit großer Zuversicht bereit waren, die Herrschaft anzutreten. Die große Zeit ist gekommen, die Zuversicht ist verschwunden. Warum dachte man früher über die Realis'wrungsmöglichkeiten ganz anders? Wahrlich, vor Tische las man's anders! Hierzu kommt noch ein Überaus wichtiger Umstand. Die Engländer, deren soziale und wirtschaftliche moderne Methoden sicherlich auch einen großen Anteil an ihrem Sieg haben, sagen bekanntlich ,uvir brauchen nicht Maßregeln, sondern Männer. Wenn dies auch in erster Linie vom eigentlichen engeren Verwaltungsbezirk gilt, Liese Maxime ist auf alle Gebiete der Politik anwendbar. Es kommt auf die Mensen an! Man muß es leider sagen, die sozialdemokratischen Menschen haben bis auf Lenin und Konsorten, bis auf einen Teil der Italiener so ziemlich überall versagt. Gibt es einen objektiven Beobachter, der sich durch die psychologischen Eigenschaften und durch die Talente der neuesten sozialdemokratischen Führer besonders angezogen fühlt? Unsere Zeitperiobe stellt die Menschen vor so schwierige Probleme, daß kaum die Napoleons und Cäsars genügen würden, statt dessen müssen Durchschnittsmenschen diese riesigen Aufgaben erfüllen. Aber neben diesen Fragen von ungeheurer Tragweite wie die Sozialisierung usw. gibt cs gewisse diplomatische Probleme zu lösen, die eigentlich nur besondere Geschicklichkeit, aber keine hervorragenden großzügigen stratsmännischen Leistungen erfordern, zum Beispiel unsere Anschlußfrage. Kann jemand im Ernst behaupten,, daß hier die leitenden und Dis bslschsWUrschs Offensive. 16 Divisionen an der fiedenbürgischen Grenze. Paris. 22. Marz. fFunksvr.des Tel.-Kcirr.-Bur.) Der Korrespondent des .Paristen" in BukareH meldet, daß der Angriff siks) errLwiekle und auch Besfarabierr bedrohe. Gas rumänische Kommando isi ftarZ bsnnruhrat. Russische und rm^arifchr; Elemente seren auch an der siebenbürgischen Grenze versammelt und zsihlen an zehn effektive Divisionen. Verhaftung von Bauk- LirekLorerr in Budapest. Budapest, 32. März. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Hont« vormittags bat die Stadtksmmandantue die Diseklorsu bei* Landc§lnh.tst?!ebcm? Max Z i s n e r, Srbislav I e v r i e s und Karl K a f to e e in «' enommen, welche den Direktor Alexander Genes beauftragt hstten, Gold-Geld mrd DsKarbanSnoten im W rrte von einer Million Kronen aus der Ban? in in feine Privatws^rmng bringen zu lassen. Direktor D^nes erfiillte diesen Auftrag, ntu^'c jedoch dem leitenden Vertrauensmann der Beamter; der Ban? hiervon Mitteilung. Dieser erstattete die Anzeige, worauf die drei schuldigen Direktoren in Gewahrsam asnommen wurden. Das in dev Wohnung des Direktors Denes befindliche Gold wurde beschlagnahmt Me Landesind'^strisbanS ist eine Gründung der ZivnostensZa Banka. Die fMfetffdjat Sozialisten für den Kommunismus. Berlin» 22. Marz. Ms »B. 3* am Mittag" meldet ans Ln^anor D?r Beschluß der sozialistischen Partei Italiens, eine neue re v oln11© n 8re Intern ationale auf der Grundlage derAnscharru n g e n d e r r rr s s i f ch e n Kommunisten zu gründen, der mit sieben ge^en drei Stimmen aefastt wurde,dürfte bald seine zerfetzende Wirkung auf die wirtschaftliche Lage Italiens auönben. Schon fetzt zeigen sich in den arrs'rebrei'ersten Znduftrie- und landwirtschaftlichen Aauptstütten be^enk- Anzeichen der tiefgreifenden G a b r u n a, die das italienische Proletariat erfaßt hat. Die schon jetzt herrschendeArbeitslosigkeit, das Verbot der Auswanderung und die die Arbeitslosigkeit immer mehr vermehrende Demobilisierung des Heeres sind ernste Symptome, vre die Gefahr einer Umwälzung fördern. Sinwanderuugssperre in Amerika. Bern, 22. März. (Tel. der „Wr. Morgenztg.*) Nach hiev erngelangtsn Meldungen sperrt Amerika o ff izLell die allgemeine Einwander ung bis zur vSlligen Demobilisierung. Blutige Unruhen in Aegypten. K a i r o, 22. März. (Funkspruch.) Gestern wurde bei einem Zusammenstoß zwischen s!nem Panzerautomobil und Bewohnern 13 Personen getStet und 27 verwundet. Am 14. März wurde in Alexandrien die Menge durch Militär auseinandergetrieben. Wie ge.rrsldet w.rd, haben auch in der Provinz Kundgebungen stattgesunden. Teilweise verliefen die Kundgebungen friedlich, teilweise mußte Militär Einschreiten. verantwortlichen Männer eine besondere Geschicklichkeit bewiesen haben?- Doch sprechen wir nicht allein von Talent und Gewandtheit ober gar vom Versagen der staatsmännischen Phantasie. Hat die Masse der Sozialdemokraten in dieser schweren Zeit besonderen Charakter, außerordentliche Echtheit und Reinheit der Gesinnung bewiesen? In einem glänzenden Aufsatz im „Kampf" (Februar 1919) schildert Dr. Max Adler, wie die Sozialdemokratie im Weltkrieg ihren wahren Charakter verleugnet«. Cr zeigt, wie der Sozialismus zum Sozialpatriotismus und zum SozialimperialiSnmS wurde. „Seit dem Ausbruch des Krieges", ruft er aus, „macht der Sozialismus eine furchtbare Krise durch; denn nun zeigt sich mit einem Male, daß sein mächtiger Körper, der vor Kraft und Lebensfülle zu strotzen schien, und vor dessen Regungen dir kapitalistische Welt bangte, keinen ebensolchen Geist beherbergte, so daß er krank und kraftlos war." Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und' Fritz Adler sind fast die einzigen, die wirklich die Fahne der Sozialdemokratie hochgehalten haben. Fürwahr, die Bilanz ist für die Sozialdemokratie nicht sehr erfreulich! ES muß in diesem Zusammenhang betont werden, daß dem objektiven Beobachter ein kleiner Teil der SpartaknSleute nn'» der Anarchisten, »nb sogar der größte Teil der Unabhängigen intellektuell und moralisch viel sympathischer er-, scheinen muß wie die Mehrheitssozialisten, obzwar man mit ihnen in vielen praktischen Dctailfragen besser zusammen-, arbeiten kann. Aber alle menschliche Sympathie darf uns nicht hindern, zu behaupten: Daß sowohl die Methoden der Scheidemann- und Renner-Leute, als die der Kautsky- und Adler-Männer die Realisation des Sozialismus trotz der Anhäufung äußerer Erfolge ernstlich in Fraget stellen. Ist daS alles nur Zufall? Warum laS matt'S vor Tische anders, warum häufen sich die Schwierigkeiten trotze aller glänzenden Vorbedingungen, trotz des ungeheuren Willens der Massen zur radikalen Sozialisierung, trotz der gewaltigen wirtschaftlichen Rot fast Aller? Warum zeigen sich nicht nur rrn Verlauf des Weltkrieges, sondern auch jetzt die nationalen Eigentümlichkeiten der Völker mit solcher Kraft, mit solcher.'' elementarer Stärke? Ist es vielleicht garnicht wahr, daß' die Klasse stärker ist als die Nation? Ist eS vielleicht gar< nicht wahr, daß Marx alles richtig gesehen und erkannt hat? Vielleicht stimmt die ganze Klasscnkampftheorie nicht? Vielleicht ist die Behauptung gaknicht wahr, daß, wem^ daS Proletariat zur wirklichen Herrschaft kommt, daS $ed-; der Welt beginnt? Wenn die einfichtigert Elemente der - Arbeiterklasse sich wirklich mit diesen Fragen innerlich zttf beschäftigen beginnen werden, dann wird es bald in den^ Köpfen und Gemütern tagen, daß die Proletarierinteresssy >, nicht die Menschheit bedeuten, daß eS noch andere Dingaf,' in dc We!' gibt als die ökonomischen Zusammenhänge, und. daß nicht alles auf den Klasseizkampf zurückzuführen ist. -Oie oirsichtigen Arbeiter werden dann alsbald erkennen, daß. der Befreiungskampf des Proletariats zwar eine Kultar- 'ow,rt!gkcii. nicht aber der gesamte Kulturi »halt? ist. Von dieser Erkenn f,ti3?itr gewalti g en, Zukunftsaufgabe des Proletariats, die da> lautet:. Befreiung vom marxistischen Dogma,' und die Einsicht, daß die soziale Frage keinörein wirtschaftliche ist, ist nur ein einziger^ Schr i tt. In einem Aufsatz, betitelt „Das Glück der Sozialdemokratie" habe ich schon im Jahre 1910 darauf hingewiesen, daß. da die Wirklichkeit den Marxisten nicht den Gefallen tun will, sich nach den Rezepten der materialistischen Geschichtsauffassung zu richten, zum Glück der Soizaldemokratie jene große soziale Einsichtslosigkeit der Bourgeoisie besteht. Diese Einsichtslosigkeit ist wahrlich im Weltkrieg noch ungeheuer gewachsen. Alle Fehler des Bürgertums in sozialer, politischer und kultureller Beziehung hier aufzuführen, ist wahrlich nicht ' möglich. Die Liste wäre zu lang. Der ganze Weltkrieg war eine ungeheure Dummheit der Bourgeoisie. Mit Recht hat die Sozialdemokratie auL dieser Situation reichlichen, Profit gezogen. Aber alle Fehler des Gegners helfen nur zu gelegentlichen Siegen, wenn man nicht über geyügcnd großzügige Pläne und neuerliche schöpferische Kraft verfügt. Möge die Arbeiterklasse stets dessen eingedenk sein, daß man auf die Dauer von der Dummheit der Bourgeoisie ebensowenig leben kann, als von der Macht der Baj onette. Politische^undschau. Den Bogen nicht überspannen!" Das „An alle!" erlassene Manifest der uirgarländisch n Sozialistenpartei und des revolutionären Regierungsrates sollte in Paris nicht so leicht genommen werden. Der russische Bolschewismus greift weiter und der entfesselte Brand erhält durch das imperialistische Gehaben der Pariser Beratungen neue Nahrung. War schon die Verhandlung über die Schicksale Deutschlands, Deutschösterreichs und Ungarns ohne Zuziehung der Vertreter dieser Länder ein Attentat auf den >''^ltfriedensgedanken, so müssen die Nachrichten, die über den Verlauf dieser Friedensverhandlungen durchsickern, immer mehr den Eindruck verstärken, daß in Paris' die vom Siege berauschten Imperialisten die Oberhand gewonnen haben, den Besiegten den Fuß auf den Nacken setzen und sie vollkommen lähmen wollen. Die Fml^ sprüche, die von Wilson ausgehen, zeigen deutlich, welchen schweren Kampf er für sein Programm der 14 Punkte auszu'echten hat und wiederholt klangen diese Wilfon-Kundgebungen wie Hilferufe „an alle" gegen den Pariser Rat der Zehn. Werden die Männer dev. Pariser Friedenskonferenz die Vorgänge in Ungarn unterschätzen? Werden sie rechtzeitig einleuken und zu Wilsons Grundsätzen zurücklehren, von denen sie ousgegai.ger. sind? Im Manifest de§ ungarischen revolutionären ' - nn-^rites heißt es unter anderem: „Er fordert'', die Arbeiter Deutschösterreichs und des Deu scheu Reiches, aus. de-- Beisviele der ungarländischen ArbeiterschLsi zu folgen, mit Paris endgültig zu brechen und sich mit. MtS kau zu verbinden, die Räterepublik zu konstitrsierep und mit den Waffen,in der Hand den imperialistischer Eroberern Trotz zu bieten." Wenn die Hungerblockade aufrecht bleibt und it< Paris der Geist der ententistischen Siegsriedler weiter, herrscht» wird der Kommunismus von Ost nach Wes' ganz Europa durchziehen und ergreifen und die Be. satznngstruppen der Sieger werden feint Ausbreitung nur befördern, statt sie wü die Herren in Paris und London Wuhnen -- zu der. hindern.

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