Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 64 (23.3.1919)
- Date
- 1919-03-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Arbeiterparteien haben ihre Vereinigung vollzogen und eine Räterepublik konstituiert, die zunächst den Großgrundbesitz, die Bergwerke, die Großbetriebe, die Banken und die Verkehrsuntemehmungen sozialisiert und die Durchführung der Bodenreform auf dem Wege der sozialistischen Produktionsgenossenschaften ankündigt. Zugleich wird ein Wa'fenbündnis mit der russischen Sowietrepublik abgeschlossen. Damit ist nach Rußland nunmehr auch Ungarn unter die Macht des kommunistischen Proletariats gelangt, obzwar dieses gerade so wie in Rußland nur einen sehr geringen Teil der ungarischen Arbeüerschast umfaßt. Präsident Michael Karolyi tritt vom Schauplatz ab und verschwindet damit wohl auch aus der politischen Oeffentlichkeit. Es ist im Augenblick nicht die Zeit, näher auf die merkwürdige Rolle einzugehen, die dieser Magnat in der Geschichte des Weltkrieges gespielt hat. Einer kommenden Zeit wird es Vorbehalten sein, über diese wenig rühmliche Periode in seinem Leben Aufklärung zu schaffen. Die unmittelbaren Gründe des Bankerotts der bürgerlichen Revolution in Ungam liegen bei der Entente. Die siegreichen Generale haben die Waffenstillstandsgrenzen, innerhalb deren die magyarische Nation seit der Okkupation durch die Tschechen, Serben und Rumänen leben mußte, als die politischen erklärt und damit der Entscheidung der Friedenskonferenz vorgegriffen. Diese Verletzung des Waffenstillstandsprotokolls hat der Herrschaft Karolyis ein rasches Ende bereitet und der kommunistischen Revolution, die durch einen allgemeinen Streik der Zeitungsseher das politische Leben der Hauptstadt in den letzten zibei Tagen zum Stillstand gebracht hatte, die letzten Widerstände aus dem Wege geräumt. Es wird sich zu erweisen haben, ob dieser Schritt der Generale mit Billigung der Pariser Friedenskonferenz erfolgt ist. War dies der Fall, daun legt die Entente die Axt an ihr eigenes Haus. Denn die Arbeiterschaft Englands, die sich zum Generalstreik rüstet — der nur wegen neuer Verhandlungen für einige Tage verschoben worden sein soll — und die Arbeiterschaft Italiens, die vorgestern sich den Prinzipien des kommunistischen russischen Bolschewismus angeschlossen hat, wird die in Ungarn geschaffene Sachlage für ihre eigenen Zwecke ausbeuten und das Beispiel Budapests nachzuahmen versuchen. 'Was uns aber viel mehr bewegt, ist der Umstand, daß nunmehr der Bolschewismus wenige Stunden von Wien sein Lager aufgeschlagen hat, daß aller menschlichen Voraussicht nach der furchtbare Kampf der Spartakisten gegen die Mehrheilssozialisten in Deutschland sich nunmehr mit neuer Wucht wiederholen wird und daß auch für Deutschöfterreich jetzt die Stunde schlägt. Die Tage, in denen ein österreichischer Minister sagen konnte, daß die soziale Frage bei Bodenbach aufhöre, sind längst vorbei. Sie waren nicht schön; aber die Tage, die mm kommen werden, werden zu denen gehören, von denen das Bürgertum sagen wird, sie gefallen ihm nicht. Auch die Sozialdemokratie, die zögernd und ungern an die Realisierung ihres großen Programms herantritt, wird sich damit abfinden müssen, daß auch ihre Zeit vorbei ist. Sie hat es bisher nicht verstanden, aus der ihr durch den Weltkrieg und feine unvorhergesehene Entwicklung zugefallenen Macht die letzten Konsequenzen zu ziehen, sie hat ein schwächliches Kompromiß mit Bürgern und Bauern abgeschlossen, das sich auf die Dauer nicht aufrechterhalten ließ. Aus dem Bündnis sind in Deutschösterreich die Bürger ausgeschieden. Die Sozialdemokratie hat keine aufbauende Fähigkeit gezeigt. Aber auch der bolschewikische Kommunismus hat, wie das Beispiel Rußlands lehrt, nichts Neues ge- K. Er hat die Macht dem Zarismus entwunden, irgertum aus dem Wege geräumt, er hat die Formen der staatlichen Gesellschaft zertrümmert, er hält sich mit Maschinengewehren und Bajonetten an der Macht; aber er hat nur die Methoden des alten Regime? übernommen, ohne auf dem Trümmerbauken Ungarns Bündnis Mit der russischen Sowjelregierung. Budapest, 22. März. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Der neue Regierungskormnissär für Volksernährung, Erdelhi, hat heute sein Amt angetreten und die Beamten des Volksernährnngsamtes mit einer Ansprache begrüßt, in der er unter anderem sagte, daß das Vorgehen der Entente An garn gezwungen habe, sich mit der russischen Sowjetrepublik zu verbinden.. Wir haben, sagte der Minister, uns unter den Schutz der SowjettrupPen gestelltund ihnon diesen Entschluß durch Flieger zur Kenntnis gebracht. Schließlich erklärte der Regierrrngs» kommissar, jeder Beamte möge aus seinem Platze verbleiben und Weiterarbeiten. Wer dies aber mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kbnne, woge in Frieden gehen. Wegen seiner Aeberzeugung werde niemand verfolgt werden. Der ukrainische Ring um Lemberg durchbrochen. Einzug polnischer Hilfstrnppen in die Stadt. W a r schau, 22. März. (Funkspruch.) Sonder ansgaben der Blatter enthalten dis folgende Mitteilung des Gsneralstabs r Gestern abends traf die Ftsudenbotschast ein, daß der Kordon der ukrainischen Truppen, die Lemberg belagern, durchbrochen ist. Polnische Truppen gelangten im Westen in gesicherte Fühlung mit den Verteidigern Lembergs und Grodeks sowie anderen polnischen Abteilungen Ostgaliziens. Eine spätere Depesche meldet den Einzug der Hilfstruppeu unter dem Befehl des Generals Fwaszkiewiez in die Stadt. Dies ist das Ergebnis fünftägiger erbitterter Kämpfe. Italien und die FribdensksKferenZ. P ci ri s, 22. März. (Reüter.) Die italieMsche AbVvdnung hat heute einstimmig beschlossen, von der F r i e d e n s k o n f e r e n z z n r L ck z u t r e t e n, falls Finwe nicht gleichzeitig mit dem Friedensschluß Italien zugewiesen würde. Die Entscheidung der Palästinaftage vertagt. Bis zum Bericht einer interalliierten Kommission. Paris, 22. März. (Havas.) Der „Temps" meldet, daß nach Anhbrung des Generals Allenbh beschlossen wurde, aus den amerikanischen Vorschlag bezüglich der Ernennung, einer interalliierten Kommissiozr, die die Probleme in Syrien nnd Palästina wie auch im ganzen türkischen Asien an Ort und Stelle studieren soll, zurück zrrkommen. Infolge dieser Entscheidung kann die Erteilung der Mandate für die Gebiete des türkischen Asiens nicht vor der Rückkehr dieser Kommission, das heißt nicht vor einigen Monaten, erfolgen. den Rußland heute darstellt, eine neue Ordnung zu schaffen. Nichts Gutes und nicht Neues, nichts, was einer Höherentwicklung der Menschheit dienen könnte, ist ans dem Kommunismus Lenins und Trotzkis, der' als Vorbild für die magyarischen Revolutionäre und für die italienischen Sozialisten gewählt wurde, bisher erkennbar gewesen. Die schöpferische Kraft, die die Lehren des Weltkrieges zur Sicherung einer neuen, festen Grundlage des Völkerlebens auswertet, kann eigentlich, wie wir meinen, nür aus dem Bürgertum kommen. Das Bürgertum muß sich dazu entschließen, nicht nur die politische, sondern und in noch viel höherem Grade die soziale Abänderung in der Struktur der staatlichen Gemeinschaft anzuerkennen und für sich die notwendigen Folgerungen daraus zu ziehen. Und die erste Folgerung, zu der sich das Bürgertum bekennen muß, ist.die, daß die Funktion des Kapitalismus, der eine notwendige Entwicklungsphase der Wirtschaft war, beendet ist. Die Völker treten nunmehr in die nächste Phase, die der Sozialisierung ein. Je rascher sich das Bürgertum dazu entschließt, die Revolution, ihre Voraussetzungen und ihre Forderungen als eine Sache der Allgemeinheit, nicht aber als Parteiangelegenheit der Sozialdemokraten oder der Kommunisten aufzufaffen, desto schmerzloser wird für den einzelnen der Prozeß Vorbeigehen, dessen Schauplatz heute noch Ungarn und Deutschland ist, morgen die ganze Welt sein kann. Das Bürgertum hat. ebenso wie die offizielle Sozialdemokratie im Kriege vollkommen versagt. Was aber nicht versagt hat, war bisher wenigstens die Jnternationalität des Kapitalismus, und es gibt heute Symptome genug für den Schluß, daß auch der Kapitalismus der zusammengebrochenen Zentralstaaterr seine Rettung von dem Kapitalismus der siegreichen Feinde erwartet. Genau so wie man in den letzten Tagen der sterbenden Monarchie in gewissen bürgerlichen Kreisen auf den Einmarsch der Ententetruppen zum Zwecke der Rettung des Kaisers gehofft hatte, so blickt heute ein großer Teil des Bürgertums in ängstlicher Erwartung nach Paris, wo die Köpfe der kapitalistischen Welt in langsamer Arbeit sich damit' beschäftigen, eine neue Karte Europas zu zeichnen. Das Bürgertum muß erkennen, daß die Zeit der individualistischen Wirtschaft vorbei ist, und auch zu der alten nationalökonomischen Auffassung zurückkehren, daß die ganze Produktion nicht der Erzeugung von Profit, nicht der Erzielung des Mehrwertes, wie das Marx nennt, zu dienen hat, sondern der Allgemeinheit. Das große Umlernen hat begonnen. Unsere Gesellschaft macht heute» wenn auch in einem viel weiteren j Mäßstabe, eine ähnliche Zeit durch wie nach den Bauernkriegen oder nach oer großen Grundablösung im Jahre 1848. Angesichts der kommenden Ereignisse, die unser politisches und wirtschaftliches Leben von Grund auf mnwühlen werden, kann man nur die Hoffnung aussprechsn, daß die neue Ordnung wenigstens in ihren Umrissen bald sichtbar werden möge, und man kann weiter die Hoffnung aussprechen, daß nun vielleicht doch die Staatsmänner der Entente den Sinn der. heranbrausenden Revolution verstehen und alle Tendenzen eines Gewaltsriedens zmückweisen werden.