Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 63 (22.3.1919)
- Date
- 1919-03-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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9it 63 Wien, Samstag Mexandrette südlich bis nach Palästina erstreckt, alte und berechtigte Ansprüche 51t haben. Dem tritt jetzt Hedschas entgegen und will Syrien kraft der Nationalidee in den arabischen Bund hincinbringen; wie es scheint, möchte Faissal selber unter der Oberherrschaft seines Vaters König von Syrien werden. Nach allem. waS bisher ersichtlich ist, muß eS als fraglich gelten, ob die Franzosen wirklich die „Schutzherrschaft" über Syrien bekommen. Einen phönizischen Küstenstrich mit Beirut als Mittelpunkt »nd dem Libanon dahinter wird man ihnen nicht entziehen können, aber ob ihnen Aleppo, Homs und Damaskus als „Mandat" zufallen, das ist sicher zweifelhaft. . Das Gespenst der Jrredenta. Neberall taucht es warnend auf und dre Männer der Friedenskonferenz werden gut daran tun, es nicht zu übersehen. Nicht nur in Polen, das jetzt dm Ziigang zum Meere und zu diesem Behufs deutsches Land fordert, sondern auch im tschechoslowakischen Staat, in Jugoslawien, im neuen Ungarn, .in RustSntnt, m der Ukraine erhebt eS sich und wenn Italien seine ehrgeizige« Wünsche erfüllt sehen sollte, wird eS du Jrredenta in seinen Grenzen begrüßen müssen. Zu Beginn drS Weltkrieges herrschte die Wahnidee des „Nationalstaates*. ES galt als höchstes Ziel, daß jede Nation ihr eigmeS Territorium für sich allein habe. 6ui» regio, rlliu, natio. Bald aber gewann jene besiere Einsicht die Oberhand, die wohl jedem Volke sein Siedlungsgebiet zuspricht, aber dm Begriff des Staateüber den der Nation stellt. Der Staat als Hort seiner Bürger, ohne Unterschied der Nation. National itätenstaat, nicht Nationalstaat. Tatsächlich ist in Zrntral- Europa eine völlige Abgrenzung der Nationalitärm ganz vnmög° lich, die Errichttmg von Nationalstaaten eine Utopie. D,e Völker sind vielfach so ineinandergeschoben und zerstückt (man denke doch an die verflosime Monarchie!), daß diese „reinliche Scheidung* kein Meister Zustande bringt. Eben deshalb mußte doch die Idee des Nationalitätenstaates mit MinderhcttSrechtm für die fremdnationalen Staatsbürger durchdnnhm und eben deshalb beherrscht doch der Wunsch nack Errichtung deS Völkerbundes die besten Geister aller Völker, damit über die Staatsgrenzen hinaus das Recht jedes Volkes gewährleistet ist. Ist es aber auch nötig, die Jrredenta zu züchten? Kein Mmsch wird wünschm, daß eine Nation, wenn sie eS will und wmn die territoriale Möglichkeit gegeben ist, nicht in einem Staatswesen vereinigt wird. Dre Bruchteile von Bölkem. die aber trotzdem nicht mit ihrem Volke staatlich verewigt werden können — und es wird nicht wmige solcher Bruchteile geben, man studiere doch die Völkerkarte Mitteleuropas! müssen in ihrem Staate so weitgehende nationale Freiheit, so völlige bürgerliche Gleichberechtigung haben, daß irredmtlstische Bestrebungen garmcht aufkeimm können. Waxum gibt eS in der Schweiz keme Jrredmta, warum streben die schweizerischen Franzofm, Italiener» Deutsche nicht nach ihrem nationalen „Mutterland*, warum gibt es in dieser Musterrepublik keme „unerlösten Provinzen"? Die Uebergrisie, die in einzelnen nrugebomm Staaten gegen Andersnationale verbrochen wurden, haben ihr Gutes. D»e Welt wird auf diese große Ge ahr aufmerksam gemacht und erkennt rechtzeitig dir große, wellerlösende Bedeutung des Völkerbundes. Wenn in Paris die Einsicht Wilsons über, bm neun» Entmte-JmperiallsmuS siegt, w,cd das Gespenst der Jrredenta füc immer gebannt sein. _ Eine Wendung in der Politik der Ententemächte in der polnischen und ukrainischen , Frage? Der neue englische Außenminister Lord Curson erklärte im englischen Parlament über Polen: „Die englische Politik strebe ein einheitliches Polen ohne Beherrschung irgepd welcher Minoritäten an. Die Zukunft und das Gedeihen Polens hänge davon ab, daß Polen vernünftig und bescheiden bleibt und auf die Absorbierung fremder Nachbarvölker endgültig verzichte." ■ Der Pariser „Temps" vom 19. Mürz berichtet: „Clämenceau habe die Vertreter der Esten, Letten. Litauer und der Ukrainer empfangen und sie versichert, er werde die Unabhängigkeit dieser Völker vor. der Friedenskonferenz vertreten. Die Zulassung der Vertreter dieser Völker zur Konferenz wird erst nach Lösung der deutschen Frage erfolgen." Der Gesandte der westukrainischen Republik, Wa sfilko, teilt uns mit: Der amerikanische Gesandte in Bern hat dem von Lausanne nach Paris abreisenden Staatssekretär der westukrainischen Republik, Dr. Paneko, folgende amtliche Not« der amerikanischen Dele- , gation des Friedenskongresses, datiert vom 17. März rind adressiert an Staatssekretär Panejko, übergeben: „Präsident Wilson hat Ihr Telegramm ’ vom 13. März erhalten, welches,die Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen und die Mission des Generals Barthelemy behandelt. Ter Präsident hat diesem Telegramm seine ernsteste $, sinerksamkejt geschenkt. Der Präsident will, daß Sie versichert feien, daß er sich vollständig über Hie Lage Rechnung gibt wnd daß daher sofort eine besondere Interalliiertem» Nsion an Ort und Stelle abgesendet werde, um eine Untersuchung über die ganze Angelegenheit durchzuführen. Der Präsident rechnet bestimmt darauf, daß in Erwartung der Ankunft dieser Mission und im allgemeinen Interesse die Ukraine sofort mit der militärischen Aktivität halt machen wird. Der Präsident hofft, daß die Ukraine Vertrauen Huben wird in den guten Willen der Alliiertenregierungen. einen Zufriedenstellenden Ausgleich zwischen Polen und der Ukraina herbeizusühren und durch eine gerechte Lösung hie Konflikte zwischen diesen beiden Nationen zu beiebtaLl4 Wiener Movgenzertuug _22. März 1919_ »ggite 3 Die Diktatur des Proletariats in Ungarn. Z. Budapest, 81. März. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Unter großer Aufregung vollzieht sich in Ungarn e'ne gewaltige Umwälzung, die äußerlich bloß die Erscheinungen eines Parteien AuZstandes im Buchdrucker-gewerbe' zeigt, in Wirklichkeit aber eine in der Geschichte Ungarns beispiellose gewaltige Erschütterung darstellt. Zurückzusühren ist die Beneiung auf das der ungarischen Negierung sei ens der Entente gestellte Ultimatum, in welchem die Entente fordert, daß die Demarkationslinie in den von den Rumänen besetzten Genialen Westungarns etwa 200 Kilometer westlich verschoben werde; hiervon sollen!00 Kilometer durch rumänische, die restlichen 100 Kilo^e er. als neutrale Zone von englischen, amerikanischen und französischen Truppen besetzt werter. Im Ultimatum heißt es. daß diese neue Linie die in Paris Egesetzte politische Grenze, nicht die Demarkationslinie sei. Das Ultematum ist ein befristetes und läuft heute abends, 8 Uhr, ab und die Entente erklärt, falls Ungarn die'c neue politische Grenze nicht anerkennen sollte, wer^e sie sich ab 6 Uhr abends mtt Ungarn im Kriegszustände befindlich erklären. Das Kabinett Barinkay beschloß infolgedessen, die Verantwortung für die Wetterführung der Geschäfte nicht mehr auf sich nehmen zu können und gab seine Demission. Es gilt nun für die Nachfolgerschaft zu sorgen. Ern bürgerliches Kabinett ist unter den gegebenen Verhältnissen ausgeschlossen und die Sozialdemokraten wollen allein gleichfalls die Verantwortung bei dieser Situation nicht übernehme 1. Nur eine Neuorientierung. die eine lenutenoe Verschiebung nach links bringt, ist unter diesen Verhältnissen möglich. Aus diesem Grund« bestreben sich die Sozialdemokraten die Vereinigung mit der kommunistischen Partei zu vollziehen und ei» kommunistisch-sozkaldemokkatischeS Kabinett zu installieren. Dieses Kabinett, an dessen Spitze der linksstehende sozialdemokratische Minister Kunfi treten-, soll, wird auch den K 0 m m u n i st e n f ü h r e r n. die bisher verhaftet waren und jetzt auf freien Fuß gesetzt wurden, Ministerposten geben, zumal ein großer Teil der sozialdemokratischen Parteiangehörigen, darunter die Eisen- und Metallarbeiterverbände sich dem kommunistischen Flügel angcschlossen haben. Die Proklamation der Diktatur des Proletariats steht heute abends bevor. Um 6 Uhr ist der Ministerrat zusammengetreten, der zur Stunde noch andauert. Es heißt, daß, eine Proklamation erscheinen soll, die alle Ungarn unser die Waffen ruft, um den Tschechen, Jugoslawen und: Rumänen bewaffneten Widerstand zu leisten. Es' verlaum weiter, daß man die hier weilenden Ententekomnrissionsir' zu internieren beabsichtige. " Alles in allem ist die Situation höchst kritisch und ungewiß und man erwartet mit Spannung die Eteigni'se der nächsten Stunden. Um 6 Uhr abends beschloß das Kabinett, der Ententekommission seine De-> mi'sim mitzuteilen, da es das Ultimatum zurück-. weisen muß. Damit tritt in Ungarn eine ne'-e Evocha ein, denn Ungarn befindet sich nunmehr im Kriegszustände mil der Entente. Vor dem entscheidenden Ministerrate mn halb 4 Uhr erschienen drei führende Mitglieder der sozialdemokratischen Partei unter Führung des Ministers Kunfi im Sammelgefängnisse und verhandelten mit den dort kindlichen Kommnnistenführern Bela Kuhn und Bela Vago. Es wurde ein schriftlicher Pakt abgeschlossen, wornach der radikale Flügel der sozialdemokratischen Partei sich mit der Kommunistenpartei fusioniert und in Hinkunft den Namen sozialdemokratische Partei führen wird. Die solchermaßen neuorganisierte sozialdemokratische Partei wird morgen für ganz Ungarn die Diktatur des Proletariats verkünden. Abends halb 7 Uhr trat im Staatshause der Arbeiterrat zu einer Sitzung zusammen, um zur neuen Situation Stellung zu nehmen. Die Kommunisten Kuhn und Vago dürften im neuen Kabinett Minister-- stellen übernehmen. Die Diktatur des Proletariats wird für das ganze Gebiet Ungarns gelten, doch ist es sehr fraglich, ob man sofort mit der Verwirklichung des kommunistischen Programms beginnen wird. Die erste, wichtigste Parole der neuen Regierung lautet: Bewaffneter Widerstand gegen die Tschechen, Serben und Rumänen. Eine Mobilisierung ist bis zur Stunde noch nicht erfolgt, doch rechnet man mit einer solchen. General Allenhy über Palästina. Paris, 21. März. (Funkfpr. der Tel.- Komp.) General Allenby, der von der Konferenz zur Erteilung von Auskünften über die Lage im nahen Orient nach Paris berufen worden war, erklärte vor seiner Abreise gegenüber Pressevertretern. daß es ihm gelungen sei, dieRuhe in Palästina wiederherzustellen. Cr lob hervor, daß eS jetzt möglich fei, mit der Eisenbahn von Konstantinopel nach Kairo zn gelangen. Endgültiger Friede bis 1. Mai. Rotterdam. 21. März. (Tel.-Komp.) „Daily Chroniele" meldet, daß die Londoner Börse mit dem endgültigen Frieden für den 1. Mai rechnet. Zn der Börse .werden Abschlüsse getätigt, die auf den 1. Mai als den Tag des Friedensschlusses lauten. _ Die Ukraine in der Hand der Bolschewiken. Die Ententetruppen geschlagen. London, 21. März. (Fünkspr. der Tel.- Komp.) Reuter erfä rt, daß bis Donnerstag früh keine amtliche Nachricht über die Räumung von Odessa Vorgelegen habe. Französische Truppen baden Cherson und RikolajewSk tapfer verteidigt, mußten aber schließlich zurückweichen und wurden nach Odessa abtranSportiert. Die deutsche Garnison, die zurückblieb, hat keinen Widerstand geleistet. Sie lieferte ihre Waff y ab nn> verbrüderte sich mit den Bolschewiken, in deren Händen jetzt die ganze Akraine ist. Der Personenverkehr ans den russischen Eisenbahnen eingestellt. London, 21. März. (Tel.-Komp.) Die „Times" berichtet aus HMngforS» daß d'e Somietregierung den Eisenbahnpassagierverkehr in ganz Rußland vom 18. März dis 10. April eingestellt habe. Diese Maßnahme wird mit der Notwendigkeit des Transportes von Lebensmitteln begründet» da die Hungersnot täglich ernster rv.rde. Die Friedenskonferenz Beschlüsse über den Präliminarfrieden. Oesterreichs Schicksal. Frankfurt^!. März. Du „Frankfurter Zeitung" erfahrt ns G e n f, daß Präsident Wll'on am 18. d, M, nur Cttmcnceau^ loyd George und Orlando eine Konferenz hatte, in der nach offiziösen Mitteüungen der französischen Zeitungen grundsätzlich ein Einvernehmen über die wertere Gestaltung der Fried eusver- Handlungen mit Deutschland e r z i e l t w 0 r d e n i st. Es scheint darnach, daß aus die Erneuerung des Waffenstillstandes mtt Deutschland endgültig v e r z i ch t et wurde und daß die Grundlagen f ü r eiu. en, wirklichen Präliminarfrieden ausgearbeitet werden sollen. Dieser Pralimmarfriede solle mcht nur dre militärischen und maritimen Forderungen der Entente enthalten, sondern auch die Bestimmungen für die Abrenzung des Deutsche« Reiches und finanzielle Abmachungen, ebenso Bestimmungen für den Eintritt Deutschlands m den Völkerbund. Auf Verlangen Italiens sei auch anerkannt worden, Idaß die Jlalien interessierenden Gebletsfragen ebenfalls in den Friedenspräliminarien geregelt werden sollen was allem Anschein nach so ausgelegt werden müsie, daß Italien die U m f 0 .r m u » g d e r L ä n d e r der ö st e r r e r ch i s ch -- u n y a r i s ch e n M 0 n a r ch i e nur im Zusammenhang mit. der Entscheidung über das Schicksal Oesterreichs verhandelt sehen will. Man hoffe, daß dre Friedenspräliminarien »n zwei, spätestens drei Wochen Deutschland mitgeteilt werden können. Die Forderungen Luxemburgs, Pari», 31. März. (Funkfpr. der Tel.-Komp.) Die luxilnburgische Regierung hat eine Denkschrift an Clemenceau gerichtet derzufolge das luxemburgische Volk einstimmig eine wiritschaftlichehnion zwischen dem Großherzogtum und den Ententemächten sowie die Wiederherstellung der Kriegsschädev verlangt. &tauen bei der Friedenskonferenz. Zürich, 20. März. (Tel. der ,,Wr. Morgenztg.") „Temps" berichtet: Die Präsidentinnen des französischen Bundes für das Frauensilmmrecht und der Konferenz der Frauenrechtlerinnen der allnetten Länder sowie Frau Siegfried, Präsidentin des französischen nationalen Franenrates, erhielten von Herrn Dutasta, Sekretär der Friedenskonferenz, folgenden Bnes: „Ich habe die Ehre, Ihnen mitznte»len, daß der Oberste Rat der Alliierten Ihrem Wunsche entsprechend in seiner Sitzung am 11. März die Bedingungen geprüft hat, unter denen die Frauen an den Arbeiten der Friedenskonferenz teilnchmen können« Er hat beschloffen, daß die Franenorganisattonm von den Kommissionen angchörk werden, die sich speziell mit den Fragen befassen, die die Interessen der Frauen berühren. Ich füge bei, daß ich sofort den Präsidenren der Kommission für die ArbeitsgesetzgebMg von dem Beschluß des Obersten Rates in Kenntnis gesetzt habe. ' Jüdischer Kongreß in Kanada. Stockholm» 31. März. (Ziontsttsches Bureau.) Vom 16. bis 18. März fand in Montreal der kanadisch-jüdische Kongreß statt, der aus allgemeinen Wahlen hervorgegängen'war. Aus der TapeSordnnng standen die Palästinafrage, die nationale» Rechte der Juden in ihrm bisherigen Wohnlandern wid bie- Frage der Emwandenmg.