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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-22 · Heft 63 (22.3.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 63 (22.3.1919)
Date
1919-03-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Cru* *i LZwn. ^urnstag PolitischeRundf chau. El« Engländer über das Chaos in den Nationalstaaten. ' Das Organ Lloyd Georges „Daily Ehro-?iictew, veröffentlicht einen inte.essanterr Auszug aus dem Bericht Sir William BeveridgeS, dem englischen Vertreter bei der interalliierten Kommission, welcher die Aufgabe hatte, die Verhältnisse DentschösterreichZ zü prüfen. Das Blakt bezeichnet dieses Problem als äußerst wichtig, weil es die Frage enthalte, wie die Nationen der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie vor Hungersnot und Bolschewismus geschützt werden könnten, eine Frage, an der auch die Alliierten interessiert sind. Beyeribge konstatiert, daß die Kommission die Lebensmittelsendung nach Deutschösterreich als dringend notrvendig erkannt hat, um dort die Hungersnot einzudämmen, weshalb auch Mitte Februar mit dein Transport der notwendigsten Lebensmittel begonnen wurde. Im Verlaufe der Unterhandlungen in Bern schien es möglich, daß die notwendig» Zuschüsse für Deutschösterreich leicht aus den Nachbarfünbent, b. i. der Tschechv-Slowakei und Ungarn, immtiert werden könnten- Bei den in Prag und Pest ersülgteu Untersuchungen hat sich aber gezeigt, daß beide Länder von der baldigen Erschöpfung ihrer Vorräte bedroht sind,. und selbst Getreide und Fettstoffe attsprechiM. Da sich der Bedarf in Deutschösterreich auf 400.000 Tonnen beläuft, nimmt man an, daß der Totalbedarf alter drei Länder bis zur nächsten Ernte mindestens 800.000 Donnen getragen wird, welche aus den überseeischen Staaten oder anderen Teilen Europas ciuzi,führen wären. Ueberdies herrscht Mangel an Fett, Fleisch und Milch. Was die Süßstoffe anlangt, hat einzig die Tschecho-Slowakei, als größter Produzent von Zucker, Aussicht auf einen Uele schuß hierin. Die Kommission har in Präg und Budapest festgestellt, daß der Mängel an Lebensmitteln eine Folge der sozialen und wirtschaftlichen Störungen ist, die einen kaum sh fassenden Umfang erreicht haben. Wien und Deutschösterreich find in verzweijelter Lage. Wien hat 21/4 Millionen Eintvohncr; früher der Mittelpunkt eines großen. Kaiserreiches, jetzt die Hauptstadt Deutschösterrcichs" mit 6 Millionen Einwohnern, erscheint es ein Bankerotteur ohne Aussicht auf künftigen Verdienst. Das wirtschaftliche Chaos ist durch die Teilung Oester» reiall Ungarns hervorgerusen worden Und durch die Besetzung einiger seiner Teile durch die Interalliierten. Die'unmittelbare Ursache des Lebensmittelmangels in Deutschösterreich, ist das Ausbleiben der Zufuhren aus Böhmen und Ungarn. Da Böhmen zur Ausfuhr nach Dcutsckrösterreich nicht mehr gezwungen war, wurden in Tschechien die LebensrNitielrationen sofort erhöht, die völlig unzureichend waren unddie Lage Deutschösterreichs gestaltete sich geradezu verzweifelt. Ungarn, welches der Ernährer Oesterreichs war, ist durch die serbische Okkupation von den südlichen Konritaten ab geschnitten worden, welche hauptsächlich für die Lieferung von Getreide Und Fett in Betracht kamen. Alle Länder, in denen die Kommission geweilt hat/ sind durch den Kohlenmangel und die stetige Verringerung dcs TranspsrLmaderlales schwer Hein ge, ucht. Selbst bei drastischester Einschränkung von Beheizung, Licht, Transport und Industrie braucht Wien heute mehr Kohle, als es von Tschechien ober ankeren Ländern erhalten kattn. Noch schlimmer ergeht es den Ungar«, da die wichtigsten Bergbauzentren durch die Serben, Rumänen und Tschechen besetzt sind. Die Erzeugung von Leuchtgas mußte in Budapest eingestellt werden, der Bahnverkehr ist auf den Hauptlinien auf täglich einen Zug, auf den Nebenstre ken auf einen Zug, für jeden dritten Tag eingeschränkt worden, während im «'eiteren Umkreis von Debreezin der Verkehr vollständig eingestellt ist. Die Tschechen, die genügend Kohlen haben sollten, stehen vor einer Abnahme der Förderung,'da Streiks und Bolschewismus immer mehr um sich greifen und die Polen die Mehrzahl der Kohlengruben Ostschlesiens besetzt haben. Im J"e esse der erhöhten Förderung ist es notwendig, ddie Alliierten die ostschlesifchen Kohlengruben besetzen, und alliierte Truppe» zur Unterdrückung des Bolschewismus in die böhmischen Kohlenreviere e ctsenbet werden; ebenso müßte das zur Förderung notwendige Material, Kleidung und Lebensmittel für die Bergarbeiter beschafft werden. Die Arbeitslosigkeit in Men Und Budapest ist ungefeuerlich und ist die Quelle künftiger großer Gefahren. Neveridge empfiehlt, daß im Einre.ständnis mit der sichecho-slowakifchen Republik alliierte Truppen (5000 bis 10.000 Manu) nach Dchechien entsendet werden. Er nennt Tschechien die Insel des alliierten Gedankens und der verhältnismäßigen Sicherheit, umgeben von Desorganisation und der drohenden Unordnung. Eine dauernde Sicherheit gegen die Unordnung ist nur in dem wirtschaftlichen Wiederaufbau, also in der Bsschaffung von Lebensmitteln, Kleidung, Heizmaterial und der Wiederaufnahme dev Arbeit in der Industrie zu suchen. Der Bericht schlägt vor, alle Länder des ehemaligen Oesterreich-Ungarns bis zur nächsten Ernte mit Lebensmitteln zu versehen, weiter, die Ernennung einer eigenen Wirtschaftskommission, welcher alliierte Truppen, die in Tschechien konzentriert wären, zur Seite stehen. Die wichtigste Ausgabe ist die Erhöhung dev Kohlenförderung. Hierzu ist notwendig: die Anschaffung von Maschinen und für den Bergham«trieb erforderlicher Materialien. Weiters die Unterdrückung Wiener Lewrgcnzcitung 22. März 1919 vlr. brr Die Anschlutzfrage in der deutschen Nationalversammlung. Deutschösterreich ei» Gliedstaat des Deutschen Reiches. Weimar, 81. Mürz. (Korr.-Bur.) Der Verfassungsausschuß der Nationalversammlung nahm heute vormittags seine Verhandlungen auf mit einem Antrag Naumann, dem Artikel I folgenden Absatz zuzufügen: „Deutschösterreich tritt als Ganzes, als ein Gliedstaat dem Deutsche n Reiche bei. Etwaige Abänderungen bestimmen die im Einvernehmen mit Deutschösterreich zu erlassenden Ausführungsgesetze unter Berücksichtigung der unter Absatz 1 bis 4 dieses Artikels festgestellten Grundsätze." Von den Abgeordneten Delbrück, Gruber, Haase, Heintze, Naumann und Quarck wurde folgende Erklärung vorgelegt: „Der Verfassungsausschuß der verfassunggebenden Nationalversammlung begrüßt es als bedeutsamen Fortschritt auf dem Wege zur Vereinigung zwischen dem Deutschen Reiche und Deutschösterreich, daß zwei Negierungsvertreier aus Deutschöfterreich an den Verhandlungen teilnehmen. Er erwartet, daß die Besprechungen der beiden Regierungen so rasch durchgeführt werden, daß auch die Abgeordneten Deutschösterreichs an den Verhandlungen der Nationalversammlung über die Verfassung des gesamten Reiches noch teilnehmen können. Wir zweifeln nicht, daß die deutsche Reichsregierung der Zustimmung des ganzen Volkes sicher ist, wenn sie bei den Abmachungen auf besondere wirtschaftliche Schwierigkeiten Deutschösterreichs Rücksicht nimmt." Der Antrag selbst soll in zweiter Lesung über Art.! beraten werden. Zur Begründung der Erklärung führte Abg. Naumann aus: Da wir von Deutschösterreichs Wunsch hören, in das Deutsche Reich ausgenommen zu werden, so muß auch von Deutschland die Antwort hinüberschallen: „Ihr seid uns herzlich willkommen." Das ist der Sinn der Erklärung. Die Beratungen über unsere Verfassung müssen immer frei und durchdrungen sein von dem Gedanken, daß Deutschösterreich nun zu uns gehört. Deshalb begrüßt , die Erklärung zuerst die Mitarbeit der deutschösterreichischen 8'ezierungsvertreter im Verfassungsausschuß und spricht zweitens den Wunsch aus, daß bald auch die deutschösterreichischen Volksvertreter mit uns hier zusammentagen und beraten sollen. Drittens Aklären wir gemeinsam und ös'e.itlich, daß wir auf die besonderen wirtschaftlichen Schwierigkeiten Deutsch ö st erreich sRücksich t nehmen wollen. Wir wollen in Kürze Glieder eines gemeinsamen Staates sein, mit ier handgreiflichen Rücksichtnahme' des einen Teiles auf den anderen. Die Oesterceicher werten sich bei der bevorstehenden Bereinigung an viele Aenderulnen gewöhnen müssen, dafür aber sollen sie auch das sichere Gefühl gewinnen, daß sie der Heimat entgee.cgehen und nicht in die Fremde. Wir alle betrachten sie als Brüder und erwarten von den beiderseitigen Urne Händlern, daß sie nicht nur Händler und Rechner sind, sondern bas Herz mitsprechen lassen und der Zukunft der Nationen bienen. De« Lockungen der Entente gegenüber ist es unsere Pflicht,, den Deutschösterreichern mit g roste.er Deutlichkeit alsbisher zu sagen, wie sie bei uns ausgenommen werden. Der Bertreter Deutschösterreichs Dr. Ludo Hartmmnr dankte für die Begrüßung und die Erklärung des Ausschusses. Er hebt hierbei hervor, in welchem brüderlichen Geiste seitens des Auswärtigen Amtes, insbesondere seitens Exzellenz von Körner, die Verhandlungen geführt worden seien. (Lebhafter Beifall.) Sehr wichtig sei das wirtschaftlich« Entgegenkommen, das durch die Resolution auch für die Zukunft gewährleistet sei, und nicht mipder der Wunsch, daß deutschöfterreichische Abgeordnete an den Verfassungsberamngen im Plenum teilnehmen sollen. Redner verwies am Schlüsse darauf, daß die berufenen Vertreter Deutschösterreichs schon in gesetzlicher Form erklärt hatten, daß Deutschösterreich rin Gliedstaat des Deutschen Reiches sei. Er empfahl den Antrag Naumann zur Annahme^ Präsident H a u ß m a n n dankte für die Aufklärungen und für die wichtige Erklärung des Gesandten Deutschösterreichs, welche vorstehende Erklärung rechtfertige und ergänze. Der größte Eindruck würde er-' wartet, wenn diese Erklärung ohne Diskussion angenommen werden würde. Die Annahme der Erklärung erfolgte hierauf durch die Stimmen sämtlicher Ausschußmitglieder. (Beifall.) Präsident Haußmann: Ich stelle die einmütige. Annahme der Erklärung fest mit der Bitte," es möchte die hier niedergeiegte Sympathie nach Deutschösterreich mitgeteilt werden. Wir nehmen den Wunsch baldigen Zusammenarbeitens in sichere Erwartung. An Stelle des 1018 gesprochenen Wortes von der Vertiefung des Bündnisses ist die bestimmte Erwartung von der Errichtung des gemeinsamen Gesamtstaates getreten, der uns vereinigen und unser großdeutsches Vaterland bringen soll. (Beifall.) Weimar, 21. März. (Körr.-Bur.) Im Verfassungsausschuß machte Ihc ute ein Vertreter des Auswärtigen Amtes Mitteilungen über die Erwe Februar in Berlin über den Zusammenschluß Deutschösterreichs mit dem Deutschen Reich mit Vertretern Deutschösterreichs in Berlin ahgehaltenen Besp.ehungen. Aus, im übrigen als vertraulich bezeichneten Mit'eilungen. geht hervor, daß die Besprechungen von besten Seiten in dem Geiste größten Entgegenkommens und in der stederzeugung geführt worden seien, daß dev Znsamv enfchluß ebenso den Interessen des Deutschen Reiches wie auch .Deutschösterreichs bienen wer.e. Der Regierungsvcrtreter teilte weiters Mit, daß zur Vorberatung des Zusammenschlusses kommissarische Beratungen eingeleitet worbe» seien, welche teils in Berlin, teils in Wien stattsinben werden, und die Ausgleichung zwischen beiden Teilen auf allen Ceueten des wirtschaftlichensozialpolstifchen, kulturellen und Rechtslelens zum Gegenstände habckr sollen. von Unruhen, soweit notwendig, auch mit Hilfe der Waffen, und die Erhöhung der Förderung, eventuell mit Zuhilfenahme von Kriegsgefangenen. Der Import von einigen Hunderttausend Tonnen ist auf alle Fälle unausweichlich. Anderer'eits genügt der Transport zu Lande vom Süden her nicht für die Beschaffung von Lebensmitteln und k ee wichtigsten Lebensersordernisse, selbst im kleinste., Ausmaße, und kommt für die Zufuhr von Rohstoffen und selbst Nahrungsmitteln nur wenig in Betracht. Für Tschechien hängen diese vitalsten Fragen auch mit dem Umstand zusammen, ob die Schiffahrt auf der Elbe wird eröffnet werden können. D'e Eröffnung des linken Nheinusers würde allein nicht genügen. Die Zukunft des Orients. In einem die „Zukunft des Orients" betitelten Aufsatz schreibt die „Frankfurter Zeitung" unter anderem: Südlich von den Ländern, die künftig „Armenien" Heiken sollen, erstreckt sich bis zu den äußersten Grenzen des einstigen Osnia enreicheZ die fe.u' ische Sprach 0ne. ES handelt sich um vier Gebiete von sehr verschiedener Größe und Bedeutung: Syrien/ Palästina, Arabien und Mesopotamien. Berhältisisinäßig die gersiigstcn Schwierigkeiten bietet Palästina. Die britische Negierung hamim November 1917 gegenüber den zionistischen Organisationen die Verpflichtung übernommen, j alles in ihren Kräften Stehende zu tun, um „in PMr stina eine nationale Heimstätte für da§ jüdische Volk zu schaffen". Das Versprechen wird nun erfüllt werden, es wird jedoch nicht eigentlich ein jüdischer Staat errichtet, wie ein Teil der Zionisten gern möchte, sondern ein Gemeinwesen unter der politischen Leitung einer Großmacht. Rut ein Siebentel der VeMerttng des Landes ist biS jetzt jüdisch, und die chrlst ichen und arabischen Einwohner sollen in ihren R.'c^en nicht ver> kümmert werden; mit einer starken MV ' n Einwanderung wird natürlich aerechnet. Es sti um zwr!...- hast sein, welche Großmacht den Schutz Palästinas übernimmt. England wird bei der Nachbarschaft Aegyptens kaum einen anderen Protektor als sich selbst Massen, und wahrscheinlich ist ein großer Teil der zionistischen Juden in den übrigen Ententeländern hiermit einverstanden. Die Schutzherrschaft über die Heimat einer in der ganzen Welt verbreiteten Religion bedeutet für die britische Politik einen moralischen Machtzuwachs. Biel verwickelter ist die arabische Frage. Es werden jetzt Lösungen reif, die von Jahrzehnten her vorbereitet worden sind. Seit der Erkaltung der einst freundschaftlichen Beziehungen zwischen Konstantinope! und London haben die Engländer im stillen den Arabismüs ermutigt; er hat sich -inzwischen zum Pan-Arabismus unter britischem Protektorat ausgewachsen. Der Träger dieser Politik ist der König von Hedschas. Dieser Monarch ist niemand als der frühere Großscherif vdn.Mekka, ein türkischer Vasall, der sich während des Krieges auf die Seite der Entente stellte und von ihr als selbständiger König anerkannt wurde. Die französische Presse erörtert diese arabischen Problenre mit großer Schärfe, die englische schweigt meistens dazu. Mährend nun Deutschland und Rußland auf der ParMr Konferenz fehlen, spielt das Königreich Hrdschas dort eine große Rolle. Es ist durch den Emir Faissal, den dritten Sohn des neuen Königs, vertreten. Der Plan ist folgender; Matt will eine große arabische Föderation mit dem Mittelpunkt Mekka schaffen. -ES würden zu Hedschas zunächst Redschd, Jemen und die anderen Provinzen des eigentlichen Arabien treten, unter den bisherigen Fürstenaber mit' nomineller Oberherrschaft des Schstifen von Mekka. -Hierzu käme Mesopotamien. Nach den Kämpfen, die England hier geführt hat, bei der enormen wirtschaftlichen und politischen Wichtigkeit des Zweiströmelandes wirb Großbritannien an dieser Stelle seine Herrschaft fest begründen, etwa so wie in Aegypten und den indischen Maharajahstaaten. Es bleibt dann Syrien die bedenklichste Stelle in dem Orientbau der Enten:- und im gehe in, rn der Zankapfel. Die Franzosen behaupten, auf das' Gebiet, das sich vom Golf voü

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