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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-22 · Heft 63 (22.3.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 63 (22.3.1919)
Date
1919-03-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Die Kundgebung ihrer Parteiführer klang in die Drohung aus, die Sozialdemokraten würden die ganze Nationalversammlung auseinanderjagen. Die Arbeiter werfen der Regierung Dr. Kramarsch' vor, daß sie die schönen Grundsätze in der Programmerklärung, die im Dezember der neuen Nationalversammlung vorgetragen wurden, bisher nicht verwirklicht habe und nicht einmal Miene zeige, dies zu tun. Eine Entscheidung über dieses Ultimatum ist bisher nicht erfolgt. Die tschechischen Sozialdemokraten haben einen sehr radikalen Antrag zur Bodenreform ausgearbeitet, in dem sie zunächst die Enteignung des kaiserlichen Großgrundbesitzes, sodann aber die Enteignung des Großgrundbesitzes, von fünfzig Hektar angefangen, verlangen. Die tschechischen Agrarier, die in der Regierung eigentlich das Heft in der Hand haben, antworteten mit einem Angebot von 250 Hektar, haben sich jedoch im Ausschuß akkomodiert. Wenn auch die bürgerliche Presse Prags von einer Annäherung^ spricht, so kann man doch weitere sehr heftige Kämpfe erwarten, die sich schon in der vorgestrigen Besprechung der Klubobmänner ankiindigten. Die junge tschecho-slowakische Republik ist also vyn einer sehr schweren sozialen Krise bedroht, die in . _ Natürlich hat diese Krise ihre Wurzeln auch m der politischen Gestaltung der Dinge in Böhmen. Es rächt sich jetzt das System der Ueberspannung, das von den Führern der tschechischen Politik auf allen Gebieten betrieben wurde. In dem allgemeinen Rausch, her dem Umsturz vom 16. .Oktober folgte, hatte man geglaubt, daß alle Klassenunterschiede durch die Erreichung des Jahrhunderte alten nationalen Traumes von der Unabhängigkeit des tschechischen Volkes überwunden feien, und man hatte sich der Hoffnung hingegeben, durch die Ausschaltung der wirtschaftlichen Interessengegensätze, dürch die nationalistische Expansionspolitik, durch die Verherrlichung der Legionäre und durch das Streben nach den historischen Grenzen, der Republik tatsächlich „ein einig Volk von Brüdern" zu schaffen, das in einträchtiger, allen Streit vermeidender Arbeit einer hellen und schönen entgegengehen wolle. Der Rausch ist verflogen und die bittere Wahrheit, daß-die Mägenfrage die stärkste polüische Triebkraft sei, klopft jetzt an die Türen zum alten Landtagssaal auf der'Plager Kleinseite. Die Sozialdemokraten fordern gebieterisch die Volksherrschaft. Sie -sprechen auf den Meetings und in ihren Parlamentsreden deutlich genug von der Irreführung der Bevölkerung und von der Verfälschung der Demokratie. Sie wollen der Regierung Kramarsch das Heft aus den Händen nehmen und streben die soziale Radikalisierung des Kleinbürgertums und der landwirtschaftlichen Arbeiterschaft an. Damit soll das durch die politische Radikalisierung begonnene Werk der Befreiung der tschechischen Nation zu Ende geführt werden Vergebens hat eilt Teil der tschechischen Presse, um die Aufmerksamkeit der europäischen Oeffentlichkeit abzulenker. M Lebensmittelnot in Böhmen übertrieben geschildert, vergebens hat sie die Agitation der Gruppe Munas als im deutschen Sinn liegend hingestellt, und bagatellisiert. Nebenbei sei bemerkt, daß sich ein Teil der Prager Presse, so besonders der agrarische „Venkov" und das nationalsoziale „Ceske Slooo" sehr gern in dieser politischen Debatte antisemitisch gebärden und ganz, so wie ein Teil der Wiener und Berliner Presse, die Juden für alles Mögliche verantwortlich machen, wie ja überhaupt das „Kr na zidy" (los auf die Juden!) im Leben der Prager Sttaße feit jeher eine große Rolle spielt. Die Methode hat, wie man heute erkennt, nichts geholfen, und es ist für niemanden mehr unklar, daß sich in Prag Dinge von außerordentlicher Tragweite vorbereiten. Es ist klar, daß der erste Anstoß hierzu aus Berlin aus den Kämpfen zwischen Spartakisten und Mehrheitssozialisien gekommen ist. Eine Menge von sozialistischen Rednern hat in den letzten Tagen aus Volksversammlungen in Prag und in Kladno einen Diktatur des Proletariats in Ungarn. Demission der Negierung. — Kriegszustand mit der Entente. — Kommnnistenführer als Minister. 2 Budapest, 20. März. (Tel. der „Wr Morgenztg.") Infolge des Ultimatums der Entente bezüglich Anerkennung der neuen rrrmämsch-rmgarifchen Grenzlinie hat die Regierung ihre Demission gegeben. Das Ultimatum Hst heute um 6 Ähr abends abgelaufen und Angavrr befindet sich, nach dem Wortlaut des Altimatrrms, mit der Entente im Kriegszuftand. Dem neugebrldsten Kabinett foNerr die Kommuniftenfnhrer Bela Kuhn und Bela Vago angshören. Es wurde die Diktatur des Proletariats ausgerufen. Die neue Regierung ruft in einem Manifest „An Alle!" zu den Waffen. Die Blockade gegen Deutschöfterreich aufgehoben Eine amtliche Meldung. Amtlich wird gemeldet : Das Staatsamt für Aeußeres erhielt von der italienischen WaffsnstillstKudskoMmissron die Mitteilung, daß die in Paris vereinigten Machte einstimmig die Aufhebung der Ploökade über das ehemalige Oe st erreich-Ungarn b efchloffen haben. Die praktische Tragweite der Aufhebung der Blockade kann augenblicklich, da genauere Mitteilungen noch nicht vorliegen, nicht beurteilt werden, doch dürfte fich daraus jedenfalls ergeben, daß Waren, die nicht als Kriegskonterbande betrachtet werden, aus neutralen Staaten bezogen werden können und daß der Schiffen neutraler Staaten das Anlaufen der adriatischen Hafen gestattet ist. Die dSntsch-PolnifchW BeHandümgen in Posen . MgeWcheK. ■ V' 'W aL i s> LI. März7'(FmckMH'' Aus steck^Mrd^eteZraphiert: Da fich die deutsche - Delegation geweigert hat, das Protokoll zu unterschreiben, welches die Bedingungen enthielt, die bereits im Laufe der Konferenz im Schlöffe von Posen festgelegt worden waren, werden die Verhandlungen von den Alliierten als gänzlich abgebrochen angesehen. Es find Verfügungen getroffen worden, daß die deutsche Delegation Posen sofort verlasse. DieFriedenskonferenAoorWichLigenEnlscheidungen Haag, 21. März. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Der „Temps" meldet, daß. innerhalb der nächsten v i e r z e h n T a g e sowohl die territorialen Fragen als auch die Angelegenheiten, Deutschlands, Oesterreichs und An gar ns geregelt fein werden. Der Mailänder „Corrrere Hella Sera" bestätigt dies in einem Pariser Blatt und erklärt, der Vorschlag, einen Separa»tfri ed en mit Deutschland abzuschließen, sei fallen gelaffen worden. Gruß an das Kämpfende deutsche Proletariat gerichtet und sich vor dem Andenken Karl Liebknechts und Rosr Luxemburgs achtungsvoll verneigt. Wir ersehen daraus, daß auch hier der soziale Gedanke der Verbrüderung der wirklich arbeitenden Menschheit über alle nationalistischen S.hwärmereien siegt, und wir sehen hier dieselben seelischen Kräfte am Werk, die von Rußland ausgehend den sozialen Bau der ganzen europäischen Menschheit und vielleicht auch schon der amerikanischen Wirtschaft untergraben und die ganze Gesellschaft auf eine neue Basis, auf das Fundament der Arbeit stellen wollen. Das ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend immer Böses muß gebären. Die Führer der Entente, die sich in ihren Forderungen an das zerbrochene Mitteleuropa nicht genug tun können, sehen schon das kommende Erdbeben, wenn sie seine ersten Anzeichen auch noch nicht , richtig zu deuten verstehen. England steht vor dem Generalstreik, Italien zittert unter sozialen Gärungen und mtch die kleine^, Völker, die bisher eiüe Politik der Waffen auf eigene Faust betrieben, vor allem aber Polen und Tschechen, befinden sich am Ausgangspunkte einer unabsehbaren- Verminung. Und gerade' das Vorgehen der .tschechischen Sozialdemokratie spricht am lautesten gegen die in Prag und den anderen Zentren der Entente betriebenen Methode der Unbedenklichkeit, der Unsachlichkeit und der nationalistischen, ins Graue sich .fortspinnenden Theorie. Die Sozialdemokratie führt dort eine ungemein scharfe Sprache und schießt damit sicherlich weit übers Ziel, denn noch ist die soziale Aufklärung im tschechischen Kleinbürgertum nicht sv weit gediehen. Vielleicht sieht dieses Volk noch mehr als die Bevölkerung Deutfchvsterreichs im Bann der alten habsburgischen Parolen und Regierungsmethoden, die es stets mit dem „Teilen und Herrschen" versuchen. So lange, bis die Staatsmaschine zertrümmert war. Die tschechischen Machthaber haben durch ihr Vorgehen in Deutschböhmen einen unüberbrückbaren Abgrund zwischen Deutschen und Tschechen geschaffen. Noch in den ersten Wochen nach der Revolution war ein großer Teil der deutschen Bevölkerung bereit, sich mit den Tschechen zu verständigen. Was inzwischen in Deutschböhmen geschehen ist, hat jede Hoffnung aus einen Frieden zwischen diesen beiden Nationen begraben, solange der Geist des nationalen Imperialismus in Präg lebendig ist. Erst kürzlich hat der Landeshauptmann von Deutschböhmen, Dr. v. Lodgman, m. einen Versammlung in Wien sich zur Todfeindschaft gegenüber der tschechischen Republik bekannt. Alle Forderungen der Deutschen sind abgelehnt worden. Man gesteht' ihnen nicht das geringste Recht auf Selbstverwaltung, ja nicht einmal' aus Volksvertretung zu. Man hat ihre Forderungen, ohne sie überhaupt zu prüfen, mit einer Handbewegung beiseite geschoben. Können sich da die Männer um Kramärsch herum darüber wundern, daß die 'Arbeiterschaft nunmehr ebenso unsachlich alle Auseinandersetzungen ablehnt und rücksichtslos auf die Re- - v^lutionierung der Kreise hinarbeitet, die bisher die Stützen und Träger der Kramarschen Politik waren? . Sie messen mit demselben Maß, das Kramarsch gebraucht hat. Und die politische Ungerechtigkeit, deren Opfer ja Kramarsch einst selbst geworden ist, als die Schergen des AOK. über ihn das Todesurteil aussprachen, feiert in Böhmen solange ihre Triumphe, als das Volk dies duldet.

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