Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 62 (21.3.1919)
- Date
- 1919-03-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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' Cetfe ’f Wien, Freitag Paoevewski von der des auswärtigen Amtes zurückgetreten. Krakau, 20. März. (Tel. der »Wr. Morqenzeilung".) Aus Warschau wird gemeldet: Der volnische Ministerpräsident und Minister des Aeüßern, P a d e r e w s k i, hat sein Amt als Minister des Auswärtigen uiederqelegt und wird ohne Portefeuille nur dem Kabinett präsidieren. Ausschaltung der Mittelmächte aus dem Orientverkehr. B e r l i n, 20. März. Einem Telegramm des „Abend" zufolge soll der OrienLexprsß durch .die Linie Paris—Simftlon—Mailand— Venedig—Trieft—Agram—Belgrad ersetzt und via Bukarest—Korrftantinopel bis Odessa verlängert werden. Dem „MaLin" Zufolge sollen die Mittelmächte vom rleinafiatrschen und mesopotamischen Verkehr ausgeschlossen bleiben. _ Bolschewismus in Amerika. Ber l i u, 20. März. (Tel.-Komp.) Die »/Deutsche TagssZeitung" meldet aus Genf: Die amerikanischen Blätter besprechen in, alarmierenden Leitartikeln das Anwachsen -es Bolschewismus in vielen Staaten der Anion» so namentlich irr Pensnlvanien, Indiania, Illinois und Michigan. Auch die letzten Aufstandsverfuche in Philadelphia und Takoma werden auf die bolschewikifche Propaganda gebucht. Die Zahl der bolschewikischen Agitatoren in der Anion wird aus 13.00V bis 15.000 geschätzt. Begünstigt wird die Bewegung durch die Arbeitslosigkeit, die sich infolge der Auslösung der Kriegsbetriebe eingestellt hat und durch die L ebensmittelteuerung. > Die Koste« des Weltkrieges. 18 Milliarde» Pfund Sterling. >)ar,z. 20. März. (Tel. der „Wiener Morgen- - r.cimn'g/p- Rach Schätzungen amerikanischer FinanZ- 'eerraqcn die Kriegs kosten für die Staaten der' v'u-.u.' 20 Mi,narben Pfund bei.90 Milliarden Volksreru2?g..'u. yür Deutschland und Oesterreich 12,8 Milliarden Pfund. bei 36 Milliarden Vvlksvermögen. Die va-?.nsjkbi!ichen Steuerlasten schätzt man für . England nd: 23,o Prozent des jährlichen Volkseinkommens, - >:Xv Araukreich mit 40 Prozent, Rußland 45,5- Pro--" I't-Men 26 Prozent, Deutschland -30,9 Pvozent> b ie ö n e rr eicht sch-ungari.s chen N a t i o n chlö u a r e n 48 Prozent (m.ibci das jährliche Volkseinwmmen mit einer Mi.liarec Pfund angenomu.e.n wird,' rnaeuns aber sehr willkürlich erscheint). Die deutsche Kriegsentschädigung berechnet die co ,.sx>. ormarion" mit 1000 Milliarden Franks, . > aber, selbst, daß Deutschland eine solche Summe >trn.rn - rr>r.tw.* -Der. Gläichiger habe kein Interesse daran, fchurn Schuldner zu erwürgen und müsse ihm dr-'dnil' -s:it lassen. Die Minister König Konstantins unter Anklage. London, 20. Wärz. (Tel.-Komp.) Wie die „Times" aus Athen meldet, beginnt am 21. März der Prozeß gegen den früheren Ministerpräsidenten 3 kud u I i s und die Minister G u n a r i s, D r a g u n i s und M i ch o l i d a k i, die sich während der Regierung König Konstantins komproinitiiert haben. Das Urteil über die Minister wird ein zu diesem Zweck besonders berufener Gerichtshof fästen. ' Die Lage in Bulgarien. Budapest, 20. März. (Tel. der „Wr. Morgenztg.*) Die (5rnähmug Bulgariens ist von einer Katastrophe bedroht. Die Einfuhren aus dem Ausland haben aufgehört und die eigenen Vorräte sind unzulänglich. Die Requisition auf dem jjande kann nn.' um nnbrärischer Hilfe durchgriübrt werden. Die Teuerung ist ich. g'.vtz. Das Fleisch ist von den Märkten in Sofia vollständig uerschn'uiidcn, Kartoffeln sind selten und nur zum Preise von 5 bis 7 Äva ni haben. Die Bevölkerung erwartet ungeduldig die zugesaate Hüte. — Bulgarien ist vollständig von den Italienern beie-.n, welche sich bemühen, sich die Sympathien der Bevölkerung m erwerben. In Sofia ist Fürst Alotr der politische Vertreter Ftalienö. Die italienischen Militärbehörden haben strengen Auf- «rag, dir Bevölkerung mit größter Rücksicht zu behandeln, da die Äiiwesenhett in Bulgarien „aus vorwiegend politischen Grimden" mörderlich ist. Bei der Propaganda bedienen sic sich aller Mittel w!-.' Konzerte, Films usw. 417 Millionen Gulden Kriegsgewinusteuer in Holland. Haag, 20. März. (Tcl.-KomP.V In Holland wurden an ^r.sgsgLiomnsteuern bis zum Jänner 1919 insgesamt 417 Mlllrnrn G/alüen,erhoben. f ff Fff in alfrtt Drei-'a<,en. Nei'aratnre« unter Garantie. Farbbänder für gilt Systeme, erstklassiges Material.?cop. Kurzer, Wien, U, Wesibahnstraße 23. ö.':ct'h?ii 3K#7. 3ß8 Wiener Morgenzeitung :al: März 1010 Nr. er Staatssekretär Dr. Schumpeter über unsere wirtschaftliche Zukunft. z Wien als finanzielles Zentrum. — Goldwährung. — Die Sozialisieruug. -^ Vermögensabgabe. Int Staatsamt für Fbrauzeü empfing Dr. Sch um- ' Peter gestern abends die Vertreter der Wiener Presse. Er äußerte sich, ülwr di« Zukunft recht optimistisch. Am Wiederanfhasi des Vaterlandes müßten sich alle beteiligen; es müßte aber auch die größtmögliche Sparsamkeit geübt. werben. Deutschösterrcich mtb Wien würden eilt fi-nan z ic l les Zentrumbleibeil. Es herrsche zwar-im Augenblick eri! > vollständige Desorganisation. Dennoch/rechne er damit, daß wir -die nötigen Rohstoffe.und.Lesieiismittel,erhalten tperden. Aiich eine- Goldwährung,' zumindest eine Go ldkernjvä hrung,..wäre' .'für uns möglich,/ Die Kredit- 'vperationen wjlrhsn.'in ,kürzester Zeit.eingeleitet und 5» einem glücklichen ^nhe geführt werden.' Wir müßten diesbezüglich in rüge FühlunMahme mit den Westmachten treten. Wäre das jMn früher der Fall gewesen, so hätten uns diese nicht mit Krieg überzogen. Was die Sozialisie r'u n g betrifft, so sei sie ein dringendes Erfordernis der Zeit, dem man sich nnmüglich verschließen könne, Jedoch dürfe sie nicht soweit gehen, daß dadurch die Industriellen ruiniert würden. Sogar Lenin sehe sich bereits gezwungen/einzülenken. Die jetzt.^getrogenen.--Maßnahmen wegen der Verrrkögensabgabe usw. seien als bloße, Uebergangsnotwendigkeiten aufzufasfen. die von kürzester Dauer sein müßten, - An. die Erklärungen schloß sich eine zwanglose Unterhaltung der Pressevertreter nrit dem Staatssekretär an. Der Staatssekretär.richtete eine' Ansprache an die Versammelten, in welcher er erklärte: In rein wirtschaftlicher Be.z iel) n ng brauchen wir eigentlich nicht einmal übermächtig p e. ss i m i st i f ch zu sein. In Deutschösterreich besteht zunächst die Schwierigkeit — das ist ein Segen'und cin Fluch zugleich—. daß Wien das kreditpo.likische Herz eines - größeren Ganzen ist, dasfür einen größeren Organismus paßte und alte seine Adern aussendete in die von uns nunmehr Politisch losgetrennten Teile. Dieser Umstand hat zur Folge, daß wir Zeinen unendlichen Vorrat von Intelligenz .hier haben, er ergibt aber auch die große Schwierigkeit, daß wir uns mit allen jenen Gesellschaften, die ihren Sitz in Wien und ihre Fabriken in dem nunmehrigen Auslande haben, werden auseinandersetzen müssen. Deutsch öfter reich und speziell Wien werden aber wohl für lange Zeit rin finanzielles Zentrnm bleiben müssen. Die Nationalisierung einer Bolkswirtschäft Mag ja eine sehr schöne Sache sein. 'Die Tschechen hüben daran feit Jahrzehnten gearbeitet, sie haben es. vielfach.zu ihrem eigenen Schäden getan, nur um eines nationalen Ideales wegen. Die Nationalisierung einer Bölkswirtsch'aft ist aber nur innerhalb einer gewissen Grenze möglich; politisch kann-man sich viel früher selb ständ'ig machen .als wirtschaftlich. Wir werden schließlich einen modus vivendi finden müssen. Die Grenzen der künftigen Entwicklung zeichnen sich heute schbn mit unverkennbarer Deutlichkeit ab. In dem.OrganiZmus wird Wien weiterhin das finanzielle Zentrum bleiben müssen und an den rein wirtschaftlichen Verhältnissen wird die politische Trennung verhältnismäßig sehr wenig ändern. Die wirtschaftlichen Vridinguusvu des Wi'derausb-zues werden ganz andere sein, als die Bedingungen es waren, welche für die Umschaltung der Volkswirtschaft auf den Krieg maßgebend waren. Der niedrige Zinsfuß während des Krieges, der einen so schreienden Gegensatz zu der Kapitälzerstörung bildete, war nur durch die Unterbindung d-es Verkehrs erklärlich.. Heute müssen wir damit rechnendaß auf der ganzen Welt, nicht nur in den kriegführenden Saaten, sondern auch bei den Neutralen, eine b e d e u t e n d e E r h ö h u n g des Z i n sfußes eintreten wird. Die Ikriegführenden Staaten werden Guthaben aus den neutralen Ländern zurückziehen und es werden Es'elten aus früher Kapital importierenden Ländern auf den Markt kommen. Diese Effekten werden von den neutralen Staaten und von Nordamerika ausgenommen werden und dieser Umstand wird den Zinsfuß auch in jenen Ländern heben, welche nicht am Kriege teilgenommen Halen. Dies wird eine große Schwierigkeit — auch eine politische Schwierigkeit — bilden; denn es wird heute überall die Forderung nach einer künftigen Erniedrigung des Zinsfußes erhoben. Hierzu Präzise Stellung zu nehmen, wird sehr schwierig sein. Eine gute Kreditarganisation wird alles tun müssen, um den Zinsfuß niedrig" zu halten, alle diese Bestrebungen aber werden eine Grenze an der Logik der Dinge finden. Eine weitere große Schwierigkeit ist die vollständige Desorganisation auf allen Gebieten. . Abgesehen vytt diesen Schr ie t'&tfcit werden sich' die Dinge bei uns nicht allzu böse anlassen. Die notwendigen Rohstoffe und^ zunächst die wo wendigen Leb. nsmittel toerden wir zweifellos erhalten; die dazu erfor.'erlichen Kreditoperationrn werden wir in kürzester Zeit ein- und smffintlich zu zinem glücklichen Ende geführt habe». Ossterreich war km Auslande cijj'ßtt#' lich immer sehr wenig kreditfähig. Während beispielsweise die Republik?'Sao Paolo 14 Tage, eh«. - sie Bankerott machte, in Paris eine Anleihe zu verhält« nismäffig ^günstigen M'dingnngen unterbringen konnte wäre es-Oesterreich unmöglich 'gewesen, in Paris eiift ' - größete--Anleihe günstig zw placieren. Dies lag zunächst - ,in politischon Gritnden. Diese wareri aber nih' -so .stark! .tzewvrden, wenn wir es verstanden hatten, die Geldrnärkle' zu behandeln und mit ihnen zusamm»ML zuarchefi-em - Dep Staatssekretär vcrwies in diesem Zusammen^" hanHckuf die. große- .Propagandatätigkeit in den west-' wichen Ländern, uanrrntlich v-zu..-seiten Rußlands. .'Die- -politische nGegenfätze wären auch-nie so scharf gewordeü'j, wenn wir' Kredit b e zl ech u n g e n' m i t d t m Au tz-» laud-e gehabt hätten.' ÄÄenn Oesterreich. ein großes Schuldner Westeuropas, .geworden 'wäre, hätto. dieses, kgunr.jene Baltänpolitik Zuschlägen können, die unch. .iymMzH":in den Weg getreten ist. Denn es. wäremiuirsier:2svundsoviele hundert .Millionen. durch diese PolitiV' gLsährdet gewesen,- Die Finanzpolitik Rußlands währsM' des ruffisch-rjapattischen Krieges hat gezeigt daWtzr' Wechselkurs LLotz der verzweifelten Lage. Ruß«:. lauM Mnahe al pari, blieb,, dies nur deshalb,- well' RustlüNd' es verstanden hat, die westeuropäischen..GeldmärW! richtig zu behandeln-. ... - . - - . ' : MK-gilt nun heute; .ohne, solche Ansätze unser^^ Werk' zu.M-inDn, Ich hege, die' besten Hoffnungen,-Laß. wir', zu eich^pr'sganz ausreichvvden- Resultate kommen werdsn,- .: Wir z. B. die' notwendigen Mittel echalteNj!-: um -. «nserr Währung - - auf eue met.allistische Basis zu, stelletr, WenN-....wir ' wollten. ' Eine' G o ld k e r n w ä h r-u n einzusuhren — wobei natürlich über die Parität Ku- . reden - sein wird wird sicher möglich sein. Eisie Rückkehr zu den alten Grundsätzen einer soliden Bank-' - Politik wird uns nach einiger Zeit nicht allzu schwer fallen. Die Rückkehr zu Friedenszuständen seht aber nicht nur das notwendige Kapitel, Rohstoffe und Schiffs-' raum voraus — das wird zu haben sein —-- sondern vor allem ecken energischen Sparprozeß im Inland und die nötige Bewegungsfreihe.i..k ' des Unternehmungsgeistes. - - i-, Wr werden in" dcha-'PrivatwirL's-ch-.a:.-f ttrs.fi/ eingrEifen müssen. Wir stehen ■ -! v; im Zeichen der Sozialisternnß Es ist ganz hoffnungslose zu glauben, büß dieser Gs» Z ,danke ' ein t vorübe rgehenf e r sein wird.' Wir. müMi; trachtenihn zu verwirNchett'..und.'-uiüssen-.-hierin/jsq.-!zweit'Won, daß sozusagen links von-uns. nichts mehr .-, möglich, ist. Soweit aber nicht sozialisiert wird,' müssew wir der Wirtschaft volle Freiheit lassen. Zwei Möglich-' leiten gibt es für den Wiederaufbau : freie Entwicklung -es Unternehmers oder Dvzialisums. Beide Prinzipien können gute Kräfte auslösen und sind denkbap/..Welches Prinzip vorzuziehen ist, will ich hier. nicht , diskutieren. Ich muß aber den Satz vertreten, daß 'das' 'Schwanken zwischen. beiden Grundsätzen etwas ' Unhaltbares wäre. Man kann die Industrie sv-Z! zialisieben, man darf sie aber nicht ruinieren. Sie kann natürlich auch steuerpolitisch ruiniert werden. Wentt^wi'r uns diese Grundsätze vor Augen halten, wird: sich unser Wirtschaftslehen ziemlich schnel'l;> erhu können. Es wird'sich aber nur dann erholech'..- wenn uüs ' ' \"! . ., ,. ,.V .; rin weiteres Wirtschastsgebirt zur Verfügung steht, als-es Deuts ch öfter . ch ' m o men t a n ist und. wenn wir innerhalb dieses Wirt- . schaftSgebietes der Bolkswir'schaft die entsprechende . Freiheit lassen. Auch auf dem Gebiete des > Sozialismus ist eine Organisation denkbar, welche - dieselbe Prontptheit, aufweist, w'.e die kapitalistisch«. Wenn hie Zeit dafür gekommen sein wird, wird man es tun -können.' Ist die Zeit nicht gekommen, dann muß man die Wirtschaft schonen. Das ist die Alternative, für. welche wir uns werden entscheiden nrüssen. Das/was wir zunächst zu tun haben, ist die Lösung einer -Reihe von komplizierten Fragen, die sich darauf beziehen, wie wir das Herz aus dem . größeren Wirtschaftsorganismus herauslösen können. In dieser Richtung erinnert der Staatssekretär insbesondere an' die Abstempelung der Roten nnd dir Sprrrverord mmg. Es istZelbstverständlich>, Haß solche Maßregeln nur kurze Zeit dauern können und daß man nachher jedermann' - sagen kann, jetzt kannst du wieder: frei disponieren? Wann wir, zu dieses. .Zeitpunkte. Lrmmen werden, . h än.gt nicht von un.s ab. Wenw man in Pa.ris- - weit'er 'so langsach verhandeln wird, wi'rd! cs natürlich längeo bauern. Aber' schließlich steht der Friede doch bevor, und dann a n ch ein Z u st and, in w e l che m das Lebe n, w'ie.de-r'r! -n.en S.i n n gew i n ne n tu i rd. :\ ""