Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 60 (19.3.1919)
- Date
- 1919-03-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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9tt M ÄZien. Mittwoch Wiener Morgenzeitnng 19. März 1919 stellen wurde erweitert und neben den Steuerämtern an verschiedenen Orten selbständige Sammelstellen errichtet, so daß die Abstemptzluttg ebenso glatt wie in Böhmen vor sich ging. Ueber die Folgen, welche die Zurückbehaltung der 50 Prozent der Banknoten nach sich gezogen hat, äußerte sich Dr. Naschin, daß der Regierung von nirgends Geldmangel gemeldet wurde. Ueberall wurden am letzten Samstag die' Auszahlungen in vollständiger Ordnung durchgeführt. An einzelnen Orten entstand im Laufe kder Wocke Geldmangel, doch haben sich die Banken gegenseitig ausgeholfen. Anders war der Einfluß auf das Sinken der Kurse von Wertpapieren, welche im privaten Verkehr sich der Höhe der früheren Nominalen nähern. Auch Waren beginnen auf dem Markte zu erscheinen, einerseits deshalb, weil die Besitzer Geld benötigen, andererseits auch deshalb, weil der steigende Geldwert den Ansporn zum Verkauf bildet. Das Ausland hat unsere Maßnahmen sehr ruhig ausgenommen. Wir ersehen dies aus dem Steigen der Devisenkurse auf Prag. Es wurden Maßnahmen getroffen, daß die gestempelten Banknoten in der Schweiz effektiv gehandelt werden und daß nicht nur Nominalkurse gemeldet werden. Auf der Züricher Börse steht die Devise Prag 30, während die Devise Wien 22.75 notiert. Die Folge hiervon ist selbstverständlich das Sinken sämkücher Valuten. So hat zum Beispiel ein Dollar vor der Abstempelung in Prag 23 Kronen gekostet, sank aber jetzt auf 15 Kronen. Die Bedeutung dieser Erscheinung ist um so wichtiger, als wir jetzt das amerikanische Mehl kaufen und es in Dollar bezahlen müssen. Viele Leute vergaßen, die Banknoten zur Abstempelung vorzulegen. Eine nachträgliche Abstempelung ist undurchführbar, weil sie die Quelle verschiedener Mißbräuche bilden würde. Später vielleicht, wenn sich der Kurs der tschechischen Krone befestigt haben wird, kann es möglich sein, die ungestempelten Banknoten gegen die gestempelten umzutaufchen. Die Kursdifferenz müßten natürlich diese Bürger bezahlen, weil sie eben rechtzeitig für ihr Vermögen hätten Sorge tragen sollen. Die Grenzsperre wurde mit Hilfe des Militärs sowie der politischen, Finanz- und Zollämter gänzlich burchgeführt. Die Grenzkontrolle war nicht nur in finanzieller, sondern auch in politischer und militärischer Hinsicht vollkommen. Bei dieser Gelegenheit wurde der Kurier des deutschen Bizekonsuls Dc. Schwarz angehalten und bei Durchsicht seines Gepäcks, welche im Finanzministerium vorgenommen wurde, seine Teilnahme an der Verschwörung gegen die Republik enthüllt. ' Die Vorbereitungen zur Abstempelung wurden bei strengster Geheimhaltung im Finanzministerium durch außerordentlich ver'chwiegsne und fleißigeBcanrte durchgeführt. Die Herstellung der Stempel wurde unter dem Vorwände, daß ein Mangel an provisorischen Stempeln besteht, vorgenommen. An derartigen Stempeln benötigte man 180 Millionen Stücke. Die vorbereitende Ärbeit dauerte zehn Tage. Sämtliche Arbeiten waren binnen fünf Wochen durchgeführt. Dann wurde mit dev Abstempelung der Banknoten begonnen. 800 Millionen Kronen dieser abgestempelten Banknoten wurden in die Slowakei ausgeführt. Bei dev Vorbereitung dieser Aktion arbeitete 'eilte ganze Armee von Menschen, damit die Abstempelung richtig vorbereitet und glatt durchgeführt werden kkfrme. Für sämtliche weiteren Plane, für die Vermögenskonskription, Valutaanleihe und Sammeln des Goldschatzes müssen wir-auf die Mitarbeit der Oeffentlichkeit rechnen. Unsere Bevölkerung hat. Sinn für das Gesunden unserer zerrütteten Währung. Unsere Geldinstitute erwartet noch sehr viel Arbeit bei der Abstempelung der Wertpapiere usw. Ich bin.davon überzeugt, daß sie diese Arbeiten ebenso wie die bisherigen ohne Murren und freudig tun werden, weil hierdurch feste wirtschaftliche Grundlagen unserer Republik gelegt werden. Mit welchem Neid muß man nach Prag blicken, dessen Regierung ein so festes Vertrauen in die Oesfentlichkeit beseelt! Lammasch in Paris. Die Nachricht, das, Pvos<sor La m in a s ch I» Paris , Weilt, macht großes Aussehen. In dev zweien Hälfte 'des Krieges ist Lammasch im Herrenhan,e überaus - mannhaft aufgetreten und machte scharfe Front ge en die Siegs.iedlev. Er soll auf Wunsch von Staatsmännern der Entente an den Ort t er Frieden tkonserenz "abgereist sein und keine Bollmach en der beu'schösterreichifchen Regierung beji e t.» Daß Dr. Lam masch berufen ist, Aufklärungen üler die Zust.'ürte in den Kronländeru des alten Oesterreich zu geben und über die politische, sowie wirtschaftliche Lage Teutschösterreichs erschöpfend zu informieren, wird nie and bebezweifeln. Bei dem Vertrauen, bas dieser Politiker in den Errtentestaaten genießtkann man seinen Besprechungen mit großer Zuversicht entze zensehen. Es i ist deshalb anznnehmendaß er, wenn auch seine Vollmachten. so doch Instruktionen vom Auswä Ligen Amt erhalten hat, die ihn in den Stand setzen, für dis Republik in Paris zu sprechen und zu wirken, üammasch ist auch Mitglied des Haager SchtedsgerichtshoseS und eine Kapazität auf dem Gebte e des internationalen Rechtes. Bei der Beratung des BölkerbundstatüteS wollte feine Stimme nicht ungehört bleiben. Die innere Lage in Frankreich. Die inneren Verhältnisse in den siegreichen Frankreich sind nichts weniger als geklärt. Clemenceau hat mit seiner maßlos imperialistischen und unversöhnlichen Haltung zwar einen großen Teil der bür e. lichenPresse, so' insbesondere den „Matin" auf seiner Seite. In gleichem Maße aber, in welchem diese ihre Forderungen und Ersatzansprüche steigert, wächst in den linksste'enden Parteien die Unzufriedenheit, umsomehr, als die chauvinistische und herrschsüchtige Außenpolitik von einer unerträglich reaktionären Innenpolitik begleitet wird. „L'Humanits", das sozialistische Blatt, führt daher einen scharfen Kampf gegen die Negierung, und wer diesen verfolgt, gewinnt den Eiirdruck, daß das Land sich über kurz oder lang vor schwere innere Krisen gestellt sehen wird. Der re-olutionäre Geist ist in den französischen Massen nie ganz erstorben. Die gegenwärtige Juüelstimmung der siegreichen Bevölkerung, die sich endlich von hen Li en der Jn.va,ion M befreit sieht, hat zwar die Energien, die sich an^esammelt haben, eindämmen, das Gären und Kochen der Leidenschaften aber keineswegs e sticken können. Der Bolschewismus als reine Idee findet kaum in einem Lande den Boden so bereitet wie in Frankreich. Die Auswüchse, die er in Rußland und in Deutschland gezeitigt hat, schrecken den Bürger zwar ab, der an e.trem-sozialistische Gcdankengänge seit Jahren gewöhnte französischer Arbeiter sieht in ihnen lediglich Dinge, die sich aus der gegenwärtigen wirtscha,tüchen und politischen Zerrüttung des russischen Riesenreiches ergeben, die aber nicht das geringste gegen die Idee an sich besagen. Er setzt in seine russischen Klaisen^e rossen das Vertrauen, daß es ihnen gelingen wird, all bicrc Widerstände zu überwinden, allmählich die Ordnung im Lande wieder herzustel^en, und dann zu beweisen, daß dem Bolschewismus allein die Zukunft gehöre. Daher erhebt er leidenschaftlich Einspruch peren die von der Entente beabsichtigte und zum Teil bereits eingeleitete Intervention in Rußland. Tagtäglich veröffentlicht „L'Humanits" Dokumente, die hierauf Bezug Halen und führt eine heftige Kampagne < e zen die Bourgeoisie- Regierung Clsmenceaus, welche sich dazu hergibt, die Befreiung des Proletariats mit Waffengewalt zu verhindern. Clemenceau seinerseits übt eine Diktatur aus, die sich durch derartige Angriffe nicht im geringsten beeirlstu's.'n läßt. Die Versamurlungs- und Redefreiheit im Lande wird aufs äußerste eingeschränkt. Die sozialistische Frauenvereinigung hatte eine Versammlung vorbereitet, in welcher Longüet, der französische Teilnehmer an der Berner Konferenz, und andere sozialistische Männer und Frauen über verschie ene sozialpolitische- Fragen, wie Kinderschuh, Kinderarbeit usw. sprechen sollten. Diese Versammlung wurde verboten. „Dinge", spottet „L'Humaiiitö", welche kei e früheren Regierung verdächtig waren, werden von der gegenwärtigen Negierung gefürchtet." Eon ke on erem Interesse ist es, die Sie üngnahm« dieses Blattes zu den wirtschaftlichen Fragen zu verfolgen. Der neue Minister für den Wiederaufbau hat einen Ap'/eck an alle Industriellen gerichtet, damit sie de Produktion ihrer Unternehmungen aufs äußerste stri e n. Im Zusammenhang bannt prägte er das Wort von dem Hymnus auf die Pro' u lim. „Ri', wurde ein ' and schändlicher bciro en", schreibt „HumanitS" dazu, und rechnet aus, baß die wesentlichsten P oluktionsz'oeiie in den Händen'einiger ganz weniger Betriebe kar^e^iert.sind, die eine unumschränkte Gewaltherrschaft au-üben und den Markt, zum Schaden'des Arbeiters wie de.' Kon'umestten ihre Bedingungen aufoktroieren. Die englische Negierung hat eine Enquete peranstal cV Um die Kriegsgewinne der Kohlengruben festznstellen. „Wann treten wir endlich so weit sein", ruft „L'Hun anitä" neitzerftil t au! Nicht die geringsten Anzeichen teilen dara.., hin, daß die fvanzöfische Regierung beabsichtigt, in ähnlicher Wecke to zu ehen» Da'e' steig! ti: ui ischastliche Notaze on Tag zu Tag. Der D iei-erausban rec zerstör ien Gebiete erfordert einen Rn e mufivanb an Material und Menschenkrast. Beides kann Frankreich aus elzerer Kraft nicht bestreiten. So muß es zuselen, baß seine Bundesgenossen sich in die Arbeit teilen. Ein italienisches Finanzsyndikat hat die Beschaffung italienischer Arbeitskräfte bereits in die Meze geleitet und zunächst 30.000 italieni'che Arbeiter nach Frankreich ü e führt. Die Amerikaner haben während des Krieges enorme Kapitalien im Lande investiert, rie i.,e Hafenanlagen und Eisenbahnen gebaut, de en Erträgm,,e den Amerikanern zugute kommen werden. Holland, Belgien und England haben eigens Kvmmifsi"nen nach Frankreich geschickt, um festzustellen, in welche: Form die Industrie die'er Länder zum Wiele.'aufbau beitragen kann. Das alles bedeu'et eine maßlose Vergrößerung des Importes, während Frankreich, um sein« Han'e.'sbi'anz einigermaßen wieder ins Gleichg: wicht zu bringen, n'chts dringender benötigt, als eine Steigerung des Exporte?, So sieht sich die französische Bevölkerung euer täg'.ich wachsenden Ausbeutung durch die andr en Nationen gegenüber, die sich naturgemäß in den Arbeiterklassen am fühlbarsten macht und dort voraussichtlich bald zu heftigen Reaktionen füt-ren wird. Besondere Anerkennung verdient die Hauung der französischen Sozialisten in bezug auf die Steilung zu den besiegten Völkern. Ohne' sich durch die Hrchslüt des Ha ses und der Rachsucht leirren zu lassen, welcher das chauvinisti'che Bürgertum unterliegt. predigt „L'Humanits" Tag für Tag die friedliche und versöhnliche Haltung der deutschen Bevölkerung gegenüber und Seite S . kämpft mit aller Energie für die sofortige Aufhebung der Blockade und die rascheste Te.sorgung der hungernden Bevölkerung Deutschlands mit Lebensmitteln. „Wer' noch, trotz der letzten fünf Jahre einen Funken von Menschlichkeit in sich verspürt", schreibt das mutige Blatt, „wird hier ein reiches und Lohnendes Betäti-' gungsfeld finden". Die Wahlen zum jüdischen RaLLonalrat. Wie wir berichtet haben, wurde in der letzten Plenarsitzung des provisorischen jüdischen Nationalrates beschlossen, die Vorarbeiten zum definitiven Nationalrat sofort einzuleiten. Die möglichst rasche Konstituierung eines ordnungsmäßig. gewählten Nationalrates in Deutschösterreich ist gegenwärtig die wichtigste politische Forderung der nationalen Judenschast. Ans breitester Grundlage wird zunächst ein Wahlkataster angelegt. Jeder Jude und jede Jüdin,, die im Jahre 1919 das 20. Lebensjahr vollenden, sind wahlberechtigte Dem jüdischen Nationalrat kommt eine doppelte Bedeutung zu. Er hat nicht nur die Rechte der Juden in Deutschösterreich zu vertreten und die Forderungen nach unseren nationalen Minderheitsrechten durchzusetzen, es kommt ihm auch die wichtige Obliegenheit zu, den Zusammenhang mit der nationalen Judenschast der anderen Länder herzustellen und in den wichtigen Belangen des allweltlichen Judentums mitzuwirken. Die bisherigen Leistungen des provisorischen Nationalrates, insbesondere nach den galizischen Pogromen und nicht minder in Angelegenheit der jüdischen Forderungen vor dem Friedenskongreß sind allgemein anerkannt. Um so energischer wird von der bewußten Judenschaft in Wien und in der deutschösterreichischen Provinz die Ersetzung dieser provisorischen Körperschaft durch eine legitim gewählte gefordert. Gewiß mit vollem Rechte. Wenn es gelingt, einen großen Prozentsatz drr deutschösterreichischen Judenschast im Wahlkataster unseres Nationalrates zu vereinigen, so ist uns um die Zukunft der deutschösterreichischen Judenschast nicht dang«. Wir sind aber auch tief durchdrungen von der Ueberzeugnng, daß der jüdische National rat für die Mitarbeit der Judenschast an dem Aufbau der deutschösterreichischen Republik von größter Bedeutung ist, daß er ein gedeihliches Zusammenarbeiten der Juden mit den apderen Staatsbürgern ermöglichen und ein gesundes Verhältnis' zum deutschen Volke herbeiführen wird. Mit der größten Energie muß die Agitation für die Natiönalratswahlen in Angriff genommen und die jüdische Bevölkerung in Stadt und Land aufgeklärt werden, . Inland. Das Staatsamt des Aeutzern. Bis zur Stunde ist noch keine Klarheit darüber geschaffen, ob und wann Dr. Bauer, der mit der Leitung der Sozialisierungskommission betraut wurde, von seinem Posten im Aeüßeren Amt scheiden wird. Es sind Verhandlungen im Gang, 'die teils mit Dr. Franz Klein, teils lHt dem gewesenen Ministerpräsidenten. Baron Beck geführt werden. Bei^- verdienen unstreitig alles Vertrauen; aber über ihre Haltung zu dem momentan wichtigsten Punkt, der Anschlußfrage, ist viel zu wenig bekannt' geworden, als daß man jetzt schon Stellung nehmen könnte. Auch der Name des Professors Dr. Laun, der zurzeit der Delegation in Bern angehört, wird viel genannt. Gegen Dr. Klein arbeiten hauptsächlich die Christlichsozialen, die ihn ablehnen, Iveil er bei den Wahlen zur Konstituante von der Wählerschaft ab gelehnt worden sei. Wenn ihnen das Votum der Wählerschaft so wichtig ist, so muß man doch an den Herrn Stöckler erinnern, t “r gleichfalls durchgesallen ist, aber trotzdem von den Christlichsozialen abermals zur Leitung des Ackcrbauressorts präsentiert wurde. Die Sozialdemokraten verhalten sich reserviert, offenbar weil sie bereits die kommende Einwirkung der Entente in ihre politische Rechnung einstellen. Dagegen wollen die Deutschnationalen den Rücktritt Doktor Bauers mit der Opposition beantworten-, weil sie daraus ein« Gefahr für den Anschlußgedanken befürchten. Aber auch sie werden umstecken müssen. Gestern haben die Führer der Großdeutschen/Abg Dr. Waber und der gewesene Znaimer Abgeordnete Teufel die Einberufung des Ernennungsausschusses beim Präsidenten Seitz urgiert. Der Präsident sagte ihnen die baldige Einberufung zu. Der Ausschuß soll morgen nachmittags zusammentreten, wird aber kaum zu einem anderen Beschluß als der vollkommenen Ablehnung der Ernennung kommen. In den politischen Kreisen hat die Ankunft eines der führenden italienischen Diplomaten, des Grafen Potte re della Zonca, viel Aufsehen erregt. Graf Poltere soll mehrere Tage in Wien verbleiben. Man nimmt an, daß seine Reise mit der Frage der Zugehörigkeit des deutschen Südtirol sowie mit den italienisch-jugoslawischen Konflikten in Verbindung steht. Italien hat in Paris erklären lassen, daß es als Voraussetzung für die Unterfertigung des Präliminarfriedens die sofortige Entwaffnung der Südslawen verlangen müsse. Es soll möglichertveise ein Einvernehmen mit der Wiener. Regierung in dieser Angelegenheit und be-