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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-18 · Heft 59 (18.3.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 59 (18.3.1919)
Date
1919-03-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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VelLe 2 Wien. Diensrag hat. Eür mindestens einjähriger ununterbrochener Aufenthalt. wenn auch' ohne eigentlichen Wohnsitz, dürste dem Wohnsitz gleichgestellt werden. Es wird aber Vorsorge für die nicht gar so seltenen Fülle getroffen werden müssen, daß jemand in zwei Staaten einen Wohnsitz hat (z. B. ein Wiener Fabrikant, der auch eine ständige Wohnung am Orte der etwa in Böhmen gelegenen Fabrik hat, oder ein Wiener Arzt, der im Sommer seine Praxis ständig in einem böhmischen Kurort mrsübt nsw.), oder daß jemand sich länger als ein Jahr (etwa als Flüchtling oder krankheitshalber in einem Sanatorium) außerhalb seines Wohnsitzstaates aushäkt. Lebhafter Streit herrscht darüber, ob nur Einzelpersonen oder auch die sogenann'en juristischen Personen (z. B. Aktiengesellschaften) zux Steuer herangezogen werden sollen. Sicher ist, daß die Besteuerung der Geseliscbaften neben der Besteuerung ihrer Mitglieder ein? Dopoelbcsteuernng bedeutet. Der Aktionär, der die Steirer von seinen Aktien entrichtet, spürt auch noch die Sten.'r der Aktiengesellschaft im Kurse, bzw. der Dividende seiner Aktien, wenn die Gesellschaft selbst auch bcfterrcrt wird. Fraglich ist, ob zum steuerbaren Vermögen nur das sogenannte werbende Vermögen gerechnet werden wird (d. i. Vermögen, welches einen Ertrag abzuwersen bestimmt ist, wie Grundstücke, Häuser, Maschinen, Waren usw.) oder auch das Gebranchsverrnögen (das nur dem persönlichen Gebrauch des Wgrntümers dient, wie Hausrat n. dergl). Der deutsche Wehrbeitrag hat das Gebrauchsvermögeil freigelassen. Indessen liegt dann der Gedanke nahe, daß die Stonerpflichtigen ihr Vermögen in gewissen hochrvertigenGebrauchZgegenständen, z.B. Schmuck, anlegen, um der Steuer zu entgehen. Derartige Objekte werden also wohl steuerpflichtig sein müssen. Die eingangs erwähnt? Vollzugsanweisung verfügt denn auch die An- Meldung wenigstens jener Schmucksachen und Luxusgegenstände, die seit Kriegsausbruch angeschasft wurden. Sehr schwierig ist vielfach dir Bewertungsfrage, insbesondere bei landwirtschaftlichen Grundstücken. Zu wünschen ist, daß die ohnedies schwer belastete städtische Bevölkerung gegenüber der landwirtschaftlichen nicht dadurch benachteiligt werde, daß der letzteren ungerechtfertigt? Begünstigungen bei der Bewertung zugestanden, werden.!' Di? Einheb urig der Steuer wird wohl über Wunsch des Steuerpflichtigen in Teilbeträgen, die auf länger? Zeit zu verteilen fern werden, gestattet werden müssen. Viele werden ja nicht in der Lage sein, die Steuer ans einmal zu entrichten, ohne werbendes Vermögen zu veräußern und dadurch ihre Existenz zu verlieren. Von größter Wichtigkeit ist endlich ein geordnetes Veranlagungsverfahren und eine Rechtskonirols? durch den Verwaltungsgerichtshof. Man wird der Steuerbehörde gewiß alle Mittel an die Hand geben müssen, das Vermögen zu ermitteln und zu erfassen. Andererseits muß aber auch der Steuerträger in der Lage sein, sich gegen willkürliche Schätzungen mit Erfolg zur Wehr zu fetzen. „Willkommen zur Rückkehr in die Heimat!" Araber und Juden in Palästina. , Wir berichteten unlängst, daß aus der Londoner Zicmiftenlonftrenz ein Brief des Chefs der arabischen Delegation in Paris, Emir Feisul, verlesen wurde, der sich in herzlicher Sympathie für den Zionismus äußert. Ein gutes Verhältnis zu den Arabern ist ein? der wichtigsten Voraussetzungen der zionistischen Arbeit in Palästina. Die ersten Ansiedler, die in das Land kamen, hatten blutige Kämpfe mit den Aralern Das jüdische Leben in Petersburg. (Spezialberrcht der Wiener Morgenzeitung".) Petersburg, Ende Februar ISIS. Leit Mitte November vorigen Jahres find wir von bit übrigen Welt abgeschnitten. Wir erfahren so gut wie nichts über die Vorgänge in der jüdischen Welt in Europa und Amerika. Wir haben Hierzulande eine nur offizielle Presse. Nichtbolschewikische Zeitungen existieren seit langer Zeit nicht mehr und wir sind auf die offizielle Information angewiesen. Selbst von dem Judenpogrom in Lemberg haben wir fast drei Wochen später als die übrige Welt etwas erfahren. Ab und zu erscheinen zwar in der Presse Mitteilungen der englischen Funkentelegraphenstation in Karnarwone, die uns bisweilen auch über die wichtigsten jüdischen Vorgänge informieren. So erfuhren wir auf diesem Wege von der Einberufung der Londoner Zionistenkonserenz sowie vom Stand der Palästinafrage auf der Friedenskonferenz. Derartige Nachrichten werden aber nur sehr selten von der hiesigen Presse gebracht. Es ist daher ein großes Glück, daß die zionistischen Bureaus in Europa und Amerika stets bemüht sind, uns Informationen zukommen zu lassen. Jede Nachricht aus dem jüdischen Leben ist für uns von außerordentlichem Wert. Das Hruptunglück unseres öffentlichen Lebens ist gegenwartig der Hunger, der den Mittelstand und die ärmere Klasse am schwersten trifft. In Petersburg befinden sich zurzeit mehr als 50.000 Juden; die Reicheren unb Wohlhabenderen. die sonst in der Stunde der Not stets hilfreich beisprangen, sind längst geflüchtet. Die Lebensmittelzufuhr nach Petersburg wie überhaupt nach den großen Städten ist sehr gering; denn das reich gewordene Dorf streikt. Dar russische Bauer will um keinen Preis Brot abliefern. Die bolfchewtkijchen Kommissäre versuchten durch Strafexpe- Wrerrer Morgerrzettuirg zu bestehen und noch in jüngster Zeit ereigneten sich oft räuberische Ueberfälle, denen auch Menschen zum Opfer fielen. Dabei handelte es sich allerdings nicht um bewußte Feindschaft, um organisierte arabische Kämpfe, sondern vielmehr um beduinische Räubereien, die besonders unter türkischer Verwaltung leicht möglich waren. Das Problem einer Auseinandersetzung, mit den Arabern wurde immer drängender, da die jüdische Arbeiterschaft in den billigen arabischen Arbeitskräften einen natürlichen ökonomischen Gegner hatte. Die Verantwortlichen zionistischen S ellen haben immer betont, daß die Juden die arabischen Bauern (Fellachen) nicht verdrängen und schädigen wollen, daß vielmehr die, höhere Wirtschaftskultur, die die Juden ins Land bringen, auch den Arabern zugute' kommen wird, deren extensive Wirtschaft keine rationelle Verwertung des Bodens zuläßt. Während des Krieges ist es besonders Dr. Wetz mann in Palästina gelungen, die arabische Intelligenz, die zu nationalem Selbstbewußtseiu erwacht ist, von der Parallelität der jüdischen und arabischen Interessen zu iU erzeugen. Als.ein Symptom dieses Verständnisses, das die besten Erwartungen für die Zukunft und für das freundschaftliche Zusammenleben der beiden Völker «chtfertigt, erscheint der Brief Emir Feisnls, der uns den Willkonnngruh der arabischen Bnldernation entbietet. Der jüdische Nationalismus ist nicht aggressiv und nicht imperialistisch. Er will dem jüdischen Volk ein menschenwürdiges Dasein schaffen, darüber hinaus ater wünscht er die friedliche und freundschaftliche Verständigung aller Völker. * Wir geben nachstehend den vollen Text des Briefes wieder, der jetzt vom Kopenhagener Zionistischen Bureau verlautbart wird. Hedschas-Delegation. Paris. 1. März 1919. Sehr geehrter Herr Frankfurter. Ich möchte die Gelegenheit meiner ersten. Berührung mit den amerikanischen Zionisten benutzen, um Ihnen zu sagen, was ich Dr. Weizmann schon oft sowohl in Arabien wie in Europa sagen konnte. Wir sind der Ueberzeugung, daß Araber und Juden nahe Rassenverwandte sind, ähnliche Verfolgungen durch Mächte, die stärker waren als sie selbst, erlitten haben und durch ein glückliches Zusammentreffen in der Lage waren, zusammen den ersten Schritt zur Verwirklichung ihrer nationalen Ideale zu tun. Wir Araber, besonders die Gebildeten unter uns, blicken mit tiefster Sympathie auf die zionistische Bewegung. Unsere Deputation hier in Paris kennt genau die Vorschläge, die gestern von der zionistischen Organisation der Friedenskonferenz unterbreitet wurden, und wir halten sie für. mäßig und berechtigt. Wir werden unsererseits unser Bestes tun. ihnen zum Siege zu verhelfen. Wir wollen den Juden unser herzlichstes „Willkommen" zu ihrer Rückkehr in die Heimat zurufen. Mit den Führern Ihrer Bewegung, besonders mit Dr. Weizmann, standen und stehen wir noch immer in engster Verbindung. Er hat unserer Sache große Dienste geleistet, und ich hoffe, die Araber werden bald imstande sein, den Juden ihre Güte zu vergelten. Wir arbeiten zusammen für einen neugestalteten und wieder«,, siebenden Orient, und unsere beiden Bewegungen ergänzen einander. Die jüdische Bewegungist national und nicht imperialistisch und auch unsere Bewegung ist national und nicht imperialistisch, und in Syrien ist für uns beide Raum genug. Ich glaube, daß jeder von uns des anderen Volkes zum wirklichen Erfolg bedarf. Weniger unterditionen, dt« a»s dem ganzen platten Lande die Lebensmittel requirieren sollten, den Bauern die Bedeutung der Städte nahezulegen, jedoch ohne Erfolg. Die Bauern besaßen übrigenauch nur wenig Getreide, da im vorigen Jahr »vegen der Unruhen sehr wenig gesät wurde. Die vorhandenen Kartoffelmengen haben die T mern für bas Vieh verwendet. Als schließlich die Requisitionsarmee dalebende Inventar einfangen wollte, schlachteten die Bauern bas Vieh und verbrannten er zum größten Teil. Zahlreiche Bauernaufstände haben deswegen stattgefunden. Im russischen Bauerntum haben die Bolschewiken ihren Todfeind. Die Folge hiervon ist, daß in den Städten, wo ja der größte Teil der jüdischen Bevölkerung konzentriert ist, keine Lebensmittel vorhanden find. Es kam so weit, daß die Bolschewiken sich gezwungen sahen, da- Verbot des Handels mit Lebensmitteln auszuheben. DaS Verbot blieb vorläufig nur für den Handel mit Brot und Fleisch in Kraft. Diese Einsicht kam aber zu spät; denn inzwischen ist daS platte Land ruiniert und der normale Handelsverkehr vollkommen vernichtet worden. Die einzige Rettung bilden jetzt die Hamsterer und verbrecherischen PreiStreiber, die zum großen Teil in den Reihen der Beamtenschaft zu finden sind. Die Massenflucht aus Petersburg hat naturgemäß eine schwere Krisis für das jüdische Gemeindeleben gebracht. Die Existenz der Gemeindeverwaltung in Petersburg ist tatsächlich in Frage gestellt. Wegen Mangels an Mitteln ist die Gemeinde gezwungen worden, zahlreiche Institutionen ökonomischer und kultureller Natur ein gehen zu lassen. Zahlreiche Personalentlassungen mußten vorgenommen werden, was das Heer der Arbeitslosen noch vergrößerte. Ab und zu erhalten wir zwar aus Amerika Beträge; so sind erst vor kurzem vom Joint Distribution Eomniittee in New-Uork bei dem hiesigen Hilfskomitee (Vorsitzender Herr Heinrich Slips« 18. März 1919 Nr. 59 richtete und weniger verantwortliche Menschen als Ihre und unsere Führer, die nicht die Notwendigkeit eines Zusammenwirkens der Araber und der Zionisten kennen, haben versucht, auf die lokalen Schwierigkeiten .hinzuweisen, die notwendigerweise in Palästina in den ersten Entwicklungsstadien unserer Betoegungen entstehen müssen. Einige von ihnen haben, wie ich fürchte, den arabischen Bauern Ihre Wünsche und den jüdischen Bauern unsere Wünsche in einem falschen Lichte gezeigt, mit dem Erfolg, daß hieran interessierte Parteien Kapital aus dem geschlagen haben, was sie unsere Differenzen nennen. Ich möchte Ihnen meine feste Ueberzeugung aussprechen, daß diese Differenzen nicht in Prinzipienfragen, sondern in Detailfragen bestehen und solcher Art sind, wie sie unvermeidlich bei jeder Berührung benachbarter Völker Vorkommen müssen und durch beiderseitigen guten Willen leicht beseitigt werden könne,« Sicherlich werden hei genauerer Kenntnis fast alle verschwinden. , Ich und mein Volk mit mir sehen einer Zukunft entgegen, in der Sie uns und wir Ihnen helfen -werden, sodaß die Länder, an denen wir gemeinschaftliches Interesse haben, aufs neue ihre Rolle in der Gemeinschaft der Kulturvölker der Welt spielen werden. Unterzeichnet: Feisul. Polittsche^undfchau. Die Anschlußfrage. Immer stärker tritt Frankreichs Opposition wegen des Anschlusses Deutschöstecreichs an Deutschland hervor. Der Vorsitzende der territorialen Kommission Andrä Tardieu, hat ein Referat über die Festsetzung der Grenze zwischen Deutschland und Deutschösterreich überreicht und damit den offenen Widerspruch Frankreichs gegen den Anschluß festgelegt. Er hat dies noch durch eine Erklärung an die Pressevertreter unterstrichen und ausdrücklich ausgesprochen, daß die Alliierten eine Abhängigkeit Dcutschösterreichs von Deutschland nicht dulden können. Auch eine Volksabstimmung könnte unter dem System, das in Deutschösterreich herrsche, nicht gestattet werden. Der Minister des Aeußern, Herr Pichon, hat in einer Aussprache mit den Pressevertretern mitgetetlt, daß die Friedenskonferenz die Frage der Schaffung eines neutralisierten unabhängigen Deutschösterreich noch nicht bündig geprüft habe. Doch sei es nicht zweifelhaft, daß dieses Regime Deutschösterreichs Vorteile auf wirtschaftlichem und nklitürischem Gebiete sowie hinsichtlich des Handels bieten würde. Auch er hält es bei den bisher befolgten Methoden für ausgeschlossen, baß eine Volksabstimmung in Oesterreich aufrichtig sein könnte. Die Frage des Anschlusses tritt also jetzt in ihr entscheidendes Stadium- Da der Friedensvertrag nach der Meinung der führenden Ententediplomaten nicht mehr lange auf sich werde warten lassen, wird auch die Regelung dieser Angelegenheit beschleunigt werden. Das bedeutet aber gleichzeitig, daß die gegensätzlichen Meinungen mit größerem Nachdruck geltend gemacht werden. Retardierend wirkt natürlich der Umstand, daß die Friedenskonferenz ohne Anhörung von Vertretern der besiegten Staaten verhandelt. Nur daraus sind die Zweifel an einer Aufrichtigkeit der Volksabstimmung zu erklären. Unter diesen Umständen muß man aber hervorheben, daß unser Auswärtiges Amt gerade jetzt jeden falschen Schritt vermeiden muß. Gerade jetzt ist dringend notwendig, haß die bisher kmpulsive und stürmische Methode durch vorsichtige Erwägung ersetzt werde. berg, der in der ausländischen Presse fälschlich totgesagt wurde), 50.000 Dollar eingegangen. Aber diese Summen reichen beiweitem nicht aus, die Not auch nur einigermaßen zu lindern. Bor etwa 14 Tagen erließ der Gemeindorat einen verzweifelten Aufruf an die jüdische Bevölkerung. In diesem Aufruf heißt es unter anderem: „Der Untergang unserer Gemeinde würde den Untergang eines der stärksten LebenSzweige der russischen Judenheit bedeuten, er wäre der Tod deS jüdischen Gesellschaft-lebend, ein nicht wieder gutzumachendes Unglück. Brüder Juden! Kommt den, von Euch gewählten Gemeinderat zu Hilfe! Wir leben jetzt in einer schweren finanziellen KrtsiS. D^e Gemeinde ist ohne Mittel zur Erhaltung der religiösen, kulturellen und wohltätigen Institutionen. ES gibt nur eine Möglichkeit, die Gemeinde zu retten, die Selbftbesteuerung." Leider muß gesagt werben, daß die Aussichten nicht sehr günstige sind. Beim besten Willen ist die Bevölkerung nicht in der Lage, dem Gemeinderat die ausreichend« Hilfe zu leisten. Die reicheren Elemente befinden sich längst in der Ukraine, in der Krim ober in Sibirien. Vielleicht werden sich einzelne Personen zusan,mentun, um unter größter persönlicher Opferwilligkeit die Existenz der Gemeinde zu sichern. Das russische Judentum hat so viel Opferfreudigkeit bewiesen und beweist sie heute noch in ungewöhnlich hohem Maße, das; diese Hoffnung eine berechtigte ist. Inmitten dieses schweren finanziellen Ringens ist die Gemeindeverwaltung vor eine ganz neue Situation gestellt worden: die Trennung dev Kirche vom Staat. Laut dem Dekret der Bolschewiken ist die Gemeinde verpflichtet, binnen kürzester Zeit die Trennung der Syuagvgengemelnde mit allen dazu gehörigen Institutionen von, Staat durchzuführen. Zur Durchführung dieser Aktion ist ein be-» sonderer Ausschuß gewählt worden, bestehend aus 20 Personen,

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