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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-15 · Heft 56 (15.3.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 56 (15.3.1919)
Date
1919-03-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien. Samstag Polittsche^tundschau. Das Petroleumgebict unter ukrainischer Herrschaft. iOngmalbmcht der ,Wr. Morgenztg.^ Drohobycz, Ende Febmar. Die Zustände in unserer Stadt mrd in dem zum Bezirk gehörigen Petroleumrevier sind, sowohl irr bezug auf die persönliche Sicherheit, wie auch in bezug auf die Versorgung mir Lebensmitteln und sonstigen dringenden Gebrauchsgcgensründcn die denvbar schlechtesten. Die Einfuhr von Lebensmitteln und Salz ist rrotz der so häufig verlautbarten Freiheit des Handels mit Lebensmitteln in einer Weise erschwert, daß die Stadt faktisch von jeder Zufuhr abgesperrt ist. Als Einfuhrgebühr werden oft für kleinere Quantitäten Betrage bis zu 100 Kronen per Einsuhrschein eingehoben und dazu noch die Gültigkeitsdauer so kurz bemessen, daß die Möglichkeit benommen erscheint, die bewilligte Einfuhr auch bewirken zu können. Für einen Waggon Holz werden 50 Kronen als Einfuhrgebühr erhoben. Dies trifft die ärmsten Schichten, die sich nicht rechtzeitig mit Holz für den ganzen Winter versorgen konnten. Dazu kommt noch die Willkür der militärischen Posten, die trotz Einfuhrscheine die Ware einfach konfiszieren. Das neugeschasfene Ernährungsamt ist ausschließlich aus Landwirten aus den Dörfern zusammengesetzt, die ein Interesse daran haben, die Einfuhr zu erschweren, um den Landwirten hohe Gewinne zu verschaffen. Trotz mehrmaliger mündlicher und schriftlicher Urgenzen will das EruährungSamt von einer Ernennung von Juden als Beiräte für dieses Amt nichts hören, obwohl die Juden 56 Prozent der Sladtbcvölkerung ausmachen. Jüngst wurde sogar ein Einfuhrverbot für Lebens-- milteerlassen. Dies bewirkt, daß in Drohobycz 100 Kilogramm Erdäpfel mehr als'200 Kronen, 1 Kilogramm Zucker 72 und 78 Kronen, 1 Kilogramm Mehl 20 Kronen, 1 Meter Holz 80 Kronen kosten. Die Unterbindung des Verkehrs und dir Erschwerung der Reisen nach Wien, wo die meisten Zentralen und Eigentümer der Naphthaunternehmungen wohnen, haben es mit sich gebracht, daß zirka 25 Prozent der Schächte schon heute außer Betrieb sind, ein weiterer Teil wird bald folgen müssen, da die Borhslawer Direktionen leine Möglichkeit haben, mit ihren Zentralen zu verkehren und Weisungen wie auch Geldmittel zu empfangen. Es dürften daher weitere Betriebseinstellungen folgen, größere Partien von Arbeitern und Angestellten «»ntlos werden und die bestehende Not nur vergrößern. Es ist daher nichts naheliegender, als daß die von Hunger und Not geplagten Arbeiter zu Diebstahl und Raub ihre Zuflucht ergreifen und dem Bolschewismus anheimfallen. In der Stadt und in der zirka 10 Kilometer von der Stadt entfernten Gemeinde Stebnik ist je eine Saline vorhanden, welche auch im Kriege größere Quantitäten von Salz zu exportieren pflegten. Die Verwaltungen dieser Salz-^ :rcrle geben jedoch den Juden und oft sogar den jüdischen Konsumvereinen kein Salz out und bewirken dadurch, daß 1 Kilogramm Salz, das bis zum 1. November 1918 3? Heller, jetzt offiziell K. 1.59 kostet, lediglich im Schleichhandel zu K. 4.— bis K. 5.— zu bekommen ist. Dieser Schleichhandel wird ausschließlich von Ukrainern betrieben, da nur diese Salz in den Salinen bekommen. Tie Erschwerung der Erlangung von Passierscheinen hat in letzter Zeit den bisher bestandenen Unfug noch gesteigert; ein Kaufmann bezahlte für die Verlängerung eines Passierscheines um 5 Tage 60 Kronen und ein Naphthaindustrieller für die Pidierung einer in Wien von der ukrainischen Gesandtschaft ausgestellten Reisebewilligung nach Drohobycz und zurück in Stryj die Horrende „Gebühr" von 1500 Kronen. Die Einhsbung von gesetzwidrigen Stempelgebühren ist auf der Tagesordnung. Im S ch u l w e s e » negiert die Drohobyezer Ghmnasialdirektiou die den Juden auf Grund der proklamierte» nationalen Autonomie zustehenden Rechte und verlangt bie Erteilung des Religionsunterrichtes in ukrainischer Sprache. Ebenso erklärte der Bezirksschultnspektor, daß ihm von einer Einstellung von hebräischen Lehrern an der hebräischen Volksschule auf Staatskosten nichts bekannt ist. Ter jüdische Nationalrat in Drohobycz hat bei Gründung des Naphtharates verlangt, daß in diese Körperschaft auch zwei Vertreter der Juden ausgenommen werden und motivierte dies damit, daß die Juden der Westukraine mit zirka 25 Prozent an der Naphthaindustrie interessiert sind. Ein diesbezügliches schriftliches Gesuch, das vor drei Monaten, überreicht worden ist, blieb bisher unbeantwortet, und aust eine mündliche Urgenz antwortete ein maßgebendes Mitglied dos Nationalrates „my ne potrebujemo waszoi konüoli“ (wir brauchen nicht eure Kontrolle). So sieht die „Autorromie" in der Praxis aus. Wo stehen wir? Flumec schwerer findet man sich in den Wust luui Nachrichten zurecht, die aus Paris über die Verhandlungen der Friedenskonferenz und ihrer verschiedenen Unterl'omitees in die Welt gesendet werden. Die Größe und unbegrenzte Fülle der auf der Tagesordnung stehenden Fragen mag es mit sich bringen, daß die Verhandlungen einen Gang nehmen, der sich für die ungeduldige Erwartung von Millionen niedergedrückter Menschen, denen der Krieg in diesem oder jenem Sine zur Geißel geworden ist, allzu schleppend gestalten. Aber man kann sich nicht verhehlen, daß der Verlauf der Fricdeusverhandlungen für alle jene eine, große EiliLmn'chung bedeutet, die sich von Paris die Ausstrahlungen jenes Geistes erwariet-en, in dem die Kund- Wiener Morgenzeitung _ Französische Anklagen zum Konflikt mit den Tschechen. Genf» 13. März. sTcl. der „Wr. Morgenztg.") Der Pariser „Temps" vom 11. d. M. bringt Details über das „ungarisch-deutsche Komplott" gegen die Tschecho-Slowatei und klagt die Deutschen an, daß sie, obzwar geschlagen, in ihrem unlohalen Verhalten fortfahren. Durch die aufaefangenen Dokumente sei erwiesen, daß Wien, Berlin und Budapest Zusammenarbeiten. Man frage sich mit Anruhe, was geschehen würde, wenn die Entente zuließe, daß die Berliner Deutschen Deutschosterreich annektierten. Danzig an die Polen gefallen. Cambons Entscheidung. Krakau, 14. März. (Polnische Telegraphen- Agentur.) Ein Pariser Funkspruch meldet r Dem „Intranfigeant" zufolge hat die Kommission für volnische An elegenheiten, die unter Vorsitz Cambons tagte, dahin entschieden, daß Danzig samt einer entsprechenden Küstenzone dem polnischen Staate zuerkannt werde. Die nähere Bezeichnung der Ostgrenze sowie die Frage von Ostvreußen find dem Zehnerrate der Friedenskonferenz Vorbehalten worden. Anruhen in Kleinasien. Griechisch-türkische Kämpfe. London, 13. März. (Tel.-Komp.) Die „Times" meldet aus Konstantinopelr Der Zustand im Hinterlands von Smyrna ist nicht befriedigend. Das gespannte Verhältnis zwischen Griechen und Türken führt zu Gewalttaten, die die Extremisten auf beiden Seiten begehen. Seit einigen Tagen finden Kämpfe zwischen bewaffneten griechischen Bergbewohnern und Gendarmen statt, wobei es Tote gab. Die Kommissäre und Militärbehörden der Alliierten sehen den Zustand als besorgniserregend an. gebungen der Ententemänncr während des Krieges gehalten waren und der aus Wilsons Worten noch immer deutlich wird. Wie oft hörte man aus dem Munde französischer und englischer Staatsmänner, daß der Kampf um die Errichtung einer wahren Demokratie und um die Selbständigkeit der Völker gehe, daß man keineswegs an Unterjochung fremder Völker oder gar an Eroberungen denke. Die Forderung nach Selbstbestimmungsrecht war — es ist noch nicht so lange her — in aller Munde, und feierlich stellte man sich auf den von Wilson in seinen vierzehn Punkten niedevgelegten Standpunkt, den sich die Zentralmächte erst zu einer Zeit zu eigen machten, als sie die Unmöglichkeit weiteren Widerstandes sahen. Was man jedoch heute hört, ist von den einstigen idealistischen Grundsätzen so tveit entfernt, wie der Himmel von der Hölle. Man mag zur Not begreifen, daß der Siegesrausch noch immer seine Orgien feiert und mag verstehen, daß man über die zu leistende Kriegsentschädigung berät, die unter den Gesichtspunkt der „Wiedergutmachungen" fassen kann, von denen Wilsons Proklamation ausdrücklich spricht. Aber je schwerer die materiellen Lasten sein sollen, welche nran den Besiegten aufertegen will, umso mehr müßte man diesen Lasten als Aktivkonto die Gewährleistung gegenüberstellten, daß die Freiheit und Unabhängigkeit der Länder für alle Zukunft garantiert werden soll, denen die Kriegsfolgen noch lange in allen Gliedern liegen werden. Statt dessen droht sich ein neuer Imperialismus über die Welt verbreiten zu wollen. Die Franzosen betreiben eine lebhafte Propaganda zur Losreißung des linken Rheinufers von Deutschland, die Tschechen stützen durch Berufung auf längst verstaubte historische Rechte ihre Ansprüche auf geschlossenes deutsches Gebiet, die Polen fordern Danzig, weil es einmal polnisch war, neues Blut fließt in dem erbitterten Kampfe, den Polen und Ukrainer um Lemberg ausfechten, und zuletzt stellen sich die Jtalieirer ein, um ihre Ansprüche auf Bozen und Brixen burdj dialektische Wendungen mit dem von Wilson proklamierten Selbstbestimmungsrecht', in Einklang zu bringen. Immerhin muß man den Italienern das Kvmplient machen, daß sie ihren ».pacro eßoiamo“ nicht ohne Aufrichtigkeit verfechten. Ihre Argumente entbehren schließlich einer gewissen Logik nicht. Denn was dem einen recht ist, warum sollte es dem andern nicht billig fein? Wenn die Polen vierzig, die Tschechen dreißig Prozent fremder Bevölkerung ihrem Staate einverleiben sollen, warum gebührt Italien nicht ein viel geringerer Prozentsatz an nichtitalienischer Bevölkerung? Am bedauerlichsten bleibt es vielleicht, wie in allen diesen Fässen mit den Begriffen songiie t wird. Was in früheren Zeiten einfach Machtansprüche waren, das tritt heute unter dem Mäntelchen historischer Rechte oder, wie es gerade paßt, strategischer Sicherungen auf. Dabei vergißt man oder will man vergessen, daß strategische Sicherungen des einen den Nachbar leicht 16. März 1919 9£l btt in den Zustand strategischer Wehrlosigkeit bringen können, der dann mit dem gleichen Rechte für'sich strategische Sicherungen fordern könnte, so daß früher oder später das alte Spiel von neuem beginnen kan». Es steht durchaus im (Änklange mit diesen Gedankengängen, die man gerne einer bereits überwundenen Epoche zuzählen möchte, daß auch das Programm der Abrüstung immer deutlichere Gegnerschaft findet und man sogar auf den absurden Gedanken verfallen ist, Deutschland ein aus Söldnern bestehendes Heer oktrviren zu wollen. Der springende Punkt ist dieser: Zwischen dem alten staatlichen Machtgedanken und den Jdeengängen, die dem Völkerbundprvjekt zugrundeliegen, kann es kein'Kompromiß geben. Der Völkerbund wird nie das werden, was er nach Wilsons Msichten werden soll, wenn seiner Begründung eine machtpolitische Sättigung vorausgeht, die gegen den Willen der Minoritäten erfolgt. Wenn nicht wirklich die Möglichkeit aller Jrredentismen beseitigt und den Völkern nicht ihre angebornen Rechte werden, dann ist der Völkerbund, der größte Gedanke, der diesem Kriege entwuchs, begraben und der Krieg selbst für alle Teile verloren. Lansing hat in diesen Tagen in einer Pariser Rede ein beherzigenswertes Wort gesprochen: „Die echte Weisheit ist die, die die Menschen lehrt, den Erfolg und die Niederlage in gleicher Mise zu tragen". _ Die Friedenskonferenz. Wilson in Brest. Vrest, 13. März. (HaväS.) Der „Georges Washington* mit W l l s o n an Bord ist um 10 Uhr abends in Brest eingetroffen. Paria» 14. März. (Tel.-Komp.) Präsident Wilson, der gestern abends m Brest mit dem „George Washington" gelandet ist. fühlt sich lehr wohl. Die Folgen seiner Erkältung sind vollständig gewichen. Die Person Wilsons wird mtt größter Aufmerksamkeit bewacht, dam t er mchr wie Clemmceau das Opfer emes Attentats werde. Auf dem Wege vom Brester Molo wurde Wilson ständig begleitet. Die Bewachung geschah aber derart, daß sie weder Aussehen erregte, noch dem Präsidenten unangenehm wurde. Viele Hunderte französische und amerikanische Mhcnn-- polinsten befanden sich in Verkleidung unter der Menge. Es wurven sogar jene Hauser bewackt, bte der Präsident passieren mußte. Auf dem Mrnser Bahnhof wird der Präsident von Pomcare begrüßt werden. Ueberdies wird eine Ehrenkompanie aufgestellt, bte ihn bis in seine Wohnung begleiten wird. Montag wird Willon eine Rebe über die Sltuatton m Amenka gegeniiber dem Völkerbund halten. Die Deutschen liefern ihre Handelsschiffe ans. Amsterdam, 14. März. (Tel.-Komv.) Der Brüsieler KorresvondeM des „Telegraas" meldet von gestern abends: Heute nachmittags ist die Konferenz zwischen den Delegierten der Alliierten und der Demschen im Hotel „Astoria* erönnet worden. Sofort nach Beginn der Sitzung wurden den Deutschen die. Bedingungen der Alliierten vorgelesen. Um 4 Uhr zogen sich die Mitglieder zurück, um in den Kommissionen weiter M beraten. Diese Beratungen dauerten bis 5 Uhr. Um 7 Uhr fand wieder eine Plenarsitzung statt. Wie ich erfahre, wurde et ne völlige Uebereinstrmmung erzielt. Die deutsche Delegation hat die Bedingungen der Alliierten über die A u slieferung der Handelsflotte angenommen. Es ist aber nicht wahrscheinlich, daß Mitteilungen an die Presse geneben werden, bevor das Ergebnis der Verhandlungen amtlich in Paris und Berlin eingetrosien tst. Die deutschen Kolonie«. — Die türkischen Besitzungen. Genf, 14. März. (Tel. der »Wr. Morgenztg.) Der Zehnerrat der Pariser Konferenz hat sich mit den Fragen der Aufteilung der Besitzungen Deutschlands an Kolomen mrd jenen der Türkei beschäftigt. Darnach teilen sich Frankreich und England in diesen Gebieten, und auch Italien erhält einige Inseln im Stillen Ozean und Kolonien in Afrika. Telegramme. Der Schluß der Londoner Fiouisteukonfereuz. Nationalisierung des Bodens in Palästina. Kopenhagen, 13. März. (Del. her .Wiener Morgenzeitung".) Das Zionistische Bureau meldet: Auf der Montagsttzung erstattete die Kolonisationskommission den Bericht Welcher die unbedingte und durchgängige Nationalisierung des Bodens in Palästina fordert. Dieser Antrag, den gesamten Grund und Boden dem Volkseigentum des jüdischen Volkes vorzubehalten, wurde von der Majorität der Kommission unterstützt, insbesondere setztem sich folgende Delegierte dafür ein: De Lieme, Julius Simon, Leon Motzkin, Agr. Dilkanski, Kaplanöky, Schochat, Syrkin, Berlin. Die Minorität stellte den Antrag, daß außer der Nationalisierung aller durch die Kolonisationsverwaltung übernommenen Ländereien auch der private Kauf Melassen werde, wobei nur die Bodenspekulation und der Erwerb von Großgrundbesitz aus-, zuschließen feien. Dieses Minoritätsvotum wurde von D t s < ngoff, Eisenberg und Jean Fischer unterstützt. Die Diskussion gelangte zu keinem endgültigen Ergebnis. In der Dienstagsitzung, in welcher Ussischkin Präsidien,, erstattete David Dellin den Bericht der ErziehungZkomm iss ton. Mittwoch ist der letzte SitzungStag. Jüdischer Kongreß in Kanada. Kopenhagen, 14. März. (Tel. der ,Melier Morgens zeittmg".) Der jüdische Kongreß in Kanada ist nunmehr definitiv für den 16. bis 18. März nach Montreal einberufen. Die Delegierten werden auf Grund allgemeiner direkter Wahlen, ähnlich wie beim amerikanischen jüdischen- Kongreß, gewählt. Auf der Tagesordnung stehen die Palä-! stinafragc. die Frage der nationalen Rechte der Juden in der Diaspora und das Emigrationsproblem.

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