Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-03-13 · Heft 54 (13.3.1919) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 54 (13.3.1919)
Date
1919-03-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979131--00461-2985756
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

©eile 2 Wien. Donnerstag Wiener Morgenzettung 13. März 1919 Nr. 64 Brot und Friede für Deutschland. Die Leistungen Amerikas. — Lebensmittel gegen die Anarchie. — Schutz der deutschen Industrie zwecks Schadloshattung. Politische^rundschau. I Nachwirkungen der Kriegspsychose. Jemand hat neulich gesagt, Deutschland wäre völlig u-iversehrt geblieben, rvenu cs sich bei einem eventuellen iiberhaicht nicht verteidigt hätte. Wenn in GedankengSnge hineindenlt,' so liegt in dicü'in scheinbar durchaus paradoxen Wort kaunr eine Ueberir.'iöung. Wir eine geistige Verblendung ohnegleichen ihren .'>anvtanreit an dem Ausbruch des Krieges tragt, so hätte ein nnentiv.'gies moralisches Standhalten Wirkungen ausgeübt, die eilen möglichen Häufungen von Kriegsmitteln aleichgetommeu wären. Nur die wachsende Verbissenheit der elämviendeu hat über die Welt den Taumel von Psychose gebracht, die wie «in dicker Nebel über der Menschheit lagert u-.ch vor. t :v Sieger wie Besiegte nicht verschont bleiben. Diese Psiunoie merkt man an dein französischen Verhalten auf Dchrirt und Tritt. Aber auch in Deutschland will man Ilichr begrei eu, wie sehr sein Auftreten nach dem Znsammeubriicb feine Lage verschlimmert hat. Wir haben schon mehr- ''ach daraus hingewicsen, wie ungleich besser heute Deutschland daslüiibe, rvenu man in der Not der Zeit begriffen hätte, wi- ''ehr e - darauf anfomiue, neue, von feiner Vergangenheit belauere i'.'iäiiner an die Spitze zu stellen. Ein Blick auf » die Line oer Wortführer und Mitglieder dcS deutschen Zieichstages bringt für diese Behauptung den schlagenden Beweis, idroel e \ Teln enbach, Payer, die Nationalistenhetzer, Byzantiner und Sclundanten von Brest-Lilowsk, Naumnim, der „geiftreiche" Schwätzer und Konjunkturpvlitiker, ein sozialistischer vtmirrumiir wie Landsberg, Wolfgang Heine, der fozialdemotrati'cho Schwärmer für ,Laiser und Reich" ~r sie alle sind ivieder da. Und an dex Spitze steht Scheidemann, der mit der Regierung durch dick mrd dünn ging. Herr Eribera,-'. der, so lange alles gut ging, für die schärfsten Maüreaeln in Belgien eintrat, führt die Wasfenstillstandsverhaudlurgen und.nach neuesten Nachrichten soll sich Graf Brockdorrs Rantzau, der gewesene Leiter her deutschen Munitionspropaganda, der sich gegenwärtig seinen Mitbürgern bei den zahlreichen feierlichen Protestkundgebungen gegen die Bcrgeivalrigung Deutschlands als alter Pazifist präsentiert, in dad Amt des Friedensunterhändlers mit dem Sozialisten Eduard David teilen, der Herr defensiven Charakter des Dreibunds verteidigte und Deutschlands finschrrld am Kriege zu benwisen suchte. Dieses ungeschickte Verhalten, das für Deutschlands Zukltnft die größten Gefahren birgt, entspringt keineswegs bewußter Absicht. Es ist bloß eine Folge des völligen Unvermögens seiner führenden Männer, die Dinge im ivahren Lichte zu sehen. Man kann in Deutschland nicht . mnlernen und will nicht begreifen, daß eine völlige Umstellung in geistig-politischer Hinsicht dem französischen Chauvinismus längst allen Wmd aus den Segeln genommen hätte. Man ums; cs immer und immer wiederholen: Was Deutschland zu seiner Rettung braucht, sind neue Männer, die das Ruder der Regierung ergreifen, Männer ohne politische Vergangenheit, die bei den Böllern der Eutente moralischen Lircdir genießen. Cs ist vorläufig nebensächlich, zu welcher „Riä'tnng" die Betreffenden gehören. Man lasse die Politiker verschwinden und Menschen an deren Stelle treten. Es gibr solche in Deutschland ebensogut wie anderswo; wenn mau üe ernsthaft sucht, werbe» sie sich unschwer finden lassen. Di- Polen haben einen Klavierspieler zum MinisteriHiüuvuieu gemacht, der an Chauvinismus dem gewiegtesten polnifch.'n Politiker nicht nachsteht. Wie wäre es, wenn in Deutschland, das sich noch immer das Volk der Dichter und Dealer nennt, Männer schaffenden Geistes einzurenken suchten, was die Politiker und Soldaten so heillos verdorben haben? Sezession in der tschecho-slowakischen Sozialdemokratie? Drzeichnend für die Stimmung in der tschechischen sozialdniiouam'chen Partei ist die Nachricht der ^Socialistickö Listv", das; nur der Mitte Februar stattgefundenen Konferenz beschlossen v.nt>b<‘, überall Grnpvrn genossenschaftlicher S o l a l i st e n zu bilden. Das Blatt schreibt weiter: „Wir wollen eine Bereimaung sämtlicher sozialistisch Denkenden, ihr M'plf mD die Repubuk uebendm, welche jedoch auch an die Ideale iH'i, Soziakiemus glauben, welche wollen,, daß der Sozialismus ein schövieeischrr Faktor wird." Zu diesem Zwecke wurde ein Atiions-msschuß der „genoffenschasmchen Sozialisten" unter der Rührung der Abgeordneten H a b e r m a n n, H u d e c und M o d r ü c e k, gebildet. Es wird ferner darauf hingewiesen, d?.ü eine geschichtliche Notwendigkeit für den :' ch e rh i scheu Sozialismus ist, sich vom ll'i a r r i s m tt s z n befreien, welcher deutschen lü «1 fr e 3 ist. Die Scheidung ist UW so dringender, weil der So;ial'smus in allen Ländern darauf drängt, von der Theorie 'p.'w.s sozialer Reformarbeit zu übergehen. Die Fratze eines Wahlrechtes. " :e Debatte in der nieberösterreichischerr Landesvers.'wiuliing über die Reform der Wiener Gemeindewahlordnung rr’fjt deutlich, daß die neue Wahlordnung ein zwischen Soizaliviiiefrufcn und Christlichsoziale» abgekartetes Spiel war, uüe ia auch die zwei herrschenden Parteien das Wahlgesetz nu M Rationnlversatnmtmtg zu Nutz und Frommen ihrer Raeriailtatur vereinbart hatten. Es kann nicht nachdrücklich genug betont und für alle „'.uiuui: 'estgclegt werden, daß die deutschösterreichische SozialdemokratieausPartet egoismus für ein Wahlrecht gestimmt hat, welches eine M in d e vhe i tSvertretung unmöglich macht. Der vathetilchc Ausruf des Abgeordneten Skaret, die neue Wahlordnung sei kein Unrecht, sondern bringe „bas gleiche Reust »ür alle" klingt wie bittere Ironie. Zu treffend hat ein Abgeordneter in der provisorischen Landesversammlnng das von der christlichsozialen-sozialdemvlvatitch.'n stn.ttiiion diktierte Verhältniswahlrcchi die Fratze eine r- W a b s r e ch t c 0 genannt. Paris, 12. März. (Agence Hapas.) Bei einem zu Ehren der amerikanischen Delegation auf der Friedenskonferenz veranstalteten Bankett legte Marschalt Foch die Anstrengungen der amerikanischen Armee dar - und gab ein Bild der den Alliierten von den Vereinigten Staaten geliehenen Hilfe, deren Truppenzahl in Frankreich sich von 300.000 Mann gm 11. März 1918 auf 1,700.000 Mann im Oktober 1918 erhöht hatte. Die amerikanische Armee habe aus diese Weife mächtig zmn Siege beigetragen. Staatssekretär L au fing wies'zunächst auf die Bande der Freundschaft hin, die Frankreich und die Vereinigten Staaten verbinden. Gegenwärtig hätten die vereinigten Anstrengungen dev großen Völker der Welt den Erfolg herbeigeführt. Die kaiserlichen Ll^meeu der Zcntralmächte haben aufgehörr zu bestehen, Geschlagen und zertrümmert . kehrten sie in die Heimat zurück, wo sie Hunger und Entbehrungen erwarten, die eine Folge des blinden Vertrauens in die unseligen Männer seien, die sie in den frevelhaften Krieg getrieben haben. Wir können, führt Lansing weiter aus, Mitleid mit dem unschuldigen deutschen Volke e nr p fr n d e n, aber unser Mitleid verschwindet fastwenn wir in Betracht ziehen, was Frankreich und atchere. Völfer>untex her Invasion der teutonischen Höchen gelitten Üben. Oestlich vom Rhein herrscht Hungersnot und Elend, da unter der Bitterkeit dsr Niederlage die soziale Ordnung in Auflösung sich befindet. Eine, ähnliche Anarchie, wie sie Rußland in einen Flammen-- herd des Terrorismus verwandelt hat, erhebt in den deutschen Staaten ihr 'Haupt. Ich bin der Ansicht, baß man die Verhältnisse, die der sozialen Agitation Nahrung zuführen, ändern und trachten muß, Deutschland, wenn auch geschwächt, zur normaler: sozialen Ordnung zurückznführen. , Redner schlägt vor, daß man Deutschland, «nt es ihm zu ermöglichen, der Anarchie Widerstand zu leisten, Lebensmittel «nd Frieden geben solle; denn wenn Deutschlands Industrie und Handel ohne Zufuhren blieben,, könnte Deutschland nie auch nur teilweise das Uebel gutmachen, das es «mgerichtet habe, und das Chaos würde die Bildung einer Rrgierung verhindern, die genug stark ist, «m die Büsttmmnngen des Friedensvertrages durchzuführen. Die Lage der Juden in Bessarabien. > Bon absolut zuverlässiger Seite erhalten wir die folgende Darstellung über die Lage der Juden in Bessarabien: Seit Bessarabien von den Rumänen besetzt wurde, herrscht dort em wahres Schreckensregimeyt, das namentlich die Inden zu fühlen bekommen. Ans allen Gebieten find sie Repressalien ausgesetzt, wobei man sich aller möglichen Vorwände bedient? Prügelstrafe und Plünderungen sind an der Tagesordnung, es werden beständig Requisitionen vorgenommen, kurz, es herrscht ein despotisches .Regime des* rumänischen Militärs. Man geht systematisch gegen die Juden vor und möchte sie am liebsten ganz ausrotten, weil die Juden als Wortführer der liberalen Ideen gelten und dadurch 'den Haß der Rumänen Hervorrufen, die sehen, daß die Stimmung des ganzen Landes gegen sie ist. Die in Bessarabien wohnenden - Rumänen sind gänzlich russifiziert und wollen von den rumänischen „Befreiern^ nichts wissen, sogar die Bojaren sind gegen sie, so daß die Rumänen auf keiner Seite Freunde finden.? Ein Plebiszit würde sich völlig-gegen die rumänische Herrschaft aussprechen. Unter solchen Umständen ist es die HaüpPsorge der Rumänen, das Land zu nationalisieren. Mit den? Schulen ist schon begonnen worden.'Die bestehendert jüdischen ' Schulen sind geschlossen worden unter dem Borwand, daß die Umgangssprache nicht die-rumänische sei. In verschiedenen Städten ist es zu Ausschreitungen und Mißhandlungen der Juden gekommen, wobei die beteiligten Soldaten straflos blieben. In Chotin. wurden ^uden ohne jeden Grund von Gendannen erschossen und unbeerdigt liegen gelassen. Es wäre höchst wünschenswert, eine europäische Kommission nach Rumänien zu schicken, welche die Verhältnisse untersuchen sollte. Die Juden in Bessarabien erklären, sie würden alle auswandcrn, falls Bessarabien rumänisch bliebe. Amerika hebt das Getreideausfuhrverbot auf. Amsterdam, 12. März. (Korr.-Bm.) Der „Telegraaf" erfährt aus N e w - V o r k, daß daS Getreideausfnhrverbot aufgehoben worden ist. 300.000 Tonnen Lebensmittel monatlich für das hungernde Europa. L o n d o «, 12. März. (Korr.-Bur.) Der Pariser Korreshondsnt des a i l h Telegraph" erfährt von der amerikanischen Friedenskommission, daß zur Versorgung Europas 300.000 Tonnen Lebensmittel monatlich notwendig find. Diese LebenSmittel werden hauptsächlich aus Weizen und Fleisch bestehen. Ein großer Teil davon kommt aus den Nordweststaaten Amerikas. Es wird allesMögliche getan werden, um Deutschland mit Lebensmitteln zu versorgen, aber es darf bei der Lebensmittelversorgung kein Vorrang eingeräumt werden. Die Wiedereröffnung der Prager Börse ans unbestimmte Zeit verschoben. Prag, 12. März. (Tschecho-slowalrisches Preßbureau.) Laut Bekanntmachung des Börsesekretariats wurde die PZ.edereröffnung der Börse aui unbestimmte Zeit verschoben. Znland. Niederösterreichische Landesversammlung. Die Gemeindewahlreformvorlage angenommen. Die niederösterreichische Landesversammlung hak gesterir nach einem Referat des Bürgernieisters Doktor Weiskirchnsr die neue Wiener Gemeinde Wahlordnung an ge nommen. und alle Ab änder u n g s v o r s ch l ä g e , hie seitens der Bürgerlichen itt bezug auf Koppelung her Listen und Seßhaftigkeit gemacht -wurden, ab gelehnt. Das Resultat wap Vorausznsehen, nachdem bekanntlich zwischen Christlichsozialeil und Sozialdemokraten ein Kompromiß besteht, die Wünsche der Deutschnationalen und dev Freiheitlichen in bezug auf ^Koppelung der Wählerlisten. und die Einteilung Wiens in einen Wahlkreis abzulehnen. Die Debatte bot daher eigentlich nichts besonders Interessantes, die Ausführungen der bürgerlichen, freiheitlichen Vertreter waren sozusagen in den Wind gesprochen, denn der eschluß stand schon im ^vörhirfem fest.^ , -?ä Nichtsdestoweniger muß httont werden, daß die Abgeordneten Fxiedmgnn und Dr. Ofner sowohl als der Deutschnatiönale Dr. Waber mit großem Geschick und Schwung gegen die Verkürzung der kleinen Gruppen durch die 'neue Gemeindewahlordnung eintraten. Besoud^xs die Ausführungen des Deutsch nationalen Dr. Waber gewannen erhöhtes Interesse, als er sich gegen die Behauptung wandte, daß es sich heute' nur um zwei große Parteien, die Sozialdemokraten^ und die Ehristlichsozialen? handle. Er betonte im Gegenteil, daß vier Gruppen tut Vordergründe stehen, nämlich außer den erwähnten zwei großen Parteien rwch -die deutschnationale und die mit großer Berechtigung auftretende jüdischnationale Partei, die in Zu-- kunft in die verschiedenen Vertretungskörper ihren Einzug halten werde. Wieder war es ein Deutschüationaler, der von berechtigter Stellttitg des Judentums sprach, genau so wie es kürzlich im Gemeinderat der Fall war. Will sind nicht stolz auf dieses Urteil, wir halten es für etwas selbstverständliches. Mer wir wollen es immerhin als ein Zeichen dafür registrieren, daß es iir manchen Äöpfen zu dämmern'beginnt. Nachstehend dev Sitzimgsbericht. \ Landeshauptmann v. Steiner eröffnet die Sitzung,, worauf Abgeordneter Dr. Weiskirchner das Referat über die Vorlage'erstattet, über die wir bereits vorgestern berichtet haben." Dr. Weiskirchner behandelt das aktive und passive Wahlrech't, .die Frage der Seßhaftigkeit und Heimaisberechtigung. Er bespricht die Verlautbarung dcr Wahl und der Wahlausschreibung, die Koppelung, und die gehunbene Liste,, die. Bestimmungen des Gemeindestatuts und die Durchfi'ihrungsklausel und bittet, schließlich mit. die Annahme des Gesetzentwurfes. Die Generaldebatte. Abg. Fpiedmann wendet sich gegen die Abniachungeir der zlvci großen Parteien und nennt die zustandegekommene Wahlordnung em großes Wahlunrecht gegen die bürgerlichen Parteien. Er verlangt hie Stimntenkoppelung, Einteilung Wiens meinen Wahlkreis, ferner die S e s; h a f t i gkeit und stellt schließlich den Antrag, daß wahlherechtigt nur jene beutschöstcrretchischen Staatsbürger sind, hie in einer Gemeinde des dentschösterreichischen Staatsgebietes Heimatb c chtigt sind. Abg. Silbe rer wünscht, daß die kleinen bürgerlichen Parteien sich her einen oder der anderen der zwei großen ijj> teien anschließen. Die bürgerlichen riskieren nichts, wMl sie jene Elemente der Sozialdemokraten verstärken, die nicht ins Extreme verfallen wollen, wie dcr Präsident Seih und der Staatskanzlcr Dr. Renner oder Gemeinderat ' Reumau n. Die Deutschnationalen Mögen sich vor Augen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.