Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 54 (13.3.1919)
- Date
- 1919-03-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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tzrek 30 HMrr «Hm Kt 9*dbtot ta» < (ttt: «ch. . . .» V.- |SMg * « gj^ < m V-Pverstmve W-yHIch. . . .» 7JS0 *8®* r ■ - ■ teuer Nr. 54 Wien, Donnerstag, den 13. März 1919 Kinrrierrnt-larr «ttis 30 Keürr IhrSrnmnttitat*« preisfvr da« Ap«1aadr M-patt-ch . . .K 8.— ffitrtxlfSfyriff , . „ 5B4.— g««tt8(rs?iö . . . 48.— ««tttf&rrte . .. H SS.— R-l»irktt<o» «. gumtiitijkwiiim: xu «adsi-Ma»» N-. 1-8 V»stspaikdajfe»-K»pda »». 150.698 1. Jahrgang Dentschösterreichs politische Lage. r. - —7 Wien, 13. März 1919. f- ■ Der Gesandte der tschecho-slowakischen Republik, Wer Tüsar, hat vorgest lern der deutschösterreichischen Wpublikein Ultimatum der tschecho-slowakischen Republik überreicht, in welchem die sofortige Aufklärung ßarüberge fordert wurde, ob' die Wiener Regierung bayrischen und sächsischen Militärkonventionen Kqrmtnis hat, die auf die Besetzung des okkupierten HeütsMöhmischen Gebietes hinMslanfen. Da die übliche Von 48 Stunden zur Beantwortung nicht eingehalten wurdet hat Herr Tusar gestern früh erklärt, keine weiteren Mitteilungen der deutschösterreichischen Regierung entgegen nehmen, zu können. Damit sind die politischen Beziehungen zwischen Wien und Prag abgebrochen. 'Herr Tusar weilt zur Stunde noch in Wien und. wartet die weiteren Weisungen seiner Regierung ab. j Die Geheündiplomatie. hat also so gut gearbeitet kpie unter Ezernill und Berchtöld. Die deutschösterreichische Oefsentlichkeit hatte keine Ahnung davon, das; zwischen uns und Tschechien eine derart tiefe Differenz besteht, die zu so weitreichenden diplomatischen Maß- Wrhttden Anlas; geben kann. Man hat uns im unklaren kiarüber. gelassen, daß tatsächlich Bestrebungen in Vollendung waren, einen neuen Krieg während des Waffenstillstandes zu entfesseln und Verhältnisse herbei- Mssthren,. die Oei der gegenwärtigen Lage der Dinge, bei der AüSbluiung unseres Staarswesens und bei der entsetzlichen .LebenslniLtelnot zu noch weiteren Abschnürnngeu unserer Pülsahern./führen konnten. Man W^Ü-trs..in.der stets gefälligen Wiener Presse die ApMvNugeu der. 'Prager. Staatsmännerals lächerliche Hirngespinste., hingeftellt ruch NMl hat uns über das 'NWRUW.ÄM-:'.^kcheHo-sHrwatzschLN Regierung im.. MWW^On-'-Hüb^st' gestern läilgerc Zeit mit 'dem Maätssekretär für 'Aeußeres Herrn. Dr. Bauer konseprert- und, Herr Dr. Bauer hat..zugegeben, daß der Staatssekretär für Heerwesen, der "Egerer Landwirt Mäher,. seine Vollmachten weit: überschritten ■ habe. Welche Vollmachten können das sein? Hat unsere Regierung davon gewußt, daß ein Einmarsch, desvUchsdeutscheu Militärs nach Deutschböhmen geplant sei, der. ,U,ter..dLtt. gegebenen.Verhältnissenzu einem fürchterlichen. Blutvergießen . hätte führew müssen, zu einem Blutvergießen, das umso entsetzlicher Hütte sein müssen, dg es doch/umsonst .gewesen wäre? Herr Dr. Bauer hat in.seiner gestrigen Rede in der Nationalversammlung.den ganzen Konflikt dementieren wollen. Er. hat erzählt -— und es klang sehr plausibel, was er sagte nmu. Befehle eines Oberstleutnants namens L^ber und eines.HauptnramreS namens Schwarz ausgefangen hätte, die tatsächlich feindselige Akte gegen die. ..tschecho-slowakische Republik vorbereiten wollten. Dieser Oberstleutnant Leber existiere nicht und ein Hauptmann Schwarz, aus den ein solcher Befehl passen Mnnte, sei bis'zur Stunde nicht auffindbar. Aber selbst Angegeben, daß es sich bei den Trägern dieser Namen ..«W, um Männer handelt, die in militärischen Diensten >dtzx.ideutsiHösterreichischen Republik stehen, hatDr. Bauer iMcht ^stws.ausschließen können, daß solche „Narren^, jtsjy^er sich selbst ausdrücktc, tatsächlich existieren. Es , D,' also eine leere Spiegelfechterei'. gewesen, die .Dp. .ÄkM aufgeführt hat, urrü dies fallt umso schwerer dhOejviHt:, als er es unterlassen hat, der Nativnalptzrsämmlung von der immerhin wichtigen Tatsache '.jWmvris zu geben, daß die tschscho-slolöakische Republik MO Politischen Beziehungen zu Wien abgebrochen habe. . Histte er dies getan, so wäre vielleicht die Abstiinmüng Wer den Anschluß an Deutschland, der ja ohnehin nur'mit 19 Stimmen Mehrheit beschlossen. wurde, skicht anders ausgefallen, aber doch vertagt worden, und es hätte nichts geschadet, die Entscheidung über eine Wage, die so tief in das Leben jedes einzelnen HauslMisys' in. Deutsch Österreich einschneidet, vielleicht nur Etir.''ein paar Stunden aufzu schieben, v' - Es hat sich ja gezeigt, daß. ein nicht unwesentlicher Teil des deutschen Volkes, .nämlich die Tiroler und Vorarlberger über diese ^rage doch ganz anders dtznkstt, - und es wäre vielleicht besser gewesen, die VerhyMlungen zwischen den Parteien so länge weiterzu-, fi'Mon,-bis sich eine Einstimmigkeit ergeben hatte. Es kann niemandem gleichgültig feig, daß man in Deutschland an dem Abstinttnungsrcsultate gerade das bemängelt. daß die Notionalversamtulnug in dieser für beide -Teile so wesentlichen ZukUiifissragc durchaus rückt'chM v«LW RMe hat RobLrt Abbruch der politischen Beziehungen mit der Tschechoslowakei. Die politischen Beziehungen zwischen Deutschöfterreich und der tschecho-slowakischen Republik sind gestern von Prag aus abgebrochen worden. ' Lemberg'vor dem Fall. Völlig eingeschlosserr. — Ohne Nahrung und Wasser, Nom, 12. März. (Tel.-Korr.-Bur.) Ein aus Posen eingetroffenes Radiotelegramm besagt, daß die Lemberger Nachrichten über die dort herrschende kritische Lage in ganz Polen ein Gefühl der Bestürzung ausgelöft haben. Lemberg wird als völlig von den Ukrainern umzingelt hingeftellt. Die anrÄckendstt Truppen befinden sich angeblich nur mehr einige hundert Meter von der Stadt entfernt. Der Verkehr zwischen der Stadt und der Außenwelt wird einzig mittels drahtloser Telegraphie und Flugzeuge ansrechterhalLsn. Studenten und Burschen im Alter von 14 und 15 Zähren haben sich, mit jeder Art von Waffen ausgerüstet, in Laufgräben verschanzt. Es mangeln ihnen jedoch Artillerie und Munition. Aus Kohlenmangel kann weder geheizt noch beleuchtet werden. Die ganze Einwohnerschaft von Lemberg leidet schrecklich an Durst, da' alle Wasser- /quellen von den Ukrainern beherrscht werden, f Auch, soll es an Lebensmitteln gänzlich i*f £ dre.MchMesunG,Mu^nhsn möglich getvorden fein. Ditz-MM wird von großkalibrigen Geschützen beschoffen und in einen Trümmerh aufen verwandelt. Dia Ukrainer bewerfen die Stadt mit Gasbomben. Die Zivilbevölkerung leidet Unsägliches. Furchtbarer Kamps um Lichtenberg. B e r l i n> 12. März. (Korr.-Bur.) Die „'25.3. am Mittag" meldet: Truppenteile der Garde- ' kavalleriedivision, die um 9 Ahr vormittags den Vormarsch über die Warschauer Straße antraten, haben um 10 Uhr. » a ch h e f t i g e m Kampf die Frankfurtern Allee erreicht und dort Anschluß an die Eiserne Marinebrigade gewonnen. Damit ist der Ring geschloffen, der die Gegend um den Schlesischen Bahnhof bis zur Warschauer Straße umfaßt. Sofort wurde durch die Seitenstraßen der konzentrische Vormarsch angetreten und das Kesseltreiben gegen die dort befind lichen Spartakisten begonnen. Stricker die sachlichen Bedenken gegen die Eile hervor-. gehoben, mit der unsere Regierung diese-Frage durchpeitschen will.; >, Aber die Fragen, die sich ans diesen Vorgängen des gestrigen Tages ergeben, sind < durchausi^nicht so seicht angetan, daß mau einfach zur Tagesordnung, übergehen könnte. Abbruchs der Beziehntzgen ' ist rm politischen und, wie wirseit dem.J-nlÖ-IHH. mit Ent-; setzen gelernt haben, nicht nur im Politiken,' sondern. im rein anirnalischen Leben der Völker eine so schwerwiegende Tatsache, daß man nichtz mit/einein Achselzucken sich einem anderen Thema^^ zutpend'en "könnte. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch bedeutetdiesesWort diplomatischer Ausdrucksweise die Vorbereitung des Krieges, die Höchstspännung internationaler Verwicklungen, und es tväre gewissenlos,..sich heute -mit'der einfachen Konstatierung zufrieden geben zg. wollen, daß uns. dies nichts schaden könne, weil ein -- Geschivollener' alles vertrage. Der Abbruch der internationalen Beziebnngen ist stets ein Beweis gegen die Kunst der -Diplomaten gewesen,'die zur kritischen Zeit sich am Tatort-beenden haben. Es kann also'gesagt werden, daß'sowohl.'Herr' Tusar, stör allerdings ein ruhiger, besönnenener Mann ,ist,-wie -Herr .Dr.-- Bauer nicht die richtigen Männer ans ihrem Platze waren. Herr Tusar ist freilich-nur das. aus1nhrem.de Organ der Mager Regierilng und er bat je seine Regierung davon in Kenntnis setzen müssen, daß die öffentliche Meinung in Deutschösterreich, die anfangs einem friedlich-schiedlichen Ausgleich mit der tschecho-slowakischen Republi geneigt war, sich seit der Okkupation Deutschböhmens und Südmähxens in sol-- cher Erregung befinde, daß man mit allen ,,Narren-/ streichen" rechnen müsse. Auch die Nichteinhaltung der ' Zusagen betreffs der Kohlensendungen hat das arme,, hungernde, verkommende Wien in eine Stimmung versetzt, die ruhigen Verhandlungen alles andere eher, denn förderlich ist. Herr Tusar hätte nach Prag berichten' müssen, daß die Abschnürung der Verbindungen imch Ungarn, die hochfahrende' und' beleidigende Sprache der Prager tschechischen Presse und bricht zuletzt, die bis! zunr Wahnwitz übertriebenen Blutberichte von Tschechenpogromen bei den Wiener Wahlen jeder friedlichen Auseinandersetzung nur schaden können. Aber die Versäumnisse des Herrn Tusar -— vielleicht sind sie es nicht seine, sondern solche der Prager Regierung — aufzuklären, seine Verantwortlichkeit sestznstellepstst nicht unsere Sache. Wir haben uns mitdem Leiter unserer mrswärtigen Politik, Herrn Doktor Bauer zu beschäftigen^ der gestern in der Nationalversammlung über den Anschluß an Deutschland und den tschechischen Konflikt gesprochen hat. Was er 'über die erstere Frage sagte, hat ihm von seiten des--Abgeordneten Robert Stricker eine derart Vernich Leiche Analyse eingetragen, daß auch die steirische^ Bauerubiindler sich diesen Argumenten nicht entziehen konnten. Dr. Bauer hat gemeint, ein Thema vertreteir zu können,- das bereits seelischer Besitzstand aller Bürger der Republik geworden' sei, und er hat deshalb nur von der äußerlichen, technischen .Seiten der Frage gesprochen. Er hat den Verhändlnngsstoffwie gerne zugegeben sei — sehr geschickt gegliedert und alle UuteraLteilungeir vvrgesilhrt, für deren.Behandlung Kommissionen zu. -HMelken fiE ' Hauptsache V-ioii;. ''ihMMNWMWEWWÄMstarWHMeHa'' .Stimmungen beherrschen die Pariser. Kostferenä, 'die ja ein sehr gewichtiges' Wort gerade in dieser Angelegenheit, die mi't der Frage der Staat.szugehörigkeit des linken Rheinufers und dern Orientprotzlem aufs innigste verwachsen ist, mitzusprechen hat? Herr Doktor Bauer hat allerdings mit seiner sehr efsLktvöll gespro-. chenen Berufung ans die Demokratie' den lauten-s Beifall seiner sozialdemokratischen Parteigeilü'ssen errungen. Mer er hat nichts, kein Sterbenswort.gesagt über die Methode seiner. Berhandlungeik, nichts-Tiber ihren Zusammenhang zwischen'Len von der Geheinidiplonmtie. Burians durchgepeitschten. .Salzburger §konfore.nzen, nichts über die wirtschaftliche, politische, soziale- und jvettwirtschaftliche Strnktnr'des Reiches, dem wir'.'uns. anschließen sollen. - , '; ■ Man steht einem Rätsel gegenüber. Jsü die Atinosphäre des alten Kaunitzschen Palais, ailf''dem--Ball-- Hausplatz so verwirrend und erstickend,,^aß.'sie selbst, ein so klares und kaltes Sentiment, '■ wie es ' Qtto^ Bauer stets war, unmebeln kann? Od^er hat Dr. Bauer srch, da er über keine such- und.fachkundigen'Beamten verfügt, den alten Trägern des Golurhowski-' oder Berchtold-Systems ,. an st Gedeih und, Verderb m die. Arrne toersens muffen? Aber selbst alles' dies angenommen — wenn auch ‘ nicht als : berechtigt - zugegeben — entsteht doch die Frage: Wesholv hat Herr > Dr. Bauer ' denn über die bedrohliche Wendung.der Verhandlungen ^nit^Herrn „Tusar dev Äcationalversammlung keine'Kenntnis gegeben? Allerdings beschränkt sich der Wbruchs der Beziehungenzu Prag nur ans die politischen Dinge. . Die. wirtschaftlichen Verhandlungen, erfichren keine sUnterbrechung.' Das ist aber kein Grmch zum Schwei-, ) gen. Man kann aus allehem bei. dem besten; Willen nur den Schluß ziehen, daß' .sich', die'Zeiten ''d'er'Mh'ewi-,, diplomatie nicht geändert haben.. Uysere innere Lage ist .verzweifelt, unsere äußeren Beziehungen -heillos, kompliziert. Ist es. dann, ein Wunder, . wenn wir in der . uns bisher feindlichen Umtvelt noch imnwr kein Vertrauen /finden können?/ Wir,haben. gestern 'die. Mitteilungen des Dr. Dillon reproduziert, Deutschösterreich habe für ' den Fall eines deutsch-französischen' Krieges — .der allerdings etwas unwahrscheinlich ist — seine Neutralität angeboten. Welchen Wert -hat diese Erklärung angesichts, unserer ganz wahrscheinlichen Ohnmacht,, unseres -Anschlusses an Deutschland/und nuserer dipwmatischen Unfähigkeit? Der gewesene französische Außenminister Pichon hat , vor dem Kriege einmal gesagt: „Wie kann inan mit Oesterreich sprechen, das gar nicht - weiß, was cv will? Wi.e. würde e^ jetzt sprechen?