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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-11 · Heft 52 (11.3.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 52 (11.3.1919)
Date
1919-03-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2 Wien, Dienstag Attener Morgenzertung 41. März 1919 9tr. 52 — .— mrnitmmimw ■■ ■■— ■■■■■■■■ ... . ,,w —M"amu Die armenische Frage. Bo» Dr. Artur Rosenberg. Bon den Armeniern wurde vom ersten Augenblick an, in dem durch die Erschütterung der ottomanischen Herrschaft in Dorderasien die Erfüllung der jüdischere nne der armenischen Wünsche in den Bs^etch der N!öglichkeit gerückt war, der Wert eines freundnachbarlichen Verhältnisses zu einem jüdischen Palästina erkannt. Es verlief kaum eine größere Kundgebung für ein jiddisches Palästina in London, Paris oder Rom, zu der die offiziellen Vertreter des armenischen Volkes nicht eine begeisterte Zustimnmngserklärung ergehen ließen. Auch neigt die Öffentlichkeit und namentlich die Presse der Weststaaten dazu, die jüdische Frage, soweit sie Palästina betrifft, gleichzeitig und meist gleichartig mit der armenischen zu behandeln. Tie politische Annäherung führte auch zu zahlreichen persönlichen Beziehungen der Zionisten mit den armenischen Kolonien der Wcststaaien. So hatte ich während meines Aufenthaltes in Nom Gelegenheit, mit den Führern der armenischen Bewegung in Italien in Fühlung zu treten. Ich will zur Aufklärung über die -armenische Frage und über das Verhältnis zwischen Juden und Armeniern jene Mitteilungen wiedergeben, die mir von M. Damadian, dem Vertreter des armenischen Nationalrates für Italien, zum Zweck der Veröffentlichung in der zionistischen Presse gemacht wurden. Juden, Armenier und Perser sind die drei ältesten .Kulturvölker, die der Welt erhalten biieben. Während die Perser ihr Staatswesen haben, muß die Zuordnung der Welt mm auch Juden und Armeniern ihr Recht zuteil werden lassen. Es gibt nicht ein drittes Volk in der Weltgeschichte, das auch nur annähernd ebensoviel Verfolgungen erlitten hätte, wie Juden und Arn eniec. Das Gefühl ah'o .ührt sie zueinamec. Dazu tritt die Gleichartigkeit der Interessen, auf dem otdomanischen Koben Borderasiens die neue Freiheit aufzubauen. In gleicher Weise sehen sich Armenier und Juden, die von allen übrigen Staaten in ihren Wünschen gefördert werden, durch Frankreichs Politik bedroht, das vom armenischen Gebiete ganz" Mittel- und Kleinarmemen begehre. Die Geltendmachung der jüdischen und armenischen Wüns>, wie sie die Drahtberichte der letzten Tag« meldeten, erfolgte durch Vertretungen dieser Völker,, denen jedoch nicht wie den vorerwähnten Staaten Sitz und Stimme ün großen Rat der Friedenskonferenz eingecäumt ist. Während diese Vorbedingungen einem Freundschaftsverhältnis zuträglich sind, besteht von keiner Seite emo Gefahr der Jnteressenkreuzung« da es in Palästina mit Ausnahme der kirchlichen Vertretung in Jerusalem keine Armenier gibt. Ueber dis armenischen Verhältnisse selbst erklärte Damadian, daß eine armenische Republik bereits seit ungefähr Jahresfrist mit der Regierung in Eriwan gebildet sei. die die Verwaltung der armenischen Gebiete, anerkannt von der armenischen und der nichtarmenischen Bevölkerung dieser Länder, in geordneter Weise leite. Präsident der Republik ist Katchazrwuni. Dis Armenier beanspruchen, wie dies übrigens später auch auf der Friedenskonferenz geltend gemacht wurde, Silicien und die ottomanischen Wilajets Erzerum, Bitlis, Wan, Diarbekir, Karput und Sivas und einen Teil des Wilajets Trapezunl sowie vom russischen Gebiete jenen Teil, der heute die armenische Kaukasusrepubiik bildet. Das armenische Reich würde sich demnach' vom Kaukasus über den östlichen Teil * Kleinasiens bis zum Mittelländischen Meer erstrecken und hier Alexandrette als seinen Verbindungshafen mit dem Weltverkehr haben. Gegenwärtig gibt es ‘?,200.000 Armenier in der Türkei, 2,000.000 in Rußland und 400.000 verstreut in allen übrigen Ländern. Diese Restoftände der armenischen Bevölkerung verblieben, nachdem mindest 600.000 Armenier, nach anderen Schätzungen über 1 Million, durch die' türkischen Behörden, die sich der Kurden als Hilfsmittel bedienten, niedergemetzelt oder durch Verhungern dem Tode preisgegeben wurden. 65 Prozent der armenischen Bevölkerung betreiben Ackerbau. Soweit die Armenier^ Handel treiben, geschieht dies hauptsächlich dort, wo sie außerhalb des geschlossenen armenischen Siedlungsgebietes wohne«. Die Behauptungen zahlreicher Forscher. daß das armenische Volk hauptsächlich ein Handelsvolk sei, ist unzutreffend. In dem von den Armeniern beanspruchten Gebiete tvvhnen gegenwärtig 51/2 Millionen Menschen. Die Armenier besitzen zwar in keinem Gebiete die absolute Mehrheit, sind jedoch unter den verschiedenen Völkern, die das Land bewohnen, das an Zahl stärkste. Durch Zuströmen zahlreicher Armenier. die nur wegen der unleidlichen politischen Verhältnisse außerhalb des geschlossenen Siedlungsgebietes tvohnten, würden die Armenier bald auch die absolute Mehrheit erhalten. Wirtschaftliche Lage und soziale Arbeit der amerikanischen Jude«. Bon Unserem Kopenhagen er Korrespondenten. Kopenhagen, Anfang März 1919. Der Poale-Zionist Zuckermann, der gegenwärtig als Mitglied der amerikanischeil Hifskommission für Polen in Kopenhagen weilt, berichtet einem Interviewer folgendes über die gegenwärtige ökonomische Lage der Juden in Amerika: Die Lage der 0 b e r e n S t ä n d e hat sich während des Krieges befestigt. Durch die allgemeine Hebung der amerikanischen Industrie und durch zahlreiche Re- Die Lebensmittelversorgung der Zenttalstaaten. Hoover Diktator des Eisenbahnwesens der Monarchie. — Die englische» Soldaten wollen die Frauen nicht sterben sehen. Paris, 10. März. (Funkspruch des Ungarischen Telegraphen-Korrespondenzbureaus:) Der Oberste Kriegs rat der Alliierten hat Hoover diktatorisch^ Gewalt über has einstige Reich Franz Josefs ververliehen. Er wird über sämtliche Eisenbahnlinien verfügen und das Verhältnis fest stellen, in welchem die einzelnen Nationen die notwendigen 'Lokomotiven und Waggons zur Verfügung stellen müssen. Seine Züge werden auf dem Gebiete sämtlicher aus dem ehemaligen Oester- ‘ reich-Uugarn gebildeten Staaten frei verkehren können und dürfen an den Ganzen weder'aus militärischen noch aus politischen Gründen aufgehalten werden. Das Eisenbahnwesen wird einem ameri- - kanischen Ingenieur nnterstellt, den Pershing zu diesem Zwecke bestimmen wird. Die Nationalstaaten müssen ihre Ma te r i a l i e n b e st än d e Hoover zur Verfügung stellen, damit diese samt den von den Alliierten zu liefernden Lebensmitteln in billiger Weise verteilt werden. Im Zehnmännerrat trat Samstag Lloyd George in einer energischen Rede, von Hoover unterstützt, den Nationen entgegen, die die Blockade : nicht aufheben wollten. Er erzielte auch den Beschluß, Deutschland bis zur Ernte mit Lebensmitteln zu versorgen und diese Aktion sofort zu beginnen. Lloyd George verwies darauf, daß, falks Deutschttand sich der russischen Anarchie anschließt, die ganze Zivilisation in Gefahr käme, Die ErnMmP Deutschlands sei daher eine Selbstverteidigung der übrigen Nationen. Die Darlegungen Lloyd Georges suchte Clemeneeau zu entkräften und es schien bereits, daß die Sitzung bei einem toten Punkte angelangt fest als Lloyd George seine letzte Karte ausspielte., Wtcr geradezu dramatischer Wirkung verlas er ein Dekagramm des Generals Plummer, eines der berühmtesten englischen 'Heerführers, das folgenden Wortlaut hat: ' ' v\ h-'''-'; „Die englischen Svldaten sind' eher' zum Aufruhr entschlossen, als weiter zu dulden, daß man sie 'zwingt, zuzusehen, wie in den Straßen der deutschen Städte Frauen und Kinder vor Hunger zusammenfallen." Dieses Telegramm wirkte wie ein Blih - schlag auf die Anwesenden. §)ie Zehnerkommission beschloß, die Weimar er" Regierung sofort zu verständigen, daß Deutschland bis August, also bi!-.' zur neuen Ernte, mit Lebensmitteln versorgt wird. gkerungsaufträge waren die Geschäftsleute in der Lage, ihr Einkommen wesentlich zu erhöhen. Dagegen haben die kleinen Geschäftsleute im Kriege gelitten, denn gerade sie betreiben zu einem großen Teile Branchen, die während des Krieges lahnigelegt waren. Zufriedenstellend gestaltete sich die Situation der Arbeiter, die durch die Staatsaufträge in den Fabriken ausreichend beschäftigt waren. Ihre Löhne erfuhren eine beträchtliche Steigerung, der allerdings eine außerordentlich starke Erhöhung der Lebenskosten gegenübersteht. Während des Krieges war das Problem der Arbeitslosigkeit fast verschwunden, man kann sagen, daß 95 Prozent aller Arbeiter ausreichende Beschäftigung fanden. Erst seit dem Beginn des WäfftnstiMandes ist die Arbeitslosigkeit neuerdings zu einem Problern geworden, das sich auch in den jüdischen Kreisen sehr stark geltend macht. Infolgedessen sind auch unter den jüdischen Arbeiterin Streiks an der Tagesordnung; so streikten die „Amalgamated Clothing Workers", von deren 60,000 bis 70.000 Mitgliedern 80 Prozent Juden sind zwölf Wochen lang« und. ihrem Beispiel folgten die Arbeiter anderer Industrien. Bei der Ubreise des Herrn Zuckermann befanden sich die Arbeiterinnen der Blusen- Industrie ebenfalls zum größten Teil Jüdinnen — im Streik, da sie auf ihrer Forderung einer 44stündigen Arbeitswoche bestanden. Dje jüdischen Arbeiterverbände bestreben sich, die Arbeiterfrage für die Demobilisierten möglichst glatt zu lösen. Um allen Zurückkehrenden ArbeitsmögKchkeiten zu verschaffen, unterstützen sie nach Kräften die Forderuim kürzerer Arbeitsstunden. Ueber die soziale Arbeit und das Erziehuug-s wesen äußerte sich. Herr Zuckermann wie folgt: Bei den amerikanischen Juden besteht eine starke Tendenz,, der sozialen Fürsorge jeglichen Charakter einer Wohltätigkeitsarbeit zu nehmen und sie vollständig zu einxr sozialezr^Selbsthilfe umzugestalten. Besonders die Erziehungsarbeit bestrebt man sich auf eine vollkommen demokratische Grundlage zu stellen. In den letzten Jahren haben die Arbeiterverbände aus eigenen Mitteln eine ganze Reihe von Schulen und Erziehungsinstiintionen eingerichtet. Die Poale-Zion und die National Working Alliance haben ihr Schulwerk, das sie vor einem knappen Jahrzehnt begannen, beträchtlich ausgebaut, obgleich ihnen das während des Krieges infolge Mangels an Zeit ruck Mitteln oft schwer genug geworden ist. Sie unterhalten zurzeit 54 Schulen mit je 60 bis 600 Schülern, davon 6 Schulen in New-Aork. Diese Schulen haben den Lehrplan der Pubfte Schools, wozu noch Hebräisch, Jiddisch, hebräische uno jüdische Literatur und Geschichte kommen. Die Arbeitervereinigung „Working-Circle", die über 60.000 Mitglieder zählt, hat den Beschluß gefaßt, gleichfalls Schulen einzurichten, die gegeu die anderen jüdischen Schulen nur den Unterschied aufweisen sollen, daß in ihnen vorläufig Hebräisch nicht in den Lehrplan der ersten Klassen ausgenommen wird. Einen sprechenden Beweis für das Erwachen eines starken nationalen Bewußtseins bi.det die Tatsache, daß der Arbeiterkongreß, der Ende Jänner stattfand, den Beschluß faßte, zu verlangen, daß in jeder Public-School die jüdischen Kinder aus Verlangen ihrer Eltern Unterricht in ihrer eigenen Sprache sowie jüdischer Literatur und Geschichte erhalten sollen. Auch die zionistische Organisation sowie die Gruppe „Haolim", "bte sich in Amerika gebildet hat und als Mitglieder solche Zionisten aufnimmt, die bereit sind, nach Palästina zu gehen, haben eigene Schulen eingerichtet. Durch die Bewegung der „Voung Judeans", junger Zionisten, die sich zu gemeinsamer Arbeit vereinigen, wird auch unter den schulentlassenen jungen Leuten jüdische Bildung verbreitet. Unter diesen jungen Leuten, wie überhaupt unter den Mitgliedern der zionistischen Organisation und der Poale-Zion,, ist die Sehnsucht! nach Palästina und der Wunsch, dorthin zu über-! siedeln, außerordentlich stark. Eine Reihe von jungen! Leuten sinh in Farmen eingetreten, um mit Rücksicht i auf ihre spätere Uebersiedlung nach Palästina den land-! wirtschaftlichen Betrieb von Grund auf kennen zu lernen. Das steigende Interesse für die Uebersiedlung nach Palästina wird auch durch junge Palästinenser, die während des Krieges nach Amerika gingen, gefördert. __ Polttische^Rundschau. Eine Gefährdung des Völkerhundes. Forderung eines holländischen Bölkerbundsreunöes. '* - Wilsons Standpunkt. Die Vorkämpfer des Völkerbundes in den. neutralen Ländern, die gewiß von den heften und reinsten Absichten beseelt sind, begehen einen schwerem Fehler, indem sie die Frage der Schuld am. Weltkrieg in den Vordergrund stellen und fordern, daß die Zentrakmächte vorerst die alleinige Schuld am Weltkrieg einbekennen. Der hochverdiente Sekretär dM-holländischen Antiovrlog-Rad, Bälvu.. de Iyn g y an Beek en D ouk äußerte sich nämlich in einem Schreiben an -Professor Brock hausen folgendermaßen: . . „Alles würde allerdings sehr gefördert werben, wenst Deutschland und Oesterreich erkennen wollten, die direkte Hauptschuld am Ausbruch des Krieges zu haben. Daß es üicte indirekte Ursachen gibt, und daß dieselben lange nicht mitauf Rechnung Deutschlands fallen, ist klar. Aber die unnnttclbare Ursache liegt bei den Zentralmächten, und dies müßte aberkannt werden." * Diese Forderung ist eine arge Verirrung. Es handelt sich doch um einen Bund der Völker und nicht' jener Machthaber, welche die Völker in den Krieg getrieben habest. Auch sind die Akten noch nicht darüber geschlossen, ob tatsächlich die alleinige oder die hauptsächliche Schuld ain' Weltkrieg bei Deutschland und Oesterreich liegt.:-Als Bebel die Unvorsichtigkeit beging, zu erklären, er würde sofort das Gewehr schultern, wem: Deutschland angegriffen. würde, hielt man ihm von sozialistischer Seite sofort entgegen, daß das Wesen der euröpätschen Diplomatie es unmöglich mache, zu erfahren, wer der Angreifer und wer der Verteidiger sei. Die diplomatischen Aktenbündel der Entente sind noch nicht, promulgiert und cs ist fraglich, ob sie jemals zur..Gänzst veröffentlicht werden. " ' , :: Nein. Werber Gründung des Völkerbundes die Schuldfrage erörtert, setzt sich ins Unrecht und schädigt die große Sache. Wie anders wirkt die letzte Rede Wilsons auf nii§ ein, die er in New-Aork hielt! Er sagte: „Der Völkerbund ist ein Abkommen, durch das sich die Welt verpflichtet, die - Grundsätze hochzuhalten, die sie außer Acht ließ, um den Preis des kostbarsten Blutes, das je vergossen wurde. Die von der österreichisch-ungarischen und. türkischen Herrschaft befreiten. Völker wenden sichan uns, nich t die Staatsmännersondern die V ö l l c r haben selbst an hie. Welt appelliert und Gerechtigkeit, Freiheit und Schutz verlangt. . . Die Seele dev Welt, ist. jetzt erwacht. Sie muß ihre Befreiung finden. Die Völker rufen aus: Wenn ihr glaub!, daß es etn Recht gibt ,uud daß man. dem Krieg ein Ende setzen rnüssc, höretauf, die. rivalisierenden Iut0r-- essen der Rati0nen inS. Auge zu fassen, und denlt an die Männer, Frauen und Kinder überall auf der ganzen Welt." Die von lauterstem Gerechtigkeitssinn und hoher Einsicht zeugende Aeußerung Wilsons mögen alle Gutitteinenden beherzigen, welche von Deutschland, Deutschösterreich und Ungarm vorerst daS Bekenntnis der Schuld fordern. Nicht Schuldige und Nnschiildrgc, nicht Bessere und Schlechtere, sondern gleichwertige Völker müssen den Völkerbund eiugehen, wenn er erstehen urid .erhalten werden soll.

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