Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-03-09 · Heft 50 (9.3.1919) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 50 (9.3.1919)
Date
1919-03-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979127--00426-2985717
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

*'. Sie. 50' , , , , V . 1 Wien, Sonntag «geschrieben ist und bat tatsächlichen Verhältnissen so wenig wie den Leistungen der Palästmakomniission gerecht wird. Wer ■feie Verhältnisse auch nur annähernd kennt, ist voller Bewunderung für die wunderbare geistige Renaissance, die die ganze Judenheit in Palästina ergriffen hat. Ueberall, auf allen Gebieten des privaten und gesellschaftlichen Lebens, in allen Klaffen lebt der Drang nach sozialer und politischer Erneuerung. Als ein Beiveis hierfür kann nicht zuletzt auch •fcic Gründung des Ha'Esrach angeführt werden. Zahlreiche andere Gründungen kultureller und ökonomischer Natur zeigen am besten den hohen Aufschwung, den die palästinensische!Judenheit seit der Befreiung des Landes genommen hat und itäglich irr gesteigertem Maß nimmt. Die zahlreichen literarischen Unternehmungen, die Wiedergeburt der hebräischen »Dresse, die Reorganisierung der Organisationen, der sieg- Ireiche Durchbruch des Hebräischen legen beredtes Zeugnis itzrerfür ab. Am bedauerlichsten ist eS, daß sich Herr Diftn- Wff über die Arbeitsfreudigkeit der jüdische» Bevölkerung Ku so abfälliger Weise äußert. — Lassen wir hier einen Aericht aus Jerusalem spreche«, der i» dem kürzlich veröffentlichten Band ü des ,Haarez wehaawoda" (herausgegeberr r Zentralkomitee des Hapoel-Hazair) erschienen ist: pDaS Arbeitsbureau, das fetncr§cifc gegründet wurde, chchl Berhaudlungen mit den britischen Behörden zwecks Ueber- Lvaguug von Arbeiten au die Juden eingeleitet. — Auf Grund einer Anzeige des ArbeitsbureanS meldeten sich Massen von Juden zur Einschreibung. —- Der Beamte jedoch, der dis Arbeitsverteilung (Wege- und Chaussecarbeiten) leitete, hat iuzwischen alle Arbeiten einem jüdischen Unternehmer unter der ausdrücklichen Bedingung in Auftrag gegeben, daß er hierbei jüdische Arbeiter beschäftige. Der Unternehmer aber hatte alle Mittel angewandt, um die Jude», denen er den von der Regierung festgesetzten Mindestlohu zahlen mußte, zu verdrängen und ließ die Arbeiten vou Fellachen verrichten, denen er einen weit geringeren Lohn zahlen konnte. i ES gab Zeiten, wo mehr als tausend Juden mit Wcge- «rbeiten beschäftigt waren. Anfangs Sommer hat das ArbeitSbureau auf Veranlassung des Militärgouvernenrs jüdische Arbeiter gruppen gebildet, die die Chaussee nach Sichern (Nablus) reparieren sollten. Viele Hunderte von Frauen meldeten sich zur Arbeit und führten die Wegearbeiten zur vollsten Zufriedenheit der Militärbehörden aus. * Mit dem Eintreffen der zionistischen Palästinakommission hat sich die Lage der Arbeiter bedeutend gebessert. Die zahlreichen Bauten von Hospitälern, Schulen und anderen Institutionen forderten viele Arbeitskräfte. Es wurden viele , Nähstubeu und Schuhmacherwerkstätten errichtet, in denen Hunderte von Frauen und Mädchen Beschäftigung fanden. Im Laufe des Sommers waren sämtliche Arbeitskräfte beschäftigt, und eS war schwer, einen Arbeiter zu bekommen. In letzter Zeit hat sich allerdings die Lage der Arbeiter verschlimmert. Die ArbeitsbureanS werden von Arbeitsuchenden bestürmt. Die Ursache der Arbeitslosigkeit ist darauf zurückzuführen, daß die Heeresarbeiten' großenteils eingestellt wurden, da sich das Militär nach den weiteren Gegenden von Syrien begeben hat, und daß die Zahl der Arbeiter durch die Rückkehr der Flüchtlinge größer geworden ist." Diese Angaben sind die beste Antwort auf die Flugschrift des Herrn Disengoff. Eduard Bernstein über Kurt Eisner. Bon unserem Züricher Korrespondenten. Zürich, 3. März 1919. Der Schweizer Studentenverband hat am heutigen Abend eure Trauerfeier für Eisner abgehalten, bei der Eduard Bernstein die Gedenkrede hielt, eine Rede, die in ihrer Schlichtheit r.\'. > .-i1. Salamon Maimon. ,Hin Gedenkblatt anläßlich der Ausgabe seiner Autobiographie.*) Bon Z. F. Finkelstein. Man kann von ihm sagen: Er war ein Genie aber kein Talent. Em echt jüdisches Paradox! Eme gütige Natur gab chm btc herrlichsten Fähigkeiten auf den Lebensweg mit: einen Scharfsinn, der die tiefsten Probleme blitzschnell erfaßte, in fabelhaftes Gedächtnis, eine glühende Phantasie und einen überschäumenden Lebensdrang, der stets wie 'ein brausender Sturm aus der Seele des Ghctlojüngers her- ' vorbrach.! Nur eines fehlte chm: ein festes Gefüge all der Geistes- - schätzedie durch em stetes harmonisches Zusammenwirken zur hehren Lebenweisheit Äüserwählter heranreifen.; Und so krankte Maimon zeitlebens an innerer Zerrissenheit Md ewiger Unruhe kämpfender Getter. Em Genie von Gottes Gnaden, ein Ghettokind auS innerster Beschaffenheit und ein Bohemien aus Wurzellosigkeit jüdischer Dmnmerseelen. Er krankte an seiner überragenden Größe und zerschMe an seinem Judentum. Ein Leben, das in sich Ansätze barg eines neuen jüdischen Menschenschlages an der Wende von Jahrtausenden — blieb doch nur ein armseliges Torso, mnleuchtrt von der Tragik eines 'Swicklen Ketzers unb einer unglücklichen Kreatur... ’ * ' Schon auf den ersten Blick ein Leben voll raftn'oer Hast und ewiger Irrfahrten. In einem litauischen Dorfe am Njemen, weit abseits von dxr europäischen KulMr geboren, kommt Maimon mit 7 Jahren in eine Stadt, um das Thorastudmm zu betteibrn. Der frühreife Knabe entwickelt sich ungemein rasch. -Dem elfjährigen Talrnudlchrling wartet man bereits mit einer Rabbinatsstelle aus, Maimon schlägt dies jedoch auS mrd heiratet, C£r lebt jedoch nur ein Jahr mit semer Frau und brenm ihr buchstäblich durch. Es treibt ihn ein ungeheurer Wissensdrang. Eng wird chm unter .dem Heimatsgesinde und eine seltsame Sehnsucht nagt ander *)Gch.175l,gest.1800 Wiener Morgenzeitung ebenso ergreifend wie auch in ihrem Aufbau für Eduard Bernstein charakteristisch war. Und für uns war der Abend besonders symbolisch: Nichtjübische Studenten feierten einen Juden und ließerr sein Bild von cincin Inden zeichnen. Dürfen wir es als Symbol der neuen Jugend nehmet:, vou der einer der Redner des Abend.S sprach? Bernstein erzählte zunächst persönliche Erinnerungen an Eisner. Als er 1901 nach 20jähriger Abwesenheit nckch Deutschland zurückkehrte, stand ihm Eisner zunächst mißtrauisch gegenüber. Bald aber fanden sie sich, und was die beiden zusammenbrachte, war der Kampf um die Freiheit der Kritik innerhalb der sozialdemokratischen Partei, war das Streben, die Partei innerlich lebendig zn erhalten, In den ersten Wochen des Krieges gehörten beide Hu denen, welche die Kriegskreditbewilligung guthießen, weil sie im Kriegs vor allem den Kampf gegen Rußland sahen. Bald erkannten sie jedoch den wahren Charakter des Krieges und fanden sich zunächst irn „Bund Neues Vaterland", dann als dieser don der Negierung erdrosselt wurde,^ in der „Zentrale Völkerrecht" zusammen, um in der Stille gegen den Krieg zu wirken und eine Gemeinde zu erziehen. Eisner schrieb damals eine Schrift, in der.er vor Unterschätzung der Alldeutschen warnte. „Der Politiker soll nichts leicht und nichts tragisch nehmen" zitierte Bernstein an dieser- Stelle aus der Rede eines bürgerlichen Politikers. Indem EiSner vor dein damals noch geringgeschätzteir ^Häuflein" der Alldeutschen warnte, zeigte er den klaren politischen Blick. Eisner war der . Bildung nach Philosoph, Hörer und Freund Hermann Cohens. Bernstein hob besonders EisnerS Talent für Humor und ' Satire hervor. Zur selben Zeit, wo Eisner unter dem bezeichnenden Synonym Sperans im „Magazin" politische Artikel schrieb, und später die politische Leitung - des vorwärts" übernahm, schrieb er als Joe in der Sonntagsbeilage humoristische Artikel. Es wäre, meinte Bernstein, interessant, -heute einige dieser Artikel herauszugeben und zu zeigen, wie Eisner da unter der Maske eines Humoristen ernste Gedanken auszubrüten wußte. Wenn es notwendig war, konnte Eisner auch Satiriker sein; mit innigster Sympathie schrieb er einmal einen Artikel über Swifts satirische Schriften. (Hier konnte cs sich Bernstein nicht versagen, in einem Exkurs von Swift zu sprechen und den Hörern. besonders die vollständige Ausgabe von „Gullivers Reisen" ans Herz zu legen.) Dann kam Bernstein darauf zu sprechen, wie Eisner 1905 für den Frieden tätig war. Jaures (nicht,, wie man schrieb, Deutschlands Drohn,rgen) hatte damals Ddlcasfö gestürzt, aber das herausfordernde Verhalten des deutschen Kaisers in Tanger hatte den Krieg ganz nahe gerückt. Damals setzte sich Eisner dafür ein, Jaures nach Berlin einzuladen und in einer Riesenversammlung in der Besenheide" zu deutschen Arbeitern sprechen zu lassen. Liber Fürst Bülow erklärte, „die deutsche Politik wird nicht in der Hasenheide gemacht" und Jaures mußte in Paris bleiben. Was die damaligen Intrigen bedeuteten, legte Eisner in der Schrift „Der Sultan des Weltkriegs" nicwer, die seinen klaren Blick, seine Prophetengabe bekundet. 1913 dann, als in der Jahrhundertfeier der Befreiungskriege — die nach Bernsteins Meinung weit mehr Kämpfe zur Befreiung der deutschen Fürsten als des deutschen Volkes waren — der deutsche Chauvinismus neu aufflammte, schrieb Eisner „Das Ende des Reiches", eine Apologie des ersten Napoleon, Bernstein meinte, Eisner habe sich in dieser Schrift zu weit fortreißen lassen, denn wohl sei Napoleon der Vollstrecker, aber zugleich der Fälscher der Revolution gewesen. Bernstein erzählte ewiges Neue über das Verhältnis EisnerS zu Karl Liebknecht. Eisner wollte dem Bolschewismus entgegen kommen, denn er schätzte die Persönlichkeit 9. März 1919 '©eite Si j des Menschen zu hoch, um die Diktatur im Sinne LiOknechtÄ zu wünschen. Im Dezember 1918 fuhr er zu Liebknecht nach^ Berlin; er war überzeugt, baß er ihn in'einer halben Stundevon seinem Widerstand gegen die. Nationalversammlung ab-- bringen werde. Aber die Unterredung blieb ohne Ergebnis') Eich,er führte Liebknecht vor Augen, daß seine Politik! Hunderttausende von Opfern kosten würde, baß sie unend-. licheS Elend über Deutschland bringe, aber Liebknecht erklärtes man habe im Weltkrieg um niedrigerer Zwecke wegen Millionen geopfert, wo es sich um die Errichtung einer neuen. .^Gesellschaft auf den Trümmern der alten, handle, kämen ' solche Opfer nicht in Betracht. ' i{ Eisner wollte eine Synthese zwischen Sozialdemokratie ' und Spartakus.' Sein Tod erfolgte in dem Augenblick, wo. durch Eisu.ers Abdankung besiegelt werden sollte, daß eine! Versöhnung der beiden Auffassungen nicht möglich ist. Eisners.! Auffassung war eine organische, die der Spartakisten aber!; ist nach Bernsteins. Auffassung eine mechanistische, denn sie, glauben, mit Gewalt eine Gesellschaftsordnung umwandcln! zu können. Der Idealismus allein genügt nicht, wenn er! : nicht geleitet wird durch ein hohes, vou der Wissenschaft,! von dem Verständnis der Entwicklungsgesetze geleitetes Vcr-) antwortlichkeitsgefühl. ij . Dies führte Bernstein am Schluß dazu, über die Beteiligung des Studenten an der Politik zw sprechen. Er knüpfte an Eisners Worte in seiner Basler.; Rede am 10. Februar an: „Die Jugend soll nicht unmittel-, ' bar politisch tätig scir,. Sie soll erst in der Stille reisen"?! und fügte hinzu, Heute gebe es.'keine. Politik ohne die Er-' kenuiinS der Gefchite mrd der Gesetze der Wirtschaft. „Bcr-> zichten Sie als Jugend .darauf, mlmittelüar politisch einzugreifen und bleiben Sie'der Wissenschaft treu. Ihr Kops^ bleibe bei der Wissenschaft, Ihr Herz sei beim Proletariat."/ Mit diesen Worten schloß Bernstein. Die BcrsarumelLcno sandten, tief ergriffen, der Familie Eisners und denr Volle Bayerns Beileidsluudgebungen. ' . b. PoLMsche^NuKdschM. V Zur Aufhebung der Blockade. t Nach mancher herben Enttäuschung, nach bangen Tagen tc* egten Hinhorch ens kommt uns endlich aus Paris, wo die Staats-' männcr der Entente über die GrMdriffe der künftigen'Welt zu Rate sitzeu, frohe Botschaft: der Rat der Zehn hat heu Beschluß - gefaßt, die Blockade gegen Oesterreich einzustellen und' H o o v e r teilt mit, daß er für die Sendung von Nährungs-- mittcln nach Oesterreich garantieren könne. Noch ist aus dm bis-' her vorliegenden Berichten nicht klar, welcher Anteil auf Dcutschofterreich entfallen soll, aber es ist doch zu hoffen,1 daß er beträchtlich genug.sein wird, um uns aus dm ärgstcu'Nöten zu'bereien. Gleichzeitig, schilderte der englische Ernähmugsminister in feiner in Newcastle gehaltenen Rede die tragische Lage, die iugroßen Gebieten Europas herrsche. Man könne nicht zusehen, wie, Europa hungere, während 'man sich selbst füttere. 1j Die Entente beginnt also' zü begreifen. Laß eine 'äflgememev Katastrophe üntreten müßte, wenn man den Dingen ihren Laufließe wie bisher. Es läßt sich heute schwer entscheiden, ob cs politische Erwägungen oder menschliche Empfindungen sind, die. bei dem jüngsten Entschlüsse des Zchn-Männer-Rates. hie Ober-! Hand hatten. Bei der Ausführung dieses Beschlusses wird mau! sicher mit technischen Schwierigkeiten mancher Art zü kämpfen haben und selbst, wenn alles glatt gehen sollte, verheißt uns di^ zugesagte Liefemng noch lange kein Schlaraffenland. Äbev man-- hat das tröstliche Empfinden, daß der Bann sich lösen will midi die Pariser Politik die Menschlichkeit nicht ausschließt: Es ware< verfrüht, aus dem Beschlüsse von Paris' politische Konsequenzen.' kindlichen Seele. Indessen verlieft er sich m die Religionsphllos»phie des MaünonideS, der ihm zum Meister und Wegweiser wurde. Kem Wunder übrigens. So manchem Gbettojünger, der au^ den verschlungenm Lebenspsadm in die Irre gegangen ist, wurde Maimomdes zum Erlöser aus dem Chaos von Jahrtausmden. Den einen wies er den Weg ins Freie der Weltkulwr, anderen half er über die erstickende Enge einer verknöcherten Pilpulrstck hinweg und dre größten unter beiden mtriß er jäh dem jüdisch« Volke. Spinoza gehörte zu den letzten md Maimon iv. r sein Lberragmdster Epigone Nach dem Talmiidstudmm befaßt er sich eingehend mit der Kabbala Md taucht Mter in die mystischen Flmm des ebm damals aus den Tiefen oftjüdifcher Massen emporquellenden Chassidismus. Ueberall verrichtet er WMder an Scharfsinn und Gelehrsamkeit. Und da ihn die Sehnsucht. treibt und das Neue lockt, wagt er den ersten Schritt eines Ketzers nach damaliger WeltanschaMng Md erlernt die demsche Spräche. Sprunghaft, vermittels einiger deutscher Buchstaben, die er am Einbanddeckel aufstöbert — Md kaum ist er des Lesens kundig — tritt er cm die europäische Wissenschaft heran. Liest einige medizinische Werke Md wird mit einem Schlage ein gesuchter Arzt. Die einen heilt er durch seltsame Kuren, die anderen befördert — er vorzeitig ins bessere Jenseits ... Und plötzlich reift in ihm der folgenschwerste Elltschluß. Das weite, unbekannte Leben Europas lockt den litauischen Sonderling Mt jäher Gewalt. Er hält§ in seiner Umgebung nicht länger aus. Wer von Maimonrdes „Wegweiser für Irrende" ausging und den Hauch moderner Kultur verspürte, der findet keinen Halt mehr im Ghetto. In der Fremde leben und lernen — das wird sortan seine Parole. Sein Entschluß stillt leicht. Wa§ schert ihn Weib, was schert ihn Kind, was ficht ihn eine festgewurzelte Tradition von Jahrhunderten an? „Ich beschlöß nach Deutschland zu wandern, um dortselbst Medizin und andere Wissenschaften zu studieren" — so schreibt er fast naiv in seinem Tagebuch. Nun beginnt er mit 25 Jahren, ein Gereister und bereits weit Bekannter, ein neues Leben. Das eigentliche Leben. Die Lehr- und Wanderjahre oder richtiger den Leidensweg des ersten jüdischen Genres der Neuzeit, das sich aus dem Ghetto in die Wellen europäischer Kultur gestürzt hat. - { Er kommt rn die ersehnte Fremde, irrt wie ein Schlaftrunkener,^ wandert wie em vertriebener König — mrd hMgert wie ein Beüler.1 Berlacht von den einen wegen seiner Wildheit und Barbarei im ' Alltagsleben und bewundert von anderen wegen seiner verblüffenden Größe'>m Gelftrsrerche. >; Bon Berlin, das seine Tore vor einen, zerlunchten Bathmr' ans dem Osten versperrt, geht Maimon nach Posen,,, hier hält er es nicht lange aus und dringt auf Schleichwegen doch nach; Berlin ein. Hier schreibt er eine tiefsinnige Abhandlung über.die. zeitgenössische Philosophie und gewinnt für sich im Fluge' Moses Mendelssohn und seinen Kreis. Mm verschafft chm bic' Möglichkeit, zu studieren, doch der Wandertrieb überwältigt ihn bereits Mnachfichtüch. Er wandert von Stadt zu Stadt, von' Land zu Land und führt obendrein ein wüstes, schändliches Leben., Aus Berlin flüchtet er beinahe imter Fluch und Hohngelächter' jüdischer Kreise nach Amsterdam, durchwandert kreuz und quer, wildfremde Gebiete, gcht bald nach Hamburg, will sich hier gars taufm unter gewissen Bedingungen, die ein Geistlicher mit! Entrüstung zurückwelst, besucht in Altona einige Zeit eine höhML/ Schule, wo er Wunder an SckMsfinn Md Gelehrsamkeit! erregt, schreibt bald eine AbhandlMg über Kant niid erhält vorri diesem eine Belobung, däß ihn noch niemand so gut verstanden! hat wie er, der polnische Bettelgeselle. Sein Ruf ivächft inzwischenauch in Europa, verstärkt sich durch Werke philosophischen und! mathernatischcn Inhalts, und als eS schon den Anschein erweckt,! als schlage er endlich Wurzel in der neuen Welt, da ergreift er; nach einigen Jahren aufs neue den Wanderftab, hungert und sauft wie enr Trunkenbold und rennt unentrinnbar seinem Verderben zu. In einem entlegenen Erdenwinkel stirbt Maimon bei einein chriArchen Gutsherrn, der sich des unglücklichen Menschen erbarnu. Von der Welt bald vergessen Md wie ein wildes Tier, von der Qual ewiger Sehnincht getrieben. So verendet jüdische Faust der sstenzeit. Bewmidernswert ist Maimons Scharfsinn. D«rs jüdische Hirn, das sich im Lauft vieler Generationen in Pilpnlistik bis

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.