Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 49 (8.3.1919)
- Date
- 1919-03-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 Wien, Samstag Wiener Morgenzeitung 8. März 1919 Nr. 49 ist, schleicht burch die nominell herrschende Partei eine innere Krise. Das Proletariat findet keinerlei Widerstand, wenn cs die politische Macht erobern will, ja, eS hangt nur von ihm ab, sich in deren Besitz zu setzen, aber man;eigt plötzlich keinen Willen, unter den heutigen chaotischen BerhLltnissen das Zusammengehen mit den anderen Klassen Zu vermeide«, man sucht förmlich die früher so verpönten Koalitionen. Di« Revolution sucht legale Stützen und man tritt in einen verzweifelten Wahlkampf gegen die Christlichsozialen ein, statt im Sinne der eigenen Lehren die tatsächlich eroberte politische Macht zu behaupten. . Renners Schlagwort, daß der Arbeiter mit dem Bauer ' Zusammenarbeiten müsse, kann über die Tatsache nicht Hinwegräuschen, daß der wirkliche Bauer von heute kaum weniger Ausbeuter ist als der Kapitalist. Der Krieg hat dafür gesorgt, daß es anders gekommen ist, als Marx prophezeit und feine Apostel geglaubt haben. In weiten Teilen Europas herrscht Chaos und Hunger, und niemand weiß, wie weit die Sturmwelle reichen und an welchen Widerständen sie sich endlich dreien wird. E? ist fraglich, ob die Sozialdemokratie, die äußerlich noch immer als ruhiger Fels in der Brandung steht, die entfesselten Gewalten zur Ruhe bringen und weiterhin in ihrer bisherigen Gestalt die Führung des Proletariats behaupten wird. Daß der große „Kladderadatschs unter anderen Unkstände» hereinbricht als sie es crivariet hat, und daß die Welt vorher so viele Schrecken erleben mußte, daran ist auch der Marxistische DoktrinisumS nicht ohne Schuld. Die Friedenskonferenz. Deutschösterreich als neutraler Staat. Ein Vorschlag des „Setups“. Paris, 7. Marz. (Tel.-Aornp.) Der „TempS* beschäftigt sich rn einem Leitartikel mit der Frage Deutschösterreichs und schlagt vor, daß die Versorgung DeutschösterreichS mit Lebensmitteln deshalb davon avhangiggemacht werde, d^a ß es als neutraler Staat unter dem Schutze des Völkerbundes erklärt werde. Die international garantiere Unabhängigkeit der Neutralität Dentschosterreichs würde, so schreibt das Blatt, den Interessen Drutschosterreichs am ehesten entsprechen. Der Schadenersatz. — Iuternationalifiernug von Hafen. Paris» 7. März. Die Agence Havas meldet amtlich: Der Oberste mteralliierte Kriegsrat trat Donnerstag nachmittags-Msammen.. Er stimmte einem amerikanischen Borschlage zu, die Kommissionen einzuladen, um ihren Berichten Schlußanträge emzureichen, die rn der Form von Artikeln dem Vorfriedensvertrag einzuverleiben waren. Die Diskussion erstreckte sich hierauf aus die Bedingungen, die dem Heer, der Marine und dem -ülregerdernst des Femdes aufzuerlegen sind. Die nächste Sitzung findet Freitag nachmittags statt. Die Kommission für denErsat-dcrSchäde», me am Donnerstag vormittags unter dem Vorsitze von Klotz zusaurmcntrat, prüfte gewisie Fragen, die von den IdUerkommis- Uvuen über den Schadenersatz und den Zahlungsmodus der feindlrchrn Staaten aufgeworfen worden waren. ... 2ie zweite, Unterkommission der interalliierten Kommission I"r Hasen, Schisfahrtswege und Eisenbahnen, die sich am Donnerstag vormittags im Ministerium für öffentliche Arbeiten versammelte, setzte dre Prüfung der Vorlage über das internationale Reg int e von Häfen fort ond beendete die Dtskusswn dm er Vorlage, Die Wirtschaftlichen Verhandlungen in Span abgebrochen. Berlin, 7. Marz. (Wolff.) Am Schluffe der Waffenstillsiaudsvrrhandlungen in Spaa bemerkte Unterstaatssekretar ei‘ halte es für wenig wahrscheinlich, daß die deMsche Regierung m dieser Lebensfrage nachgeben könne. Da «n weiteres Verhandeln zwecklos erschien, wurden die Verhandlungen über die drei wirtschaftlichen Abkommen (Lebensut l t t e K0 ß iffahrt- und Finanzabkommen) am 5. März, abends, abgebrochen. Die berdersettrgen Kommissionen find von Spaa a b g e r e i st. __ Die Erledigung der laufenden Verhandlungen der Waffrnttrllstandskommtsston in Spaa wird durch den Abbruch der Verhandlungen der drei Unterkommissionen nicht berührt, sondern geht nach wie vor weiter. Im Anschluß an den Abbruch der Verhandlungen wurde deutscherseits in der Vollsitzung der mit den laufenden Verhandlungen betrauteu Waffenstillstandstömmission am 6. März vormittags in Spaa eine Note vergeben, in der der Gesamtstandpunkt der deutschen Regierung dargelegt wird. Eine englische Stimme gegen die Wegnahme der deutschen Kolonie«. Haag, 7. März. (Tel. der „Wr. Morgeriztg.*) In dem erigl'.schen Blatte „Natron" bekämpft der bekannte Publizist Morell den Plan, die Deutsche» ihres gesamten Kolonialbesitzes zu berauben. Deutschland habe m die Kolonien ungeheure Kapitalien investiert und der deutsche Kolonialbesitz stelle einen größeren Wert dar, als die gesamten Kriegsschulden Europas betragen. Wen» man die Absicht. Deutschland ferne Kolonien zu nehmen, verwirkliche, könne Europa zu keinem wirklich dauernden müden kommen. Die deutschen Kriegsgefangenen sollen Frankreich nnd Belgien wieder aufbanen. Amsterdam» 7. März. Wie die hier eingetroffeneu englischen Blätter melden, habe der Staatssekretär für Krieg, Churchill iu der Sitzung des Unterhauses vom 3. d. M. erllärt, daß die englische Regierung di« deutschen Kriegsgefangenen so rasch wie möglich nach Frankreich und Belgien schicke um sir dort arbeite« zu laffen. * . Di« Richtigkeit dieser Meldung läßt sich nicht Überprüfen,;cdoch ist es nicht wahrscheinlich, daß England sich zu diesem unmenschlichen Schritt, der Zehntausende deutscher Krregsgefanamer zum Sllavenlos verutteilen würde, entschließen wird. Marschall Fach hat erst unlängst erllärt. daß er nicht daran denke, die deutschen Kriegsgefangenen in dieser Weise zu verwenden und daß sie außerhalb ihrer Internierungslager keinerlei Arbeiten verachten dürfen. (Amu, d. Red.) Die Anerkennung der ukrainischen Volksrepublik. Parks, 7. März. (Korr.-Bur.) „P e 1 i t P a r i s i e n° zufolge richtete die ukrainische Delegation in Paris au den französischen Minister des Aeußern P i ch o n ein Schreiben mit der Bitte, folgende Note an die Friedenskonferenz zu übermitteln: „Die ickraimsche Regierung bittet die Friedenskonferenz, die durch den Bolkswillen unabhängige souveräne ukraimsche Volksrepublik an- «erkenne«. Die Regierung der ukrainischen Volksrepublik hat die Ehre, die Friedenskonferenz daran zu erinnern, daß seit dem ersten Augenblick seines Daseins m Europa die ganze Geschichte des ukrainischen Volles diejenige eines unabhängigen Staates und seines Kampfes um die Frecheit bildet." Völkerbund oder nerrer Rüftungswettbewerb. Sine englische Stimme. London, 7. Marz. (Funkspruch des Tel.-Korr.-Dur.) Die englischen Zeitungen besprechen die Rede des Präsidenten Wilson, die er vor seiner Abreise in der Metropolitan Opera in New-Uorr gehalten hat. „Daily Chromcle" fiihrt aus: Die Alternative lautet: Entweder der Völkerbund kommt zustande oder der Rüftungswettbewerb beginnt von neuem und führt schließlich zu emem neuen Kriege. Ein drittes gibt eSmcht. DerSieg.als solcher betrachtet, an dem sich Amerika m hervorragender Weise beteiligt hat, ist eine vorübergehende Phase. Es war «m Krieg, um den Völkerbund herbeizuführen. Nur die vereinigten Kräfte der zivilisierten Welt können eine Garantie für den vorgeschlagenen Frieden bieten. ES ist offenkundig, und Willon hat vollkommen recht, wenn er darauf hinweist, daß das Nichtzustandekommen einer solchen Garantie für die kleineren Völker von den schwersten Folgen begleitet sein müßte. Die Konferenz der jüdischen Nationalräte. S t o ck h o l m. 7. MSy. (Set der.Wr. Morgenztg.") Der Zionistenkongretz in London hat beschlossen, die Konferenz der Vertreter aller jüdischen Nationalrate und der Delegation des amerikanisch-jüdischen Kongreffes in der Zeit vom 10. bis 15. März stattstnden zu laffen. Diese Tagung soll hauptsächlich den Zweck verfolgen, die Aktion zur Geltendmachung der nationalen Rechte ver Juden im Osten vor der Friedenskonferenz nach einheitlichen Grundsätzen zu führen. Potttische^kundscha«. Zu Wilsons letzter Rede. Nach der Schlacht bei Lenktra erschien EpaminondaS im Trauergewande vor dem Volke. Als er von der erstaunten Menge nach dem Grunde solchen Tuns befragt wurde, antwortete er: „Ich habe mich auf einer übermäßigen Freude über den gewonnenen Sieg ertappt nnd. wollte mich dafür bestrafen." Wenn die gegenwärtigen Diktatoren der Entente nach dem Beispiel der alten Anekdote handeln wollten, dürften sie wahrhaftig die Trauerkleider nicht ablegen. Wohl ist es wahr, daß man sich in die Empfindungen des andern hineindenken muß, wenn man nicht ungerecht werden will. Deutschlands Sünden haben in der Welt einen Haß von solchem Uebermaß hervopgerufen, daß man darüber nicht müde wird, den Triumph des Siegers auszukosten. Wie sehr Deutschland gesündigt hat an der Welt, welcher Fehler es war, nach der Revolution Männer an die Spitze zu stellen, die mit den Taten des alten Regimes mitbelastet sind, und wie spärlich sich die Zeichen der Abkehr von dem herrschenden Machtgedanken zeigten, dessen Werke im Kriege nur seine Krönung fand, das alles ist schon zum Ueberdruß wiederholt worden. Der bekannte Ethiker und Politiker Prof Förster mag recht haben, wenn er in den „Münchner Neuesten Nachrichten" die mangelnden Zeichen staatsmoralischer Umkehr für die bisherige Beibehaltung der Blockade mitverantwortlich macht und die Angst schildert, die in England für den Fortbestand der eigenen geregelten Wirtschaft besteht, wenn man die Blockade plötzlich aufhöbe und sich dem entfesselten deutschen Handel mit den alten Praktiken, die in England als durchaus unfair angesehen.« und von Deutschland durch eigene Ausfuhrprämien gefördert m unsauberen Konkurrenz plötzlich die Welt öffnete; aber trotzdem besteht nach wie vor für die Entente das schwer zu lösende Problem, auch mit Deutschland in einer Weise zu Verfahren, die mit dem Geiste in Uebereinstimmung ist, den Wilson verkündet und der in dem Plan des Völkerbundes seinen deutlichsten Ausdruck gefunden hat. Die Nachrichten, von dem teilweise» Abbruch der Waffenstillstandsverhandlungen in Spaa bedeuten eine schmerzliche Enttäuschung. Es scheint, daß es drüben an Staatsmännern mangelt, die die nötige Selbstüberwindung hätten und sich deutlich bewußt würden, welch böser Berater der Haß ist. Und wieder klammert sich die Hoffnung der Welt an den Präsidenten der größten Demokratie, an das Oberhaupt jenes glücklichen Landes, das eS „besser hat als unser Kontinent der alte", indem eS nach allen Umständen geeignet ist, die Roll edes Unparteiisch'» zu übernehmen. Aus der Rede, die Präsident Wilson vor seiner, Abreise nach Europa hielt, hört man die einfachen Worte jenes sympathisch-nüchternen angelsächsischen Idealismus und sie klingen wie frohe Potschaft. Wilson will nicht früher aus Europa zurückkhren, als die Völker Europas die Sicherheit haben, daß ein bauernder Friede erzielt sei. Das aber wird nur gelingen, wenn alle Keime deK.Hasses,, alle Möglichkeiten eines, künftigen Jrredentismus restlos beseitigt werden. Man hat gesehen, daß die Frage der Selbständigkeit der kleinsten Völker die Flamme des größten Krieges entzündet hat. Dev Völkerbund wird seinen Zweck nie erfüllen, wenn nicht alle berechtigten Wünsche sich' durchsetzen und nicht alle Minoritäten auf ihm vertreten sein werden. Der Unterschied zwischen Sieger uitb Besiegten muß in Zukunft aufhören. ' r Wahlrecht und Parteiegoismns. Die Zeiten ändern sich, aber nicht die posiiischAn Parteien. Die Empörung über das Wahlunrecht im alten Oesterreich war nicht echt. Das sah man schon, als; die Herren Sozialdemokraten gegen den.Wahlzwang auflraten : «■' christlich,ozialen „Kerzelweiber", fürchteten. Nun hat. sich auch das System der „Koppelung" hei den Wahlen in die deutschösterreichische Kon-, stituante nicht bewährt — nämlich für die beiden' Herrscher in Deutschösterreich, die Sozialdemokraten und Christlichsozialen, die die Macht trotz aller gegenseitigen Beschimpfungen und Verleumdungen hübsch unter sich austeilen. Jede: soll zu seinem politischen R-echto kommen — aber einer Minoritätspartei darf er nicht angehören, die muß mundtot gemacht werden. -Deshalb haben die Herren der Situation das System: der Koppelung, welches das Unrecht, daß große Minderheiten überhaupt ohne Vertretung bleiben, wenigstens teilweise beseitigt, bei den künftigen G e m e i n d e r a t Swahten ausgeschaltet. Alle schönen Begründungen für die Berechtigung und Notwendigkeit von Listenkvppelungeu sind rasch ab acta gelegt worden. Jetzt findet die „Arbeiter-Zeitung", Koppelungen seien der „Rettungsanker politischer Tischgesellschaften". Und Genosse Emmerling war in hex letzten GemeinderaLssitzung noch viel deutlicher: „Die Wähler müssen sich klar und unzweideutig entscheiden" — nämlich für einen der beiden Großaktionäre am Regieren tu Deutschösterreich, also für die Christlichsozialen oder für die sozialdemokratische Partei, die keineswegs mit dem Sozialismus, ja nicht einmal mehr mit dem Marxismus identisch ist. — Nur so fort! Der Parteiegoismus wird sich selbst den Garaus machen, so wahr es noch auf der Welt Sinne für Recht und Gerechtigkeit gibt. Sokolows Ausführungen im ZehnmLnnerrat. „Corriere della Sera" bringt einen Leitartikel feines Pariser Korrespondenten über den Empfang der zionistischen Vertretung vor dem Zehner- Ausschuß der Friedenskonferenz. Das Blatt schreibt unter anderem: SvkoloyÄWn polnischer Jude und früherer Leiter eines Wad^uer Tagblattes, ist der Mann, welcher aus den Vereinigten Staaten nach Italien kam, um die italienische Regierung für das zionistische Projekt zu interessieren. Sokolow war besonders geeignet, mit großer Mäßigung das Problem der Errichtung des neuen Staates zu unterbreiten. Er legte dar, wenn es ein Volk gäbe, welches das Recht habe, ein Territorium zu fordern, so sei es das jüdische. welches verlange, nach Palästina zurückkehren zu können, weil dort das jüdische Volk sein normales Leben gelebt und eine Zivilisation geschaffen habe) die die ganze Menschheit beeinflußte. Er erinnerte kurz a« die Verfolgungen, deren Opfer das jüdische Voll wurde, nachdem es infolge Gewalt Palästina verloren hatte, und zerstreut worden war. Während des letzten Krieges näherten sich die zionistischen Organisationen den Regierungen der Entente, mit welchen sie im vollen Einverständnis arbeiteten, zu dem Zwecke, in allen Ländern der Alliierten eine jüdische „Entente" zu organisieren, die für den Erfolg der Sache der Alliierten arbeiten sollte. Sokolow legte dar, daß die Juden während des Krieges mehr als irgend ein anderes Voll gelitten haben und daß ungefähr eine Million jüdischer Soldaten in den alliierten Heeren gekämpft habe, im Vertrauen, daß der Triumph der gerechten Sache auch dem jüdischen Volke die Freiheit geben müßte. Er erinnerte ferner an die Zusagen von England, Frankreich, Italien, der Vereinigten Staaten und schließlich Japans für die Wiederaufrichtung der jndi ü,cn Nation in dem Lande, welches ihre Wiege war. Das von Sokolow vorgelegte zionistische Memorandum fordert die Schaffung eines nationalen! jüdischen Vaterlandes in Palästina, welches im Norden vom Flusse Litani begrenzt sein und im Süden bis El Arisch an der ägyptischen Grenze reichen soll. Das Mittelländische Meer würde die westliche und die Hedschasbahn die östliche Grenze bilden. Der Völkerbund solle bas Mandat für den palästinensischen Staat einer Macht anvertrauen, tvelche, obgleich von den Zionisten nicht bezeichnet, vermutlich England sein soll, Zufolge des zwischen der zionistischen Organisation durch Rüthschild mit dem Auswärtigen Amte abgeschlossenen Uebereinkommens. Außerdem schlagen die Zionisten vor, Jerusalem aus der eigenen Jurisdiktion auszuschließen, indem sie erklären, daß die heiligen Orte unter internationale Kontrolle gestellt werden müssen. Sie fordern nur das. was man die profanen Länder Palästina nennen könnte. „Corriere" bemerkt, eS falle auf, wie sehr die Tendenz der französischen Assimilanten Zusammenfalle Mit dem Streben Frankreichs.nach Schaffung eines Großsyrien unter französischer Führung.