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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-01 · Heft 42 (1.3.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 42 (1.3.1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2 Wien. Samstag Wiener Morgenzeitnng 1. März 1919 Nr.'4L eigenes jüdisches Reich (reswo') in Palästina verwirklicht sehen möchte. Es sei ihm aber schwer möglich, einen Unterschied zwischen Heimstätte und einem selbständigen Staatswesen zu finden. Als ich auf die Frage Luzzattis. wie es möglich ist, daß -in Oesterreich ein Antisemitismus herrsche, wo doch die gesamte Presse in Händen von Juden sei. ihm erwiderte, daß gerade dieser Umstand dazu beitrage, die Juden um die Möglichkeit ihrer Interessenvertretung in der Presse zu bringen, erklärte er, „die'e Juden, die ihr- Judentum verraten, verachte und hasse ich"; Weiters sprach ich mit dem Vorsitzenden der „Pro Jsraele", über de en Täizleitich an "iss er Stelle wi ^e'- holt berichtete, dem Abgeordneten Herzog Giovanni Colonna di Cesaro. Di Cesaro gab mir in einständigem Gespräch, bestimmt, zur Verwertung in de. Presse im Interesse der zionistischen Bewegung, Aufklärung über die Lage der Juden in Italien und das Verhältnis der italienischen OessentlichLtzit und Regierung zum Zionismus. Di Cesaro legte mir dar, daß eS in Italien eine jüdische Frage überhaupt nicht gebe, da die Juden nicht nur gesetzlich gleichberechtigt seien, sondern auch sozial und gesellschaftlich unterschiedslos behandelt werden. Italien wird schon im eigenen Interesse die zionistische Bewegung überall, namentlich auf der Pariser Konferenz unterstützen, da die Bildung von kleinen Staatswesen im Orient in seinem Interesse liegt. Denn nur in diesem Falle können Italiens Handelsbestrcl ungen im Orient, dem natürlichen Ausflußtor des Landes, eine offene Türe finden. Allerdings liegen bestimmte Gründe vor, die es Italiens Vertretern auf der Friedenskonferenz unmöglich machen, die Initiative in der jüdischen Frage zu ergreifen. Italien wird also gleich wie die armenische Bewegung auch die zionistische unterstützen, da anzunehmen ist. daß aus dem jüdischen Gemeinwesen, sobald nämlich die Vorbedingungen herangereift sind, ein selbständiges Staatswesen entstehen wird. Der Herzog gab mir auch unverlangt Empfehlungen an andere italienische Staatsmänner, damit ich Gelegenheit habe, diese über die Lage der Juden in unseren Gebieten auszuklären und ihre Stellungnahme gegenüber dem Zionismus kennen zu lernen. So hatte ich auch Gelegenheit, mit dem gewesenen Außenminister Tittoni zu sprechen. Auch dieser erklärte. es nur begrüßen zu können, wenn für jene Juden, die durch ihre Lage in den Ländern ihres gegenwärtigen Aufenthaltes zu einer Auswanderung gezwungen seien, eine Heimstätte in Palästina geschaffen werde. iNMtische^timdschau. Die N-ger fordern Menschenrechte, An anderer Stelle unseres Blattes findet der Leser einen Bericht über die Beschlüsse, welche ein Negerkongreß in Paris letzthin gefaßt hat. Bor etlichen Jahren noch wäre eine solche Nachricht von dem mitteleuropäischen Spießbürger mit hämischem Spott ausgenommen worden. Heute wird sie wohl bei jedermann einer ernsthaften Aufnahme sicher sein. Auch die Neger verlangen ihre Menschenrechte und sie haben den günstigsten Augenblick erwählt. Wer weiß, ob nicht so manchen der schwarzen Delegierten ein stilles Gefühl der Ueberlegenheit erfüllt hat. ob nicht die herrschende Empfindung des Negerkongresses diese wat: .Wir Wilden sind doch bessere Menschen!" Dir sind von der berühmten europäischen Zivilisation verschont gsdlieben, die ihren höchsten Triumph in Mörsern, Minenwerfern. Handgranaten und Gasbomben erlebte! Wenn wir kämpfen, kämpfen wir wie primitive Menschen, ohne Gott, Moral und Kultur zu bemühen und ohne die teuflischen Errungenschaften der Technik zu benützen. Vielleicht kommt man heute in Paris darauf, daß die Wilden wirklich auch ein Menschenantlitz tragen und bewilligt ihnen jene Rechte an Menschlichkeit, die auch ein schwarzes Gesicht nicht ausschließt. Und vielleicht dämmert manchem .Lsraeliten" der Gedanke auf, baß es auch uns Juden, Europas ältestem Kulturvoll, gestattet fein muß. endlich unsere Anerkennung und Befreiung zu fordern, wenn die Neger Afrikas sich ihres Menschentums bewußt zu werden beginne». Das Schicksal Deutsch-öhmens. Es mehren sich die Zeichen, daß sich die Entente vernünftigerweisr enn'chlteßl, über das Schicksal DeutschbohmrnS eine Volksabstimmung enckcheiden zu lassen. Die a m e r i k a n i s ch e Delegation soll sich bt» der Wirtschastskonferenz für diese Lösung nach Anhörung der deunchböl,mischen Kommission eingesetzt und die Zustimmung der Engländer und Franzosen erlangt haben. Ob diese jüngsten Meldungen den Tatsachen entsprechen, laßt sich natürlich nicht kontrollieren. Nach früheren, anarblich autontativen Berichten, tft ja Deun'chböhmen dem tschechv-üvwakischen Staate fest zugesagt worden. ES wäre aber nicht nur gerecht gegenüber den Deuckchböhmen. sondern auch vorteilhaft für den neuen tschecho-slowaküchen Staat, wenn diese Lösung der rmbreinstußten Volksentscheidung Play greifen würde. Es ist eine Forderung, die alle gleich berührt, Sieger wie Bestellte: Keinem Volke und keinem Volksteile darf bet d»esemFr»edensschluß dir Selbstbestimmunggenommenwerden. . Die deutfchnational-chinesische Mauer. Der Gemeinderat Schreier hat ein gutes Wort geprägt. Er sprach von tvr deutschnational-chinesischen Mauer, die man um Dien errichten will. ES grenzt ans Unbegreifliche, wie politisch rückständig und verständnislos für das Wohl ihres eigenen Dolles die österreichischen Deutschnationalen geblieben sind. Um den deutschen Earakter Deutsch- Österreichs besorgt sei», tft wirklich ei» lächerlicher Kummer. Konflikt zwischen Italien und Jugoslawien. Die Beziehungen abgebrochen. — Die Entente will beide wirtschaftlich boykottieren. - Wilsons Intervention abgelehnt. Berlin, 28. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Aus Paris wird berichtet: Nachdem es Italien endgültig abgelehnt hat, WilsonS Vermittlung zwischen den Italienern nnd den Jugoslawen anzune'men, haben die Ing os l a w e n die Forderung, daß der I s o n z o als Grenze dienen soll, der Pariser Konferenz vorgelegt und nach soeben <ingetroffenen italienischen Meldungen die allgemeine Mobilmachung angeordnet. Paris, 28. Februar. (Funkspruch des Ung. Tel.- Kon.-Bur.) Die Friedenskonferenz ist sich voll' bewußt, welche Folgen die ausqebrockerren Feindseligkeiten zwischen Italien und Jugoslawien nach sich ziehen würden. Der Konflikt zwischen den beiden Staaten ist jetzt durch die Vertreibung Wien aber zu einer rassereinen, urteutschen Walhalla im Sinne Schönerers gestalten zu wollen, wäre eine HerostratuStat, ein Verbrechen — am deutschen Volk. Hat eS dem deutschen Charakter Münchens geschadet, daß eS zur internationalen Kunst- und Fremdenstadt geworden ist, daß seine Kunstakademien allen Nationen offen standen, daß eS Kolonien aller Völker beherbergte? Und welches Völkergemisch hat sich nicht im. ersten Kulturzentrum der Erde, in Paris, sein Stelldichein gegeben. Ist deshalb die große Stabt an der Seine nicht das Urbild der französischen Nation geblieben- Herr Gemeinderat Hödl wlll aber Wien „deutschnatwnal" im Sinne der Herren Wolf und Teufel machen. Hinaus mit Juden und Slawen aus den Lehrsälen nnd von den Bortragspulten, keiner soll in die Tore der Stadt einziehen dürfen, der nicht eine Prüfung auf rein deutsch-arisches Blut mit Erfolg bestanden hat. Brvor die einstige Reichshauptstadt nicht der letzte Krähwinkel geworden ist, wird das Deutschtum, wie es die Herren Deukschradikalen „Hochhalten", nicht gerettet sein . . . Selbsterniedrigung. Die Rede eines polnischen Asftmilanten. Anläßlich der Enquete über die polnisch-jüdische Frage, die gegenwärtig in Lemberg tagt, leistete sich der polnische Assimilant Julius Tenn er folgenden Ausspruch: „Ich bedauere, daß die Polen gegenwärtig der Assimilation der Juden abhold sinh. Wenn Tiene und Pflanzen sM veredeln lass en. weshalb s ollteesdenn hinsichtlich der Iuden unmö glich seitt?" Wir haben wirklich schon eine harte Haut, aber diese widrige Selbsterniedrigung, diese unerhört speichelleckerische Anbiederung macht uns erschauern.. Jeder anständige Pole mutz sich vor solch hündischer Kriecherei mit Abscheu abwenden und gegen die Assimilationsbestvebungen müssen ihm bei Reden, wie die des Herrn Tenner, begreifliche Bedenken aufsteigen. .Alle Achtung vor dem polnischen Volke als Gesamtheit, wir vor jedem anderen Volke; aber daß. ein Jude es zu seiner ,Veredlung" nötig hat» die polnische oder eine andere Nationalität anzunehmen, das klingt wie bitterste Ironie. Die Herren polnisch-jüdischen Führer haben es gewiß nicht nötig, diese für sie sehr gefährlichen Töne anzuschlagen, denn jeder weiß, daß die Assimilation der polnisch-jüdischen« Oberschicht geradezu identisch ist mit Volksverberbung, Volksverführung und Versklavung der jüdischen Massen. Mit Absicht haben sie das jüdische Volk in seinem Aberglauben belassen, weil sie mit den polnischen Wunderrabbidynastien bei den Wahlen wirtschafteten. Nichts haben sie unternommen, um die Massen zu heben und aufzuklären, mit der Erlangung ihrer Mandate war die Arbeit für das jüdische Volk beendet, und was sie dann für diesen oder jenen leisteten, war die Abzahlung für geleistete Wahlarbeit durch Verschaffung von Konzessionen vder anderer Vorteile. Die jüdischassimilatorische Hintertreppenpolitik im Polenklub. der Wahlschwindel mit Bajonetten, Bezirkshauptmann und Wunderrabbi, das hohnvolle verlogene Theaterspielen mit den wiederholten „Enqueten zum Ztvecke der Hebung des galizischen Judentums", das war die „Veredlung der Juden" durch die Assimilantenpvlitik der Kolischer, Groß, Löwenstein und Feuerstein. Die polnische Indenfrage. Beratungen zwischen Paderewskt und jüdischen Vertretern in Warschau. Die polnische Gesandtschaft in Wien teilt uns mit: Am 18. Februar fand beim Ministerpräsidenten PaderewLki eine Konferenz über die polnisch-jitdische Frage mit den Vertretern aller jüdisch"» Parteien Polens statt. An den Vcratmigen nahmen teil: Der Vorsteher der Warschauer Klillusgemeinde N u n dst e l n und der Abgeordnete Rabbiner Perlmutter als Repräsentant der Orchodoxen, Rabbiner Poznan Ski als Repräsentant der sortschntllchen Juden, der Zionist G r Ü nb a u m. der Repräsentant der jüdischen BvlkSpartei Prylücki, der Vertreter der „Unabbängigm Juden" Goldflamm und der Repräsentant der Assimckationsparle» Konsul Elger. Paderewski erklärte, es liege »hm am Herzen, die volmsch-jüdtschr Frage in einer Wecke zu lösen, die daS harmonische tlckammenleben der Juden und Polen ermöglichen würde. Als rylurki und Gciinbaum die Anerkennung der Juden als Nation, die Gewährung einer nationalen kulturellen Autonomie, die E.nführnng einer jüdischen Kurie nach dem verzentuellrr» Anteil der Juden m allen Gemeinden und Staatsämtern sowie jüdische Staalsschulen verlangten, erklärte VodrrewSki. die derltalienlschenMillLärmisslo« aus Laibach und durch die gänzliche Absperrung der Front durch die Italiener neuerlich verschärft worden. Die Friedenskonferenz denkt bereits daran, durch wirtschaftlichen Boykott die beiden Nationen abzu kühlen. Die Jugoslawen haben nach italienischen Meldungen 11 Divisionen gegen Jtal en mobilisiert, die Serben haben drei Millionen Mann unter den Waffen. Die gesamte französische Flotte hält sich in der Adria auf. Paris, 28. Febmar. (Funkspruch des Ung. Tel.- Korr.-Bur.) Laut Meldungen aus Nom wurden die Beziehungen zwischen Italien und de« Jugoslawe« abgebrochen. :( jüdische Frage müsse und werde in Polen aus der Balls vollständiger Gleichberechtigung, und zwar einer solchen, wie sie b te Pole» in Amerika g enresten, gelöst werden. Dagegen werde er mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln dem Programm Pryluckis und Grünbaums e n t g e g e n a r b e i t e n. Im Gegensatz zu den Vertretern der nationalen Juden verlangte Rabbiner Perlmutter bloß die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden, auf welchen Standpunkt sich auch dev Repräsentant der jüdischen Assimilanonspartei, Konsul E i g e r, stellte. Bei dieser Gelegenheit gab der Ministerpräsident PaderewLki - die Erklärung ab, daß die polnische Nattonaldemokratckcke Partei ihren Standpunkt ip der lüdckchen Frage einer grundsätzlichen, für die Juden günstigen Revision unterzogen habe und daß es jetzt Sache v er I ud en ist, ihr B e r h L ltn i s zum polnische« Staat und zum Polentu m zu ändern. Die Konferenzen über das polnisch-jüdische Verhältnis werden weiter fgxtgeführt werden« Aus dem vorstehenden Commumqus geht hervor, daß de» verantwortlichen Männern der polnischen Regierung absolut noch nickt klar ist, worin das eigentliche Wesen der Judenfraae w Polen besteht. Wenn Paderewski sich darüber mit allerlei „Vertretern" der Juden unterhält, so sollte er doch berücksichtigen, daß die assimilatorischen Juden bei den Landtagswahlen eine vernichtende Niederlage erlitten haben und es sich ganz klar zeigte, daß das Volk nur hinter den nationalen Führer» steht. Die polnische Judensrage ist einen ationale Minoritätsfrage; Tu Wird ebenso gelöst werden müssen wie alle nationalen Minderbeitsfragen, die die Friedenskonferenz und den Völkerbund noch beschäftigen werden. Die Polen irren sich, wenn sie meinen, daß nationale Vergewaltigung einer Minderheit zur Assi«' w'lation und zum Frieden /führt. Die preußisch» Polenpolitik und die Geschichte der österreichischen und dy: ungarischen Nationalitäten sollte sie eines Besseren belehrt habe« Etne völlig unzulässige und unfaire Taktik liegt übrigens in der Aufforderung an die Juden, ihr Verhältnis zum polnischen Staat zu ändern; durch diesen Satz soll der Schein erweckt werden, als ob die Juden gegen den polnischen Staat irgendein« Illoyalität begangen hätten; eine Illoyalität wäre aber nur, wenn man über die Existenz der Judenfrage hinwegtäuschev wollte, statt auf ihre dksinitrve Losung zu drängen. Denn nur die befriedigende nationale Lösung liegt auch im Jrtteresse des polnischen Staates. _ Die Friedenskonferenz. Die ZentralwSchte bei der Friedenskonferenz. 6 Haag, 27. Februar. (Tel. der »Wr. Morgenztg.") Die Pariser Blätter find der Meinung, daß gegen Mitte März Deutschland, Oesterreich, Angarn, Türkei und Bulgarien zur Pariser Friedenskonferenz eingeladen werden sollen. Diediplomgti» schen Beziehungen mit Deutschland solle« wieder ausgenommen werden» blS dieses feine Schuld am Kriege zugestanden hätte. -y- Der Zehner-Rat. Llemeneeaus Besprechungen mit Tardieu, — Di« deutsch-französische Grenze. — Die Adriafrag«. Paris, 28. Februar. (Agence Havas.) Vor Beginn der Sitzung des Zehner-Ausschusses erschien gestern» Clemenceau im Ministerium des Aeußern. Alle Vertreter der Großmächte beglückwünschten ihn zu seiner wunderbaren Errettung vom Tode und seiner erstaunlichen Energie. Clemenceau, der von Montag an den Vorsitz in der Konferenz wieder führen wird, wohnt« den Beratungen nicht bei. Er unterhielt sich in einem der angrenzenden Gemächer mit Tardieu. Dieser unterbreitete die Vorschläge betreffend die deutschfranzösische Grenz«. Die Besprechung darüber wird voraussichtlich nächsten Donnerstag stattfinden. Der Zehner-Nat beschloß auf Vorschlag der amerikanischen Vertreter, eine Sonderkommission mit der Aufgabe der Zentralisierung und Koordinierung der Gebietsprobleme zu betrauen. Der Rat behält sich stets das Recht vor, die territoriale» Probleme, z. B. die Adria frage und die Frage der deutschen Grenze aufzurollen, wenn er dies für nötig findet. Der Rat wird am Samstag die Berichte der Wirtschafts- und Finanzkommission entgegennehmen. Lloyd George und Orlando werden nicht vor Ende der nächsten Woche nach Paris zurückkehren.

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