Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 38 (25.2.1919)
- Date
- 1919-02-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Rk. 38 Wien, Dienstag Ungarn anerkenntfeineausländifchenSchulden. Budapest, 24. Februar. Wie „Pesti Hirlap" erfährt, beschloß die Regierung in Angelegenheit der Ba nknotenabstempelu ng eine Note an die Ententestaaten zu richten, worin erklärt wird, daß Ungarn nur infolge einer Zwangslagd sich zu diesem Schritte entschlossen habe, nachdem Jugoslawien und Tschechien schon vorher die Banknotenabstempelung angeordnet haben. In der Note wird ferner betont, daß Ungarn die Zahlungsverpflichtung für den auf Ungarn entfallenden Teil der ausländischen Schuld der alten Monarchie auch fernerhin unbedingt anerkenne. Schließlich wird die Aufmerksamkeit der Entente auf die im Auslande zirkulierenden nichtabgestempelten Banknoten gelenkt und um entsprechende Maßnahmen gebeten. Ein 20V-Millionenproretz gegen das Haus tzabsburg. Budapest, 24. Februar. (Tcl.-Komp.) Die JaZz'igische Bevölkerung hat ß c o e n das Haus Habsburg einen Prozeß angestrengt, dessen geschichtliche Grundlage bis auf das Jahr 1702 zurückreicht, als Kaiser Leopold die Besitzungen der Iaszigen dem deutschen Johanniterorden schenkte. Unter Maria Theresia haben die Jaszigen ihre Besitztümer wieder erworben für eine Summe. die in heutigem Gelbe 200 Millionen entspricht. Wegen Rückerstattung dieses Betrages strengen nun die Jaszigen den Prozeß gegen das Haus Habsburg an und verlangen. daß bis zur Regelung dieser Frage die Besitztümer der Habsburger sequestriert werden. In dieser Angelegenheit wird m Budapest eme Fachberatung tagen. Pogrom in Rozana. Krakau, 24. Februar. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung.") Am Mittwoch den 29. Jänner, morgens um 6 Uhr, hielten 1500 polnische Legionäre mit Maschinengewehren ihren Einzug in Rozana (Gouv. Grodno), nachdem sie in die Nähe der Stadt eine kleine bolschewilische Abteilung zurückgedrängt hatten. Beim polnischen Pfarrer fragten sie an, wer die Bolschewiken seien und erhielten von ihm die Antwort: „alle jungen Juden". Man hatte nämlich die gefangenen christlichen Bolschewiken über Einschreiten des Pfarrers freigelassen. Um 7 Uhr begegneten den Legionären 12 Juden, von denen die Mehrzahl auf dem Wege zum Morgengottesdienst waren und den Talles unter dem Arme trugen. Auf diese Juden stürzten sich die Polen und schlugen sie mit ihren Kolben. Dann wurden diese Opfer an die Wand gegenüber der polnischen Kirche gestellt — in vier Reihen zu je drei Mann — und erschossen. Sechs blieben tot, einer schwerverwundet, zwei leichtverwundet, drei unverletzt. Die meisten hinterlassen Frauen und Kinder. Nachher Erschießung fand ein allgemeiner Pogrom, aber nur auf jüdische Häuser statt, der den ganzen Tag währte und an dem sich die polnische Bevölkerung der Stadt lebhaft beteiligte. Geld, Ware, Vieh wurde geraubt und fortgeschleppt. Diese Horden polnischer Legionäre standen unter dem LVefehl des Rittmeisters Dombrowski, unter den Offizieren befand sich ein reicher Gutsbesitzer, Scheu. Der Name des „menschenfreundlichen" Pfarrers ist Sameezik. — Dieselbe Abteilung hatte vorher Zoladok, Dereezhn undOsernitza heimgesucht und dort gleiche Schandtaten verübt. Von Rozana zogen sie weiter nach Prushany, um dort ihre Barbarei weiterzuführen. Die Stadt ist bereits, von ihnen genommen worden. , i Lebensmittel für die jüdische und polnische Bevölkerung. Warschau, 24. Februar. Nach einem vom polnischen Nation« l ko mitee in Paris an den polnischen Ministerpräsidenten gesandten Telegramm hat die gemischte polnisch-jüdische Ernährungskommission, die von Jan S m u l s k i organisiert worden ist, ein Schi ff mit Lebensmitteln und Klei- .dungs stücken entsandt, die zur Hälfte für die ipolnische, zur Hälfte für die jüdische Bevölkerung bestimmt sind. Das Schiff kommt am! l22. d. M. in Danzig an. Die jüdischen Organisationen! haben zwei Vertreter, von denen sich der eine an Bord jdes Schiffes befindet; der andere, Dr. Bogen aus! Warschau, soll bereits in Danzig eingetroffen sein. «Der Vertreter der amerikanischen Polen, der sich gegenwärtig in Paris aufhält, reist Freitag abends nach Warschau ab. Es wird um sofortige Entsendung von Vertretern der polnischen Negierung nach Danzig gebeten, die die Verteilung der Lebensmittel und der Kleidungsstücke besorgen sollen. (Man kann gespannt darauf sein, wieviel die jüdische Bevölkerung von dieser 'Hälfte erhalten wird. — Die Red.) , Jugoslawien. D erZnsammentritt der proviforifchenRationalversammlung in Belgrad. Zürich, 24. Februar. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung.") Die provisorische Nationalversammlung des südslawischen Staates versammelt sich am 1. März in Belgrad. Sie besteht aus 286 Delegierten, wovon 62 Kroatien, 42 Bosnien-Herzegowina, 32 Slawonien, 24 Serbisch-Mazedonien. 24 das Banat, 12 Dalmatien. 14 Istrien vertreten. Die übrigen Delegierten sind entweder Serben oder Montenegriner. Die Nationalversammlung wird zuerst über die Gründung des südslawischen Reiches und über das Agrarp.roblM bedä&fcfe, \v\\v- ' Wiener Morgenzeitung imdtmumiäULm 25. Februar 1919 Seite 5 Rumänien. Blutige Straßenkämpfe in Bukarest. Budapest, 24. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Das „Acht-Ahr-Blatt" erfährt au- Bukarest. Hier spielen sich blutige Straßenkämpfe ab. Die empörte Volksmenge zerstört alles, was ihr in die Hände kommt. Die Geschäfte werden geplündert. In zahlreichen Soldatenversammlungen wurde erklärt, daß sich die Soldaten dieser Regierung unter keinen Amständen unterwerfen werden. Zwischen Polizisten und Soldaten sind Straßenkämpfe an der Tagesordnung. Es verlautet, daß Ententetruppen die Ordnung wieder Herstellen werden. TOILETTE-ARTIKEL Drogerien, Seifen- und Parfümgesohüfte etc. etc kaufen am besten und billigsten alle Tollettoartlkel ui.* Parfüm, Ges’oht-HautorSme, Puder, Raslerutenslilen, Haar* und Mundwa ser, ZahnorSmo und -Pulver, kurz Partoris sngros, I., Bauernmarkt 9 Verlangen Sie bitte Preisanstellung. 140 Tagesbericht. Der jüdische Studententag. (Erster Tag, Sonntag, 23. Februar.) Sonntag vormittags fand im Großen Konzerthaussaal die feierliche Eröffnungssitzung des vom jüdischen Hochschulausschuß veranstalteten Studententages statt. Der große Saal war überfüllt. Ungefähr 2000 Studenten nahmen an der Tagung teil; der Verband umfaßt 25 akademische Korporationen. Um 1/210 Uhr vormittags eröffnet« der Vorsitzende des Hochschulausschusses Jakob Weiner mit einer herzlichen Begrüßungsansprache, in der er Zweck und Bedeutung des Tages charakterisiert, die Sitzung. Er begrüßt insbesondere die erschienenen Professoren, die Herren Rektor der Export-Akademie, Hosrat Professor Schund, Professor Dr. Jak. Erdheim, Professor Taussig, Dozent Geiger, Dozent Eisler, Professor Neumann, Dozent Dr. Blau; ferner Herrn Abgeordneten Ing. Robert S t ri ck e r, Herrn Gemeinderat Schwarz- Hiller, weiters die Vertreter des Zion. Landeskomitees, des Jüdischen Nationalrates für Deutschösterreich und für Ostgalizien, den Vertreter der Kultusgemeinde Dr. Spitzer, ferner Herrn Eidinger. Hierauf ergreift das Wort Oberrabbiner Doktor Chajes. Er bezeichnet als wichtigste Aufgabe der jüdischen Studenten eine Versenkung in die geistigen Grundlagen des Judentums, besonders in die Bibel. Der Redner schildert das innige Verhältnis, das zwischen dem jüdischen Volk und diesem Buch immer bestand. Allerdings kann diese Vertrautheit nur erzielt werden, wenn "man die Bibel in der Sprache des jüdischen Volkes ausnimmt, jede Uebersetzung schafft eine papierene Wand. Dr. Chajes fordert die Studenten auf, dieses wichtigste Gut des jüdischen Volkes zur Grundlage ihres geistigen Lebens zu nehmen. Hierauf begrüßen den Studententag Herr Dato namens der Zionistischen Partei, Dr. Karl Pollak, namens der Jüdischen Nationalrates für Deutschösterreich, Herr Wechsler in Vertretung des durch Unwohlsein verhinderten Herrn Adolf Stand namens des Jüdischen Narionalrates für Ostgalizien, Ginzberg für das Kartell jüdischer Verbindungen in Deutschland. Als Generalreferent spricht über die Aufgaben der jüdischen Studenten Herr Dr. Hugo Bergmann (Prag). Der Referent geht davon aus, daß in den letzten Jahren der jüdischen Entwicklung sich eine Umwälzung vollzogen hat, weil ein jüdischnationales Bürgertum entstanden ist, welches die Aufgaben, die früher notwendigerweise die Studentenschaft auf sich nehmen mußte, übernommen hat. Dadurch wird die Studentenschaft für ihr eigentliches Arbeitsgebiet frei: Vis jetzt war es den Studenten nicht möglich, das selbst zu verwirklichen, was auf ihrem Programm stand: jüdisch zu werden. Redner skizziert dann die Pflichten des jüdischen Studenten, dessen Arbeit das Volk wieder kulturschöpferisch machen muß. In der gegenwärtigen Zeit gibt es noch besondere Aufgaben; völkerverbindend zu wirken, einen neuen Nationalismus an Stelle des in Europa bekannten Chauvinismus zu setzen. Wir müssen uns auch dafür einsetzen. daß das zionistische Ideal auf den Grundlagen der sozialen Gerechtigkeit verwirklicht wird. Das Referat wird mit großem Beifall ausgenommen. Der zweite Berhandlmigstag. Montag früh wurde die Diskussion über nationale Aufgaben des jüdischen Studenten eröffnet. Es sprachen die Delegierten der einzelnen Gruppen, die ihr Programm kurz begründen. Unter anderem kommen zu Wort die Vertreter der Kulturvereine, der jiddischistischen Vereine, der Poale-Zion, der sozialistischen Studenten, der Verbindungen, der akadeniischen Vereine, derTurn- und Sportvereine, der Fachvereine. Die Diskussion gestaltete sich stellenweise recht heftig. Während der Rede eines Delegierten kam es zu lebhaften Lärmszenen,, A die den^Gang der BertzaMungKn erheblich störten. Nachmittag folgten die Spezialreserate Doktor Emil Stein sprach über die Aufgaben des Studenten für Palästina, Dozent Dr. Torczhner über die kulturellen Aufgaben, Dr. Welt sch über die Stellung zur Politik. Die Referate werden heute Fortgesetzt. Film vom Tage. In Wien ist noch Kohle für vier Tage vorhanden«' aber unsere optimistische Negierung, welche die Ahnungs-i losigkeit der alten übernommen hat, verliert darum! nicht den Mut. Was ihr an zugreifender Initiativ« und weitblickender Voraussicht abgeht, sucht sie durch ■ eine erfolgreiche Tätigkeit in Kaffeehäusern und Steh^ weinhallen wettzumachen. Die absolute Grenzsperre,, welche das Einströmen der'Kronennoten verhindern frfl* hat auch dem inoffiziellen Lebensmittelhandel, der Wien bisher versorgte, ein Ende bereitet. Und so haben wir wohl die Gewißheit, daß unserer Valuta nichts mehr ge-. schehen kann, gleichzeitig aber ist eine Isolierung tut* serer Märkte herbeigesührt, die katastrophal zu werden droht. Die Gastwirte sperren und in den Wohnungen sind leere Töpfe und kalte Herde. Ob sich die Regier rung ihrer Verantwortlichkeit voll bewußt ist, möchte man bei der von ihr zur Schau getragenen Sorg-, losigkeit fast bezweifeln. Daß sie aber mit dem FeueÄ spielt, wird sie sich wohl kaum verhehlen dürfen, i Ein junger Mensch, zwanzigjährig, Sohn elneSs wohlhabenden Wiener Bürgers, ist einem furchtbaren« bis zur Stunde noch nicht aufgeklärten Raubmord zum Opfer gefallen. Der Polizeibericht läßt bei all seiner Nüchternheit die grellen Farben eines Kinodramas nicht vermissen. Der verschwundene junge Mann, die ent-. gegenkommende Kabarettsängerin, der geheimnisvoll« Wagen mit Soldaten auf der Reichsbrücke, die eineni Koffer in den Strom schleudern, der unbeachtete Augen-i zeuge, sind Requisiten aus dem Ravacholrausch, der einst die Pariser Bühnen beherrschte. Das unglücklich« Opfer und sein nicht minder unglücklicher Vater sind! des Mitleides aller gewiß. Und doch kann man sich des Gedankens nicht erwehren, daß dieser Fall unausbleiblich ckist in einer Zeit, die den Blutrausch geheiligt hat und in der Jünglinge, Zwanzigjährige, Vermögens verdienen und ihrer Jugend in frühem Erleben niH bewußt werden, b!; -. „ t Die Herren Theaterdirektoren haben heimgefundenö die lieben alten Boulevardschwänke sind, neu frisiert^ wieder aufgetaucht. Vergessen sind die Schwüre eineK kriegerischen Zeitalters; die „heimische Shmft", der bo$j. Salz fehlt, wird abgeräumt und das französische Ein-s heitsmenü mit den schmerzlich vermißten, hinreißenden^ Lebemännern, Wortmodellen und pikanten Kammerzofenj aufgetischt. Die Freude des Wiedersehens war allgemein. Das Publikum hatte wieder tbas zum Lacheni und die Kassenrapporte erhöhen die direktorale Glück-j seligkeit. Die Zeiten ändern sich, und wenn auch gegenj die Absetzung der diversen Buch- und Bürstenbinder^ welche die Oede unserer Bühnen bisher ausgefüllt: haben, nichts einzuwenden ist, bleibt dieses Haschen^ nach Surrogaten dennoch ein kennzeichnendes EharakteH ristikum des Wiener Geschmacks. b; Polnische Agenten in Wiener Redakttonen?! Unter diesem Titel bringt die Sonntagsnummer Jbejfc »Deutschen Vollsblattes" folgende Notiz: »Die »Wiener Allgemeine Zeitung" veröffentlicht seit einigen Tagen, als einzig^ Wiener Blatt, polnische Tendenzmeldungen aus der trüben Quelle eines angeblichen polnischen Preßburraus. Die Nachrichten habe« verfluchte Aehnlichkeit mit bezahlten Anzeigen und sollen wahr-, scheinlich die deutschosterceichische Oesfentlichreit über den wahren ° Charakter der polnischen Zustände hinwegtäuschen. Was für tut Interesse Dr. Goldscheider daran hat, die Leser der »Allgemeinen \ irrezufiihren, ist uns trotz allem, was wir horten, nicht ganz Nar. i Ohne in den Streit des christlichsozialen Organes mit dem liberalen Blatte emzugreifen, möchten wir zur Steuer der Wahr-I heit feststellen, daß der Chef des Pressedepartements un Mim-, sterium deS Aeußern in Warschau und Herausgeber der ehemaligen Zeitschrift »Polen" in Wien, Mar Goldscheider, em Bruder des obgenannten Redakteurs Dr. Eduard Gold-, scheider ist, wodurch so manches, was dem »D. V." .»nicht ganz klar" ist, aufgeklärt erscheint. Die Familie Goldscheider hat stetH 0 weit sie es konnte, das ihre dazu beigetragen, eine loyale Jn-, irmierung der Oeffentlichkeit über die, jüdischnationalen Be-j ..rebungcn zu verh ndern. Auch dies liegt im Zuge der polmschen Politik, die-für ihre Zwecke immer stehend getaufte Journalisten findet. Die italienifchenForderungen auf Auslieferung von Fahrbetriebsmitteln. Ueber die vom italienischen Kommandanten General S rgr^ ausgestellte Forderung auf Auslieferung von Fahrbetriebsmitteln wurden gestern eingehende Beratungen gepflogen. Die Italiener verlangen bekanntlich 123 Lokomotiven und 2460 Waggons. Dem^ gegenüber wurde von seilen unserer Regierung daraclegt, daß durch eine Erfüllung der italienischen Forderung unser Güterverkehr geradezu stillgelegt würde. Gleichwohl sind dir Italiener von ihrem Begehren nicht abgestanden und wiederholten ihre Forderung mit Festsetzung eines Termines vom 25. Februar, wob« sie, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, einen Lebensmittrlzua bereits eingestellt haben. Unter diesen ZwangsverhälMisien sah sich vorzunehmen. Heute wird mit den Ablieferungen bfrt gönnen werden. Es werden zunächst zwei Lokomotiven und vierzig Waggons abrollen und sodann weiteres Fahrbetriebsmatertal zur Verfügung gestellt werden. Selbstverständlich geschieht dieL unter voller Wahrung des von Deutschösterreich vertretenen RechtS-j standpunktes. Wiedereinführung des Schnellzugs« erkehrs Wien—Prag—Dresden—Berlin. j Wie man aus Prag meldet, hat Eisenbahnministey Dr. Zahnradnil $iule.Uuufle.it neiwjie.n« dagzit