Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 38 (25.2.1919)
- Date
- 1919-02-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 83 Wien, Dlensrag Mener Morseiyemms 25. Februar ivlS V 'Sette 3 Die Friedenskonferenz. Die Ergebnisse der samstägigen Sitzung. Paris, 24. Februar. (Radiotelearamm.) In Besprechung deS Commuuiquös über die Samstagsitzuna des Komitees der interalliierten Konferenz erklären die Blätter: Das Komitee wollte die erzielten Ergebnisse rekapitulieren und einen Ueberblick über dir eingeleiteten Debatten geben. Verschiedene Kommissionen sind gleich ru Beginn der Konferenz eingesetzt und andere spater bestellt worben nach Maßgabe der Aufstellung territorialer Ansprüche seitens der Rumänen. Griechen, Tschecho-Slowaken, Belgier und Serben. Diese Kommission«« haben gearbeitet und sind zu einer Anzahl von Beschlüssen gelangt, über die einen Ueberblick zu gewinnen von Interesse war. Das hat das Komitee getan, das die Frage geprüft hat, wie die Schlußfolgerungen der Sonderausschüsse erörtert werden und sanktioniert werden können. Russen in Paris. Vertreter der frühere« Omsker Negierung. New-Dork» 24. Februar. Nikolai A k z e n t i j e w, der frühere Präsident der provisorischen allrussischen Regierung in Omsk, welcher später durch den Staatsstreich des Admirals K o l t s ch a k abgesetzt wurde, ist heute .auf der Reise zur Ententekonferenz in Paris eingetroffen. In seiner Begleitung befindet sich Wladimir Z e n z e n o w, der frühere Minister für Arbeit und Landwirtschaft sowie Eugen Rogyinsky, der ehemalige Minister für Polizeiwesen und Andrej A u g u ft o w. Sie sind über Kanada gereist und werden vor der Koferenz den antibolschewikischen Standpunkt zu vertreten suchen. In Paris befindet sich bereits Frau Breschkowska, nur welcher die Abordnung Unterredungen pstegen wird. Die Abreise nach Paris erfolgt in ungefähr zwei Wochen. Die ostgalizischen Ruthene« gegen die Bereinigung mit der Ukraine. Paris» 24. Februar. Der frühere ruthenifche Abgeordnete im österreichischen Reichsrat, Dimitri Markow, ist als Delegierter des russischen Nationalrates in Lemberg hier eingetroffen und hat den Mitgliedern der Pariser Konferenz ein Memorandum überreicht, worin die nationalen Bestrebungen der Kleinruffen der früheren österreichisch-ungarischen Monarchie dargelegt find. Das Memorandum enthält unter anderem eine dom russischen Nationalrat in Lemberg beschlossene Resolution, wonach daS ruthenifche Volk der früheren österreichischungarischen Monarchie, das viereinhalb Millionen Seelen zahlt, seinen Willen kundgibt, mit dem demokratischen russischen Staat und nicht mit der Ukraine vereinigt zu werden. Ein Roter Kreuz-Kongretz «ach Friedensfchlutz. London, 24. Februar. (Tel.-Komp.) DaS internationale Rote Kreuz hat sämtliche Rote Kreuz- Vereine zu einer Konferenz rnGen >f eingeladen, sobald das Friedensabkommen unterschrieben ,ft. ES ist beabsichtigt, die Tätigkeit des Roten Kreuzes zur Beschaffung von Nahrungsmitteln und zur Förderung der a l lemeinen Gesundheitspflege auch in r i e d e n s z e'i t e n auszudchnen. Verschlechterung im Befinden Clemeneeans. Zürich, 24. Februar. Wie die Blätter aus Paris melden, hat sich der Zustand ClemenceauS, der schwer an Zuckerkrankheit leidet, sehrverschl echter t. Entrichtet die freiwillige, einmalige jüdische Volkssteuer! |8B EatrichtnngMtelle: JBdi.cher Nationalrat, II., Tabontram SCa. Paderewskis Ianushaupt. Don JuninS. Aus Paris kommt die Meldung, daß die polnische Regierung von der Entente mit dem Hinweis darauf anerkannt wurde, daß die Anerkennung Padere wSki zuliebe erfolgt ist. Gleichzeitig wirb von informierter Seite mitgeteilt, daß PaderewsK sofort nach seinem Regierungsantritt der Sowjetregierung in Moskau einen Vorschlag unterbreitet hat, die Beziehungen zwischen dem bolschewistischen Rußland und der polnischen Republik friedlich zu regeln. Eine bereits eingetroffene Antwort Tschitscherins erklärt sich namens der Räteregierung im Prinzip bereit, Verhandlungen mit den Pole« aufzunehmen, wobei versichert wird, daß Rußland von einer Einmengung in die innere« Verhältnisse der polnischen Republik absehen wolle. . DaS Zusammentreffen beider Nachrichten wirst ein bezeichnendes Licht auf die polnische Polittk, die in ihrer Art einzig dasteht und mtt Recht als „polonica fides“ bezeichnet werden dürfte. Bei jedem Volk gibt eS verschiedene politische Einstellungen, die von politische» Parteien und bekannte» Persönlichkeiten getragen werden. Bei Beurteilung der Polittk eines Volkes kann man, wenn man die bei ihm vorhandenen Strömungen kennt, ihre aktuelle Bedeutung darnach ermessen, welche Partei, durch welche Persönlichkeiten repräsentiert, die Regierungsgeschäfte besorgt, und welche Gruppierungen sich in der Opposition befinden. Bei den Polen ist es anders. Da hilft keine Kenntnis der politischen Programme oder Persönlichkeiten, man kann nie voraussehen, ob und welch« Richtung die Politik der polnischen Parteien und ihrer führenden Männer einschlagen wird, weil bei ihnen überhaupt kein Begriff einer programmattschen Konsequenz und einer politischen Verläßlichkeit vorhanden zu sein scheint. Diese Tatsache könnte mit zahlreichen Beweisen speziell aus allerletzter Zeit belegt werden. Kein besserer aber wäre aufzubringen als gerade der - Fall Paberewski mtt seinem Doppelgesicht gegen Osten und Westen. AlS Pilsudski, zum Diktator in Polen ausgerufen, eine sozialistische Regierung Moraezewski eingesetzt hatte, waren es die Nationaldemokraten (Allpolen), die durch ihre Exponenten, daS Nationalkomitee in Patts und dessen Delegierten, Professor GrabSky, in Krakau und Warschau gegen die Regierung Moraezewski vorzüglich mit dem Einwand Sturm gelaufen sind, daß eine sozialistische Regierung nie dar Vertrauen der Entente erreichen könne, weil sie von ihr immer verdächtigt tverden würde, daß bei ihr Annäherungsversuche an die Bolschewiken in Rußland möglich seien. Dieser Borwurf war jedenfalls — man mag sich programmatisch wie immer zu den Orientterungen selbst stellen — vom Standpunkt einer Politik, die Wert auf eine diplomatische Anerkennung der Entente legte, begründet. Zwei scharf «mrisfene Richtungen standen sich gegenüber:. Eine, s o z i a l ist i sch e, die keine Eile hatte, sich in einen, absoluten Widerspruch zum bolschewistischen Rußland und sozialdemokratisch« Deutschland zu stellen, und eine zweite, bürgerlich-nationale, die vor allem die Anerkennung der Entente an» strebte, well sie eine aktive Teilnahme an der FriebenSkonferenz wünschte und in der Anerkennung die erste Voraussetzung hierzu erachtete. Der Kampf zwischen diesen beiden Richtungen in Polen währte ziemlich lange; als sich erwies, daß weder Grabsky noch der polnische Nationalrat in Pose» mit seinem park nationalistischen und reaktionären Einschlag Moraezewski beizukommen vermochten, übernahm PaderewsK persönlich die Aufgabe, die sozialistische Regierung in Polen mit ihrer laxen Taktik den Bolschewiken gegenüber zu stürzen. ES gelang ihm auch, alS nationalem Held, dem der Ruf eines Entente-Lieblings vorangegangen war, nach dem Blutbad in Posen und dem reaktionären Putsch in Warschau, eine Regierung zu bilden. Die zur Konstituante burchgefühtten Wahlen ach dem Pogrom. Im Verlag R. Löwit, Wim, ist soeben ein Buch erschienen, daS sich „N ach dem Pogrom" betitelt. DaS Büchlein, dessen Reinertrag für die Waisen der Lemberger Pogromopfer bestimmt ist, bietet eine Uebersetznng von CH. N. Bialikö berühmt gewordenem Gedicht „Ma'asseh Nemlrow", daS der große hebräische Dichter unter dem unmittelbaren Eindruck deS Pogroms von Kischenew schrieb. Die Uebersetzung hat Abraham Schwadron besorgt. Wir bieten unseren Lesern eine Probe aus dem Gedicht, in dem Entsetzen und Empörung in hinreißendem Pathos zum Ausdruck gelangt. Zn der Stadt des Mordens. Geh' in die Stadt des MordenS und komm' in die Höfe! Und deine Augen werde» sehen und tasten die Hände ans Zäunen, Ms Hölzern und Steinen und Mörtel der Wände verdichtetes Blut und vertrocknetes Hirn Erschlag'ner. Kommst zu Ruinm und steigst über Breschen, gehst an durchstoßenen Wänden vorbei und zertrümmerte» Herden, wo ttefgewühlt die Axt und breite, große Löcher geschlagm, blohgelegt dm rauchschwarzm Stein und die Ziegel, zerbrannte, daß sie da gleichen geöffnetm, brandig« Wunden, die nie werden heilen. Dir versinken die Füße in Federn und stoße» an vielerlei Hausm zermalmter Scherben, zersplitterter Splitter, Pergamente und Bücher, zerwühlt und zertreten — Trümmer unendlicher MÜH' und der Früchte tiefschwerer Arbeit. — — Doch bleibst du nicht stehen am Ott der Mte. und.J&jrß .dich. L»r. Straße ~ ach! da blüh« Akazien, e» strömt ihr Duft dir entgegen, die Hälfte der Blütm geöffnet — doch ttechen wie Blut sie! Und magst du wüten und magst du dich sträuben; es trägt ihr buhlmber Duft deS Frühlings Wollust i» deine Brust —. und dich überfällt kein Abscheu. Mt tausend goldnen Pfeilm durchbohrt die Sonne dein Herz und vervielfacht frohlockm die Strahle« ans jede« Glassplttter über dein Elend. , * ■ ■ ' Denn der Herr entbot sie in einem Seide: Frühling und Morden;. die Sonne leuchtete — die Akazie blühte — »nd der Würger würgte.... « Und btt fliehst-«nd kommst in de» Hof, darin ist ein Hausm. Auf dem Hausm sind zwei Geköpfte: ei» Jud vnd sei« Hund. Eine Axt hat sie «iedergepreckt und auf einem Misthaufen — mtb tat Gemeng' ihrer beider Bürt, da wühl« und wälzen sich Schweine . . . Aber morgen kommt Regen, spült alles ins Bächlein danebm und nicht mehr wird schrei'« das Blut aus Gosse und Kehricht, denn im unendlichen Abgrund wird sich'S verlierm oder ein Dornengebüsch bis zur Sättigung tränkm — und aus alldem wird nichts, alles bleibt wie ungeschehen . . . « Auf die Dachböden kletterst du dann und stellst dich in'S Dunkel. Roch schwebt des bitter« Lode» Entsetz« im schweigenden Düste« und aus all« verdämmert« Löchern, und Schatte« der Winkel \ Augen, _ scha« Augen! stumm aus dick starre» », . mit ihrer vierfünftel - Maojrität an Klerikalen und Rück» schttttlern, boten PaderewSki die. ihm. passende politische Grund» läge und den von ihm für die Entmte gewünschtm BeweA hierfür, baß Polen noch immer nicht nur gegen sozialistische, sondern überhaupt freiheitliche Ideen ziemlich gewappnet ist« Unter diesen Umständen konnte PaderewSki als einer der bekanntesten Führer der allpolnischen Partei für dir Entmte alS sicherer Mann für ihre Pläne in der für sie aktuellsten Frage deS russischm BolschewiswuS gelten. Bekanntlich bildet diese eine wichttge Sorge für Paris und beherrscht einen Löwenanteil der dortig« Beratungen. Innerhalb der verschiedenen Projekte aber, der bolschewistische«! Gefahr zu steuern, von der geplanten Expedition nach Rußland bis zur allerletzten Frage der direkten Unterstützung dev ukrainischen Truppen in ihrem Kampf gegen die Bolschewik«, ward immer von der Entente der polnisch« Republik die Rolle eines Dammes gegen die russische ,^ulturgefahr" zugedacht. DaS Pariser polnische Komitee und PaderewSki nützten auch geschickt diese Konzeption als glücklichste- Atoni auS, daS sie bei der Entente für die Gewinnung ihrer Sympüthim mit Erfolg ausspieltm. AlS den Damm gegen dir! Bolschewik rechnete die Entmte dm Polen nicht mehr kh«! zwiespältige Politik während d«S KttegeS an» vergaß ihnen! die mit österreichischem Gelb erhaltmm und gegen die Ententt kämpfenden Legionen und nahm sie sogar gegm die Tscheche«! in Schutz. Paberewski verstand eS, sich als absolutm Am Hänger der ententistischen Orientierung während deS ganzeck Krieges zu stellen und gab sich, dank seiner nationaldemokratischen Parteizugehörigkett, alS natürlichen Gegner einen Verständigung mtt den russischen Bolschewiken. Die Politik! der Entente rechnete somit mtt Parteiprogrammen und einer! individuellen Persönlichkeit, wenn sie auf PaderewSki zurückgriff und seiner Regierung ihre Anerkmnung nicht vovmthielt,. nachdem er verkündete, im Zeichen deS Kampfes mit: dm Doljchewiki die Regierung übernommen zu haben, keine«! Mommt aufhörte, auf die heilige Aufgabe der Polen, gegm? die Bolschewik zu kämpfen, hinzuweism, und die Entente unaufhörlich um Hilf« an Menschenmaterial und Munition! für dm Kampf gegen die Truppen deS Sowjet zu bestürmen. Der Wortlaut der letztm Meldung über di« Anerkennung der polnischen Regierung bestätigt auch restlos, warum die Entente dem jetzigen Polen Bettrauen «tgegengebrachk hat: weil die Konstituante sich als zuverlässige Stütze Paderewskis erwies, glaubte die Entmte in seiner Perso» eben! eine Gewähr für die Zuverlässigkett der derzeitigen polnischeck Polittk gewonnen zu haben, von der eine Annäherung ack die russische Sowjetregierung nicht mehr wie zur Zett der Regierung MöraezewsttS zu befürchtm wäre. Der Entschluß der Entente ist konsequmt; allein sitz machte die Rechnung ohne dm. polnisch« JmpettaliSmuS. Ick die Oeffmtlichkeit dringt gleichzeitig mtt der Nachttcht über dis- PaderewsK zuliebe erfolgte Anerkennung der polnischeck Regierung die Kunde, daß ausgerechnet PaderewStt sofort bei feinem Regierungsantritt in Berleugung seiner verkündet« programmatischen Einstellung und unter Mißbrauch deK in ihn gesetzt« Vertrauender Entente nichts eiligeres zn tun hatte, als der Sowjetregierung den Frieden anzubleteu.. PaderewsK befolgte, bei dieser Felonie der Entmte gegenüber nur jene polnische Konsequenz des Doppelspiels, das seit jeher die polnischen Politiker auSzeichnete und im Krieg zur höchst« Blüte gelangte. PaderewsK gehött nicht umsonst zur Schule der Nationaldemokraten, deren Führer DmotvSK, sich in Pari- 'für den Völkerbund »nd das EelbstbestimmungSrecht der Böller begeistert stellt, während fein alter ego Grabsky in Krakau dm Völkerbund verhöhnt und die Zukunft' Polens auf die Waffengewalt gestützt haben will. PaderewsK befindet sich auch bezüglich der polltischm Anständigkett ick derselbm Linie wie der Sozialdemokrat Pilsudski, der als! Staatsoberhaupt eine reakttonär-nationalistische Regierung PaderewsK duldet, ohne selbst die Konsequmzen zu ziehe«, 1 1. i Der Märtyrer Geister sind'», trauemd verstört«. -; J Im Dinkel unter der Decke der Daches, kauerck sitz J schweigend... I Hier fand sie die Axt, hierher sind sie gekommeck um mit dem letztm Blicke deS AugeS ihrcS nichtigen Todes Qual z« besiegeln — und den Fluchs ihre- LebmS. | Da lehnend in zitternder Sch», erheb« sie aus den fk# steck« j lautlosen Ruf «ach Sühne, die Augeck «w? fragen^ JatKm V Und wer, per kein Gott ist, kann diese Stille ertrage«! Zum Dache erhebst du dm Blick — «S dunkeln die Ziegel und schweig«. Doch frage die Spinn« allda, die stad lebendige Zeugen, Augenzeuge«, «nd gebe» Kund«: . :> Dom aufgeschlitzten Bauch, mtt Federn gefüllt; von Nasenlöchern und Nägeln, von Schädel« und HÄnmerck;^ von Mensch«, geschlachtet, kopf-erdwättö an Balkm gehängt;, vom Säugling zur Seit' der erstochen« Mutter^ der schlief, die kalte Brustwarz' im Münbch«; vom Kinde, zerrissen mttt« im letzt« ^Mamak" halbes „Ma. . 1" Schau, eblicken auch seine Augen und heisch« von mir . . . % Und noch vieles wie dieses erzählt dir die Spinne, was das Him dir bohrt und für ewig Seele ruck Geistdir will morden ... Du aber krampfst dich zusammen, erwürgst in der Kehl« dm Aufschrei, > begräbst ihn tief in der Brust, daß er nie sich entwinde — und springst von dorten hinaus — — Schau! ES ist * wie früher mtb wie vorgesteru-gestern verschlemmt di«. Sonne ihr Licht an die Erde. ~