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Wiener Morgenzeitung · 1919-02-25 · Heft 38 (25.2.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 38 (25.2.1919)
Date
1919-02-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Eeite 2 Men. Dienstag_Wiener Morgerrzeitrmg _25. Februar 1919 Nr. 38 Balfom über den Zionismus. Die Iudenfrage in Rumänien. Von Jaffa«». Die rumänische Regierung, mit Herrn I. Bratianu an der Spitze, hat bekanntlich in der ganzen Welt herumtelegraphiert, baß sie die Judenfrage durch ein Dekretgesetz bereits gelöst hat. Herr Bratianu hat in seinen Depeschen versichert, daß alle Juden, die im Lande geboren sind und sich nie des Schutzes eines fremden Staates erfreut hatten, die Bürgerrechte erhalten haben. Viele im Ausland, auch ausgewanderte rumänisch« Juden, haben geglaubt, daß Herr Bratianu wirklich die Frage gelöst hat. Dieser Glaube war an sich berechtigt, denn erstens ist heute die internationale Lage Rumäniens eine solche, daß eS in seinem ureigensten Interesse liegt, die jüdische Frage in liberalster Weile zu lösen und zweitens war doch die feierliche Depesche des Herrn Bratianu da. Ein Teil aber der im Ausland lebenden rumänischen Juden, die die rumänischen Verhältnisse, die rumänischen Parteien und Politiker gründlich kennen, haben gezweifelt. Der Text der Erklärung Bratianus war sehr unklar. Wir fragten unS, warum Bratianu nicht den genauen Text seines Dekrets veröffentlicht hat? Er konnte durch diese Veröffentlichung seine Aufrichtigkeit vor der ganzen Welt sehr leicht bezeugen. Indem er das nicht tat, wurde uns die ganze Sache verdächtig. ES stellt sich jetzt heraus, daß wir mit unserem Skeptizismus Recht hatten. Aus den letzten Nachrichten, die auS Bukarest eingetrof'en sind, ersieht man, daß das sogenannte Emanzipationsdekret einfach unannehmbar ist. Wir verstehen Herrn Bratianu wohl: er wollte «icht, daß die Iudenfrage auf den Friedenskongreß kommen soll, und anstatt zu der einfachen und ehrlichen Maßregel einer wahren Emanzipation zu greifen, ging «r den üblichen rumänischen Weg der Hypokrisie und der Falschheit. Er glaubte, daß, da Rumänien von aller Welt ab geschnitten ist, daS Ausland nichts über sein Emanzipationsdekret erfahren, infolgedessen sich mit seiner drahtlichen Erklärung zufrieden geben und die Frage nicht mehr auf den Friedenskongreß gebracht werden wird. Wir haben aber trotzdem erfahren, waS in Rumänien vorgeht. Herr Bratianu, der sich in Parisicher als großen Demokraten hinstellt, läßt in Rumänien die Juden in Massen verhaften, grausam schlagen und quälen, läßt Plünderungen zu sowie eine antisemitische Hetze, die selbst in Rumänien — dem klassischen Lande deS Antisemitismus — noch nie eine solche Höhe von Fanatismus erreicht hat. Doch darüber ein andere- Mal. Im heutige» Artikel wollen wir unS nur mit dem Emonzipationsdekvet deS Herrn Bratianu beschäftigen. Aus sicherster Quelle haben wir über daS Dekret der rumänischen Regierung folgendes erfahren. Das Dekret beschließt, daß diejenigen Juden, die imstande sind, durch Akten zu beweisen, daß sie im Lande geboren sind und nie einem fremden Staate angehört hatten, da- Recht haben, sich um Zuerkennung des Bürgerrechtes zu bewerben. Männer, Witwen und Vormunde jüdischer Waisen, die über diese dokumentarischen Beweise verfügen, werden, jeder für sich, ein Gesuch um Einbürgerung beim Gericht einbringen müssen. Der Gerichtshof wird entscheiden. Wird der Gerichtshof das Gesuch ablehne», s» wird der Gesuchsteller baS DerufnngSrecht vor dem Kassationshof haben, der die letzte Instanz darstellen soll. Die jüdischen Deserteure und andere Kategorien von Juben, die sich im Kriege nicht gut benommen haben, sind von der Einbürgerung ausgeschlossen. Das Ist in Kürze ein Resums d«S Dekrets, daS woch viele andere Punkte enthält und die Gesuchsteller zu unendlich vielen bureaukratischen Formalitäten zwingt. Wo in der Welt hat ma» die Judenfrage auf einer solchen Grundlage gelöst, wie es Bratianu in Rumänien will? In allen anderen Ländern der Welt hat man den Juden die Gleichberechtigung en bloc gewährt und sie nicht gezwungen, einzeln verschiedene Beweise mit verschiedenen Dokumenten zu bringen. Ferner, wie soll man die Nichtzugehörigkeit zu einem fremden Staate beweisen, da sie negativer Art ist? Dann ist eS bei uns nicht leicht, sich Zivilakten zur verschaffen. Die Zivildokumente wurden zwar in Rumänien im Jahre 1866 obligatorisch eingrführt, aber erst seit 20 bis 30 Jahren wurde diese Verfügung in strengerer Weise gehandhabt. Viele Leute besitzen bei uns keinen -Geburtsschein, sei eS, weil sie vor 1866 geboren sind, sei eS, daß sie ihre- Papiere verloren haben. In vielen Gegenden liegen bei den Gemeindeämtern keme ZivilstandSreglfter vor, oder wo eS solche gibt, sind sie nicht sorgfältig geführt worden. Viele Juden haben den Namen geändert. Andererseits bedenke man, was das bedeutet, daß jeder Jude für sich den Gerichtshöfen Gesuche einreichen soll. Dar heißt einfach, daß 80.000 bis 100.000 Juden individuell vor den Gerich'en zu erscheinen und Akten vorzuweisen hätten, um die Naturalisation zu fordern. Es ist undenkbar, daß das Proletariat, das die Majorität der jüdischen Bevölkerung Rumänienausmacht, daß Zehntausende armer Juden, di« keine Familiendokumente aufbewahrt haben, daß ebenso viele Witwen, großjährige Mädchen, Vormunde von minderjährigen Waisen usw. sich zur Beschaffung der erforderlichen Zeugnisse aufrafsen, daß sie sich allerlei Formalitäten unterziehen und vor den Tribunalen erscheinen, wie es das von Herrn Bratianu erlassene Gesetzverlangt Nahum Sokolow hat, wie schon gestern mitgeteilt, «ine Geschichte deS Zionismus in englischer Zeit der Hochflut des Antisemitismus in Osteuropa den von Mr. Chamberlatn Vorgelegen Plan, eine jüdische Siedlung in Ostafrika unter britischer F'agge zu schassen, wo die vor Versorgungen fliehenden Juden ein Gemeinwesen finden sollten, welche ihre Entwicklung in den Bahnen der Tradition ohne Beeinträchtigung von außen und ohne Furcht vor Gewalt ermöglichen könnte, unterstützt habe. Dieser Plan, versichert er, litt an einem schweren Fehler: er war nicht Zionismus. Balfour hatte durch mehrere Unterredungen mit'Dr. Weizmaun im Jänner 1906 die Ueberzeugung gewonnen, daß. wenn eine Heimat für das seit nahezu I960 Jahren heimatlose jüdische Volk errichtet werden soll, dies nirgends anders sein kann, als in Palästina. Auf die Frage, warum ein Ortsgefühl bei einem Juden eine größere Rolle spielen sollte als bei einem Christen oder bei einem Pudhisten, sagt Balfour: „Die Antwort darauf ist, daß sich diese Fälle nicht vergleichen lassen. Die Stellung der Juden ist einzigartig. Für sie stehen Volkstum, Religion und Land . in unlöslichem Zusammenhang wie bei keinem anderen Volk, keiner anderen Religion und keinem anderen Land der Erde. Ein besonderes unglückliches Geschick hat es gefügt, daß dieses Volk, welches trotz allem sein Volksbewußtsein bewahrt hat, von seiner Heimat getrennt wurde und daß es, trotzdem es alle Länder durchwandert hat, nicht imstande war, irgendwohin organisiertes soziales Gemeinwesen für sich selbst zu schaffen. Nur der Zionismus — so wenigstens glauben die Zionisten — kann eine gewisse Milderung der großen Tragödie herbeiführen. Zweifellos bestehen große Schwierigkeiten, zweifellos gibt es gewichtige Eiirwänd«, . . . -Aber niemand kann wirklich zweifeln, daß, wenn, wie ich glaube, der Zionismus sich zu einem arbeitenden Organismus entwickeln wird, die Wohltat, den er dem jüdischen Volke und demjenigen Teil, der unser besonderes Mitleid verdient, bringen würde, ein großer und dauernder wäre." Die Kritik, daß die Juden ihre Gaben dazu verwenden, eine Kultur, welche sie nicht selbst grschassen haben, für ihre persönlichen'Interessen auszunützen, hält Balfour für falsch. Er gibt indessen zu, daß in manchen Teilen EuroM ihre Anhänglichkeit an den Staat, in welchem ° sie leben, sozusagen schwächer ist, als ihre Anhänglichkeit für ihre eigene Religion und ihr eigenes Volk. „Wie indessen könnte es auch anders sein?" fagte er. „In keinem der Gebiet«, von denen ich spreche, ist ihnen die bürgerliche Gleichberechtigung gegeben worden; in einigen können sie überhaupt nicht Staatsbürger werden." Balfour schildert dann die Unterdrückung und Verfolgung des jüdischen Volkes und bemerkt dazu: „Die Juden sind niemals gänzlich vernichtet worden. Weder Grausamkeit noch Verachtung haben jemals ihren Geist gebrochen noch ihr« Hoffnungen vernichtet. Aber es Wir wiederholen die Frage: In welchem anderen Lande wurde je die jüdische Frage unter' solchen Bedingungen gelöst? Die rumänischen Juden verlangen die Emanzipation, das ist die Naturalisation en bloc, eine gesamte und gleichzeitige Einbürgerung und nicht eine solche individueller Natur, die sich auf Vorweisung von Dokumenten und auf individuelle Gesuche an die Gerichte stützen soll. Uebrigens haben die rumänischen Juden in den letzten Monaten eine überaus schlechte Erfahrung mit dem No uralisationsgesetz gemacht, das unter der Regierung Marghiloman votiert wurde und heute glücklicherweise widerrufen wird. Jenes Gesetz MarghilomanS forderte gleichfalls Dokumente, Nachweis über Nationalität, Mobilisierungsschein usw. In den wenigen Wochen aber, während welcher das Gesetz in Kraft war. erwies es sich als undurchführbar, und zwar aus zwei Gründen: erstens, weil die rumänischen Beamten sich zur Aufgabe machten, das Gesetz in einer den Juden ungünstigen Weise auszulegen und zweitens, weil die große Masse der unbemittelten Juden, vor der Ersüllung so vieler Formalitäten zurückschre kend, nicht einmal den Versuch wagte, von dem Gesetz Gebrauch zu machen. Es ist klar, baß jedes Gesetz im Geiste des von Herrn Bratianu erlassenen ungeeignet ist, die Frage zu lösen. Die rumänischen Juden und mi tihnen die Juden der ganzen Welt werden nicht zugeben, daß Zehntausend« von ihnen von der Einbürgerung ausgeschlossen bleiben sollen. ES gibt einen anderen, viel leichteren Weg, der zu einer vollständigen Lösung unserer Frage führen kann, ohne daß Akten und Kommissionen nötig seien, ohne Zehntausende von Menschen in Bewegung zu setzen, ohne eine Agitation im ganzen Lande hervorzurufen usw. Herr Bratianu kennt sie wohl, aber eben, t«'t sie eine gerechte ist. hat er sie abgelehnt. Es ist die Gewährung der Bürgerrechte an alle jene Juden, die vor dem Kriege keine Angehörigen eineS-. fremden Staates waren. Die Juden, die dieser Kategorie zuzuzählen ist wohl wahr, daß, wo sie gezwungen waren, unter ihren Nachbarn wie unter Feinden zu leben, sie oft den Ruf von unerwünschten Mitbürgern erlangten und Es scheint klar, daß der Zionismus das Los eines durchaus nicht zu unterschätzenden Teiles der jüdischen Volkes mildern und seine Stellung heben wird. Diejenigen, welche nach Palästina gehen, werden in keiner Weise den Emigranten gleichen, welche jetzt nach New-Vork und London auswandern . . . Sie werden hingehen, um eine Gemeinschaft zu gründen, welche vollkommen ihren historischen und religiösen Gefühlen entsprechen soll: eine Gemeinschaft, welche an das Land durch mehr als Gewohnheit gebunden sein wird, eine Gemeinschaft, deren Mitglieder nicht mehr unter geteilter Loyalität leiden werden und für die Versuchung des Hasses gegen die fremden Gesetze, unter denen sie leben müssen, nicht mehr bestehen wird. Der materielle Gewinn wäre groß für sie; aber gewiß der geistige noch unvergleichlich größer." Mr. Balfour geht dann über zur Betrachtung der Stellung derjenigen Juden, welche ihrer Abstammung und oft ihrer Religion nach wohl Juden sind, welche aber vollständig in dem Leben des Landes, welches sie bewohnen, aufzugehen wünschen, von denen sich viele wissenschaftlich oder künstlerisch hervorgetan haben. „Manche dieser Art", sagt er, „blicken mit einem gewissen Mißtrauen und sogar mit Unbehagen auf die zionistische Bewegung. Sie fürchten, daß diese ihre Position im Adoptivlande beeinträchtigen könnte. Die große Mehrheit dieser Leute hat keine Lust, sich in Palästina niederzulassen. Selbst wenn ein zionistisches. Gemeinwesen errichtet wäre, würden sie sich nicht anschließen. Ich kann diese Furcht nicht begründet finden. Ich' leugne nicht, daß in einigen Ländern, wo gesetzliche besteht, die Juden noch immer mit einem gewissen Vorurteil betrachtet werden. Aber dieses Vorurteil ist, wo es besteht, keineswegs gegen den Zionismus gerichtet, noch wird der Zionismus es verschärfen. Die Tendenz würde vielmehr in anderer Richtung gehen. Allein, was die nationale und internationale Stellung der Juden der anderen Völker gleichmacht, sollte dazu beitragen, das, was von alten Antipathien übrigbleibt, zu mildern; und offenbar würde diese Gleichstellung gefördert werden, wenn man ihnen das gibt, was alle anderen Nationen. besitzen: eine nationalb Heimstätte . . . Die Zukunft des Zionismus hängt von tieferen Ursachen ab als die eben angeführten. Daß er die „jüdische Frage" gänzlich lösen wird, wage ich nicht zu hoffen. Aber daß er dazu beitragen wird, gegenseitige Sympathien und Verständnis zu schaffen, welche die einzige sichere Grundlage jeder Toleranz ist, daran glaube jch fest . . . Wenn es gelingt, so wird ein großes materielles und geistiges Werk getan sein für die Juden, aber nicht für sie allein." sind, sollen ober nicht verpflichtet werden, nachzuweisen. daß sie leine fremden Staatsangehörigen waren,, ebenso wie die Rumänen von Geburt nicht erst ihre Heimatszugehörigkeit zu erweisen haben, um ihre Bürgerrechte zu genießen. Mit anderen Worten, wir verlangen, auf gleichen Fuß mit den Rumänen von Geburt gestellt zu werden. Falls Juden fremder Staatsangehörigkeit in unberechtigter Weife sich des Gesetzes bedienen würden, könnte man ihnen gegenüber genau so verfahren, wie gegenüber den anderen Rumänen, das ist, indem man ihnen vor dem Kassationshofe die Bürgerrechte abspräche. Der Beweis, daß der in Frage Stehend« Angehöriger eines anderen Staates war, soll in Uebereinstimmung mit den rumänischen Wahlgesetzen von der Partei erbracht werden, die die Initiative zur Kontestation ergriffen hat. Diese Beweise sind deshalb leicht zu führen, weil in Rumänien in den letzten Jahren in sehr genauer Weise die Listen der fremden Staatsangehörigen zusammengestellt wurden. Infolge der Anwendung des rumänischen FremdenkontrollgesetzeS im März 1915 sowie der Internierung und der Eintragung aller fremden Staatsangehörigen in spezielle Register, infolge der Teilnahme Rumäniens am Kriege, weiß man bei uns ganz genau, wer fremder Staatsangehöriger und wer rumänischer Untertan ist (Ire rumänischen Huden sind rumänische Untertanen). So ist die Lösung unserer Frage auf dem angegebenen Weg möglich und auch leicht. Wer in aufrichtiger Weise, ohne Vorbehalt und Hintergedanken, ohne zu feilschen, wünscht, daß unsere Frage eine ehrliche, gerechte und endgültige Lösung finde, muß einsehen, daß nur dieser Weg zum Ziele führe» kann. Jede andere Lösung ist bestimmt, Zehntausend« rumänischer Juden von der Einbürgerung auszuschließen und in derselben elenden Lage zu lassen wie bisher. Kümpfe, Sprache geschrieben, die in kurzer Zeit erscheinen wird. Zu diesem Buch hat der englische Minister des Aeußern, Balfour, ein Vorwort geschrieben, das von der „Times" auszugsweise veröffentlicht wird. Wir geben den Auszug der „Times" nachstehend wieder: Balfour tritt der Meinung entgegen, daß er zur , manchmal verdienten. Dies ist auch kein Wunder. Wenn man viele Leute zwingt, Geldleiher zu werden, wird mancher von ihnen gewiß ein Wucherer werden. Wenn man einen wichtigen Teil der Bevölkerung als Geächtete behandelt, so werden sie sich kaum als Patrioten gebärden. So arbeitet Intoleranz blindlings darauf loS, für ihre eigenen Ausschreitungen eine Rechtfertigung zu schaffen. m.j i

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