Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 36 (23.2.1919)
- Date
- 1919-02-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979113--00303-2985580- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Wien« Sonntag Wiener Morgrnzeitnns 23. Februar 1919 Nr. 36 mit der notwendigen Energie durchführen. Hierfür ist die erste Voraussetzung die Organisation. Volksinitiative und Volksreferendum werden aber auch erzieherisch wirken auf die Gesetzgebung selbst, auf jeden einzelnen und auf die Gesamtheit, indem sie für das Parlament wieder ein Kontrollorgan schaffen. Je demokratischer eine Einrichtung ist, um so weniger hat sie die Kontrolle zu scheuen und um so höher steigt ihr Ansehen, wenn sie vor der Kontrolle in Ehren bestehen kann. Das Verantwortlichkeitsgefühl der Gesetzgeber wird durch das Referendum geschärft und wachgehalten und die Einheit zwischen Volksvertretung und Volk selbst verwirklicht. Wir sind erst am Beginn der Demokratisierung. Alle Einrichtungen, die jetzt geschaffen werden, bedeuten erst die Grundlage für eine kommende Entwicklung, und je sorgfältiger man hierbei vorgeht, je tiefer man die Fundamente der Demokratie legt, um so tiefer wird die Demokratie im Bewußtsein eines jeden einzelnen Bürgers wurzeln, um so ohnmächtiger werden alle Verhetzungen und Anschläge der Monarchisten sein, uns wieder in Verhältnisse zurückzuführen, denen die Katastrophe der Monarchie entsprang. Gerechtigkeit für die Juden tscd. Wien. 21. Februar. Der Expräsident der amerikanischen Republik, Taft, richtete vor kurzem eine Zuschrift an den '„Public Ledger" in Philadelphia, in welcher er „Gerechtigkeit für die Juden" fordert. Taft, der auch während seiner Präsidentschaft sich stetals Freund des jüdischen Volkeerwiesen hat, betont, baß von den Nichtkombattanten kein anderes Volk der Welt, vielleicht nur mit Ausnahme der Serben und Armenier, in diesem Krieg so viel gelitten hat wie das jüdische Volk. Taft tritt mit Emphase nicht nur für die Freiheit deS jüdischen Volkes ein. welche in dem Friedensinstrument verbrieft werden müsse, sondern er fordert auch, daß die zu gründende „Gesellschaft der Nationen" die Verwirklichung diese- Rechtes überwache und durchsetze. Diese Mahnung ist von besonderer Bedeutung in dem Augenblick, wo die Friedenskonferenz in Paris am Werk ist, «md vor der Fülle deS Materials, das sie zu bewältigen hat, leicht an einer Einzelfrage vorübergehen könnte. Gerade die Behandlung der Judenfrage wird aber den Beweis erbringen, ob die Konferenz nur eine Veranstaltung der Sieger zur Verteilung der Beute, oder aber, ob sie wirklich das Forum ist, daS eine neue gerechte Weltordnung festsetzen und Garantien für die Wahrung der Gerechtigkeit und Menschlichkeit im Völkerleben schassen wird. Wenn man von jetzt an einen Staat nicht nur nach seiner Macht, sondern auch nach ethischen GefichtSvunkten beurteilen wird, so gibt eS keinen geeigneteren Maßstab hierfür, als seine Stellung zu den Juden. Denn die Juden sind keine politische Macht im gewöhnlichen Sinne. Sie sind, als schwache Minorität, überall der Gewalt preisgegeben, und nur das öffentliche Gewissen vermag sie zu schützen. Daher ist die Forderung Mr. Taft-, daß der Völkerbund dem jüdischen Volk sein Recht garantieren muß, nur allzu berechtigt. Ohne solche Garantien sind die Aussichten für daS jüdische Volk in den meisten Staaten äußerst trübe. Wenn dieser Friedenskongreß etwaanderes fein will als der Berliner Kongreß von 1878, so darf er sich nicht mit platonischen Erklärungen begnügen, sondern muß seine ganze Autorität für die Erfüllung der als gerecht erkannten Postulate einsetzen. Wie sehr gerade dajüdische Volk auf den Rückhalt der Völkergemeinschaft angewiesen ist, ist niemals deutlicher gewesen als jetzt, wo der Krieg eigentlich vorbei ist, und trotzdem die Zeit des Leidens für die Juden kein Ende nimmt. DaS jüdische Volk ist der ewige Ankläger vor dem Völkertribunal. Es hat keine andere Waffe als daS Wort. Es muß auch heute vor alle Oeffentlichkeit hintreten und «mklagen. Gleich nach Abschluß des Waffenstillstandes wurde daS jüdische Volk, daS wahrhaftig des Morden- und Gemordetwerdens müde ist, gegen seinen Willen in neue Kämpfe hineingerissen. Nachdem der organisierte Militarismus zusammengebrochen war. tobten sich die Blutinstinkte gewalttätiger Völker in völliger Anarchie aus. Der erste, weithin hörbare fdjeitte Nach klang des Kriegewar der Pogrom in Galizien und Polen. Der Brand de- Lemberger JudenviertelS war ein Feuersignal für die ganze zivilisierte Welt und erinnerte sie an ihre primitivste Pflicht. Er zeigte, baß keine Menschengruppe der blutigen Gewalt so preiSgegeben war, wie die Juden. Der Polnische Staat ist noch immer im Werden begriffen. Er wird jedenfalls eine ansehnliche jüdische Minorität haben. Die Polen haben zwar in vielfachen Enunziationen ihren DersöhnungSwillen beteuert, in Wirklichkeit aber gehen die Bexationen und Schickanierungen der jüdischen Bevölkerung weiter. Physischer, kultureller und wirtschaftlicher Pogrom, der Triumph der Gewalt über die Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Nicht viel besser ist eS in den anderen neugebildeten Staaten. Die Ukraine hat zwar den Juden politische Rechte gegeben und durch die nationale Autonomie ihre Stellung verfassungsrechtlich sicherzustellen gesucht, aber die untergeordneten Organe gehen schonungslos gegen die Juden vor. ES ist nunmehr trotz der Dementis feststehend, daß in mehreren der größten Judengemeinden Pogrome stattgefunden haben. Eine wirtschaftliche Boykottbewegung ist auch hier bemerkbar und die ukrainische Heeresverwaltung verwendet die Juden ebenso wie die polnische in ihrem Bereich zur Zwangsarbeit. Die ukrainischen Behörden haben sogar gegen die Juden di« Prügelstrafe eingesührt und alle Vorstellungen von jüdischer Seite waren bisher fruchtlos. In Rumänien hat Herr Brattanu zwar ein Dekret erlassen, wonach allen Juden die Naturalisation osfensteht und dem schmachvollen Zustand der rMLnistze» Lu.depLesMebung ein Ende bereitet toltb, doch Die Entente und unsere Ernährung. Aufschiebung des Anschlusses an Deutschland. Laag, 22. Februar. (Tel. der „Sr. Morgenztg.") Wie in Enterrtekreiserr verlautet, habe mau der d e u t sch österreichischen Delegation die Gewährung von Nahrungsmitteln im Prinzip zuqesagt, doch daran die folgenden Be» din*ungen geknüpft: Cs solle vorläufig keine vollendete Tatsache in der Anfchlusifrage geschaffen werden, es sei ferner eine Verständigung mit den slawischen Staaten und wirtschaftliche Abmachungen mit t iesen anzustreben, schließlich solle garantiert werden, daß im Falle eines Anschlusses Deutfch'SsterreichS, dieses nicht zu völliger Staatselnheit mit Deutschland verschmelze. Belagerungszustand über Augsburg. Plünderungen von Zeitungen und Kaufhäusern. — Befreiung von Gefangenen. — Polizei schießt auf die MengeD Augsburg, 22. Februar. (WolffscheS Bureau.) Eine große Menge, hauptsächlich junge Menschen, zog mit Einbruch der Dunkelheit zu den bürgerlichen Zeitungen, wo sie allekurz und klein schlug und alles auffindbare Papier und Bücher auf der Straße verbrannte. Die Menge zog spater nach dem Nathans und dem Kaufhaus Landauer, welches geplündert wurde. Auch im Zentrum der Stadt ereilte eine Reihe von Geschäften das gleiche Schicksal. Im StrafvollftreckungSgefängniS wurden die Gefangenen befreit und dieAkten vernichtet. Die Menge zog auch nach der KreiSregierung. Dort schoß eine Polizei» abteilung nach der Menge. ChevauxlegerS und Matrosen sälberten wiederholt die Straße und gaben Salven auf die Menge ab. Die Zahl der Toten und Verwundeten ist noch nicht festgestellt. Aeber Augsburg wurde der Belagerungszustand verhängt. wird jetzt immer klarer, daß dieses Dekret nur eine Augen- J auSwischeret vor den Ententemächten und absolut nicht ernst gemeint war. Den Juden, welche auf Grund dieses Dekretes beim zuständigen Tribunal die Aufnahme in den Staatsverband angesprochen haben, wurde mitgeteilt, daß das Dekret keine Wirksamkeit habe, da eS ohne Mitwirkung der verfassunggebenden Körperschaft erlassen sei. In Rußland haben die Bolschewiken einen ausgesprochen judenfeindlichen Kurs eingeschlagen. Die jüdischen Gemeinden wurden an jeder Tätigkeit verhindert, die jüdischen Vereine und Organisationen wurden aufgelost und die jüdische Presse eingestellt. Die Juden haben heute in Rußland nicht die geringste Möglichkeit, ein sozialer oder kulturelles Leben zu entfalten. Trotzdem also daS Judentum vom Bolschewismus schwer betroffen ist. macht man doch den Juden den Vorwurf, daß in den Reihen der Bolschewiken und sogar unter deren Führern Juden sind. Die Abneigung deS Volkes gegen die Bolschewikenherrschaft wendet sich zum guten Teil auch wieder gegen die Juden. Auch in den zivilisierteren Staaten, in der Tschecho-Slowakei und in Deutschösterreich, zeigt eS sich, wie schutzlos di« Juden find. In der Tschecho-Slowakei sind sie der Spielball der sich befehdenden Nationen. Die Plünderungen in den böhmischen Landstädten und in der Slowakei richteten sich ganz offenkundig gegen die Juden. In Deutschösterreich jagt man die schutzsuchenden Flüchtlinge hinan- und die Studenten von der Universität. Im Wahlkamps hat eS sich wieder kraß gezeigt, wie preisgegeben aller Gemeinheit die jüdische Ehre ist. Wenn man di« heutige Lage überschaut, so hat man wahrhaftig keinen Anlaß zum Optimismus. Don den schönen Prinzipien, die im Westen proklamiert wurden, ist in der Wirklichkeit noch wenig zu merken. Wenn eS aber nicht bei der leeren Proklamation bleiben soll, so muß man Wege suchen, durch welche Institutionen eine gerechte Völkerordnung bewirkt werden kann. Für unS Juden gibt eS nur einen Weg, der der einfachste von der Welt ist, und trotzdem bisher noch nicht beschritten wurde. ES muß klar ausgesprochen werden, daß die Juden rin eine Einheit bildendes Volk sind und als solche- Anspruch auf ein gesicherte- Leben haben. Nach den Worten WilsonS sind die Rechte der kleinen und schwachen Rationen genau so heilig wie die der starken und großen. Wenn die Wahrheit deS nationalen Charakters der jüdischen Gemeinschaft anerkannt ist, so lösen sich alle Schwierigkeiten von selbst. Er ist dann eine selbstverständliche Folge, daß dajüdische Volk Mitglied der Dölkerbundewird, es ist auch selbstverständlich, daß daganze jüdische Volk solidarisch für jeden Volkssplittrr einsteht. Der Satz, welchen einst Cremieux und Netter als Losung der Alliance Jfraelite Universelle genommen haben: „In ganz Israel ist einer Bürge für den andern", muß jetzt wieder der Grundsatz unseres politischen Handelns werden. DaS vereinigte jüdische Volk kann eine Macht sein, während jeder einzelne Splitter .machtlos ist. Aber weit mehr als eine Physisch« und politische. Macht wird daS jüdische Volk eine moralische Macht sein. Wie «S nicht aufhören wird, im Völkerbund immer die Forderung der Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu vertreten, so wird eS auch für sich Gerechtigkeit fordern. Mit aller Entschiedenheit muß betont werden, daß nur durch die Sicherstellung n a t i o n a le^r Rechte die jüdische Frage allenthalben zu lösen ist, vf|n auch der Inhalt dieser nationalen Rechte in den verschiedenen Ländern ein verschiedener sein wird. Alles andere würde Halbheit bleiben. ES ist sehr kurzsichtig, wenn Juden selbst dem nationaljüdischen Gedanken widerstreben und durch den jüdischen Nationalismus eine Schädigung ihrer Position fürchten. Der Nationalismus jchgdet den Juden nicht, er ist vielmehr das einzige Mittel, um ihre Stellung überall in der Wett nach ihren gerechten Ansprüchen zu festigen. Die Judenfrage Ist heute nur darum so kompliziert, weil niemand eine klar« Vorstellung von ihrem Wesen hat. Darum Ist auch die Versuchung für die Wirtsvölker so groß, die Juden einfach als Parias zu behandeln. Erst wenn es feierlich ausgesprochen sein wird, daß die Juden ein Volk sind, daS zwar in einer abnormalen Lage ist, aber den ehrlichen Willen zu nationaler Regeneration hat, dann wird die Respektierung dieses Volkes allmählich eine Selbstverständlichkeit werden. Heute brauchen wir noch den Schutz der Entente, den Schutz einer militärischen Macht gegen die rohe Gewalt, die sich überall gegen uw» entlädt. Dieses Schutzes werden wir nicht mehr bedürfen, wenn wir durch unser eigene- Verhalten dazu beigetrage« haben, daß sich in den Köpfen unserer Gegner eine Umwälzung vollzieht. _ Politische^Rimdschau. Die Absichten der Entente gegen Deutschland. Die englischen Blätter besprechen eingehend die Waffen« ftillstandsbedingungen, die Deutschland zur See auferlegt werde« sollen und fordern unter anderem fette Durchfahrt der Handelsschiffe durch den Kieler Kanal, sofortige Auslieferung der bisher noch nicht abgegebenen Kriegsschiffe und weiters H i s s u n g der engltschen Flagge auf allen deutschen Schiffen, die in Scarborough anlausen. Wie «Daily Mail" metnt, sei eil sicher, daß früher oder später die Zerstörung alle, deutschen Krtegsschifse erfolgen wird, weil derPla» der Verkettung dieser Schiffe unter d>e Alliierten fallen geloste» worden sei. Deutschland werde die Möglichkeit erhalten, eim Tonnage zu schaffen, ml deren Hilfe eS feine legitimen Bedürfnisse befried gen können wird. Die französischen Blätter laste» erkennen, daß die Ententepolitiker noch vor den eigentliche» Frtrd.ensverhandlungen eine Abrüstung Deutschlands durchsetzen möchten. So meint.Matin", daß noch viele andere Proteste von Deutschlands Seite erfolgen werden, wenn dü Deutschen erst einmal dte endgültigen Bedingungen der Entwaffnung erfahren werden. Der Zweck der Alliierten sei, de» gegenwärtigen Deutschland eine Opposition gegen die neuge» bildeten Slawenstaaten m Mitteleuropa unmöglich zu machen. Die Alliierten können nicht zulassen, daß diese Staaten erneS Tageder Rache Deutschlands preisgegeben seien. Demgegenüber besagen andere Meldungen, daß Wilson direkte Unterhandlungen mitDeutschland anzuknüpfev beabsichtige, um im Gegensatz zu den Alliierten, die Deutschland ihren Willen ausnötigen wollen, den Versuch zu machert, zu eine, Einigung zu kommen. Die mitteleuropäische Frage in der französische« Presse. Nach einem uns aus dem Haag zugehenden Telegramm bespricht der „Temps" ausführlich das t s ch e ch ische Problem. Er befaßt sich insbesondere mit der geographischen und ethnographischen Lage Böhmens und führt aus: Die einfache Anwendung des SelbstbestimmungSrcch.'es der Deutschen sei unmöglich. Man dürfe d e Lage Böhmens nicht isoliert be rächten sondern müsse erwägen, haß die mitteleuropäischen Gebiete von einander abhängig seien, weshalb jedes Land die für seine Existenz notwendigen Grenzen erhalten müsse. Die Forderungen der Tschechen gipfeln in dem Anspruch auf Preßburg und auf Regelung der Donaufrage, um dem deutschen Einfluß widerstehen zu können. Sie wünschen freien Zugang zum Schwarzen Meer und einen engen freundschaftlichen Anschluß an Jugoslawien und Rumänien. Das Blatt reproduziert Informationen eines Midarbeiters der „Gazette de Laiisanne" über die Anschauungen hervorragender deutschösterrcichischer Politiker, wie deS gewesenen Finanz Ministers Dr. En^cl und des.