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Wiener Morgenzeitung · 1919-02-22 · Heft 35 (22.2.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 35 (22.2.1919)
Date
1919-02-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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* Wcke 2 Wien. Samsrag gesetzliche Organisation der Juden ist. Die Organisativn der Juden im alten Oesterreich war ohnedies eine höchst unvollkommene, weil es keinen Reichsverband '' der jüdischen Gemeinschaft gab, sondern nur lokale Kultusgemeinden. Diese Kultusgemeinden haben aber einen Fehler, der ihnen zum Verhängnis werden kann; das ist ihr falscher Name. Die Kuliusgemeinden sind das Produkt einer Derkgenheit. Der altiüdische Kahal war eine richtige Volksgemeinde, .welche alle Zweige deS jüdischen Volkslebens umfaßte. Als man in der liberalen Aeca an die gesetzliche .Regelung der jüdischen Verhältnisse ging, wußte man sich nicht anders zu helfen, als die jüdische Gemeinschaft als „Religionsgesellschaft" zu registrieren. Diesem offenkundigen Rechtsirrtum, der die -Fülle der kulturellen Bedürfni se eines eigenartigen Volkes auf bas Teilgebiet der Religion beschränkte, verdanken die jüdischen Gemeinden den Namen „Kultusgemeinde". Unter diesem Titel einer vom Staate anerkannten religiösen Zwangsorganisation übt die Kulrusgemeirtte eine ganze Reihe Funktionen aus, die mit Kultus und Religion garnichts zu tun haben und das Rudiment einer jüdische» Autonomie ^ind. Sie hält die jüdische Bevölkerung in Evidenz, führt die Matriken, besorgt und überwacht den jüdischen Unterricht, bildet die Zentrale für Wohlfahrtwesen, Wohltätigkeil und soziale Fürsorge, verwaltet Spitäler und Versorgungshäuser sowie ein<tz^ganze Reihe von Stiftungen; sie hat das Recht der Besteuerung über die Gemeindeangehörigen, und die Steuern sind als öffentliche Abgaben im Wege der administrativen Exekution vollstreckbar. Durch eine Trennung von Staat und Kirche würde nach dem heutigen Wortlaut, nach der falschen Terminologie unseres Gesetzes, auch die Kultusgemeinde in ihrem Bestand bedroht. Es ist daher notwendig, daß schon jetzt von jüdischer Seite mit allem Nachdruck darauf hingewiesen wird, daß die jüdisch^ Kultusgemeinde nicht dasselbe ist wie die Orgaui'arionsfvrmen der anderen Re.igionen. Es dürfen daher etwaige Bestimmungen über die Rechtsverhältnisse der Religionsgesellschasten nicht schablonenmäßig auf die jüdische Gemeinde übertragen werden. Die jüdische Gemeinde ist ihrem wahren Wesen nach, ihrer Idee nach, keine Kultüsgemeinde. sondern die Zusammenfassung der jüdischen Volksgenossen. Die Angehörigen anderer Religionen haben in ihrer religiösen Organisation ausschließlich religiöse Bedürfnis,e zu befriedigen. Für die Juden aber gibt es für alle diejenigen Interessen, die spezifisch jüdisch, wenn auch , nicht religiös sind, nur den einzigen gesetzlichen Nahmen der Betätigung in der Gemeinde. Die heutige Israelitische Kultusgemeinde entspricht allerdings wenig den an sie zu stellenden Anforderungen. Sie ist ein starres Gebilde, das von seinen Machthabern an jeder Entfaltung gehindert wird, sie verwaltet die jüdischen Angelegenheiten verständnislos und schlecht und vermag wirklich nicht den Eindruck zu erwecken, daß es sich hier um ein lebensfähiges Gebilde handelt, das eine notwendige Funktion erfüllt. Das liegt aber nur an dem heutigen Regime. Der Kultusvorstand, aus Grund eines vera^e.en, reaktionären, plutokratischen Wahlrechtes gewählt, besteht aus volkssremden Elementen, die die Bedürfnisse der jüdischen Massen nicht kennen und durch den Mangel an jegli hem sozialen Sinn auch bas ihnen obliegende jüdische Fürsorgewesen in Mißkredit bringen. Ter Wiener Kultusvorstand ist ein Erbteil der vorrevolutionären Aera, und es ist wahrhaftig beschämend, daß die Juden die einzigen sind, die sich den Absolutismus und die Geheimdiplomatie noch gefallen lassen. Die Kultusgemeinde ist in ihrem Bestände bedroht. Jetzt ist es Pflicht der verantwortlichen Faktoren, vechtzei.ig vorzusorgen, damit nicht das einzige Organ, das die Juden besitzen, dem Mißverständnis einer falschen Terniinologie zum Opfer fällt. Werden die heutigen Machthaber der Kultusgemeinde geeignet sein, diesen Mischen Standpunkt zu vertreten? Das sozialdemokratisch« Aktionsprogramm stellt als eines der Hauptpostulate die Forderung aus. daß alle Verwaltungskörper aus Grund des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes unter Anwendung des Verhältniswahlrechtes gewählt werden müssen. Die jüdische Gemeinschaft hat das größte Interesse an dem Bestände einer öffentlich-rechtlichen Organisation. ES wäre ein Zeichen der größten Indolenz, wenn jetzt nicht dafür gesorgt wird,. daß die jüdische Gemeinoe in die Hand solcher Männer kommt, welche imstande sind, das jüdische Interesse und den jüdischen Rechtsstandpunkt klar zu vertreten und welche gleichzeitig die Ideen der Zeit in sich ausgenommen . haben. Nur eine demokratische Kultusgemeind« wird ihre Ansprüche anmelden können. Nur wer klar erweisen kann, daß das Wesen der jüdischen Gemeinde nicht in konfessionellen Ausgaben, sondern in der Befriedigung der sozialen und kulturellen Bedürfnisse des ganzen Volkskörpers liegt, wird mit Erfolg einer unrichtigen Klassifikation der Gemeinde als religiöser Institution Vorbeugen können. Daher ist es ein Gebot der Stunde, daß sofort das Interesse für biefcn Gegenstand wachge.ujen wird. Es müs,en sofort Neuwahlen ausgeschrieben werden, in denen aus Grund des demokratischesten Wahlsystems das Volk die Möglichkeit hat. die Männer ihres Vertrauens an die Stetten zu setzen, die heutige einige selbsternannte Träger erloschener Mandate innehaben. Wenn jetzt noch die Dahlen beharrlich sabotiert werden, so trifft die Verantwortung für alles Folgende die Herren, welche es als ihr Amt angesehen haben, die jüdische Gemeinde ^gründe. iu richcea _ Wiener Morgenzettung_22. Februar 1919_Nr. 88 Die Gegenkevolution in München. Kurt Eisner ermordet. Der Täter ein Hochadettger. — Minister Ankerleitner schwer verletzt. Berlin, 21. Februar. Die „B. Z." meldet anS München: Ministerpräsident EiSner wollte sich heute vormittags von seiner Wohnung am Promenaden-Platz nach dem Landtagsgebäude begehen. Er legte den kurzen Weg zu Fuß zurück. Vor dem LandtagSgebaude trat ein junger Mann auf ihn zu und gab mehrereSchüsse auf ihn ab, von denen zwei den KopfEiSrrers trafen. Dieser war sofort tot. Der Attentäter, ein Student, hatte vor dem LandtagSgebäude auf Eisner gewartet. Zm Publikum entstand eine furchtbare Erregung. Der den Ministerpräfidenten begleitende Minister Anterleitner wurde gleichfalls verletzt. Der Täter, ein junger, einer der ältesten bayrischen Adelsfamilien angehörender Student, wurde festgenommen, dann aber von einem Matrosei erschossen. Die Leiche 'EisnerS wurde in das Ministerium des Aeußern gebracht, wo sie in der Portierloge gebettet wurde. Dort erschienen alsbald Gerichts- und Pottzett eamts zur Aufnahme des Tatbestandes. In den Straßen macht sich naturgemäß große Erregung bemerkbar. Der Mörder ein Graf Areo-Valley. Berlin, 21. Februar. (Tel. der ,Wr. Vlorgenztg?) Der Mörder Kurt Eisners ist der im Jahre 1897 geborne Graf Anton Areo- Valley. Seine Mutter ist" eine geborne v» Oppenheim, die auf ihren Besitzungen in Oesterreich lebt. Der Mörder studierte zuletzt in München. Eisners letzte Rede. Gegen dl« Kompromißpolitik. — Der Militär isnms lebt noch. München, 21. Februar. In der gestrigen Sitzung des Kongresses der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte Bayerns wurde ein Arttrag aus Vertagung des Kongresses angenommen. Ministerpräsident Eisner sagte in der Schlußrede. gestern habe sich gezeigt, daß der-Militarismus nochlebe. Es werde aber weder zu einem Bürgerkrieg, noch zu einer Gegenrevolution kommen. Was habe man mit der Kompromißpolitik in Weimar erreicht? Eine großzügige Kulturpolitik lasse sich in Bayern nur gegen das Zentrum machen. Es sei ausgeschlossen, daß ein Sozialist, der noch dieses Namens wert wäre, in ein Ministerium mit einem Zentrumsmann eintreten würde. Zur Frage, ob man schon mit der Sozialisierung beginnen könne, erklärte Eisner, daß man die Demokratie in Betriebe einfühcen und den v e r st a a t l i ch t e n Großgrundbesitz sür die Allgemeinheit verwerten könne. Eisner wollte zurücktreten. München, 21. Fed "'ir. Dil Korrespondenz Hos>mann veröffentlicht folgende E.klä.ang: „Ministerpräsident EiLner gab gestern im Mmisterrate die E tlärung ad, er werde heute Freilag um 10 Uhr vormittags im Aufträge des Gesam Ministeriums ■itt Landtage erklären» daß das Gesam Ministerium von seinen Äcmtern z u r tt ck t r e t e und sie dem Landtage zur Verfügung stelle. Das GrsanNnin'ster.um sei bereu, die Geschäfte weiterzusühren, bis eine neue Regierung gebildet ist. Gez. Fcauendorfer, Jaffä.* Attentat ans Minister Auer. Auer schwer verletzt. — Abgeordneter Osel getötet. München, 21. Februar. Im Landtag wurde heute vormittags auf den Minister Auer ein Anschlag verübt, als er eben in einer Erklärung dem Abscheu über die Ermordung deS Ministerpräfidenten EiSner Ausdruck gegeben hatte. Von der linken Lineangstür zum Sitzungssaal fielen plötzlich Schüsse, worauf ein Mann im Militärmantel und mit Zivilhut in den Saal stürmte und in der Richtung auf Auer mehrere Revolverschüsse abgab. Auch von den Tribünen fielen Schüsse. Der Abgeordneten bemächtigte sich eine große Panik;.sie flüchteten aus dem Sitzungssaal. Auer sank, an der linken Brustsette schwer! verletzt, zusammen. Durch einen der Schüsse! wurde Abgeordneter O f e l von der bayrische«! Volk-Partei getötet. Zwei Ministerialbeamtei erlitten schwere Schußverletzungen.! Das Landtagsgeväude ist militärisch ab«! gesperrt. Auers Nachruf auf Eisner und seine darauffolgende Ermordung. München, 21. Februar. (Del.-Komp.) Um 11 Uhr 10 Minuten wurde die Sitzung des Landtages wieder ausgenommen. Minister des Innern Auer ergriff das Wort und sagte: „Der provisorische Ministerpräsident Kurt Eisner hat soeben durch Mörderhand den Tod gefunden. Die Tat wurde in einer feigen Weise verübt, als Eisner auf dem Wege zum Landtag war. um sein Amt als provisorischer Ministerpräsident auszuüben. Diese Handlung muß bei jeden anständigen Menschen tiefste Abscheu Hervorrufen. Eisner war im Begriffe, dem Landtage den im Ministerrat bei Anwesenheit aller Minister einstimmig gefaßten Beschluß mitzuteilen, daß das gesamte provisorische Ministerium sein« Aemter in die Hände der Volksvertreter zurückle^en werde. Wir beklagen den ermordeten Führer der Revolution in Bayern und zugleich den von Idealen und treuer Sorge für das Proletariat erfüllten Menschen. (Zustimmung.) In dieser Art kann nicht fortgesahren werden, wenn nicht vollkommene Anarchie eintrelen soll. Angesichts dieses Mordes gilt eS nunmehr, alle Mittel zusammenzufassen, um die uns gestellte Aufgabe so zu lösen, wie es das Interesse deS gesamten bayrischen Volkes erfordert." Dr. Süß he im stellt den Antrag, die Sitzung zu vertagen und den Al^ersprä identen die Einberufung der nächsten Sitzung zu überlassen.; In diesem Augenblick, als Abgeordneter Giehrl mit den Worten beginnt: > „Ich habe eine Erklärung abzugebe» . . fällt aus dem Foyer durch den Saal ei ngang ein Schuß. Minister Auer faßt nach der linken Brust feite und fällt nach einbgem Schwanken zu Boden. Im Saale entstand eine immer größer werdende Aufregung, die sich zu wildester Pan ik steigerte, als blitzschnell nach dem erste» Schuß ein Ma nn in grünem Militärmantel unter der Türe erschien und mit erhobenem rechten Arm in der Richtung der Ministertribüne aus eistem B r o w*, ning mehrere Schüsse abgab. { Auch von der Tribüne aus sollen in diesem Moment Schüsse gefallen sein, doch ließ sich^ Genaues! hierüber noch nicht seststetten. Die Abgeordneten verließen fluchtartig den Saal. Als sich die erste Aufregung gelegt hatte, kehrte ein Teil der Abgeordneten mit Soldaten zurück. Minister Auerbluteteauseiner Wunde unter dem Herzen. Neben der Tribüne lag ein zweites Mitglied der Regierung, angeblich Minister Garein. Abgeorbne.er Osel ist erschossen worden. Die Zugänge zum Landtag wurden abgesperrt. Gegen 11 Uhr stürmten Leute durch die Straßen und riefen: „Eisner ist ermordet. Generalstreik! Sämt.iche Arbeiter aus die Theresienwiese!" Dieser Aufforderung wurde augenblicklich entsprochen und dichte Massen zogen zur Theresienwiese. Die ganze Stadt ist in ungeheurer Erregung. Geschäfte und Kaffeehäuser sind geschlossen, einige Redaktionen wurden besetzt. Minister Auer soll Inzwischen feinen Verletzungen erlegen sein. Generalstreik in München und NüWverg. München, 21. Februar. Wie in einer Sitzung deS Arbeiter« rates im Deutschen Theater heule nachmittags mttgeteilt wurden haben dre Münchner Gewerkschaften beschlossen, ehre Mitglied« zum Generalstreik auszusordern. In N ü r» b e r g hat bte Gewerkschaft beschlossen, de» Generalstreik zu proklamiere«. Bildung eines neuen Ministeriums. München» 21. Februar. Aus Anlaß der Ereignisse hat sich auS den drer sozialistischen Parteien, einschließlich der kommunistischen Partei, und den Bollzugsräccn der Arbeiter«, Bauern- und Solvarrnräke nn Aktionsausschuß gebildet. Im Laust des heurigen Tages wird noch rm Ministerrat stattsiudrn, der sich mit der B i l d u n g des n e u e n M i n i st e r i u m f befassen wirb. In öffentlichen Anschlägen geben der Landessoldatenrat, das Ministerium für militärische Angelegenheiten, der Stadtkommandant sowie der Polizeipräsident bekannt, daß das BolkSperirht eine Untersuchung der Aiigclegenheit bereits in Angriff aenoinm.'n hat und die strengste Bestrafung der Schuldi-. gen durmgeflihrt werden wird. Flugblätter an die Arbeiter und Soldaten. München» 21. F:bruar. Die unabhängige sozialistische Partei hat un Laufe der Abendstunden durch MckttärauioS folgendes Flugblatt an die Arbeiter und Soldaten verteilen lassen: Die Gegenrevolution hat zum ersten großen Schlage auSgeholt, indem ste den gehaßtcsten Führer der sozialistischen Revolution niederstreckte. Arbeiter und Soldaten! Man will Euch wieder unter das alte militaristische, kapitalistische Joch beugen! Jetzt gilt es »uhandeln. um dreRevolutio» zu retten. Auf zum Generalstreik! Heraus auS den Betrieben! Nieder mit der Bourgeoisie und ihre» vevbceÄxrMul HttlerZheljecu l.Hoch dre soziale Revotzuwul.

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