Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 35 (22.2.1919)
- Date
- 1919-02-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Mann, dessen Name für immer mit der Geschichte der deutschen Revolution verknüpft sein wird, die von München ausgehend das ganze Deutsche Reich von der Monarchie und all den großen und kleinen Dynastien befreit hat» ist der Kugel eines Mannes erlegen, der aus Beweggründen gehandelt hat, die sich bisher noch nicht genau erkennen lassen. Man kann der impulsiven Persönlichkeit Kurt Eisners, der jederzeit für seine Ueberzeugung eingetreten ist und dem die geschichtliche Tat gelungen ist, die rote Fahne auf dem bayrischen Königsschloß aufzupflanzen, die Sympathien nicht versagen, die durch sein tragisches Ende noch erhöht werden. Wie bei jebem politischen Mord, fragt man sich auch hier, wem die Tat nützen soll? Die spärlichen Nachrichten, die bisher oorliegen, sprechen nur von einer neuen Umsturzbewegung in München» die mit dem Namen des Prinzen Joachim von Preußen verbunden wurde und nennen als Täter einen Leutnant Grafen Arco-Dalley, der selbst ein Opfer seiner Tat geworden ist, indem er von einem Posten niedergeschossen wurde. Der Name des Täters, eines bayrischen Aristokraten, läßt darauf schließen, daß es sich um einen monarchistischen Anschlag handelte. Aber auch unabhängig von der Persönlichkeit des Opfers und des Mörders geben die Ereignisse in München, denen Eisner und sein Freund Auer erlagen, zu einigen allgemeinen Betrachtungen Anlaß. vr. „ ' J ,, . -t Kurt msner war es gelungen, 'li'ch durchdie Revolution in den Besitz der politischen Macht zu setzen, und seine Herrschaft hatte nach dem ungeschriebenen Gesetz der Revolution bis zu dem Augenblick Berechtigung, wo der Volkswille in den allgemeinen Wahlen zum Ausdmck gelangte. Die bayrischen Wahlen ^hatten nun das Ergebnis, daß Kurt Eisner in der Minorität blieb. Statt sich dem Willen der Volksmehrheit zu; fügen und die Souveränität des Volkes durch Rücktritt von dem Präsidentenposten zu ehren, zögerte Eisner immer wieder, dieser Forderung der demokratischen-politischen Moral zu entsprechen. Dieses Festhalten an der Macht hat er mtt dem Leben büßen müssen. Für jedes Regierungssystem besteht die große Gefahr, daß es sich bloß auf die Autorität der Macht stützt. Es gibt hier keinen Unterschied, ob es ein Graf Stürgkh ist, welcher im Interesse der sogenannten Staatsräson sich auf Bajonette stützt, oder ob ein Diktator des Proletariats im Interesse der revolutionären Idee den Willen der Mehrheit mißachtet und sich mit Hilfe von Maschinengewehren halten milk Die Tyrannei ist uns nicht verhaßt durch die Person des Tyrannen, sondern durch ihr Wesen selbst und es ist ganz ür die Bedrückten, ob die Tyrannei aus- ‘ im Namen des Monarchen oder im roletariats. Es zeugt nur von Mißeigenen Grundsätze und in das eigene wenn eine Partei, statt den Weg der Agitation zu betreten, um durch Ueberzeugung auf die breiten Massen zu wirken, zu dem Mittel des Terrors greift. Und Kurt Eisners Herrschaft seit dem Ausgang der Wahlen, die gegen ihn entschieden, hat eine starke Aehnlichkeit mit Gewaltherrschaft. Die Ermordung Eisners kann für alle Machthaber eine Warnung und eine Lehre sein. Der Regent kann die höchsten idealen Qualitäten besitzen Grundlage und Berechtigung seiner Macht ist "doch nur das Vertrauen des Volkes; die Anerkennung seiner Herrschaft durch das Volk. In Deutschösterreich habest die verantwortlichen Führer des Proletariats die russische Methode ebenso wie die reichsdeutsche Methode abgelehnt und haben sich bemüht, das Bürgertum zur Herrschaft und damit' zur Verantwortung heranzuziehen. Daß das Bürgertum zu beidem unfähig ist, zeigt uns jeder Tag, aber das ist nicht ein Fehler der Sozialdemokratie, sondern die historische Schuld des deutschen Bürgertums selbst. Bei uns wurde nach der. Revolution der größte Wert darauf gelegt, eine gewisse Kontinuität -der Verfassungsentwicklung. soweit es in revolutionären Zeiten eben möglich' ist," zu erzielen, und gerade die. letztem Wahlen zur Konstituante haben bestätigt, welch großenerzieherischen Wert diese Besonnenheit besitzt: «... — 7 ■; Die Gleichzeitigkeit der'Attentate in Paris und gleichgülti geübt w Namen trauen ist Programm, tig^ür liMir dM> ilMe « Die Mmistermrde i« München. Außer Eksner auch Minister Auer erschossen. / Berlin, 21. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenztg.”) Der im bayrischen LandtagSgebäude von einem Unbekannten angefchoffene Minister des Innern Auer ist seinen schweren Verletzungen erlegen. Gin Aufruf des Münchner Arbeiter- und Soldatenrates. München, 21. Februar. (Radiotelegramm „An alle”.) Kurt Eisner und Auer find von Offizieren und Studenten der gegenrevolutionaren monarchi st i schen Parte ik erschossen worden. Arbeiter, rüstet Euch! Belagerungszustand in München. — Minister Rotzhanpter verhaftet. München, 21. Februar. Minister Rotzhaupter ist verhaftet worden. Am 4 Ahr nachmittags wurde durch Bekanntmachung der Belagerungsz ustaud verhängt. Nach 7 Ahr abends darf sich niemand mehr auf der Gaffe befinden. Die Franzosen wollen ein selbständiges Tirol. Bern, 20. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenztg.”) Hinter den Kulissen der Friedenskonferenz verlautet, daß Italien, welches offiziell auf der Angliedernng Südtirols bestehtnach geben und sich mit der Zu er ke n nun g der Dolo mitenzo ne südlich von Bozen begnüge« werde. Interessant ist, daß man auf franzVfischer Seite immer noch an dem Projekt sesthalk aus Tirol einen unabhängigenStaat zu schaffen, dem auch Südtirol angehbren solk Hiervon will Italien nichts wissen, daS auf direkte Grenzen mit DeutfchSsterreich besonderen Wert legt. m Bolschewikische Umtriebe. v Kascha«, 21. Februar. (Tschecho-slowakisches Preßbureau.) In Kaschan find Nachrichten einge» troffen, daß i m g a l i z ifch en Naphthagebiet ^r nste Ar bei ter » n r u h e « anSä gebrochen feien, die besonders inBoryslaw bolschewikische» Charakter tragen. Die Situation^ sei s«hr bedrohlich^-1' w - TF in München, die Ereignisse im deutschen Ruhrrevier, die TumulMder Kommunisten in Budapest, die seltsamen Vorgänge ,in England — all dies zeigt, wie Europa an allen Gliedern zuckt. All dqs zeigt,' daß wirnoch nicht aus., dem Kriegszustand heraus sind, daß zwar das große Morden an der Front sein Ende gefunden hat, daß aber der Seelenzustand des Krieges, „der großen Zeit" fortdauert und das Hinterland mit seinen Schrecken überzieht. Clemeneeau und »Foch können nun sehen, welche unselige Ernte Ihre Saat hervorgebracht hat. Der größte Mann Frankreichs,-'der.V ejieger der Kaiser, liegt mit durchschosiener Lunge auf"dem Krankenbett; der Diktator Bayerns ist tot, und wer weiß, wie sich die Dinge in England und in Italien noch weiter entwickeln werden. Nun können »jene sehen, welche Folgen der Krieg zeitigt: Im Lande des Siegers und im Lande des Besiegten wird Her Mord zum Hauptmittel des politischen Kampfes. Aas Land der siegreichen Finanzbourgeoisie ebenso >wie das Land des Proletariats zittert in allen Fugen unter der seelischen Entartung der ganzen Menschheit. Und die Entladungen des Gewitters, die Schüsse, die in Paris und in München gefallen, sind, zeigen, daß sich keine Gewalt erhallen 'kann, die nur rm Namen einer Minderheit ausgeübt wird. Gewalt erzeugt wieder Gewalt. Die Bedrohung der Kultusgemeindtz. DaS Akttonsprogramm' der Sozialdemokrat^ welches gestern veröffentlicht wurde, bildet die erst« konkrete Grundlage für den Aufbau der künftigen Po-, littk in Oesterreich. Das Programm, zu dessen DiSk kussion die anderen Parteien eingeladen werden, vev-c dient darum ernste Beachtung. Unter den aufgestellte« Forderungen befindet sich auch die nach voller Glau-- bens- und Gewissensfreiheit, Abschaffung, jedes staats lichen Zwanges zu - konfessioneller Erziehung, Heber*! nähme des reichSdeutschen Eherechtes. Obwohl nur fcd dieser vorsichtigen Fassung daS ganze Problem de« Trennung von Staat und Kirche, vormals^in elemen*; tares Postulat der Sozialdemokratie, angeoeuta wird^ so obliegt eS doch keinem Zweifel,, daß dieses Prdblem! ttn seinem ganzen Umfang beim Neuaufbau der deutschösterreichischen Verfassung ausgerollt werden wird. WiH Juden sind ein^Bolk, das keinen Klerikalismus tarnt«! Glaubens- und Gewissensfreiheit sind stets Forderung! gen jeder jüdischen Politik gerSMü^Her wenn infolge! der Trennung von Staat und^WM^jede ' Zwangsorganisation beseitigt wird,, so^mdwir in höherem Maße betroffen alsanderes 1 gegenwärtig die religiöse OrganifaUn die'