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Wiener Morgenzeitung · 1919-02-20 · Heft 33 (20.2.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 33 (20.2.1919)
Date
1919-02-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 83 Seite 8 Wien. Donnerstag Die serbischen Forderungen. Paris, 19. Februar. (Tel.-Komp.) Die Serben forderten vor dem Zeynerausschuß der Friedenskonferenz als Ostgrenze das Tal der Morawa und des Wardar, ferner verlangten sie das TorontaZer und das Temesvarer Komitat, Kroatien, Dalmatien. Bosnien, die Herzegowina, Montenegro und Fiume. Frankreich von den Waffenftillstandsbedingungen befriedigt. Paris» 19. Februar. (Tel.-Komp.) Die Bedingungen deS neuen Waffenstillstandes befriedigen b i e Öffentlich- 8 e i 1 Frankreichs durchaus. ReichSminister Ei'zberger erklärte französischen Journalisten, die Besetzung von Essen und Frankfurt sei nicht ms Auge gefayt worden. Gegenüber den Polen würden die Deutschen die ihnen bezeichnete Fcontlinie einhalten, wenn sich die Polen ihrerseits daran halten, die Demarkationslinie nicht zu überschreiten. Bie künftige Majoritätsbildnng. Eine parlamentarische Korrespondenz meldet: Entgegen den Gerüchten, daß unter den nichtsozialdemokratischen Nationalräten die Auffassung Platz greife, auf Grund der Wahlergebnisse aus der Koalition in die Opposition zu gehen, wird uns von christlichsozialer Seite versichert, daß die große Mehrheit der gewählten christlich sozialen Nationalräte auf dem Standpunkt der Fortdauer der Koalition stehe. Sie werde dabei von dem Gedanken geleitet, daß bei der derzeitigen, sehr schwierigen Lage Deutschösterreichs sowohl auf dem Gebiete der Finanzen, der Produktion als auch auf dem der Arbeitsverhältnisse sich eine politische Opposition von selbst verbiete, vielmehr für alle Parteien die Pflicht erwachse, beim Wiederaufbau Deutschösterreichs mitzuwirken. Aus diesen Erwägungen ergäbe sich die Notwendigkeit, an dem System der Koalitionsregierung festzuhalten. Ein österreichisch-schwedischer GerichtsfaÄ. . ©cm, 18. Februar. Hier tagt ein internationales Schiedsgericht über den Streitfall zwischen einer schwedischen Bergwerksgesellschaft und der Heeresverwaltung der ehemaligen österreichischungarischen Monarchie. Die schwedische Gesellschaft besaß und betrieb in Serbien Bleiminen, die bei der Besetzung dieses Landes durch die Truppen der Mittelmächte von der österreichisch-ungarischen Heeresverwaltung weiter ausgebeutet wurden. Die Gcsellichast verlangt deshalb eine Entschädigung in der Hohe von mehreren Millionen. Als GerichtSobmann amtiert Regierungsrat Leo M e r z. Staatskanzler Dr. Renner über Gegenwartsprobleme und die Anschlutzfrage. , Budapest, 19. Februar. StaatSkanzler Doktor Nenner gewährte dem Berichterstatter des „A Dilag" eine längere Unterredung über die politische Neugestaltung Deutfchösterreichs. Der Staatskanzler sagte unter anderem folgendes: Das Wahlergebnis hat auch für das ungarische Volk eine große Bedeutung, denn es hat gezeigt, daß bie reaktionären Bestrebungen im Kolk gar keinen Boden gefunden haben. Die Wahlen haben der gegenrevolutionären Bewegung jede Hoffnung genommen. DaS neue Parlament wird, wenn man nicht die Parteien, sonder» die Klassen in Betracht zieht, au§ denen es hervorgegangen ist, ein P arlament der Arbeiter und Bauern sein. Das Ergebnis der Wahlen entspricht ungefähr jenem der deutschen Nationalversammlung. Bor allem müssen wir die Gesetze für die neue Verfassung schaffen. Das Parlament kann nun, nachdem die brennendsten Fragen erledigt sind, die neue Verfassung Deutschösterreichs schaffen. Die neue StaatSform wird natürlich republikanisch sein, die daS Parlament durch Gesetze ausbauen muß. DNun muß man vasch die finanziellen und die Ernährungsfragen erledigen. Schließlich müssen wir auch auf dem Gebiete wirtschaftlicher und sozialer Gesetzgebung neue Dahnen brechen. Aus die Frage des Berichterstatters, vb der StaatSkanzler an die Sozialisierung denke, entgegnet« dieser: Unsere Partei wird die Sozialisierung selbstverständlich sofort auf die Tagesordnung setzen. Ich muß aber bemerken, daß wir unter „Sozialisierung" bloß die Uebernahme jener Wirtschaftszweige und Betriebe in staatliche Behandlung unter Kontrolle der Arbeiterklassen verstehen, die für die gesellschaftliche Produktion reif sind. Wir beabsichtigen aber durchaus nicht, mit gewaltsamer Enteignung einzeln« Glieder der Gesellschaft ungleich zu treffen. Womöglich werden alle durch Vermögenssteuern in gleicher Weise die Mittel zu schaffen haben, durch bie das Eigentum einzelner abgelöst wird. Hierauf fragte der Berichterstatter, ob bas Parlajpient den Anschluß an daS Deutsche Reich fordern werde. Der Staatskanzler antwortete: Wir wollen den Unschluß an Deutschland derart durchführen, daß wir trotzdem mit jenen Völkern, mit welchen wir bisher zusammengelebt haben,auch weiter hininFrtr'den und Freundschaft leben. Welche Meinung hegen Herr StaatSkanzler, fragte der Berichterstatter, über die Annexion der westungarischen Komitate? Staatskanzler Dr. Renner: Da das Selbstbestimmungsrecht von der Entente auf die Tagesordnung gesetzt worden ist, so werden wir natürlich dieses für die westungarischen Komitate in Anspruch ^nehmen. Wü erwarten^ von. der Friedenslonjerenzt Wiener Morgenzeitung daß sie auch bas Selbstbestimmungsrecht der Deutschen in den westungarischen Komitaten anerkennen wird. Der Berichterstatter: Haben Herr StaatSkanzler Kenntnis davon, baß die ungarische Regierung den Deutschen Westungarns weitgehende Autonomie gewährt hat? ,, Der StaatSkanzler: Ich anerkenne die Bestrebungen der ungarischen Dolksregierung, mit den auf ihrem Gebiet« wohnenden Nationalitäten eine Vereinbarung auf der Plattform der Freiheit zu treffen. Auf alle Fälle aber muß die Verbindung zwischen Wien und diesen Komitaten wieder hergestellt werben. Darauf aber muß Deutschösterreich vom Standpunkte der Versorgung Wiens großes Gewicht legen. Der Berichterstatter: Herr StaatSkanzler verurteilen also die tschechischen und die übrigen Annexionen? Der StaatSkanzler: Im höchsten Maße. Der Berichterstatter: Hoffen Herr Staatskanzler, baß Wilson sein Programm in Paris durchsetzen wird? Der Staatskanzler: Auf diese Frage kann ich nicht antworten. Im weiteren Verlaufe des Gespräches erklärte Dr.-Renner, es sei wünschenswert, daß England Ungarn und Oesterreich gegenüber dies« erprobte politische Weisheit zur Geltung bringen werde. Ein Friede, der Deutschösterreich und Ungarn vergewaltigen würde, könnte nicht einmal zehn Jahre baue rn. Zur deutschböhmischen Frage. An dir in Wien weilende» »Vertreter* Deutschböhmens langen seit einigen Tagen interesiante Mitteilungen ein, die ein scharfes Schlaglicht auf die Verhältnisse m den besetzten Gebieten werfen. Die Tschechen befinden sich in großer Nervosität. Sie wißen, daß der Führer der amerikanischen Swdienkommission C o o l i d g e in Wien mit dem Abgeordneten Herold konferierte, daß die Amerikaner ein Verbot jeder Propaganda beabsichtigen und entschlossen sind, die strittigen Gebiete mit englischen und amerikanischen Truppen zu besetzen und eine unbeeinflußte Volksabstimmung vurchzuführen. Die Deutschböhmen rechnen in sehr naher Zeit auf die Vornahme der Volksabstimmung, die nach ihrer Meinung zweifellos für Demschösterreich entscheiden wird. Darnach könnten auch bald die Wahlen vorgenommen werden. Auch von sozialdemokratischer Seite solle» aus D e r n und Pariähnliche Andeutungen gekommen sei«. Die Entscheidung über den Anschluß Deutschösterreichs bis zur Rückkehr Wilsons vertagt. Paris, 19. Februar. (Tel.-Komp.) Als Grundlage der Erklärung Pich o ns über den Anschluß Deutschösterreichs an Deutschland gilt die Stellungnahme, die die Friedenskonferenz zu dieser Frage genommen hat. Die Entscheidung hierüber wurde bloß vertagt und soll nach der Rückkehr Wilsons auf die Tagesordnung der Konferenz gelangen. Die Befürchtungen der französischen Presse. Berlin» 19. Februar. Nach Pariser Meldungen der Schweizer Presse beurteilen maßgebende Pariser Kreise den Anschluß DeutschösterreichS an Deutschland als unausbleibl r ch. Die nationalistische Presse, btc bis zuletzt für die Errichtung einer Donausöderatton unter tschechischem Vorsitz eingetrelen war, ist ganz außer sich. Die »Llberts" verlangt, daß noch in zwölfter Stunde der Versuch unternommen werde, den Anschluß zu verhindern, und zwar durch Errichttmg Oesterreichs als neutralen Staat mit der Aussicht, dadurch dm Militärlasten und der Kriegsentschädigung entgehen zu können. Der Anschluß gleich einer Annexion. Berlin, 19. Februar. Die »Neue Berliner Leitung" meldet a«S Haag, daS Frankreich wahrscheinlich dem geplanten Anschluß DeutschösterreichS an Deutschland opponieren werde. Frankreich begründe seine Haltung damit, daß diese Vereinigung tatsächlich eine Annexion ohne Genehmigung der FriedenSkon seren - wäre. Seit emigen Tagen häufen sich in auffälliger Weise die Nachrichten, daß Frankreich gegen den Anschluß austretm wolle. Hierbei handelt es sich augenscheinlich um einen wohlvorbereitete» Feldzug. Nach dem Wilsonschen Programm hat die Entente an und für sich keme Möglichkeit, diese« Anschluß zu widersprechen. Gesandter Dr. Hartman« in Weimar. Weimar, 19. Febmar. (Priv.) Der deutschösterreichische Gesandte bei der deutschen Republik, Prof. Dr. Ludo H a r t m a n n, der vor den Wahlen in die Nationalversammlung nach Wien abgereist war, ist nach mehrtägigem Aufenthalt daselbst wieder nach Weimar gereist, um hier an den weiteren Verhandlungen über den Anschluß gemeinsam mit dem in den nächsten Tagen hier eintreffenden Staatssekretär des Aeußern Dr. Bauer teilzunehmen. Die gegenwärtigen Der andlungen, die in den nächsten Tagen zum Abschluß kommen sollen, betreffen zunächst die staatsrechtliche Seite des Anschlusses, während die wirtschaftspolitischen Vereinbarungen einem späteren Stadium Vorbehalten sind. Inzwischen werden auch in Deutschland Gutachten der wirtschaftlichen Körperschaften eingeholt. TOILETTE-ARTIKEL Dragsrlsn, Saffian* und farfU>ng«aehSfta «4c «tc kauft« am besten und billigsten all« Tolicttsartlkal «)s Partim, SaalohMiautortme, Pular, RaalarattMiilan, Haar* nnd lunlwa iar. Zahaerlma und «PuNer, kurs!Ä'ä” Parltmsrte taps, l„ Bauernmarkt 9 Varianten Sie bitte Proieanatelinegr* 140 20. Febmar 1919 Pretzburg bleibt tschechisch. Eine Erklärung deS Ministers Venesch. Pretzburg, 19. Febmar. (Tel. der ,Wr. Mor-l genztg/) In einer vor einigen Tagen hiev abgehaltenen tschechischen Massenversammlung, an welcher auch der Minister Dr. Schrobar teilnahm, teilte der Delegierte der tschechischen FriedenSmisfion in Paris, Herr Markow itsch, eine Botschaft deS Ministers Benesch mit, wonach Pretzburg definitiv zur tschecho - slowakischen Republik gehören werde. Die Friedenskonferenz beschäftigte sich mit dieser Angelegenheit überhaupt nicht und eS spiele nur die Frage eine! Rolle, ob die zukünftige Grenze der Republik 20 Kilometer südlich von Pretzburg verlaufen solle. Die Bevölkerung möge beruhigt sein und sich nicht durch deutsche oder! magyarische Agenten bluffen lassen. Das Attentat auf Clemenceau. Paris, 19. Februar. (Havas.) Das Attentat auf Clemenceau wurde von einem Manne verübt, der sich in einer Bedürfnisanstalt versteckt gehalten haÜe und plötzlich auf den Wagenschlag zusprang, woraus er fünf Revoloerschüffe abfeuerte. Ein Geschoß traf den Ministerpräsidenten und verletzte ihn leicht an der Schulter. Die Menge stürzte sich auf den Angreifer» dessen sich die Wachleute bemächtigten, wobei er noch zwei Revoloerschüffe auf sie abgab. Ein Wachmann wurde verwundet. Der Chauffeur ist leicht verwundet. Der Attentäter gab an, daß er C o l l i n heiße und in Compiögne wohnt. Die zu Rate gezogenen Profefforen stellten fest, daß der Ministerpräsident an dem rückwärtigen Teile des rechten Schulterblattes g e t r o s s e n ist. Die Wunde ist ziemlich tief, doch sind innere Telle nicht verletzt. Das Allgemeinbefinden und der örtliche Befund sind sehr zufriedenstellend. Zahlreiche Persönlichkeiten haben über das Befinden 'des Ministerpräsidenten Erkundigungen eingezogen. _ Die Werft in Monfalcone abgebrannt. Triest, 19. Februar. (Laib. Korr.-Bur,) Durch einen B r a n d, der in einer Arbeitsbaracke ausbrach und sich sehr rasch verbreitete, wurde fast die Hälfte der Schiffswerft in Monfalcone vernichtet. Der Schaden bettägt mnd eine halbe Million Kronen. _ Deutschland. Die Nationalflagge schwarz-rot-gold. Berli«, 19. Februar. Der Staatenausschuß beschloß! gestern, daß die schwarz-rot-goldene Flagge in Deutschland alSi Na tionalflagge eingeführt werden soll. , Das spartakistische Industriegebiet. Unruhen nnd Arbeitseinstellung in Gotha. Gotha, 19. Februar. Infolge des Einrückensl der Regierungstruppen wurde in mehreren Fabriken! und gewerklichen Anlagen seitens der Arbeiter die, Arbeit niedergelegt. Die Straßenbahn ver-> kehrt nicht. Die elektrische Beleuchtung ist eingestellt.! Zwischen dem Mllitär und den Arbeitern der Gothaer Waggonfabrik kam es zu Zusammenstößen, wobei^ Schüsse gewechselt wurden. Die Ententetruppen zum Einmarsch bereit. Berlin» 19. Februar. (Tel.-Komp.) Die «Vossische Zeitung* 1 berichtet über dir Lage im R u h r r e v i e r: Die Ententetruppe« > stehen in abwartender Haltung zum Einmarsch bereit.! Wird die vertragsmäßige Kohlenlieferung, auf die die Alliierte»! nach den Waffenstillstandsbedingnngen Anspruch haben, ein-! gestellt, so muß damit gerechnet werden, daß daS Industriegebiet j besetzt wird. Die Spartakisten aus Gelsenkirchen vertrieben. Gelsenkirche«, 19. Februar. Die Spartakisten wurden durch die städtische Sicherhettswehr und die Polizei von de» öffentlichen Gebäuden vertrieben. Sie wurden größtenteils entwaffnet und aus den Arbeiter- und Soldatenräten ent-, fernt. Die städtische Polizei wurde mit Waffen versehen. Der I durch die Spartakisten angrrichtete Sachschade ist gering. Das Schicksal des Saarreviers. Berlin, 19. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenztg.*) 2Bie; der Leiter der Lebensmittelversorgungsstelle für daS Saargebiet, Comte de Nadaillac, einem Preffevertreler gegenüber erklärte, werden die französischen Behörden alledaransetzen, die Bevölkerung mit genügenden Mengen Lebensmitteln zu versorgen. Frankreich wünsche aufrichtig, mit her Saarbevölkerung in gut«-« Einvernehmen zu leben, denn die Saarkohlenbergwerkt würde» jedenfalls als Ersatz für die zerstörten französischen Kohlenbergwerke noch lange in französischen Händen bleiben. Desgleichen fet nicht abzusrhen, wie lange die Besetzung deS ganzrn Gebietes durch französische Truppen dauern werde.

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