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Wiener Morgenzeitung · 1919-02-20 · Heft 33 (20.2.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 33 (20.2.1919)
Date
1919-02-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wien. Donnerstag Wiener Morgenzeitung . 20. Februar ISIS Nr. SS Eine tiiuritßtionale Goldwährung? Der amerikanische Dollar als Basis. Bern, 19. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenztg.*) Wie aus London gemeldet wird, erAarti der bekannte amerikanische Senator Owen: Während Dollars in Gold einwechseb bar seien, beruhe die englische und französische Wahrung nicht auf GoldbafiS, sonder» auf Negier urriSkredit und auf Patriotismus, weshalb Dollars, die Gott darstellen, in England und Frankreich nur in derzeit unein!öStiches Papie» um gewechselt werden, daS natürlich geringere Kaufkraft Habs. Die Welt benötigt eins internationale Goldwährung. Der Dollar sollte internationale» Wertmesser werden. Ferner wird berichtetr Pas englische Finauzkomitee (eine aus den führenden Prrsön» lichkeiten der Finanzwslt bestehenden Körperschaft) empfiehlt eine scharfe AeberwachUng der Goldproduktion. Durch die Ausgabe kurzfristiger Anleihen ist infolge der baldige» MiÄzahlungen und der hierdurch hervor gerufenen vermehrten Papiergeldzirkulation eine weitere Verminderung des Geldwertes eingetreten. Cs Ware unbedingt nötig, datz das Gett fo rasch als möglich den Goldwert erreiche. Die Nrbcrlkgcuheit -er Bolsihrwikeu. Eine englische Darstellung. London, 18. Februar. „Daily News" meldet, daß die sibirischen Truppen zu einer Offensive gegen die Bolschewiken nicht fähig seien. Die Tschechen wollen nicht an die Front gehen und mußten zurückgezogen werden. Inder Ukraine feien die Bolschewiken bis südwestlich von Zekaterinodar vorgedrnngen und befinden sich 120 englische Meilen vom Schwarzen Meer» Ein großer Teil der Truppen PelturaS sei zu den Bolschewiken üb ei? gegangen, die jetzt den ganzen Norden und Nordosten der Ukraine besetzt halten. Das letzte Bollwerk der I Reaktion. lock. Wien, IS. Februar. Veitbein die russische Revolution eine neue Epoche der Weltgeschichte einlcitete, hat sich auch die benachbarte Welt überraschend schnell den neuen Ideen aktomodiert. Die Ideen de- SelbstbestimmungsrechteS der Völker und der Demokratie haben sich schneller verbreitet' als die Bazillen einer ansteckenden Krankheit. Nach dem'Eingreifen Wilsonwar der Sieg der Demokratie entschieden. Wir erlebten nun ein merkwürdige- Schauspiel. Die . stärksten Bannerträger der Reaktion suchten sich zu erhalten, indem'sie die neue Phraseologie übernahmen und ihren Purpurmantel damit, zu verbrämen suchten. Kaiser Wilhelm und. dyr Graf TiSza schwärmten plötzlich für daallgemeine Wahlrecht und Graf Czernin war für. Selbstbestimmung und Völkerversöhnung. Das Spiel ist auch eine Zeitlang gelungen. Dann aber kam der Sturm im Gefolge der unerbittlichen Tatsachen und fegte die alten Machthaber hinweg. Throne stürzten, die Häuser der Herren und Magnaten krachten in den morschen Fugen. DaS Volk erhob sich und stellte gebieterisch die Forderung, baß rS sein Schicksal selbst in die Hand nehmen; selbst bie Verantwortung tragen will, daß es sich nicht mehr von falschen Herrschern betrügen, nicht mehr als Werkzeug einer gcwalnä igeu Politik.verwenden lassen will. Die Reaktion war auf der ganzen Linie zusammengebrochen. In alle Vertretung?- und Derwaltungskörper zog ein neuer Geist, überall müßten Neuwahlen auf Grund deallgemeinen, gleichen und direkten Proportionalwahlrechtes ausgeschrieben werden. DaS alte System war endgültig abgetan und niemand wird heute mit einer Körperschaft zu tun haben wollen, die nicht dem Geist der Zeit entsprechend demokratisch organisiert ist. Nur eine Institution gibt er, die von diesem Geist der Zeit gänzlich unberührt geblieben ist. Es ist, als ob sie auf einer Insel stünde, isoliert von allem Weltgeschehen, ahnungslos und geistverlassen. * Diese Institution blieb unbemerkt, weil sie für die Oeffentlichkeit wenig belangvoll und wenig interessant ist. In ihr behaupten sich die Herren von gestern; sie betrachten es'als eine unbefugte Einmischung iu ihre P.ivatangelegenheiten, daß man auch die Basis ihrer Macht unter die Lupe nehmen will. Die Institution, die wie meinen, ist die Körperschaft, die - als einzige gesetzlich' anerkannte Vertreterschaft der Juden Heute in der Oessentlichkeit existiert; die in ihrem heutigen Zustand wenig bedeutet, jedoch für die Juden alles bedeuten könnte. Die Israelitische Kultusgemeinde ist nach dem Gesetz vom Jahre 1690 die tinzige öffentlich rechtliche Organisation der „jüdischen Neligionsgesellschaft". Trotzdem die Kultusgemeinde also als religiöse Gemeinde konstituiert ist, genießt siedoch eine weitgehende Autonomie. Si? hat insbesondere im Armenwesen und der sozialen Fürsorge Aufgaben zu erfüllen, die für die jüdische Gemeinschaft von größter Wichtigkeit find. Sie verwaltet Stiftungen aller Art und hat ein wit dem Vorrecht der Zwangseintreibung ausgestätteteS Besteuernng^recht. Die israelitische Kultusgemeiude Wien hat ein Budget von zirka 8 Millionen Kronen jährlich. Die Judenschaft hat der Kultuögemeinde gegenüber bis in die letzte Zeit eine merkwürdige Indolenz bewahrt. Für den jüdischen Bürger war sie höchstendie Gelegenheit zur Erlangung gewisser Ehrenrechte, im übrigen aber vertraute man blindlings den angesehenen- Herren, die dort die Geschäfte führten, und hatte überhaupt kein besondere- Interesse daran, ob sie auch gut geführt wurden. Erst die junge jüdische Bewegung, der eS nicht gleichgültig war, wie die jüdischen Angelegenheiten Verwalter werden und wie da- Judentum in der Oessentlichkcit repräsentiert wird, verlangte energisch auch eine Erneuerung und Modernisierung der Kultusgememde. Daß die breiten Schichten de- Judentuman den jüdischen Dingen so wenig interessiert waren, war die Schuld der Kultusgemeinde, welche al- Domäne-einer Tlique sich von der Oessentlichkcit absperrte und zur Bewegung des Judentums nichts tat. Im Gegenteil, in den letzten Jahren hat die Kultusgemeinde mit Ueberschrcitung ihrer gesetzlichen Kompetenz sich häufig in politische Angelegenheiten hineingemischt und ist bei den staatlichen Behörden dem erklärten Willen des jüdischen Bollemit allerlei Machenschaften hinterrücks entgegengctreten. ES ist nun ein unhaltbarer Zustand, daß als Organ eine- Volkes irgendwo ein« Behörde existiert, die gerade das Gegenteil dessen tut, was dem Volk frommt und waS' da- Volk Witt. ES geht nicht an, daß die jüdische Repräsentanz an Stelle der Interessen de- Volkedie Interessen einer kleinen entjudeten Oberschichte vertritt. Daher wurde von atten ehrlich denkenden Juden längst der Ruf nach Demokratisierung der Kultus« gemeinde laut. In der Zeit der Revolution verdichtete sich dieser Ruf zu einer allgemeinen Forderung dejüdischen DdlkeS. Wir dürfen nicht daeinzige Volk bleiben, in tvelchem die Reaktion triumphiert. Im Kampf um Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit stehen überall die Juden an erster Stelle. Nur in ihrem eigensten HauS haben sie bisher ein volksfeindliches Gewaltregiment geduldet. Die geltende Wahlordnung der Wiener Kultusgemeinde mit ihrem hohen Steuerzensus, ihren ganz beispiellosen Bestimmungen über die Ausschließung vom Wahlrecht. mit ihrer Shuic der Höchstbesteuerten, welche ein Drittel der Mandate besetzt, dürfte überhaupt in keinem demokratischen Staat geduldet werden; nicht nur für un- Juden ist eein Lebensbedürfnis, sondern auch für den Staat ist e» ein Gebot der Ehre, daß eine solche Wahlordnung für elne öffentliche Körperschaft verschwindet. Aber die heutigen Machthaber der Kultusgemeinde wissen sehr wohl, welche Unzufriedenheit mit ihrer Verwaltung und Geschäftsführung in oller, Kreisen de- 2.’^? -3 besteht. Sic wissen sehr wohl, daß sie ichrr Aeniter nicht mit Wusiu des Vollebehalten j würden. Daher verbarrikadieren sie sich hinter einem unmoralischen und verwerflichen plutokratischen Wahlsystem. Das jüdische Volk kann aber damit nicht einverstanden sein, daß auf diese Weise daS einzige Organ, daS eS besitzt, auseinem Leben auSgeschaltet wird. DaS jüdische Volk bedarf für sein Gemeinschaftsleben die öffentlich-rechtliche Organisation in einer Gemeinde, in deren Kompetenz alle sine Agenden fallen, welche das jüdische Volk allein angehen. DieS sind außer den religiösen Angelegenheiten auch alle Angelegenheiten der jüdischen Kultur und Erziehung, des Fürsorgcwesens und so weiter. Damit aber diese Gemeinde wirklich elne Zelle wahrhaften Volkslebens wird, müssen alle Schichten der jüdischen Bevölkerung in ihr vertreten sein und einen Zusammenhang mit ihr haben. Die jüdischnationale Bewegung, welche gleichzeitig die demokratischen Elemente im Judentum vertritt^ hat daher daS gegenwärtige Regime der Kultusgemeinde stets bekämpft und die Demokratisierung des Wahlrechtes, das Prinzip der Oeffentlichkeit aller Verhandlungen» schließlich die Umwandlung in eine Dolksgemeinde, welche dem wahren Wesen deS jüdischen Or> ganismuS entspricht, gefordert. Zu Beginn der Revolution hat auch, wie damals bekanntgegeben wurde, der gegenwärtige KultuSyorstand nach Demission seines Präsidenten Dr. Stern mit dem Jüdischen Nationalrat einen Vertrag abgeschlossen, worin er sich verpflichtete, in einer zu gleichen Teilen vom Jüli'chm Nalionalrat und vom Kultusvorstand beschickten Kommission eine demokratische Wahlordnung binnen vier Wochen auSarbelten und diese binnen weiteren vier Wochen vom Plenum erledigen zu lassen. Seitdem sind bereitbald vier Monate« verstrichen, und man hat von der neuen Wahlordnung nichts gehört. Der Kultusvorstand, dessen Mandate durch Ersatzwahlen von 2 zu 2 Jahren erneuert werden (längste Mandatdauer 6 Jahre), hat seit dem Jahre 19 l 2 überhaupt keine Wahlen ausgeschrieben. Während de- Kriegebenützte er die „außerordentlichen Umstände", um die Mandate einflch zu verlängern. Im November 1918 sind die letzten Mandate abgelausen, so daß sich gegenwärtig lein einzige- Mitglied de- KulluSvorstanderühmen kann, sein Mandat auch nur auf Grund ei, r nach dem alten reaktionären Wahlrecht durchgeführten Wahl innezuhaben. Der Krieg ist . vorbei, die Wahlen für die Nationalversammlung wurden längst ausgeschrieben und durchgesührt, die Wiener Gemeinde bereitet Neuwahlen vor, der Durchführung von Wahlen.steht nichtmehr im Wege, ja sie sind ein bringende- Erfordernis" der Zeit, da sich manche-- geändert hat, das auch in der Zusammensetzung der öfsentlkchen Körperschaften seinen Ausdruck findet. Nur für den Kultusvorstand bestehen noch immer die „außerordentlichen Verhältnisse". Pn ihm sind alle Ereignisse spurlos vorübergegangen. Dajüdische Volk aber ist nicht gewillt, der Welt da- Schauspiel der einzigen noch bestehenden Reaktion zu bieten. Es hat durch die Wahl des jüdischnativnalen.Kandidaten zur deutsch österreichischen Nationalversammlung den Beweis geliefert, daß e- Vertrauen nur zu den nationalen, demokratischen Parteien hat. Die. von der Kultusgemeinde und der israelitischen Union. empfohlenen Kandidaten sind überall durchgefallen. Das. jüdische Volk hat nun die Aufgabe, noch in seinem eigenen HauS Ordnung zu schaffen. In dem wichtigen und entscheidenden Augenblick, wo sich da- Geschick dejüdischen Volkes auf der ganzen Welt neu und hosfuungSvoll gestaltet, darf nicht , da« neuaufsprießende Leben durch den Modergeruch der Kultusstube erstickt, werden. Die gegenwärtigen Machthaber werden gut tun, dem Willen des Volkes Rechnung zu tragen und nicht ei-ien-Eudkampf nerauf'ich '- m für sie nur mi; . > nden Niederlage enden lau«. Die Friedenskonferenz. Der italienisch-serbische Konflikt. Die Italiener gegen einen Schiedsspruch Wilson». Paris, 19. Frd.ruae. Der „Matin" meldet, daß die italienische Abordnung, die un Rainen der italienischen Regierung handle, nach Befragung Orlandos sich gestern m der Tat gegen 11 tt t n Schiedsspruch W i.l s o n s ausgesprochen habe. Dem „Peril Parisien" zufolge erklärt die italienische Abordnung, daß dte serbische Regierung, indem sie emeu Schiedsspruch Wilsons anstelle, einer Entscheidung der Vollversammlungen setze, sich weigere, jenes Verfahren anzunehmen, dem, sie un vorhinein zugestnnut hatte, und dieS o u v e r ä n »t L t der K o ns e r e n z l e u g n e. Die italienische Abordnung sei von Rechtswegen gegen jede AusnahmsgerlchkSbarkeit, wie hoch diese auch sichen, möge, aber da facto fei sie der Ansicht, man müsse allen Berhandlnngen, die von freund!chaltlirs'cm Entgegenkommen getragen seien, die TUr ossen lassen. DaS sei die Ansicht beider Parteien. Die H mptsache sei, daß. man sich verständige, uub man werde sich verständigen. Verlegung der Friedenskonferenz? Nrrv--2)ork, 18. Februar. „New 9)ork Times* meldet, daß die amerikanische Delegation e n t r ü ft e t s e i über die intensive Propaganda der Franzosen, die zum Ziel habe, den F r i e d e n s s ch l u tz zu verzögern. Die amerikanische Delegation wolle deshalb vorschlagen, die Friedenskonferenz nach einem Ort außerhalb Frankreichs zu verlegen. Die Internationalisierung der Verkehrsmittel. Regulierung von Grenzsragen.' Parks, l9. Februar. Die Agrnce Havas veröffentlicht folgende am siche M'itte-lnngcn: Die Delegierten der alliierten und assoziierten Machte horten in der Dienstag nachmittags von 8. b,s 6 Uhr äbgehasieuen Sitzung den serbischen Vertreter W e s v i t f.dj, den slowenischen Vertreter Zolger und den kroatischen Vertreter T r u m b i < über ihre Forderungen an. DaS Studinin der betressenden G r c n z f r a g e n, «ut Ausnahme der anch Jkasien berührenden, wurde der Kommission übertragen, die sich bereits mit der rumänische» Frage zu befassen hat. , Die Subkomm'.ssion, die sich mit der Frage der Jnternationalisierniig von Häfen, Wasserstraßen und Eisenbahnen zu befassen chat. nahm in ihrer gestrigen Sitzung Kenntnis von dm britischen und ttanzöisichen Boric! lägen über die Inter- Nationalisierung der F l u st l ä u f e. Die Texte der beiden Borschlägt wurden an cme viedaktionskommänou ge-' wiesen, die in der nächsten Sitzung -ihre Vorlage embcingen wird. Die drei Subkommissionen für die Fragen der Verantwortlichkeit für dm'Krieg und die Berantworcsichkert seiner Urh 'der hielten gestcni nachmittag ihre erste Sitzung ab, um sich m der Arbeit m teilen. Für die Prnsnng der Spezstilsragen wurde eine weitere Kommission ernannt, die ihre Arbeiten bereits ausgenommen hat. Die internierten deutschen Schiffe werden . zerstört. Zürich, 19. Februar. (Tel.-Komp.) Die Schweherischen Blatter melden aus L p n don: Der „Daily Mail" zufolge umfassen die Bedingungen, die Deutschland zur See auferlegt werden, außer der Schleifung der B e f e ft i g u n g e n von Helgoland und am ieler Kanal sowie der freien Durchfahrt durch diesen, auch die Auslieferung des! Nestes der deutschen Flotte. Die internierten Schiffe sollen zerft ört werden, weil der Plan, diese Schisse unter die Entente auszuteUen, fallen gelafsen wurde. Deutschlands Friederrsarmee. London» 18. Februar. (Reuter.) „Daily T 11 , grap h" schreibe die nächste Wasscustillstaudsve längerung werde! d e leuf«- ,>n>. mn De» 'ä l ind b'C M't "iv-tTrfjc Starte vorzu- { schrc.bcn, dir die Sicgcr chm ulKilajjüt würden.

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